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Montag, 25. Februar 2019

Mr & Mrs Move

In den Umzugsplanungen stecken wir seit Dezember und haben uns vor ungefähr sechs Wochen für eine Umzugsfirma entschieden. Und trotzdem: So richtig endgültig fühlt sich ein Umzugsvorhaben doch erst an, wenn gepackt wird. Für uns erledigte das größtenteils die Umzugsfirma Mr. Move. Ob wir selbst die Kisten packen würden, stand hier gar nicht zur Debatte, vor allem wegen des Zolls wird davon abgeraten: Packt ein Umzugsunternehmen, vertraut der sehr viel eher darauf, dass alles seine Richtigkeit hat und nichts in den Container gewandert ist, was nicht mitgenommen darf bzw. extra verzollt werden müsste (z.B. Alkohol, angebrochene Lebensmittel, Pflanzen oder Souvenirs, für deren Ausfuhr man eine Genehmigung braucht, wie beispielsweise Straußeneier). Packt jemand privat, ist die Wahrscheinlichkeit einer Kontrolle durch den Zoll sehr viel höher. Und wird der Container erstmal zur Kontrolle geöffnet, erhöht das leider auch die Chancen, dass etwas geklaut wird.
Obwohl wir also nicht selbst packten, waren die Tage vor dem Umzug trotzdem stressig. Man lässt ja trotzdem nicht jeglichen Kleinkram rumliegen, sondern packt schonmal einiges selbst zumindest in kleinere Boxen. Wir haben außerdem versucht, möglichst gut auszumisten, denn unser Gärtner Sam und unsere Haushaltshilfe Patricia freuen sich über alles - alte Klamotten, Schuhe, Taschen, Schlafsäcke, Drogerieartikel-Pröbchen, Lebensmittel. Dinge, von denen man sich in absehbarer Zeit vielleicht eh trennen wird, finden hier nochmal eine neue Verwendung. Wie sagt Patricia: "For you it's old, but for someone it's new."

Letzten Mittwoch war es dann soweit: Mr. Move stand vor der Tür. Noch vor der vereinbarten Zeit, 9 Uhr - das machte schon einmal einen sehr guten Eindruck, nachdem Philip mich nach dem Aufwachen nur halb-scherzhaft gefragt hatte: "Und? Meinst Du, sie kommen heute?"
Es waren vier Packer, bzw. drei und ein Vorarbeiter und sie legten mindestens genauso professionell los wie vor drei Jahren die Leute von Schenker. Was nicht in Kisten passte, wurde passgenau verpackt - hier z.B. unsere Holzgiraffe. Ich hoffe, wenn wir uns wiedersehen, hat sie keine weiteren Schönheitsoperationen nötig ...


Philip fuhr beruhigt zur Arbeit, ich bekam moralische Unterstützung von meiner Freundin Elke. Bald stieß noch eine andere Freundin zu uns, die in zwei Wochen ebenfalls mit Mr. Move umziehen wird und sich schon mal einen ersten Eindruck von den Packkünsten des Unternehmens verschaffen wollte. Wir saßen wie ein kleines Kaffeekränzchen auf der Terrasse, während im Haus gepackt wurde. Zwischendurch kamen noch drei Damen aus dem Büro der Umzugsfirma vorbei, die sich nur mal vorstellen und nach dem Rechten schauen wollte - alles wunderbar.
Mittags waren Elke, die Packer und ich dann wieder alleine. Ich holte zum Mittagessen Pizza für alle. Eine vegetarische war auch dabei, die erst kritisch beäugt wurde, dann aber als erstes alle war, weil keiner der Herren schonmal vegetarische Pizza gegessen hatte und sie zumindest mal probieren wollten. Nach dem Mittagessen fuhr Elke dann, da klar war, dass ich ohne Verstärkung auskommen würde. Ihr Auto war voll mit ehemals unseren Nachttischen, dem Schuhschrank und einem Spiegel - sie und ihr Mann sind einer unserer beiden Großabnehmer.

Philip und ich haben tatsächlich fast alle unsere Möbel verkauft, wollten den Großteil aber bis knapp vor der Ausreise behalten - wochenlang im halbleeren Haus zu wohnen, wäre ja doch ungemütlich gewesen. Und so hatten wir für die Packtage bzw. das Wochenende danach auch noch einige Möbelübergaben vereinbart. Verkaufte Kleinteile sowie alles, was wir mit ins Flugzeug nehmen wollten, hatten wir in unser ansonsten leeres Gästezimmer eingeschlossen. Eine sehr umzugserfahrene Freundin, deren Mann bei der Botschaft arbeitet, hatte mir dringend dazu geraten. Sie wollte vor Jahren mal Möbelpacker in Deutschland am Umzugstag mit Bratkartoffeln erfreuen und musste dann feststellen, dass die Pfanne eingepackt worden war - mit Inhalt. Und leider nicht mehr auffindbar. Das Wiedersehen in Südamerika drei Monate später war dann kein freudiges ...

Gegen 16 Uhr verabschiedeten sich die Packer. Ich machte mir Gedanken, ob das Mittagessen zu gut gewesen war: Für das Packen waren zwei bis drei Tage angesetzt worden, nachdem sie nun so pünktlich Schluss machten, war ich mir sicher, dass sie am dritten Tag auch mindestens noch zum Essen da sein würden. Aber gut, Hauptsache, alles würde ordentlich erledigt werden.

Am zweiten Packtag kamen sie dann zu fünft. Auch Elke schlug gegen 12 Uhr auf, worauf ich zum Mittagessen holen fuhr, diesmal von der heißen Theke des Pick'n'Pay-Supermarktes: Chicken and rice with coleslaw and potatoe salad. Als ich wieder nach Hause kam, stand Niels vor der Tür, der mir damals das Umzugsangebot geschickt hatte und sich selbst als "den letzte Rhodesier" bezeichnete. Auch er wollte mal nach dem Rechten schauen und war angetan: Nach seiner Einschätzung waren 99% gepackt. Aufgrund des Kistenchaos hatte ich das bislang noch nicht erkannt, aber er hatte Recht: Viel war es nicht mehr. Nach einem Gespräch mit seinem Vorarbeiter bestellte er den Truck für 14 Uhr - jetzt war es 12:30 Uhr. Ich fand das sportlich, aber tatsächlich hielten drei der fünf Männer nach dem Mittagessen erstmal ein Mittagsschläfchen auf dem Fußboden. Nur der Kollege, der die Küche einpackte sowie Vorarbeiter Patrick arbeiteten weiter.
Gegen 14 Uhr stand dann tatsächlich der Truck vor unserer Tür, aber erstmal passierte nichts - Patrick war fleißig dabei, unsere Packstücke mit Nummern zu versehen und auf einer Liste einzutragen. Seine Leute hatten so noch Zeit, sich ein zweites Trinkgeld zu verdienen und trugen unseren Nachbarn Regale und Waschmaschine rüber, die diese gekauft hatten. Ein 5x5 Kallax, von zwei Mann getragen ... nicht schlecht. Wir hätten es sonst vermutlich auseinanderbauen müssen.


Und dann ging es los: Mir wurde eine Pappe in die Hand gedrückt, auf der ich die Nummern sämtlicher Packstücke verzeichnen sollte, die an mir vorbeizogen. Elke bastelte mir parallel eine neue Liste mit fortlaufenden Nummern, die ich einfach abhaken konnte. Wir wechselten uns schließlich ab und liefen beide auch nochmal durchs Haus, um sicherzustellen, dass auch wirklich alles eingepackt worden war.  Zwischendurch fielen mal ein paar Tropfen Regen, aber das eigentliche Unwetter zog dankenswerterweise weiter.


Gegen 17 Uhr schlossen sich dann die Trucktüren. Unser Container wird erst in ca. zwei Wochen bei Mr. Move gepackt, sobald die Zollfreigabe vorliegt. Wir hoffen das Beste: Dass die Sachen dort sicher lagern und keines der 189 Packstücke wegkommt.




Als der Truck abfuhr, kamen mir ganz kurz die Tränen, die ich aber schnell wegblinzelte, da nun keine Zeit für Wehmut war: Es war bereits 17 Uhr, um 18 Uhr sollte die offizielle GIZ-Abschiedsparty für Philip und seinen Chef starten. Elke - was hätte ich ohne sie getan? - sprang in ihr Auto und ich unter die Dusche. Danach rief ich allerdings doch Freunde an und bat sie, ob sie mich mitnehmen könnten. Und nachdem geklärt war, dass ich nicht mehr selbst fahren musste, genehmigte ich mir eine Flasche südafrikanischen Ciders - den hatte ich nun doch irgendwie nötig.

Drei Nächte blieben Philip und ich noch im sich immer weiter leerenden Haus, bis schließlich auch das Bett abgeholt wurde - es wird von nun an das Gästebett von Elke und ihrem Mann sein. Dann zogen wir für die letzten beiden Nächte ins Hotel. Vor drei Monaten, nachdem Philip die Zusage für seine neue Stelle bekommen hatte, schrieb er über den Anfang vom Ende - inzwischen ist nun wohl das Ende vom Ende gekommen ...

Freitag, 22. Februar 2019

Die Woche des offenen Grundstücks

Am Montag vor einer Woche war ein Auto offensichtlich nicht gerade langsam in unser elektrisches Tor gefahren. Dieses war nun kaputt, seine Verankerung inkl. Betonpfeiler umgestürzt und auch das Fußgängertörchen daneben verbeult und unbenutzbar. Bei dieser Bilanz war es klar, dass die Behebung des Ganzen etwas dauern würde. Am Dienstagvormittag kamen erst einmal die Handwerker von Power Gate (der Torfirma) und Manase (der Elektrozaunfirma). Sie alle guckten, staunten, fragten "What happened?", wollten Fotos des Unfallautos sehen und fuhren dann wieder. Auch unser Freundeskreis nahm großen Anteil. Interessant war, dass insbesondere Leute, die schon länger hier bzw. generell schon länger im Ausland lebten, erstmal die Befürchtung äußerten, das Auto wäre mit Absicht in unser Tor gefahren, als Einbruchsversuch. Ich war mir allerdings sehr sicher, dass das nicht die Intention der Unfallverursacherin gewesen war.

