Philip und ich haben uns in den letzten Jahren einigermaßen mit den hier empfohlenen Sicherheitsvorkehrungen engagiert. Vor unseren Fenstern sind Gitter, um unser Haus ist eine Mauer, auf der Mauer ein Elektrozaun. Wenn wir gehen, aktivieren wir die Alarmanlage. Löst diese aus, ruft uns die Sicherheitsfirma, bei der wir unter Vertrag sind, an und/oder kommt vorbei.
Das alles ist uns inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Wann immer wir in Deutschland sind, genießen wir jedoch, dass eine solche Sicherheitsausstattung dort nicht nötig ist. Aber ist sie hier nötig?
Philip und ich hatten - im Gegensatz zu einigen seiner Kollegen - noch nie einen Einbruch oder Einbruchsversuch in unser Haus. Allerdings ist die Schere zwischen Arm und Rech in Botswana besonders hoch und gerade Weiße gelten als reich. Häuser nach westlichem Standard haben daher in der Regel alle genannten Vorrichtungen, an die wir uns, wie beschrieben, inzwischen auch gewöhnt haben. Wenn dann ein Teil dieser Sicherheitsvorkehrungen von einem Moment auf den anderen dahin ist, ist das daher schon ein seltsames Gefühl.
Es war letzte Woche Montagnachmittag. Ich saß im Wohnzimmer und hörte plötzlich einen enormen Schlag - und dann gleich noch einen zweiten. Einen Sekundenbruchteil dachte ich an den Steinbruch im Kgale Hill, aus dem man manchmal Sprengungen hört, die auch die Fenster erzittern lassen. Aber das hier war anders und nach dem Sekundenbruchteil, in dem ich das dachte, ging auch schon der Alarm unseres Elektrozauns los.
Ich rannte zur Haustür und schaute heraus. Mein erster Gedanke war "Unser Tor steht offen!", aber dann sah ich, dass das nicht ganz stimmte ... hier die Ansicht von der Straße aus.
Es stand also nicht offen, sondern lag vielmehr auf dem Boden. Neben einem Betonpfeiler, der ebenso umgestürtzt war.
Ein Auto hatte unser Tor gerammt, offensichtlich mit Tempo. Neben einer jungen Frau standen bereits drei Männer. Es stellte sich heraus, dass sie die Fahrerin war, allein im Auto gesessen hatte und es ihr den Umständen entsprechend gut ging. Wobei sie erstmal nicht sprach, also zumindest nicht mit mir. Ich schaltete dann erst einmal unseren Elektrozaun aus, um den Alarm abzustellen. Als nächstes rief ich unseren Vermieter Kent an. Ich war selbst etwas geschockt und er bat mich, Fotos zu schicken. Nachdem er sie bekommen hatte, wurde er dann glücklicherweise sehr schnell sehr aktiv.
Die drei Männer, offensichtlich Passanten, empfahlen mir, die Polizei zu rufen, und verabschiedeten sich dann nach und nach. Ich holte Campingstühle für die Unfallverursacherin und mich und dann saßen wir zu zweit vor dem umgestürtzten Tor. Inzwischen hatte sie ihre Sprache wieder gefunden und es stellte sich heraus, dass sie in unserer Straße wohnt und sogar mit einem Deutschen verheiratet ist, der aber zur Zeit in Hannover weilt (und im Übrigen mindestens doppelt so alt ist wie sie, aber das nur am Rande). Ihre größte Sorge war die Polizei und dass sie eine Geldstrafe bekommen würde (wobei ich annehme, dass die Kosten für das Tor diese um ein Vielfaches überschreitet), ihre zweitgrößte ihr Ehemann, der aber immerhin auf die ihm gesendeten Fotos nur mit einem "Thank god you are fine" reagierte. Mein Ehemann rief dagegen postwendend an, nachdem ich ihm ein paar Fotos schickte, was aber auch daran lag, dass sie auf seinem Handy nur teilweise runtergeladen wurden und der Golf der Unfallverursacherin auch noch die gleiche Farbe hatte wie meiner ...
