Mittwoch, 1. August 2018

Deutsch für alle Altersklassen

Letztes Jahr habe ich begonnen, den inzwischen 3- und 5-jährigen Töchtern von Freunden ungefähr einmal pro Woche vorzulesen. Also, Vorlesen war geplant, damit die Kleinen mehr Deutsch hören und auch sprechen, denn im Kindergarten mit Nachmittagsbetreuung sowie von der auch als Nanny fungierenden Haushaltshilfe hören sie nunmal nur Englisch. Es stellte sich jedoch schnell raus, dass die Kinder zwar per se nichts dagegen haben, vorgelesen zu bekommen, andere Aktivitäten aber noch spannender finden. So mussten zum Beispiel schon mal alle ca. 50 (!) Puppen und Kuscheltiere gefüttert und schlafen gelegt werden, bevor ich lesen dürfte. Oder wir haben lieber gepuzzelt. Ich habe ein gewisses Talent für das Kasperletheaterspiel bei mir festgestellt und mein Publikum begeistert - meistens. Nur als eine von mir ausgedachte Geschichte eine unerwartete Wendung nahm - nicht der ja grundsätzlich böse Räuber hatte den Kuchen der Großmutter gestohlen, sondern der zufällig des Weges gekommene Löwe - war mein Publikum unzufrieden und forderte, der Räuber müsse trotzdem eingesperrt werden, einfach, weil er doch der Räuber sei. Ich arbeite noch an der Aufbrechung von Stereotypen.

Im Frühjahr sprach mich dann eine weitere GIZ-Kollegin von Philip an, die sich für ihre siebenjährige Tochter ebenfalls etwas mehr Deutsch im Alltag wünschte. Außerdem mache ich mit dem Mädchen leichte Erstklässleraufgaben - einfache Kinderkreuzworträtsel, Silben verbinden, Tiernamen schreiben etc. Weil sie dieses Jahr in die zweite Klasse in Deutschland eingeschult wird, haben wir im Juni auch angefangen, Schreibschrift zu lernen, die wird an hiesigen internationalen Schulen nämlich gar nicht gelehrt. Und so haben wir uns schon mit Reihen von kleinen "e"s und großen "L"s und "M"s sehr abgemüht, meine Schülerin beim Schreiben und ich beim sie-bei-der-Stange-Halten. Sie dürfte meinen alten Lamy-Füller benutzen und ich war der nebendran sitzende Motivationscoach: "Erst das Bögelchen ... andere Richtung, andere Richtung ... und geeeerade runter! Und noch ein Bögelchen - rauf, runter!" - so klang das. Ich stellte irgendwann fest, dass sie das alles ganz gut hinkriegen würde, wenn sie sich nur konzentrierte und sie antwortete etwas trübsinnig: "Das ist immer das Problem." Zur Auflockerung lesen wir auch ab und an, springen Trampolin oder spielen Verstecken oder Gesellschaftsspiels. Heute werden wir uns das vorerst letzte Mal sehen, denn morgen reisen ihre Mutter und sie nach Deutschland aus. Sie wird mir fehlen, denn obwohl wir uns erst seit wenigen Monaten treffen, ist sie mir sehr ans Herz gewachsen. Wann immer wir uns außerhalb unserer gemeinsamen Nachmittage sahen - auf Geburtstagsfeiern oder anderen Veranstaltungen - lief sie ab und an einfach so zu mir, umarmte mich kurz wortlos und rannte dann wieder zu den anderen Kindern zurück. Wie hätte ich dieses Kind nicht liebgewinnen können?

Die dritten Mädchen, mit denen ich regelmäßig zu tun habe, sind dagegen in keinster Weise anhänglich. Sie sind auch schon älter, 10 und 13, die Töchter einer serbischen Familie. Ihre Mutter hatte einen deutschen Großvater und will die deutschen Wurzeln am Leben erhalten. Die Mädchen - serbische Pässe, in Botswana aufgewachsen, perfekt englischsprechend und in der Schule französischlernend - sehen dafür keinen Grund und sind dementsprechend ziemlich unmotiviert, die Kleinere erscheint mir außerdem hyperaktiv. Ich habe sie vom Mann einer Botschaftsmitarbeiterin als Deutschschülerinnen übernommen, schon im April. Er und seine Familie sind vor zwei Wochen aus Deutschland ausgereist und ich hatte damals den Eindruck, dass er einfach schon sehr früh damit begonnen hat, hier alle Zelte abzubrechen. Mittlerweile habe ich ihn im Verdacht, dass er die Mädels einfach loswerden wollte. Aber vielleicht tue ich ihm da auch Unrecht.
Meine größten Herausforderungen bei diesen Hausbesuchen sind die ständigen Streitereien zwischen den beiden, inklusive hauen, an den Haaren ziehen und sich beleidigen. Die Kleinere weint auch manchmal. Beide versuchen regelmäßig, mich auf ihre jeweilige Seite zu ziehen und ich stelle genauso regelmäßig klar, dass mich nicht die Bohne interessiert, wer angefangen hat und dass ich jetzt gerne mit unregelmäßigen deutschen Verben fortfahren würde. Ab und an gucken wir uns auch youtube-Videos aus Harry Potter-Filmen auf deutsch an, sie sind nämlich beide große Fans und dass ich für sie den Online-Test gemacht habe, in welches Hogwarts-Haus mich der Sprechende Hut stecken würde, hat mich in ihrem Ansehen doch steigen lassen. Aber manchmal zicken wir uns auch gegenseitig an, was pädagogisch sicher nicht wertvoll ist, aber 90 Minuten Ruhe und Gelassenheit sind von meiner Seite aus einfach nicht immer realisierbar, zumal die kleinen Biester inzwischen durchaus wissen, wie sie mich irritieren können. Die Ältere ist immerhin ein Sprachtalent; auch mit geringem Lerneinsatz kriegt sie die meisten Übungen gut hin. Und die Jüngere (deren Aufmerksamkeitsspanne mit der eines Eichhörnchens vergleichbar ist) bringt mich doch manchmal zum Lachen: Vor zwei Wochen hat sie sich aus grüner Knete lange Fingernägel geformt und dann eine ziemlich gelungene Performance als Rita Kimmkorn aus Harry Potter hingelegt.

Als Gegengewicht zu den beiden werde ich ab nächster Woche noch eine hochmotivierte, aber dafür schon etwas ältere Schülerin unterrichten: Ihre Mutter hat mich gefragt, ob sie ebenfalls bei mir Deutsch lernen könnte, nur eine Stunde pro Woche. Darauf freue ich mich, wobei das auch eine Herausforderung werden könnte - ich weiß jetzt schon, dass sie als einzige meiner Schülerinnen Rückfragen zur Grammatik stellen wird. Während des Studiums hätte ich ergänzend zu meinem Germanistik-Nebenfach noch "Deutsch als Fremdsprache" belegen können und habe mich damals dagegen entschieden - wenn ich mich recht erinnere, weil ich mir nicht vorstellen konnte, diese Qualifikation irgendwann mal zu brauchen. Tja, you never know ...

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