Am Dienstagmittag kam ein Herr von der Gebäudeversicherung, dem unser Vermieter ziemlich hinterher telefoniert hatte, damit er sich schnellstmöglich blicken ließ - erst, nachdem seine Begutachtung erfolgt war, würden die Reparaturen beginnen können. Der Versicherungsmensch sah mich schon bei der Begrüßung strafend an und fragte ebenfalls: "What happened here?" Nachdem ich nochmal wiederholte, was er ja eh längst wusste ("A car crashed in our gate") fragte er noch strafender: "YOUR car?" Als ich diesen Verdacht aus der Welt räumen konnte und er die Fotos gesehen hatte, wollte er noch einmal mit mir ums Haus laufen, fragte, ob die Bewegungsmelder und Alarmanlage funktionieren würden und ob wir Hunde hätten. Er sah nicht aus wie ein potentieller Einbrecher, stellte aber die Fragen, die ich von einem solchen erwartet hätte. Nachdem er wieder weg war, kam bald darauf ein Elektriker, der die Stromleitungen aus dem alten Pfosten zog. Er begrüßte mich grinsend mit "You remember me?" und tatsächlich hatte er schon mal vor Jahren einen Lichtschalter bei uns repariert. Nachdem ich an diesem Tag bereits die mir nur allzugut bekannten Handwerker der Tor- und der Elektrozaunfirma begrüßt hatte, erschien es mir langsam, als würde kurz vor unserem Auszug nochmal das "Who is who" der Gaboroner Handwerkerszene abspannmäßig hier vorbeiflanieren. Irgendwie nett. Dennoch hätte ich gerne darauf verzichtet.
Als nächstes zerschlugen zwei Mitarbeiter des Gartenbaumarkts unserer Vermieter in mühsamer Kleinarbeit den umgestürzten Betonpfosten und gossen schließlich noch das Fundament für einen neuen.


Abends kam wieder ein von unserem Vermieter gebuchter Wachmann. Tagsüber war ich positiv überrascht gewesen: Von der Müllabfuhr über die Handwerker bis hin zu einem Vertreter für Küchenwaren hatten alle geklingelt und waren vor dem kautten Tor stehen geblieben, obwohl sie problemlos bis zu unserer Hautür hätten marschieren können. Trotzdem war es nach wie vor ein seltsames Gefühl, dass das Gundstück so öffentlich zugänglich war und zumindest während der Dunkelheit war es doch beruhigend, den Wachmann vor dem Haus zu wissen. Es war ein junger Typ mit einem anscheinend unerschöpfbaren Handyakku, auf dem er sich den gesamten Abend lang Videos anguckte. Immerhin kam er nicht wie sein Kollege vom Unfallabend gleich mit einem Kopfkissen an. Er bleib uns einige Tage erhalten und ich begann schließlich aus alter Gewohnheit, ihn wie unseren Gärtner Sam und unsere Maid Patricia mit Käsebroten, Keksen und Obst zu versorgen.

Mittwoch kamen wieder zwei Mitarbeiter des Gartenbaumarktes und mauerten einen neuen Pfosten, was tatsächlich beinahe den ganzen Tag dauerte. Als unser (deutscher) Nachbar nachmittags zum Wäsche waschen vorbeikam, konstatierte er, dass der neue Pfosten bei einer erneuten Kollision vermutlich sofort wieder umkippen würde und sein Maurer-Onkel in der Zeit ein komplettes Haus gemauert hätte. Da wir allerdings hoffentlich nicht das Pech haben würden, noch einen weiteren Torunfall hier erleben zu dürfen und auch kein gemauertes Haus brauchten, fand ich das nicht so tragisch.

Am Donnerstag passierte dann - nichts. Das war schade. Denn so langsam wollte ich eigentlich mal wieder das Haus verlassen, was aus mehreren Gründen nicht ging: Ich wollte das offene Grundstück ungern alleine lassen und hätte auch das angelehnte Eisentor irgendwie wegbewegen müssen, um mein Auto rauszufahren. Seit dem Unfall am Montagnachmittag war ich nur Mittwochmittag mal mit einer Freundin Mittagessen gewesen, währen Patricia und die Pfostenbauer hier gewesen waren. Ich hatte zwar viel lieben Besuch bekommen, aber trotzdem - so langsam reichte es mir mit dem unfreiwillifen Hausarrest.

Das verstand unser Vermieter und machte Tor- und Elektrozaunfirma nochmal Druck. Und siehe da: Freitagmorgen tat sich was: Erst bekamen wir ein "temporary gate" für den Übergang, das neue Tor wird nämlich maßgefertigt, und das dauert. Und dann wurde auch noch der Elektrozaun gerichtet und sogar auf dem temporären Tor angeschweißt. Das war so nicht geplant gewesen und kam mir auch fragwürdig vor, da dieses Tor ja nur geliehen war und von der Schweißaktion sicher Spuren zurückbleiben würden, aber ich beschloss, die Mitarbeiter der Elektrozaunfirma nicht aufzuhalten - ein lückenloser Zaun gehört hier zu den Sicherheitsstandards. Und die waren bei uns dann Freitagmittag wieder hergestellt!


Weil unser Vermieter im Vorfeld nicht wirklich daran geglaubt hatte, hatte er den Wachmann nochmal bis Montag verlängert, was den Nachteil hatte, dass jeden Morgen um 5:45h einer von uns aufstehen musste, um ihn rauszulassen. Dafür waren wir an diesem Wochenende durch Tor UND Elektrozaun UND Wachmann besser gesichert als je zuvor. Als der Wachmann am Dienstag gegen 18h nochmal auftauchte, war ich verblüfft, aber gegen 20h wurde er dann wieder abgeholt - noch bevor er sein Käsebrot bekommen hatte. Und so war dann wieder alles halbwegs normal - bis Mittwoch. Da kam dann nämlich schon die Umzugsfirma ...

Montag, 18. Februar 2019

Umgefahren

Philip und ich haben uns in den letzten Jahren einigermaßen mit den hier empfohlenen Sicherheitsvorkehrungen engagiert. Vor unseren Fenstern sind Gitter, um unser Haus ist eine Mauer, auf der Mauer ein Elektrozaun. Wenn wir gehen, aktivieren wir die Alarmanlage. Löst diese aus, ruft uns die Sicherheitsfirma, bei der wir unter Vertrag sind, an und/oder kommt vorbei.
Das alles ist uns inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Wann immer wir in Deutschland sind, genießen wir jedoch, dass eine solche Sicherheitsausstattung dort nicht nötig ist. Aber ist sie hier nötig?
Philip und ich hatten - im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen - noch nie einen Einbruch oder Einbruchsversuch in unser Haus. Allerdings ist die Schere zwischen Arm und Rech in Botswana besonders hoch und gerade Weiße gelten als reich. Häuser nach westlichem Standard haben daher in der Regel alle genannten Vorrichtungen, an die wir uns, wie beschrieben, inzwischen auch gewöhnt haben. Wenn dann ein Teil dieser Sicherheitsvorkehrungen von einem Moment auf den anderen dahin ist, ist das daher schon ein seltsames Gefühl.

Es war letzte Woche Montagnachmittag. Ich saß im Wohnzimmer und hörte plötzlich einen enormen Schlag - und dann gleich noch einen zweiten. Einen Sekundenbruchteil dachte ich an den Steinbruch im Kgale Hill, aus dem man manchmal Sprengungen hört, die auch die Fenster erzittern lassen. Aber das hier war anders und nach dem Sekundenbruchteil, in dem ich das dachte, ging auch schon der Alarm unseres Elektrozauns los.

Ich rannte zur Haustür und schaute heraus. Mein erster Gedanke war "Unser Tor steht offen!", aber dann sah ich, dass das nicht ganz stimmte ... hier die Ansicht von der Straße aus.


Es stand also nicht offen, sondern lag vielmehr auf dem Boden. Neben einem Betonpfeiler, der ebenso umgestürtzt war.


Ein Auto hatte unser Tor gerammt, offensichtlich mit Tempo. Neben einer jungen Frau standen bereits drei Männer. Es stellte sich heraus, dass sie die Fahrerin war, allein im Auto gesessen hatte und es ihr den Umständen entsprechend gut ging. Wobei sie erstmal nicht sprach, also zumindest nicht mit mir. Ich schaltete dann erst einmal unseren Elektrozaun aus, um den Alarm abzustellen. Als nächstes rief ich unseren Vermieter Kent an. Ich war selbst etwas geschockt und er bat mich, Fotos zu schicken. Nachdem er sie bekommen hatte, wurde er dann glücklicherweise sehr schnell sehr aktiv.

Die drei Männer, offensichtlich Passanten, empfahlen mir, die Polizei zu rufen, und verabschiedeten sich dann nach und nach. Ich holte Campingstühle für die Unfallverursacherin und mich und dann saßen wir zu zweit vor dem umgestürtzten Tor. Inzwischen hatte sie ihre Sprache wieder gefunden und es stellte sich heraus, dass sie in unserer Straße wohnt und sogar mit einem Deutschen verheiratet ist, der aber zur Zeit in Hannover weilt (und im Übrigen mindestens doppelt so alt ist wie sie, aber das nur am Rande). Ihre größte Sorge war die Polizei und dass sie eine Geldstrafe bekommen würde (wobei ich annehme, dass die Kosten für das Tor diese um ein Vielfaches überschreitet), ihre zweitgrößte ihr Ehemann, der aber immerhin auf die ihm gesendeten Fotos nur mit einem "Thank god you are fine" reagierte. Mein Ehemann rief dagegen postwendend an, nachdem ich ihm ein paar Fotos schickte, was aber auch daran lag, dass sie auf seinem Handy nur teilweise runtergeladen wurden und der Golf der Unfallverursacherin auch noch die gleiche Farbe hatte wie meiner ...


Irgendwann kam Mattias, der Bruder unseres Vermieters, bestaunte den Schaden und befragte meine Sitznachbarin - durchaus nicht unfreundlich, aber er mutmaßte schon, dass sie doch vermutlich am Steuer mit ihrem Handy gespielt und deswegen die Kontrolle verloren hätte. Sie sagte "Don't say that" - das lässt sich jetzt interpretieren, wie man will. Mattias fuhr dann mal sein Handy aufladen, ich rief erneut bei der Polizei an. Es begann, leicht zu regnen. Ab und zu fuhr ein Polizeiauto auf der Querstraße vorbei, wir winkten auch, aber offensichtlich wollte niemand zu uns. Irgendwann rief die Polizei tatsächlich mich an, um sich zu erkundigen, ob schon jemand da gewesen wäre. Inzwischen waren mehr als zwei Stunden vergangen.

Immer wieder hielten Autos vor unserem Haus an, mit Insassen, die mit offenem Mund fragten "What happened?", was zunehmend langweilte, zumal die Unfallverursacherin verständlicherweise keinen Lust hatte, jedem Passanten den Unfallhergang zu schildern. Nach und nach bekamen wir außerdem Verstärkung: Die Cousine der Frau leistete uns Gesellschaft (wollte aber natürlich auch als erstes wissen, wie das denn hatte passieren können), dann kam Mattias wieder, schließlich Philip und unsere Nachbarin und dann auch unser Vermieter Kent, der inzwischen schon mit seiner Versicherung, der Firma, die für das elektrische Tor zuständig ist, der Elektrozaunfirma und einem weiteren Elektriker gesprochen hatte. Ich hatte zwischenzeitlich nochmal mit der Polizei telefoniert, die schließlich auch auftauchte - nach drei Stunden. Endlich kam Bewegung in die Sache: Die Polizei befragte die Unfallverursacherin und unseren Vermieter als Geschädigten; unser Vermieter, dessen Bruder und sein Sohn richteten unser Tor auf und lehnten es gegen die Mauer, so dass es zumindest teilweise als Sichtschutz diente. Kent hatte außerdem bei unserer Sicherheitsfirma einen Wachmann für die Nacht bestellt, der um 18 Uhr da sein sollte. Inzwischen war es allerdings fast 19 Uhr und dunkel. Kent schickte mich schließlich ins Haus und sagte, ich hätte jetzt genug draußen gewartet, er würde übernehmen und hier sitzenbleiben, bis der Wachmann käme. Was war ich ihm dankbar in diesem Moment.