Irgendwann kam Mattias, der Bruder unseres Vermieters, bestaunte den Schaden und befragte meine Sitznachbarin - durchaus nicht unfreundlich, aber er mutmaßte schon, dass sie doch vermutlich am Steuer mit ihrem Handy gespielt und deswegen die Kontrolle verloren hätte. Sie sagte "Don't say that" - das lässt sich jetzt interpretieren, wie man will. Mattias fuhr dann mal sein Handy aufladen, ich rief erneut bei der Polizei an. Es begann, leicht zu regnen. Ab und zu fuhr ein Polizeiauto auf der Querstraße vorbei, wir winkten auch, aber offensichtlich wollte niemand zu uns. Irgendwann rief die Polizei tatsächlich mich an, um sich zu erkundigen, ob schon jemand da gewesen wäre. Inzwischen waren mehr als zwei Stunden vergangen.
Immer wieder hielten Autos vor unserem Haus an, mit Insassen, die mit offenem Mund fragten "What happened?", was zunehmend langweilte, zumal die Unfallverursacherin verständlicherweise keinen Lust hatte, jedem Passanten den Unfallhergang zu schildern. Nach und nach bekamen wir außerdem Verstärkung: Die Cousine der Frau leistete uns Gesellschaft (wollte aber natürlich auch als erstes wissen, wie das denn hatte passieren können), dann kam Mattias wieder, schließlich Philip und unsere Nachbarin und dann auch unser Vermieter Kent, der inzwischen schon mit seiner Versicherung, der Firma, die für das elektrische Tor zuständig ist, der Elektrozaunfirma und einem weiteren Elektriker gesprochen hatte. Ich hatte zwischenzeitlich nochmal mit der Polizei telefoniert, die schließlich auch auftauchte - nach drei Stunden. Endlich kam Bewegung in die Sache: Die Polizei befragte die Unfallverursacherin und unseren Vermieter als Geschädigten; unser Vermieter, dessen Bruder und sein Sohn richteten unser Tor auf und lehnten es gegen die Mauer, so dass es zumindest teilweise als Sichtschutz diente. Kent hatte außerdem bei unserer Sicherheitsfirma einen Wachmann für die Nacht bestellt, der um 18 Uhr da sein sollte. Inzwischen war es allerdings fast 19 Uhr und dunkel. Kent schickte mich schließlich ins Haus und sagte, ich hätte jetzt genug draußen gewartet, er würde übernehmen und hier sitzenbleiben, bis der Wachmann käme. Was war ich ihm dankbar in diesem Moment.
Philip war seit seiner Ankunft noch mit einem Notfall anderer Natur beschäftigt gewesen, der jetzt aber halbwegs gelöst schien. Er leistete Kent schließlich Gesellschaft, beide saßen in unserem Carport auf den Campingstühlen. Es muss ausgesehen haben wie ein Schichtwechsel, nachdem die Unfallverursacherin und ich schon stundenlang vor dem Haus gesessen hatten. Philip und Kent unterhielten sich wesentlich angeregter als wir beide, was aber daran gelegen haben mag, dass keiner von ihnen gerade einen noch relativ neugekauften (und vermutlich unversicherten) Golf gegen ein Tor gesteuert hatte. Sie saßen da schließlich auch nochmal zwei Stunden, bis der Wachmann eintraf, der sich im übrigen ein Kissen mitgebracht hatte (quasi seine einzige Ausstattung). Philip gab ihm für die Nacht noch seinen "panic button", der die Sicherheitsfirma in einem Notfall ruft, den er aber zum Glück nicht drücken musste. Wir fielen dann beide ziemlich fertig ins Bett. Es war ein ungewohntes Gefühl, so ein offenes Grundstück zu haben, das nun ein Wachmann bewachen sollte, zumindest bis 6 Uhr morgens. Und dann würden hoffentlich möglichst schnell die Handwerker kommen ...



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