Philip war seit seiner Ankunft noch mit einem Notfall anderer Natur beschäftigt gewesen, der jetzt aber halbwegs gelöst schien. Er leistete Kent schließlich Gesellschaft, beide saßen in unserem Carport auf den Campingstühlen. Es muss ausgesehen haben wie ein Schichtwechsel, nachdem die Unfallverursacherin und ich schon stundenlang vor dem Haus gesessen hatten. Philip und Kent unterhielten sich wesentlich angeregter als wir beide, was aber daran gelegen haben mag, dass keiner von ihnen gerade einen noch relativ neugekauften (und vermutlich unversicherten) Golf gegen ein Tor gesteuert hatte. Sie saßen da schließlich auch nochmal zwei Stunden, bis der Wachmann eintraf, der sich im übrigen ein Kissen mitgebracht hatte (quasi seine einzige Ausstattung). Philip gab ihm für die Nacht noch seinen "panic button", der die Sicherheitsfirma in einem Notfall ruft, den er aber zum Glück nicht drücken musste. Wir fielen dann beide ziemlich fertig ins Bett. Es war ein ungewohntes Gefühl, so ein offenes Grundstück zu haben, das nun ein Wachmann bewachen sollte, zumindest bis 6 Uhr morgens. Und dann würden hoffentlich möglichst schnell die Handwerker kommen ...

Sonntag, 16. Dezember 2018

Ungeplanter Garage Sale

Ganz, ganz langsam beginnen unsere Umzugsvorbereitungen. Dass wir mit dem Verkauf von ersten Möbeln bereits begonnen haben, hatte ich ja schon geschildert. Diese Woche habe ich nun bislang vier Umzugsunternehmen kontaktiert, damit sie unseren Hausstand in Augenschein nehmen. Die ersten drei haben jeweils am darauffolgenden Tag gleich jemanden vorbeigeschickt. Am Dienstag empfing ich zunächst Pelo von Umzugsfirma Nummer 1, der sogleich mit seinem Tablet los fotografierte.

Philip und ich planen, die Mehrzahl unserer Möbel zu verkaufen. Einige Verkäufe sind schon fix vereinbart, eine Liste mit allem Übrigen wollen wir ab Mitte Januar über den GIZ-Verteiler jagen. Insofern musste ich in jedem Raum erklären, was bereits verkauft ist, was wir bestimmt verkaufen werden, was wir vermutlich und was auf jeden Fall nach Deutschland mitnehmen. An dieser Stelle möchte ich kurz betonen, dass das ungefähr so klang: "Dieses Regal hier ist verkauft, das Fahrrad will ich noch verkaufen und die leeren Blumenkübel nehmen wir mit nach Deutschland." Ich sagte also NICHT: "Dieses Regal hier ist verkauft, aber dieses formschöne Retro-Rad mit bequemem Sattel, neuwertiger Klingel und einem entzückenden Fahrradkörbchen, das jedem Radfahrer schmeicheln würde und pfeilschnell über die Straßen gleitet, ist für schlappe 400 Pula - nur heute! im Sonderangebot ..." Also, das sagte ich nicht. Trotzdem verlud Pelo mein Fahrrad nach einem sehr kurzen Verkaufsgespräch in seinen Kofferraum. Für seine Frau. Davor war er Probe gefahren und es hatte hinten einen Platten, den wir auf die Schnelle auch nicht erfolgreich aufgepumpt bekamen, aber das störte ihn nicht. Ich dagegen fand, dass ich ein gutes Geschäft gemacht hatte - vor sechs oder sieben Jahren habe ich für das Rad auf dem Flohmarkt 40,- € gezahlt und es jetzt für 32,- € weiterverkauft. Pelo hätte auch noch großes Interesse an Philips Rad gehabt, aber so spontan wusste ich nicht, was Philip dafür haben wollte. Ich habe ihm dann später wie vereinbart den Preis gewhatsappt - ca. das Zehnfache von meinem Rad, aber Philip hat eben auch kein altes Damenrad vom Flohmarkt ... seitdem habe ich nichts mehr von Pelo gehört. Ob er mir wohl noch ein Umzugsangebot schickt?

In meinem früheren Job habe ich gelernt, dass es bei Auftritten wichtig ist, dass der Künstler in seiner Rolle bleiben kann. Wenn er als Moderator gebucht ist, sollte er nicht zwischendurch noch eine halbe Stunde Standup-Comedy machen müssen. Sowas funktioniert in der Regel nicht wirklich gut und verwirrt das Publikum. In diesem Fall war ich tatsächlich verwirrt als potentielle Umzugskundin, die plötzlich zur Verkäuferin wurde. Es ist natürlich ganz nett, das alte Fahrrad schon losgeworden zu sein, aber irgendwie waren Pelo und ich so ziemlich vom Umzugsthema abgekommen. Zumindest war ich am nächsten Nachmittag schon etwas routinierter: Lebo von Umzugsfirma Nummer 3 fand zunächst Gefallen an einem alten Klappstuhl in unserem Gästezimmer und dann noch an unserem Campingtisch. Dessen Plastikoberfläche hatte auf unseren letzten Touren etwas gelitten und war nicht mehr sauber zu bekommen. Sie fragte, ob ich es mit dem hiesigen Putzmittel "Handy Andy" probiert hätte (ich hatte allerdings bislang nur mit Spüli geschrubbt). Und so wischten wir schließlich beide mit "Handy Andy" an dem Tisch herum (der tatsächlich sauberer wurde!) während sie mir erzählte, dass dieser eine gute Größe für ihr geplantes mobiles Nagelstudio hätte. Tja. Vielleicht kauft Lebo uns am Freitag auch noch meinen alten Ikea-Schrank mit Nachttisch ab, ich habe ihr auf jeden Fall Fotos gewhatsAppt, damit sie sie ihrem Mann zeigen kann. Später schrieb sie mir noch, was eigentlich die Zieladresse für unseren Umzug sei - stimmt, das hatten wir gar nicht mehr besprochen. Mir fiel dafür später auf, dass Philip und ich den Campingtisch für die nächste Woche (wir machen Campingurlaub in Südafrika) noch ziemlich gut hätten brauchen können. Aber jetzt leiht uns Philips Chef seinen. Und falls er schmutzig wird, schrubbe ich ihn danach mit "Handy Andy" sauber ...

Vermutlich werden wir mit Umzugsfirma Nummer zwei umziehen. Herr Henriksen, der skandinavische Wurzeln hat und sich mir als der letzte Rhodesier vorstellte, brachte mir einen Folder mit Informationen mit und erklärte mir erstmal eine Viertelstunde, wie sein Unternehmen arbeitet, bevor wir einen Hausdurchgang machten. Kaufinteresse hatte er keinerlei, dafür war er der einzige, der unserem Beiladungswunsch nicht völlig hilflos gegenüberstand und dem "Austria" immerhin etwas sagte (wir wollen für einen von Philips Kollegen eine Kiste mitumziehen, die dann nach Salzburg weitergeschickt werden soll). Vermutlich wird seine Firma die teuerste sein, aber er hat einen meilenweit besseren Eindruck bei mir hinterlassen. In der Hoffnung, vielleicht noch ein ähnlich professionelles Unternehmen zum Vergleich zu finden, habe ich gestern dann noch eine vierte Umzugsfirma kontaktiert. Falls sie doch nicht in Frage kommen sollten, kaufen sie mir vielleicht zumindest noch etwas ab!

Donnerstag, 13. Dezember 2018

Von drauß' von Gaborone komm ich her ...

... und ja, auch hier weihnachtet es sehr! Obwohl sich die Adventszeit bei 38 Grad natürlich auch schön ausblenden lässt. Unser namibischer Adventskranz schmückt zwar unseren Esstisch, die Kerzen waren aber noch nicht an - es ist uns einfach zu warm.
Nichtsdestotrotz ist auch der Gaboroner Dezember voller Weihnachtsfeiern. Unsere erste in diesem Jahr besuchten wir im Garten der Residenz des neuen EU-Botschafters hier. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger schmiss er eine richtig große Party, die abends stattfand, auf seinem Grundstück und zu der die Gäste sogar ihre Partner mitbringen konnten. Das ließ sich fast niemand entgehen - die Party sollte um 18:30 Uhr losgehen und tatsächlich waren um diese Zeit schon einige Leute da (uns eingeschlossen). Aber wenn eine Party laut Einladung nur zwei Stunden gehen soll, ist man eben auch pünktlich.


Empfangen wurden wir mit einem Tässchen Glühwein, auf den wir schnell ein kühles Bier folgen ließen. Nach den Begrüßungsreden gab es eine Überraschung: Es wurden Weihnachtslieder gesungen! Die Mitarbeiter der EU-Botschaft hatten es sich nicht nehmen lassen, extra einige Weihnachtslieder landestypisch umzudichten, u.a. "The twelve days of Christmas". Ein Beamer warf sogar den Liedtext an die Hauswand, damit alle mitsingen konnten.

Nach den Gesangs- gab es auch noch Tanzdarbietungen (einige der EU-Mitarbeiter kommen aus Skandinavien und ließen es sich nicht nehmen, zu ABBA zu performen). Nach den Vorführungen ließ die EU mit Hilfe des Beamers für den Rest des abends den Schnee rieseln.


Auch das Büffet konnte sich sehen lassen: Neben botswanischem Essen (Pap (Maisbrei), Seswaa (zerkochtes Rindfleisch), Sorghum (Getreidebrei) etc.) gab es italienischen Schinken und italienische Salami, außerdem Käse (vermutlich auch aus Italien). Das war sehr lecker. Am nächsten Tag ging es mir leider dennoch nicht so gut, was weder an dem Mini-Tässchen Glühwein noch am alkoholfreien Bier gelegen haben kann. Glücklicherweise war ich freitags wieder fit, zur nächsten Weihnachtsfeier, diesmal von der GIZ.

Die GIZ feierte im No. 1 Ladies Restaurant, wo ich neulich erst mit der deutschen Kulturdelegation war und auch sonst gerne mal Freundinnen zum Mittagessen treffe - dementsprechend herzlich war die Begrüßung. Und auch sonst war es ein schöner Abend: Wir hatten nämlich Glück bei der Hotellotterie! Jeder Gast bekam bei Ankunft ein Los und vor dem Abendessen wurden dann Hotelübernachtungen verlost, die die GIZ-Partnerhotels in Gaborone gestiftet hatten (für jeweils eine Übernachtung zu zweit). Relativ am Anfang schon gehörte mein Los zu den Gewinnern, was mir ein bisschen unangenehm war, da ich ja keine Mitarbeiterin bin. Auf der anderen Seite mussten Ehepartner bei der GIZ-Weihnachtsfeier Eintritt zahlen (ich habe also nicht auf Kosten Eurer Steuergelder gefeiert), insofern fühlte ich mich dennoch irgendwie als rechtmäßige Gewinnerin. Und dann  gewann Philips Los auch noch! Wir waren bereits das dritte Paar, das zwei Nächte gewonnen hatte; in diesen Fällen war die zweite Nacht an einen anderen Gast weiterzugeben. Philip dürfte wählen, stellte fest, dass er ganz plötzlich viele neue Freunde hatte und gab seinen Gewinn schließlich an seinen Projektfahrer weiter, der komplett überrascht und glücklich war. Danach wurde noch gegessen und getanzt.

Und am Morgen darauf trafen wir dann noch den Weihnachtsmann persönlich! Wo man sich eben so trifft in Gaborone: in einer Shopping Mall. Er stand vor dem Drogeriemarkt und war sofort bereit, ein Foto mit mir zu machen. Davor öffnete er eine große Blechdose und ich nahm schon an, dass er eine Spende wollte - aber es waren tatsächlich Kekse drin und er bot mir einen an! Na dann: noch eine schöne Adventszeit!

Mittwoch, 28. November 2018

Alles für die Kultur

Ich wollte diesen Blogbeitrag über das Programm der deutschen Kulturdelegation bereits am vergangenen Dienstag beginnen. Der aufmerksame Blogleser wird sich vielleicht erinnern, dass der deutsche Bundespräsident - mit genannter Delegation - erst einen Tag später in Gaborone gelandet ist, doch Material hatte ich bereits genug, bevor das Regierungsflugzeug auch nur im Anflug war. Selbst einen Titel hatte ich schon: "Einmal mit Profis arbeiten". Aber Philip meinte - zu Recht -, dass ich nicht schon vor dem eigentlichen Event darüber schreiben sollte, und dieses stellte die Vorbereitungen dann zum Glück auch schnell in den Schatten. Daher hier so kurz, wie es mir möglich ist, die Vorgeschichte:

Die deutsche Botschaft hatte mich gebeten, die den Bundespräsidenten begleitende dreiköpfige Kulturdelegation während ihres Gaborone-Besuchs zu betreuen und außerdem ein kurzes Nachmittagsprogramm für sie zusammenzustellen. Die Kulturdelegation bestand aus der deutsch-südafrikanischen Schauspielerin Thandi Sebe, dem Regisseur und Produzenten Sönke Wortmann und Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Mein Ansprechpartner von der Botschaft bat mich, den Besuchern das Thapong Center for Visual Arts zu zeigen. Danach sollte noch ein Gespräch mit botswanischen Kulturschaffenden im anliegenden Café stattfinden. Ich besprach die Details mit dem tiefenentspannten Center-Koordinator und fragte den Theaterleiter Gaborones, eine Schauspielerin und zwei Filmproduzenten an. Nach einigem Hin und Her lagen mir dann irgendwann alle vier Zusagen vor. Am Montag, zwei Tage vor dem eigentlichen Event, reservierte ich im Café einen Tisch für die Diskussion und hatte danach noch einmal einen Termin beim Center-Koordinator, dem ich meinen finalen Ablaufplan vorlegen wollte (an meine ehemaligen Kollegen: Ich hatte quasi die fertige Checkliste dabei!). Meine Vorbereitungen waren abgeschlossen - dachte ich. Beim Center-Koordinator hatten sich allerdings just an diesem Morgen drei Damen vom Ministerium für Jugend, Sport und Kultur gemeldet, die dann plötzlich auch alle zu unserem Termin auftauchten. Sie waren im Vorfeld mehrmals von der deutschen Botschaft kontaktiert worden, in der Hoffnung, dass auch vom botswanischen Ministerium noch ein Gesprächspartner zur Diskussion kommen könnte. Da die Botschaft aber nie eine Antwort erhalten hatte, hatten mein Ansprechpartner und ich daraus geschlossen, das kein Interesse bestünde. Das Ministerium hatte jedoch still und heimlich weitere Gäste zu MEINER Diskussion eingeladen, die inzwischen auch alle zugesagt hatten - zehn Leute, allein sieben davon weitere Filmregisseure! (Wer hätte gedacht, dass es in Botswana so viele Filmregisseure gibt?) Drei Deutsche und vierzehn Botswaner - würde (in der einen dafür vorgesehen Stunde) überhaupt ein richtiges Gespräch zustande kommen können? Die Ministeriumsdamen waren zwar betrübt über den "communication breakdown" (ein schöner Euphemismus dafür, dass sie nie auf Mails reagiert hatten), hatten aber sonst keine größeren Bedenken, sie interessierten sich vielmehr für meine Person und Funktion, die ich - schon aus Ermangelung einer Arbeitserlaubnis - möglichst runterspielte. Die größten Bedenken meines Center-Koordinators waren, ob die deutsche Botschaft wohl auch für 20 Leute Kaffee und Kuchen sponsorn würde. Er und ich diskutierten während der folgenden 48 Stunden noch mehrmals telefonisch und per WhatsApp, ob das Gespräch mit so vielen Leuten überhaupt noch im Café stattfinden könnte. Ich war nicht glücklich. Mein Ansprechpartner bei der Botschaft übrigens auch nicht, aber trotz seiner Versuche von offizieller Seite ließen sich die Ministeriumsgäste nicht mehr ausladen.

Tja, und dann war der Mittwoch da. Wie Philip bereits beschrieben hat, fuhren wir in einer Minibus- und Limousinen-Kolonne zum Flughafen. Die Kulturdelegation hatte einen eigenen Bus mit Fahrer, in den ich sie nach Landung und Nationalhymnen schnellstmöglich lotste. Meine drei Gäste wirkten bereits auf den ersten Blick sehr nett und umgänglich und waren es auch, obwohl ich sie gleich nach ihrer Ankunft schon enttäuschen musste: So ziemlich ihre erste Frage galt dem WLAN, das es in unserem Delegationsbus aber nicht gab. Beim Staatsbankett war immerhin welches empfangbar, einer meiner Gäste hatte jedoch kein Tischkärtchen (wodurch wir seinen Platz erst einmal nicht fanden) und vergaß später seine Brille, die ich aber noch schnell holen konnte. Noch vor dem Nachtisch verließen die Präsidenten und damit auch wir das Staatsbankett, kamen jedoch trotzdem eine halbe Stunde zu spät zum Thapong Visual Arts Centre - der Zeitplan war einfach viel zu eng (und vor den Präsidenten hatte natürlich auch niemand den Saal zu verlassen). Und so waren wir zu spät, während alle Diskussionsteilnehmer tatsächlich pünktlich vor Ort waren - in den Tagen vor der Veranstaltung hatte ich stets befürchtet, dass es umgekehrt sein würde. Wir wurden herzlich begrüßt, durch die Ausstellung geführt und ich staunte, dass das Center viel geschäftsmäßiger und lebendiger wirkte als sonst - der mir sonst unbeeindruckte und tiefenentspannte erscheinende Korrdinator hatte kurz vor dem Event offensichtlich mehr Ehrgeiz entwickelt, als ich es während unserer Gespräche für möglich gehalten hätte.



Auch das Café war bestens vorbereitet und exklusiv für uns geöffnet. Ich stellte fest, dass wir jetzt sogar 25 statt 20 Leute waren, ergab mich meinem Schicksal, zahlte im Vorfeld und gab auch noch stattliche 200 Pula Trinkgeld (ca. 16,- €) - eine lohnende Investition: Die Cafémitarbeiter waren wahnsinnig aufmerksam und sehr bemüht, alles zu meiner Zufriedenheit zu regeln. Wie auch mein Center-Koordinator, der mir vorschlug, dass er einen Moderator aussuchen könnte, der seine Sache - vom traditionellen Anfangsgebet bis hin zum Schlusswort - ganz großartig machte. Die drei Damen vom Ministerium waren nicht anwesend. Sie hatten zwar Kollegen geschickt, diese hielten sich jedoch angenehmerweise im Hintergrund, nachdem sie mich begrüßt hatten.
Wie schon beim Staatsbankett hatten sich Teile meiner Delegation auch hier erstmal das WLAN-Passwort von mir besorgen lassen, aber ihre Handynutzung mussten sie nun doch reduzieren, denn jetzt waren alle 22 Augenpaare auf die drei gerichtet. Nachdem Thandi Sebe als quasi-einheimische Schwester sehr lieb begrüßt wurde (obwohl sie noch nie in ihrem Leben in Botswana gewesen war), gingen die Fragen zu deutscher Filmförderung, Finanzierung etc. los. Es war weniger Dialog als mehr ein Hilfeersuchen an die deutschen Gäste, aber die kamen so immerhin mal richtig mit Land und Leuten in Kontakt und ließen sich zu meiner Begeisterung und Erleichterung auch komplett auf die Diskussion ein.


Da sie kaum zu Atem kamen, versorgte ich die drei nach pantomimischer Rücksprache mit Kaffee und Kuchen, schaute schließlich, ob unser Bus bereit stand, gab dem Center-Koordinator ein Zeichen, sprach ein paar Dankesworte, empfahl, auf Kosten der Botschaft das Kuchenbüffet weiter zu genießen, wurde von den botswanischen Diskussionsteilnehmern gebeten, für den nächsten Kulturdelegationsbesuch doch besser zwei Tage als nur eineinhalb Stunden einzuplanen ... und dann verschwanden wir schon wieder. Diesmal ging es zum Hotel, wo meine Delegationsmitglieder eincheckten und ich einmal tief durchatmete und realisierte: Es hatte alles geklappt!

Meine Kulturdelegation und ich blieben auch während des restlichen Staatsbesuchs noch zusammen, es gab jedoch kein weiteres Extraprogramm. An diesem Nachmittag brausten wir noch mit der gesamten Kolonne, Polizei und Blaulicht durch die Gaboroner Rush Hour (wobei unser Minibus der letzte war, der - mit ca. 90 Sachen innerstädtisch - noch mit der restlichen Kolonne mithielt; Wi1 und Wi2 - die Busse der Wirtschaftsdelegation, in einem davon saß Philip - hängten wir gnadenlos ab). Die am Delegationsabend in Mokolodi spielende Marimba-Band begeisterte einen meiner Gäste so sehr, dass ich den Bandleader ansprach und für den nächsten Morgen noch zwei CDs ins Hotel organisieren konnte. Ich bekam zwei Kino-Freikarten, die ich hoffentlich bei unserem Weihnachtsurlaub in Deutschland noch einlösen kann und auch sonst lief alles prima. Einen kleinen Nervenkitzel gab es noch, als der Shuttle für Thandi Sebe nicht wie erwartet bereitstand - sie flog nicht mit der Regierungsmaschine nach Berlin, sondern zwei Stunden später zurück nach Südafrika - aber auch das ließ sich noch so schnell lösen, dass ich in letzter Sekunde zu meiner verbleibenden Delegation in den Bus hüpfen konnte, bevor es zum Flughafen ging. 24 Stunden, die extrem schnell vorbeigingen - am Abend danach war ich um 20 Uhr im Bett. Aber im Nachhinein kann ich sagen: Dieses Erlebnis war jeglichen Stress im Vorfeld wert. Wie cool, dass ich dabei sein dürfte!

Montag, 26. November 2018

Wir machen Staatsbesuch

Man könnte meinen, dass sich bei uns nun alles um den bevorstehenden Abschied dreht, doch dem ist nicht so, im Gegenteil: In der vergangenen Woche hatten wir wohl eines der Highlights unserer gesamten Zeit hier. Der deutsche Bundespräsident kam zum Staatsbesuch nach Botswana, und wir waren mittendrin statt nur dabei. Dieser Staatsbesuch war doch etwas größer als der Arbeitsbesuch des BMZ-Ministers Müller Ende August. Herr Steinmeier kam mit einer Delegation von ca. 60 Leuten, Walli organisierte die Kulturdelegation ganz allein, ich hatte die Wirtschaftsdelegation an der Backe (letzteres immerhin zusammen mit einem Kollegen aus der Botschaft). Der Hochzeitsanzug wurde aus dem Schrank geholt!
Mit den Mitarbeitern der deutschen Botschaft trafen wir uns letzten Mittwochmorgen um 8 Uhr am Hotel, in dem die Delegation später eincheckte, trafen letzte Absprachen, teilten die Busse ein, etc. Der Fahrer "meines" Busses erschien nicht nur zu spät, sondern auch in Unterhemd und Flipflops; ihn schickten wir erst einmal zum Umziehen. Dann ging es frühzeitig zum Flughafen - nein, nicht zu dem Teil für Normalsterbliche, den wir mittlerweile gut kennen, sondern zum VIP-Terminal daneben. In diesem warteten wir zwei Stunden, bis die Delegation aus Südafrika eingeflogen kam. Eigentlich besteht Gaborones VIP-Terminal nur aus einer Lounge mit schweren Sesseln bzw. Couchgarnituren. Während wir dort saßen, lief nach und nach die Prominenz auf: Einige Militärs in Ausgehuniform, später die botswanischen Minister, dann auch Teile des "diplomatischen Korps", sprich die Botschafter anderer Länder oder ihrer Stellvertreter. Schließlich entstiegen auch der botswanische Präsident Masisi und seine Frau einer Limousine. Wir fühlten uns jetzt schon wichtig.


Der Flieger der deutschen Flugbereitschaft, ein A340 (solche große Flugzeuge sieht man an unserem Flughafen sonst eigentlich nicht), landete gegen 11:45 Uhr, der rote Teppich wurde ausgerollt (bzw. die letzten Meter zur Treppe gerollt), wir hasteten zur hinteren Treppe, nahmen die Mitglieder "unserer" Delegationen in Empfang und führten sie zum Rand des Rollfelds.



In der Zwischenzeit starteten die militärischen Ehren: 21 Kanonenschüsse, das Abschreiten der Formation, eine Militärkapelle spielte die botswanische und die deutsche Nationalhymne. Wir schauten noch kurz zu, hasteten jedoch aufgrund des engen Zeitplans noch vor dem Auftritt der traditionellen Tanzgruppe zu den Bussen und stiegen ein (gemäß eines genauen Plans, wer in welchen Bus mit wem!), damit alle Wagen abfahrtsbereit sein würde, sobald die Präsidenten mit der Zeremonie fertig sein wären. Mit Blaulicht in langer Kolonne ging es durch die Stadt, überall stand der Verkehr still, bis wir durch waren. So schnell sind wir selten von einem Ort zum anderen gekommen!
Erster Programmpunkt war ein Staatsbankett, man macht so etwas ja nicht jeden Tag mit, insofern eine spannende Angelegenheit für uns: 330 Plätze an runden Tischen im größten Saal des Kongresszentrums Gaborones, in der Mitte die Präsidenten mit Ehefrauen. Nationalhymnen, Rede des botswanischen Vizepräsidenten (Präsident Masisi ließ sich wegen erkältungsbedingter Heiserkeit als Redner entschuldigen), Rede des deutschen Präsidenten (in exzellentem Englisch!), dann wurde das Essen serviert.


Unser Tisch war leider halb leer, was die Konversation etwas erschwerte. Im Hintergrund spielte eine botswanische Blaskappelle Stücke wie "An der blauen Donau" oder den "Radetzky-Marsch" (letzteren assoziiert Walli mit einer Bonduelle-Werbung von 1985, das war wohl musikalische Früherziehung!). Waren wir noch in Botswana? Nein, wir waren auf Staatsbesuch!
Nachmittags begleiteten wir unsere Delegationen zu ihren Terminen, abends trafen wir uns in im Mokolodi Game Reserve wieder. Dort wurden wir zum Konferenzzentrum World's View geshuttelt, wo uns eine Marimba-Band begrüßte. Es war der interne Delegationsabend, dem wir (jetzt als Delegationsmitglieder) beiwohnen durften. Die Stimmung war gut, Herr Steinmeier sprach mit meiner Wirtschaftsdelegation über eine Stunde lang, so dass die Delegationsmitglieder anschließend sehr glücklich waren.


Tag 2 begann wieder mit einem Termin der Wirtschaftsdelegation, dann fuhren wir zum Hauptprogramm mit Herrn Steinmeier, der ein Berufsbildungsprojekt einweihen sollte. Wir waren planmäßig etwas früher dort, und es zeigte sich, dass Delegationsbegleitung durchaus aus mehr besteht, als die Bespaßung der Delegationsmitglieder. In letzter Minute entdeckten wir z.B. noch diese deutsche Fahne, die etwas Korrektur bedurfte.


Von dort ging es wieder mit Blaulicht durch die Stadt zurück zum Flughafen: Salutschüsse, Nationalhymnen, die Delegationen Richtung Hintereingang des Flugzeugs bugsieren. Atem anhalten: Das Flugzeug hatte bereits in Südafrika Startprobleme, man hatte kurzfristig über die Landgrenze noch technisches Equipment geholt, Botschaftsmitarbeiter mussten noch morgens schnell zur Grenze eilen, um mit der Entzollung zu helfen. Und dann ging doch alles gut: Die Türen schlossen sich, die Maschine wurde startklar gemacht, fing langsam an zu rollen bis ans eine Ende der Startbahn, nahm lange Anlauf und entschwebte über dem Himmel von Gaborone. Wir blieben zurück, und hatten als Abschiedsgeschenk einen ordentlichen Sonnenbrand im Gesicht bekommen. 24 Stunden lagen hinter uns, intensiv waren sie, und wir dürften uns wichtig fühlen, waren wir doch nah "an der Macht" und mittendrin als Teil der Delegation des Staatsbesuchs. Spannend!


Mittwoch, 7. November 2018

Von Wunderwaffen, Übersetzungen und einer Häkelraupe

Ein Freund von uns beschrieb mich neulich als Wunderwaffe. Einer der Gründe dafür war mein neuester Minijob für die GIZ: Nachdem ich innerhalb der letzten eineinhalb Jahre den unternehmensinternen Mietspiegel aktualisiert und das Firmenarchiv geordnet habe, übersetze ich gerade ein für die Öffentlichkeitsarbeit bestimmtes, mehrseitiges Dokument vom Englischen ins Deutsche. Wie die übrigen Aufgaben fällt es unter die Kategorie "einer muss es machen, aber niemand hat Zeit" und wie so oft, wenn ich gefragt werde, habe ich einfach mal ja gesagt. Deutsch beherrsche ich schließlich ziemlich gut.

Im Zuge der Übersetzung habe ich einiges gelernt - vor allem, mich in Demut zu üben. Ich habe mal mit einer Halbfranzösin zusammengewohnt, die freiberuflich als Übersetzerin arbeitete. Das Online-Wörterbuch Leo war dabei ihr ständiger Begleiter, was ich als Laie insgeheim nicht so recht verstand: Sie war zweisprachig aufgewachsen, ihr Deutsch war annähernd perfekt - und ihr Französisch vermutlich noch besser, das konnte ich nur nicht so gut beurteilen. Wieso musste sie nur so viel nachschlagen? Zehn Jahre später leiste ich innerlich Abbitte, ich habe nämlich in den letzten Tagen auch dauernd alles nachgeschlagen, obwohl mir die meisten Wörter bekannt waren. Aber dann machte ihre mir geläufige Bedeutung im jeweiligen Syntax / Kontext etc. plötzlich keinen rechten Sinn mehr und dann begann die große Recherche ...

Als ersten Übersetzungsauftrag gleich einen Fachtext anzunehmen, war allerdings auch ziemlich ambitioniert. Einige unternehmensinterne Begrifflichkeiten sind mir schlicht unbekannt. Zum Glück konnte ich abends immer einen Fachmann konsultieren: Philip las meine Übersetzung gegen, brachte die Fachbegriffe unter, die ich eher umschrieben hatte und glättete sprachlich. Tatsächlich begann er irgendwann, auch noch den englischen Originaltext weiterzuverbessern. Und ich bekam mehr und mehr den Eindruck, dass niemand mehr ernsthaft glaube könnte, dass ich die Übersetzung ganz allein gemacht hätte - das jetzige Ergebnis trägt die klare Handschrift eines GIZ-Insiders, ich hätte es niemals so anfertigen können. Gestern fühlte ich mich unvermittelt an ein Erlebnis aus meiner Grundschulzeit erinnert: Im Fach "Textil" (das hieß meiner Erinnerung nach damals wirklich so) lernten wir häkeln und häkelten schließlich eine Raupe - bzw. vermutlich eher ein Rechteck, was dann zusammengenäht, ausgestopft und mit Knopfaugen versehen wurde. Ich war keine besonders begabte Häklerin und ziemlich langsam, aber die meisten von uns häkelten langsam und so hatten wir die Aufgabe, die Raupe zu Hause fertigzustellen. Ich erinnere mich noch, wie meine Klassenlehrerin, die ich sehr gerne mochte, die fertigen Raupen in der Schule begutachtete. Sie guckte mir in die Augen und fragte mich, ob mir meine Mutter sehr viel geholfen hätte und in dem Moment schaute ich mir die Raupe erstmals genauer an und musste objektiv anerkennen, dass der Unterschied zwischen meinen paar schiefen Maschen und den vielen gleichmäßigen meiner Mutter schon ziemlich offensichtlich war. Ich kann mich nicht erinnern, dass das irgendwelche Konsequenzen gehabt hätte, aber gemerkt habe ich mir das Ganze dennoch. Und so fiel es mir wieder ein, als Philip meine Übersetzung verbesserte. Ich nehme an, seine Kollegin, für die ich die Übersetzung vornehme, wird kein Problem damit haben, dass ich Hilfe hatte, im Gegenteil. Dennoch bleibt ein etwas unbefriedigendes Gefühl zurück. Merke: Häkeln und Übersetzen ist beides schwieriger, als man vielleicht auf den ersten Blick glaubt!

Dienstag, 16. Oktober 2018

Der Eindringling

Dass sich manchmal Paviane in unseren Garten verirren, haben wir schon geschildert. Wirklich dort gesehen habe ich sie allerdings erst einmal, als zwei der Viecher im Februar über unsere Terrasse schlenderten. Drei Monate später verwüsteten sie ein Obstbäumchen in unserem Garten und auch die Mülltonne war einmal ausgeräumt. Vor Kurzem entdeckte Philip auf dem Dachfirst der Nachbarn, die schräg hinter uns wohnen, einen Pavian, der da saß wie eine Galionsfigur.

Und so war ich zwar nicht begeistert, aber auch nicht übermäßig erstaunt, als ich vergangenen Freitag plötzliche einen Pavian sah, während ich gerade mit meinen Eltern telefonierte. Zwischen unserem und dem Nachbargrundstück steht eine Mauer mit dem obligatorischen Elektrozaun. Damit die Büsche und Bäume in unserem Garten nicht ständig zwischen die elektrischen Drähte wachsen, haben unsere Vermieter eine Holzkonstruktion errichtet, die den Zaun abschirmt. Und darauf spazierte ein Pavian, der dann in unseren Garten kletterte und erstmal aus der Vogeltränke trank. Diese war in den letzten Wochen eher zur Katzentränke mutiert, aber dass jetzt selbst Affen zum Trinken kommen, fand ich doch etwas übertrieben. Ich schloss erstmal die Terrassentüren und zeigte unserer Maid Patricia den Pavian, der inzwischen auf die Terrasse spaziert war, aber wieder umkehrte, als er uns innen sah. Er wanderte ums Haus, bediente sich an unserem Naartjie-Baum und lief schließlich in Richtung Tor, während wir aus der Haustür traten und ich noch ein Foto machte. Als das Tier probeweise auf uns zukam, täuschte Patricia einen Steinwurf in seine Richtung an, worauf der Affe machte, dass er wegkam.


So weit, so gut. Ich rief meine Eltern zurück, doch auch dieses Gespräch unterbrach ich nach einigen Minuten, als ich plötzlich ein lautes Kreischen hörte. Bis ich an der Haustür war, war schon alles vorbei und da ich nicht selbst dabei war, beschreibe ich hier, was Patricia mir erzählte:
Sie war gerade dabei, das abgetrocknete Besteck in die Besteckschublade einzuräumen, als sie mutmaßlich mich in der Küche hörte. Es irritierte sie etwas, dass ich in der Küche umherging, ohne etwas zu sagen, sie fand es wohl auch etwas unhöflich, dachte sich aber nichts weiter dabei. Erst als ich begann zu essen, beschloss sie, nun könnten wir ja schon mal ein paar Worte wechseln und drehte sich um. Und dann saß da der Pavian auf unserem Stehtisch und bediente sich gerade an den Bananen in der Obstschale.

Patricia schrie, der Pavian floh durch die Haustür - versuchte allerdings dann auch gleich wieder, hineinzukommen, hatte er doch auf seiner Flucht nur eine der Bananen mitgenommen. Unsere Haustür (mit Klinke auf beiden Seiten) geht ziemlich leicht auf und der Affe haute zweimal dagegen, während Patrica die Tür zuhielt und ich sie abschloss. Während wir anschließend in der Küche standen und sie mir beschrieb, wie der Pavian auf dem Tisch gesessen hatte, erschien der doch tatsächlich noch einmal auf der Terrasse und schlug auch mal probeweise gegen die Tür. Was ein freches Vieh! Patrica und ich waren doch beide etwas geschockt. Dass ein Affe durch offene Türen in ein Haus spazieren könnte, war uns bewusst gewesen, dass er aber aktiv versuchen würde, Türen zu öffnen, hatten wir nicht erwartet. Später entdeckte ich sogar einen schmutzigen Abdruck am Schrank, in dem wir Gläser und Tassen aufbewahren. Bevor Patricia ihn entdeckte, hatte der Pavian die Küche offensichtlich schon einmal inspiziert - und wir hatten großes Glück gehabt, dass er dabei nichts kapput gemacht hatte.

Ich sah unseren ungebetenen Besucher schließlich über einen Baum aufs Nachbargrundstück türmen. Aber nachdem der Pavian nun unsere Obstschale kennt, wird er uns vielleicht bald wieder einen Besuch abstatten. Die Haustür wird jetzt bis auf Weiteres von innen abgeschlossen.

Donnerstag, 9. August 2018

Man lernt nie aus


Seit drei Wochen läuft mein dritter Baylor-Kurs. Wie immer stehe ich Dienstagvormittag vor insgesamt 36 Schülern; die eine Hälfte von ihnen unterrichte ich vor der Pause, die andere danach. Mein Fach ist nach wie vor Aflateen, eine Art grundlegender Wirtschaftsunterricht. Dieser Kurs ist recht gut angelaufen, was ich anfangs gar nicht zu hoffen wagte. Ich war bei fast einem Drittel der Bewerbunsggespräche dabei, um die Teilnehmer auszuwählen. Vor dem letzten Kurs hatte ich ebenfalls schon Gespräche geführt - sinnvollerweise nur mit den Kandidaten, die gleich angaben, dass sie mit Englisch keine Schwierigkeiten haben würden. Für diesen Kurs interviewte ich einige Bewerber ebenfalls allein, andere jedoch mit meinem Kollegen Thato zusammen. Thato ist Botswaner und festangestellt bei Baylor. Der Unterschied in unserer Gesprächsführung war von Anfang an offensichtlich: Während ich gegenüber den größtenteils (von der Situation an sich, aber auch meiner Hautfarbe) eingeschüchterten Bewerbern eine Geduld und Freundlichkeit an den Tag lege, die mich teilweise selbst erstaunte, wurde der sonst so höfliche Thato deutlicher. In meinen Einzelgesprächen formulierte ich meine Fragen so oft um, bis endlich eine Antwort kam. Thato kam dagegen schnell und ungeduldig zum Punkt. Mehrere unserer Fragen bezogen sich auf die berufliche Zukunft unserer 17- bis 24-jährigen Bewerber. Die meisten äußerten daraufhin, dass sie mal selbstständig arbeiten wollten - aber in welchem Bereich, wussten die wenigsten von ihnen. Fragte Thato nach, war die Antwort öfters: "anything". Daraufhin schnaubte er in der Regel leicht verächtlich: "anything? Like cutting grass?" Tatsächlich sieht man in und außerhalb von Gaborone ab und an Menschen am Wegesrand, die mit Sicheln das hohe Gras abschneiden - kein schöner Job bei der Hitze, die hier meist herrscht. Ich habe mal gehört, dass Arbeitslose in Botswana Unterstützung vom Staat erhalten, dafür aber einmal im Monat einer "community work" nachkommen müssen - wie Gras schneiden oder Müll sammeln. Gras schneiden wollte dementsprechend keiner unserer Bewerber, meist verneinten sie es mit einem schüchternen Lachen.

In einem anderen Punkt war Thato erstaunlich nachgiebig mit den Kandidaten. Einige sprachen kein Englisch - also wirklich maximal einzelne Worte, es reichte noch nicht mal für vollständige Sätze. Das war dann der Punkt, an dem ich den Raum verließ um mit anderen, englischsprechenden Kandidaten wieder Einzelgespräche zu führen. Es stellte sich allerdings heraus, dass die paar Leute, die kaum Englisch sprachen, in der Regel auch Probleme mit Lesen und Schreiben hatten. Das ist kein Wunder, ich hatte schon einmal beschrieben, dass die Lehre an den hiesigen staatlichen Schulen zumindest teilweise unter sehr schwierigen Bedingungen stattfindet. Unterrichtssprache ist ab der ersten Klasse Englisch. Lernt ein Schüler das nicht richtig, weil die Klassen total überfüllt sind und der Lehrer keine Chance hat, sich um den Einzelnen zu kümmern, gibt es auch zu Hause keinerlei Förderung für das Kind - dann ist es kein Wunder, dass es auch in seiner Muttersprache kaum lesen und schreiben lernt.
Wie immer gab es auch Bewerber, die nicht nur fantastisch englisch sprachen, sondern auch sonst sehr engagiert wirkten. Thatayaone zum Beispiel plant ebenfalls, selbstständiger Unternehmer zu werden, ihm ist allerdings im Gegensatz zu fast allen anderen bewusst, dass das direkt nach Abschluss des "Leadership-Programmes" im Dezember eher unrealistisch ist und so will er die Selbstständigkeit in fünf bis 10 Jahren erreichen und sich bis dahin stetig weiterbilden. Leider weiß ich schon nicht mehr genau, in welchem Bereich er arbeiten will - Infrastruktur? Recycling? - aber er hat ein konkretes Ziel und sich dazu schon viele Gedanken gemacht. Als Hobby gab er "research" an: Er vergleicht gerne Nachrichten auf unterschiedlichen Kanälen, um sich einen besseren Eindruck von ihrer Ojektivität zu machen. Dem Großteil meiner sonstigen Schüler sind Nachrichten völlig egal.
Ein anderer Bewerber plant eine Karriere als Feuerwehrmann, kann aber erst nächstes Jahr bei der Feuerwehr anfangen und überbrückt so lange bei uns. Es gab also wieder Leute, die ich mir durchaus im "Leadership-Programme" vorstellen konnte. Bei anderen Bewerbern tat ich mich schwer.

Um so irritierter war ich, dass Thato schließlich verkündete, wir würden alle Bewerber aufnehmen. Für den letzten Kurs hatten wir über 50 Gespräche geführt und schließlich 35 Teilnehmer ausgewählt. Diesmal waren fast genauso viele Bewerbungen eingegangen - gut 50, aber zu Gesprächen waren nur 38 Bewerber erschienen. Thato hatte die restlichen Bewerber telefonisch nicht erreicht. Ich zweifele ehrlich gesagt daran, ob er es bei jedem mehr als einmal probiert hat und fand dieses Auswahlkriterium - wer ans Telefon geht, ist letztlich dabei - doch etwas schwach. Apropos schwach: Genauso ist mein Setswana nach wie vor, ich kann meine Small Talk-Vokabeln an einer Hand abzählen. Meiner indischen Kollegin Pushpa, die am Mittwoch und Donnerstag unterrichtet, geht es ähnlich. Der Unterricht bei Baylor soll also nicht nur von NGO-Seite auf Englisch stattfinden, er muss es zwangsläufig. Wie könnten wir Teilnehmer unterrichten, die der Sprache nicht mächtig sind? Thato sah das Argument ein, zumindest tat er so. Ein paar Tage später teilte er uns per WhatsApp mit, dass doch alle Bewerber teilnehmen sollten - für viele sei es die einzige Chance. Ob man es als "Chance" bezeichnen kann, in einem Unterricht zu sitzen, dessen Sprache man nicht versteht, sei dahingestellt - ich stellte es mir eher frustrierend vor. Aber im Gegensatz zu Pushpa und mir ist Thato nicht ehrenamtlich bei Baylor, sondern festangestellt und seit diesem Jahr auch noch Leiter des "Leadership-Programmes". Er trifft die Entscheidungen.

Dem Unterricht sah ich dann mit gemischten Gefühlen entgegen. Wie würde so eine heterogene Klasse funktionieren? Jetzt, nach drei Wochen, kann ich sagen: Genauso wie die vorherigen Kurse. Vermutlich saßen auch da viele Leute drin, die mir nicht immer folgen konnten. Mir war bewusst, dass einige sich nicht beteiligten, aber ich schob das in der Vergangenheit auf ihre Schüchternheit, Verständnisprobleme meines deutschen Akzents o.ä. Durch die gemeinsam mit Thato geführten Bewerbungsgespräche ist mir jetzt noch bewusster, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, die meine Schüler mitbringen. Gestern brauchte ich für eine Diskussionsrunde einen "writer" am Flipchart und einen "leader" zur Moderation - früher hätte ich zwei Leute ausgewählt, inzwischen lege ich mich selbst als "writer" fest um niemanden bloßzustellen, der nur unzureichend schreiben kann. Für Diskussionsrunden haben meine Schüler und ich die generelle Vereinbarung, dass Argumente auch mal auf Setswana ausgetauscht werden können, wenn sie mir danach jemand auf Englisch zusammenfasst. Das klappt erstaunlich gut und ist der mündlichen Beteiligung sehr zuträglich. Ich hoffe also, dass Thato Recht hat und so jeder Teilnehmer für sich Erkenntnisse aus dem Unterricht ziehen kann. Es ist ein ewiges Dazulernen - für mich, die Lehrerin.

Sonntag, 5. August 2018

So we say good-bye-bye-bye-bye-bye ...

Nein, wir verlassen Botswana noch nicht - das hätten wir unseren lieben Bloglesern doch nicht verschwiegen! Trotzdem verabschieden wir uns momentan ganz schön oft - von Freunden und guten Bekannten, die ausreisen. Ein ständiger Wechsel gehört zum Expat-Leben dazu, jeder weiß das. Die Frage "Und wie lange seid Ihr schon hier?" gehört zu jedem neuen Kennenlernen, die Frage "Und wie lange bleibt Ihr noch?" stellt man sich hier gegenseitig immer mal wieder. Die Mitarbeiter der Deutschen Botschaft wissen in der Regel schon bei der Einreise, in welchem Monat welchen Jahres sie das Land final verlassen werden, bei der GIZ ist man nicht so festgelegt. Und so versuchen wir alle irgendwie, den Überblick zu behalten - mit wem kann man wann noch rechnen?

Dass wir uns von anderen Expats gelegentlich verabschieden müssen, ist also nichts Neues. Aber dieses Jahr sind mehrere Leute dabei, denen wir freundschaftlich verbunden waren, mit denen wir schon mal in den Urlaub gefahren sind (z.B. in den Kgalagadi Transfrontier Park), unsere Nachbarin und auch eins meiner Deutschlernkinder. Der erste Abschied, der ein größerer Verlust für uns war, war im Februar, dann war ein paar Monate Ruhe, doch in den letzten Wochen ging es Schlag auf Schlag. Wir haben geholfen Möbel auseinanderzuschrauben, Geschenke besorgt und waren auf drei Abschiedspartys, um Leute zu verabschieden, die irgendwie alle Teil unseres hiesigen Lebens geworden waren und nun nach Bonn, Eschborn und Genf veschwinden. Wie stark wir in Kontakt bleiben und wie sehr wir doch eher Zweckgemeinschaften fernab der Heimat gebildet haben, wird sich zeigen. Doch in jedem Fall stimmt es etwas wehmütig, feste Größen unseres botswanischen Lebens zu verlieren.

Und wann wird es nun bei uns soweit sein? Das wissen wir noch nicht. Eine Freundin sagte mir gestern am Telefon: "Ich bin froh um jeden Monat, den Du länger bleibst!" Das ist natürlich auch schön zu hören. Wir Hierbleibenden werden vielleicht etwas enger zusammenrücken, um die entstandenen Lücken zu füllen. Und, auch das gehört zum Expat-Leben: Für fast jeden, der geht, kommt jemand Neues. Und auch unter den Neuankömmlingen sind hoffentlich nette Leute.

Mittwoch, 1. August 2018

Deutsch für alle Altersklassen

Letztes Jahr habe ich begonnen, den inzwischen 3- und 5-jährigen Töchtern von Freunden ungefähr einmal pro Woche vorzulesen. Also, Vorlesen war geplant, damit die Kleinen mehr Deutsch hören und auch sprechen, denn im Kindergarten mit Nachmittagsbetreuung sowie von der auch als Nanny fungierenden Haushaltshilfe hören sie nunmal nur Englisch. Es stellte sich jedoch schnell raus, dass die Kinder zwar per se nichts dagegen haben, vorgelesen zu bekommen, andere Aktivitäten aber noch spannender finden. So mussten zum Beispiel schon mal alle ca. 50 (!) Puppen und Kuscheltiere gefüttert und schlafen gelegt werden, bevor ich lesen dürfte. Oder wir haben lieber gepuzzelt. Ich habe ein gewisses Talent für das Kasperletheaterspiel bei mir festgestellt und mein Publikum begeistert - meistens. Nur als eine von mir ausgedachte Geschichte eine unerwartete Wendung nahm - nicht der ja grundsätzlich böse Räuber hatte den Kuchen der Großmutter gestohlen, sondern der zufällig des Weges gekommene Löwe - war mein Publikum unzufrieden und forderte, der Räuber müsse trotzdem eingesperrt werden, einfach, weil er doch der Räuber sei. Ich arbeite noch an der Aufbrechung von Stereotypen.

Im Frühjahr sprach mich dann eine weitere GIZ-Kollegin von Philip an, die sich für ihre siebenjährige Tochter ebenfalls etwas mehr Deutsch im Alltag wünschte. Außerdem mache ich mit dem Mädchen leichte Erstklässleraufgaben - einfache Kinderkreuzworträtsel, Silben verbinden, Tiernamen schreiben etc. Weil sie dieses Jahr in die zweite Klasse in Deutschland eingeschult wird, haben wir im Juni auch angefangen, Schreibschrift zu lernen, die wird an hiesigen internationalen Schulen nämlich gar nicht gelehrt. Und so haben wir uns schon mit Reihen von kleinen "e"s und großen "L"s und "M"s sehr abgemüht, meine Schülerin beim Schreiben und ich beim sie-bei-der-Stange-Halten. Sie dürfte meinen alten Lamy-Füller benutzen und ich war der nebendran sitzende Motivationscoach: "Erst das Bögelchen ... andere Richtung, andere Richtung ... und geeeerade runter! Und noch ein Bögelchen - rauf, runter!" - so klang das. Ich stellte irgendwann fest, dass sie das alles ganz gut hinkriegen würde, wenn sie sich nur konzentrierte und sie antwortete etwas trübsinnig: "Das ist immer das Problem." Zur Auflockerung lesen wir auch ab und an, springen Trampolin oder spielen Verstecken oder Gesellschaftsspiels. Heute werden wir uns das vorerst letzte Mal sehen, denn morgen reisen ihre Mutter und sie nach Deutschland aus. Sie wird mir fehlen, denn obwohl wir uns erst seit wenigen Monaten treffen, ist sie mir sehr ans Herz gewachsen. Wann immer wir uns außerhalb unserer gemeinsamen Nachmittage sahen - auf Geburtstagsfeiern oder anderen Veranstaltungen - lief sie ab und an einfach so zu mir, umarmte mich kurz wortlos und rannte dann wieder zu den anderen Kindern zurück. Wie hätte ich dieses Kind nicht liebgewinnen können?

Die dritten Mädchen, mit denen ich regelmäßig zu tun habe, sind dagegen in keinster Weise anhänglich. Sie sind auch schon älter, 10 und 13, die Töchter einer serbischen Familie. Ihre Mutter hatte einen deutschen Großvater und will die deutschen Wurzeln am Leben erhalten. Die Mädchen - serbische Pässe, in Botswana aufgewachsen, perfekt englischsprechend und in der Schule französischlernend - sehen dafür keinen Grund und sind dementsprechend ziemlich unmotiviert, die Kleinere erscheint mir außerdem hyperaktiv. Ich habe sie vom Mann einer Botschaftsmitarbeiterin als Deutschschülerinnen übernommen, schon im April. Er und seine Familie sind vor zwei Wochen aus Deutschland ausgereist und ich hatte damals den Eindruck, dass er einfach schon sehr früh damit begonnen hat, hier alle Zelte abzubrechen. Mittlerweile habe ich ihn im Verdacht, dass er die Mädels einfach loswerden wollte. Aber vielleicht tue ich ihm da auch Unrecht.
Meine größten Herausforderungen bei diesen Hausbesuchen sind die ständigen Streitereien zwischen den beiden, inklusive hauen, an den Haaren ziehen und sich beleidigen. Die Kleinere weint auch manchmal. Beide versuchen regelmäßig, mich auf ihre jeweilige Seite zu ziehen und ich stelle genauso regelmäßig klar, dass mich nicht die Bohne interessiert, wer angefangen hat und dass ich jetzt gerne mit unregelmäßigen deutschen Verben fortfahren würde. Ab und an gucken wir uns auch youtube-Videos aus Harry Potter-Filmen auf deutsch an, sie sind nämlich beide große Fans und dass ich für sie den Online-Test gemacht habe, in welches Hogwarts-Haus mich der Sprechende Hut stecken würde, hat mich in ihrem Ansehen doch steigen lassen. Aber manchmal zicken wir uns auch gegenseitig an, was pädagogisch sicher nicht wertvoll ist, aber 90 Minuten Ruhe und Gelassenheit sind von meiner Seite aus einfach nicht immer realisierbar, zumal die kleinen Biester inzwischen durchaus wissen, wie sie mich irritieren können. Die Ältere ist immerhin ein Sprachtalent; auch mit geringem Lerneinsatz kriegt sie die meisten Übungen gut hin. Und die Jüngere (deren Aufmerksamkeitsspanne mit der eines Eichhörnchens vergleichbar ist) bringt mich doch manchmal zum Lachen: Vor zwei Wochen hat sie sich aus grüner Knete lange Fingernägel geformt und dann eine ziemlich gelungene Performance als Rita Kimmkorn aus Harry Potter hingelegt.

Als Gegengewicht zu den beiden werde ich ab nächster Woche noch eine hochmotivierte, aber dafür schon etwas ältere Schülerin unterrichten: Ihre Mutter hat mich gefragt, ob sie ebenfalls bei mir Deutsch lernen könnte, nur eine Stunde pro Woche. Darauf freue ich mich, wobei das auch eine Herausforderung werden könnte - ich weiß jetzt schon, dass sie als einzige meiner Schülerinnen Rückfragen zur Grammatik stellen wird. Während des Studiums hätte ich ergänzend zu meinem Germanistik-Nebenfach noch "Deutsch als Fremdsprache" belegen können und habe mich damals dagegen entschieden - wenn ich mich recht erinnere, weil ich mir nicht vorstellen konnte, diese Qualifikation irgendwann mal zu brauchen. Tja, you never know ...

Freitag, 20. Juli 2018

Das hätte ich jetzt nicht noch gebraucht.

Eine Kollegin von Philip, mit deren siebenjähriger Tochter ich einmal pro Woche unter anderem Schreibschrift übe, sagte gestern diesen Satz zu mir: "Das hätte ich jetzt nicht noch gebraucht". Sie bereitet momentan ihre Ausreise nach Deutschland vor und versucht, vorher einiges an Möbeln sowie ihr Auto zu verkaufen. Ein Kaufinteressent war vor ein paar Tagen bei ihr und als er wieder abfahren wollte, schloss sich ihr elektrisches Tor ungeplant, gleich nachdem es aufgegangen war - und rammte dabei sein Auto. Sarah wird den Schaden wohl bezahlen - und hätte das jetzt eben nicht auch noch gebraucht, was ich bestens nachvollziehen konnte.

Mindestens gedacht hatte ich diesen Satz gestern aber auch schon. Unser Elektrozaun wurde vormittags repariert. Die Firma Manase ("the best erections in Botswana") war seit Mitte letzter Woche bereits zum dritten Mal da, was bedeutet, dass ich nicht nur mit den Mitarbeitern schon mehrere Telefonate geführt und Mailwechsel getätigt hatte, sondern auch mit unserem Vermieter in Whats App-Kontakt stand, wir außerdem zwei Vorauszahlungen machen mussten und ich drei halbe Tage zwangsläufig zu Hause geblieben war. Kurz: Es war nervig, aber seit der gestrigen Reparatur scheint der Elektrozaun wieder planmäßig seinen Dienst zu tun. Die Freude währte nur kurz - nachdem ich die Handwerker verabschiedet hatte, stellte ich fest, dass unser Internet nicht mehr ging. Das kann ja mal vorkommen und meist funktioniert es irgendwann von alleine wieder (den hier nachzulesenden Ausnahmefall versuche ich erfolgreich aus meinem Gedächtnis zu verdrängen). Als nächstes rief mich unser Gärtner in den Garten, da er den begründeten Verdacht hat, dass unser Pool mal wieder leckt und nun auch nasse Erde entdeckt hatte. Und spätestens da war es dann Zeit für mein gedankliches "Das hätte ich jetzt nicht noch gebraucht."

Kurz überlegte ich, Thomas zu WhatsAppen, dem Mann einer ehemaligen Botschaftsmitarbeiterin. Er und seine Familie sind diese Woche nach drei Jahren Botswana zurück nach Deutschland ausgereist. In Sachen Reparaturen konnte man eigentlich darauf vertrauen, dass Thomas immer noch eine schlimmere Geschichte auf Lager hatte. Ein paar Tage nachdem seine Familie 2015 ihr Haus hier bezogen hatte, schlug der Blitz dort ein und zerstörte gleich mehrere elektrische Geräte und Einrichtungen und so erlebte er gleich zu Beginn seiner Zeit hier mit allen möglichen Handwerkern alles Mögliche. Andererseits hätte mir Thomas aus der Ferne vermutlich nur die drei Buchstaben TiB zur Aufmunterung zugeworfen - "This is Botswana". Ich habe das Pool-Problem nun erstmal auf nächste Woche verschoben. Vertagen und aufschieben ist immerhin auch ziemlich botswanisch, so gesehen passe ich mich damit ganz gut an die hiesigen Gegebenheiten an.

Dienstag, 3. Juli 2018

Im Archiv

Bereits letztes Jahr war ich von GIZ-Seite für einen Minijob engagiert worden: Im September 2017 habe ich den firmeninternen Mietspiegel für Gaborone aktualisiert und neu organisiert. Meine Version wird inzwischen sogar von der Deutschen Botschaft hier verwendet - ein schöner Erfolg. Und so reagierte ich ganz aufgeschlossen, als mir ein neuer Minijob angeboten wurde: Das Sortieren des hiesigen Firmenarchivs, das gleichzeitig zu großen Teilen für den Versand nach Deutschland vorbereitet werden soll.
Als ich zusagte, war ich noch mit den Vorbereitungen des Kunsthandwerksmarkts beschäftigt und ständig mit irgendwelchen Leuten in Kontakt, die Stände buchen wollten. Eine einsame Beschäftigung mit Akten - und ohne Menschen - kam mir damals ganz reizvoll vor. Ich habe außerdem die Bedingung gestellt, nicht im Archiv selbst arbeiten zu müssen - das sogenannte Archiv ist nämlich ein schlauchartiger Raum mit Schummerlicht in der Tiefgarage, der neben Akten u.a. mit kaputten Möbeln, leeren Tonerpatronen und verstaubter Weihnachtsdeko vollgerümpelt ist. Statt mich dorthin zu setzen, darf ich den Konferenzraum in Beschlag nehmen (sofern keine Meetings anberaumt sind) und zwei der GIZ-Fahrer tragen mir die Kartons mit den Akten nach Wunsch aus dem Archiv in den Konferenzraum und wieder zurück. Die Rezeptionistin ist gebeten worden, mir behilflich zu sein und druckt und schneidet die neuen Aktenlabel aus, die ich ihr maile. Es läuft alles ganz gut - nur leider langsamer als gedacht. Meine Aufgabe besteht darin, jeden einzelnen Ordner zu sichten und ihm ein neues Etikett zu verpassen, sofern das alte ungenügend ist. Die Akten sollen nämlich ins GIZ-Zentralarchiv nach Eschborn geschickt werden. Die Mitarbeiter des Zentralarchivs scheinen zum Teil ungute Erfahrungen mit ihren Auslandskollegen gemacht zu haben, sie haben unter anderem einen Imagefilm gedreht, in dem genaustens erklärt wird, welche "Do's and Don'ts" bei Aktenvorbereitung und -versand zu beachten sind. Und sie wollen vorab Fotos der Akten, die ihnen geschickt werden sollen. Unter anderem wird kontrolliert, dass das Land, aus dem die Akten kommen auf dem jeweiligen Ordnerlabel vermerkt ist. Wenn man bedenkt, in wie vielen Ländern die GIZ tätig ist, ist das auch sehr sinnvoll. Andererseits kann man auch nachvollziehen, dass die GIZ-Mitarbeiter in Botswana offensichtlich keinen Drang verspüren, "Botswana" auf ihre Ordner zu schreiben - ihnen ist ja klar, dass sie hier sind. Was das bedeutet: Bisher war auf genau sechs Ordnern das Land vermerkt. Auf den übrigen ca. 250 dagegen nicht. Daher muss ich so gut wie sämtliche Labels neu schreiben. Einige kann ich einfach abtippen und "Botswana" ergänzen, auf anderen fehlen aber noch mehr der erforderlichen Informationen. Einige Ordner müssen außerdem umsortiert werden, weil sie Informationen zu mehr als einem Projekt beinhalten. Kurz: Das Ganze ist zeitaufwändig.

Geplant war eigentlich, dass ich im Laufe des Junis um die fünf komplette Arbeitstage ins Archiv stecken würde und dann alles fertig wäre. Inzwischen bin ich bei bald neun Tagen (was in der Realität bedeutet, das ich ungefähr 18 halbe Tage da war), der Juni ist rum und versandfertig ist noch gar nichts. Mein Vertrag wurde daher kurzerhand bis Ende Juli verlängert. Außerdem machte man mir ein Angebot, das ich angesichts der Lage im Archiv nicht wirklich ablehnen konnte: Eine Schülerpraktikantin. Jasmine ist die Tochter eines Deutschen und einer Motswana. Sie ist in Gaborone aufgewachsen und wird ab September ein Freiwilliges Soziales Jahr in Deutschland beginnen. Ihr Vater hat den Wunsch, dass sie bis dahin mehr deutsch spricht und hatte kurzerhand die Idee, sie bei der GIZ unterzubringen, wo sich jemand dachte "Walli spricht deutsch und braucht Hilfe - win-win!". So sehr "win-win" ist es allerdings doch nicht, denn Jasmine versteht auf Deutsch vieles nicht und antwortet mir meist auf Englisch, und wenn ich sichergehen will, dass sie mich versteht, spreche ich auch englisch und so unterhalten wir uns nur selten auf Deutsch. Labels zu beschriften ist außerdem nicht ihre Stärke - sie scheint eine Rechtschreibschwäche zu haben. Vergangene Woche war ich trotzdem sehr froh, dass ich sie habe, denn da haben wir das Kellerarchiv systematisch auf den Kopf gestellt, um auch den letzten zu beschriftenden Ordner in den dunklen Ecken zu finden. Im Gegensatz zu mir hatte Jasmine an diesen Bergungsarbeiten sogar Spaß und zu zweit ging es wesentlich schneller. Das gemeinsame Sichten von verschimmelten Akten schweißt außerdem zusammen - wir haben Ordner gefunden, deren braun-schwarze Pilzkulturen es eventuell in den nächsten Imagefilm des Zentralarchivs schaffen könnten, Rubrik "Don't".


Auch im Umgang mit Kakerlaken ist Jasmine deutlich beherzter als ich und als sie mich von einer angeschimmelten Kiste zurückhielt und mich - auf Deutsch! - fragte "Bist Du sicher, dass Du es anfassen willst?" war ich fast gerührt. Nun sind wir bereits dabei, die Ordner fürs Zentralarchiv in Eschborn zu fotografieren. Da das Licht im Archiv nicht besonders gut ist, beleuchtet Jasmin die Ordner mit meiner Stirnlampe, während ich mit dem Handy Fotos mache. Außerdem schreiben wir Packlisten und hoffen, Ende dieser Woche fertigzuwerden.  Ich kann das allerdings noch nicht so recht glauben. Letzte Woche stolperten gleich mehrere GIZ-Mitarbeiter zu uns in den Konferenzraum und fragten, wann wir in ihre Abteilung kämen, sie hätten auch noch soooo viele Aktenordner. Diese sollen sie aber eigentlich selbst beschriften und für den Versand vorbereiten, ich bin nur für die Altlasten im Archiv zuständig. Und werde mit diesen hoffentlich fertig, bevor jemand auf die Idee kommt, noch heimlich etwas dazuzustellen ...