Donnerstag, 25. Januar 2018

Deutsche Landeskunde zum Frühstück

Zu Weihnachten 2016 bekamen Philip und ich von meiner Mutter einen Tagesabreisskalender geschenkt: "Der große Deutschland-Test 2017" vom Harenberg Verlag war als Gag für uns "Auswanderer" gemeint, wuchs uns jedoch schnell ans Herz. Jeden Morgen beim Frühstück widmeten wir uns einer Deutschland-Frage, einige davon stammten sogar aus dem Einbürgerungstest. Diese konnten wir glücklicherweise immer beantworten, mit anderen Fragen waren wir aber nicht so erfolgreich. Skurrile Volksfeste, maximal regional bekannte Denkmäler, nie gehörte Dialekte - nichts blieb uns erspart! Von Joachim Gaucks Geburtsort über die giftigste Pflanze Europas bis hin zu Ludwig van Beethovens einziger Oper - wir wussten, rieten und lernten. Ab und an gab es immerhin drei Auswahlmöglichkeiten, so dass wir manchmal auch bloße Zufallstreffer landeten.

Am Ende des Kalenders gab es eine Ankreuztabelle, in die ich jeden Morgen gewissenhaft eintrug, ob einer von uns (oder sogar beide) die richtige Antwort gewusst hatte(n). Waren wir auf Reisen, kam der Kalender nicht zum Einsatz - um so schöner war es dann, bei späteren Frühstücken gleich mehrere Fragen auf einmal beantworten zu können. Und da sich auf der Rückseite des jeweiligen Kalenderblattes immer eine ausführliche Erklärung zur Auflösung befand, lernten wir hier und da auch noch etwas dazu. (Wobei ich zugegebenermaßen auch vieles gleich wieder vergessen habe. Gaucks Geburtsort ist übrigens Rostock, die giftigste Pflanze Europas Eisenhut und Beethovens einzige Oper Fidelio.)

Anfang diesen Jahres, als wir nach unserem Heimaturlaub zurück nach Botswana kamen, schlug dann die Stunde der Wahrheit: Ich zählte die Summe unserer richtigen Antworten zur Jahresauswertung zusammen. Das Ergebnis war - ernüchternd. Philip hatte ein paar Treffer mehr als ich gelandet, aber wir fanden uns in der selben Kategorie wieder, deren Text mit den Worten: "Schade! Das können Sie bestimmt noch besser!" begann. Im Weiteren wurde uns der Kauf des 2018er Kalender ans Herz gelegt, den wir uns natürlich schon zu Weihnachten hatten schenken lassen. Und so sitzen wir auch dieses Jahr wieder rätselnd beim Frühstück. Gestern wurde übrigens nach dem Wahlspruch der deutschen Turner gefragt. Während Philip "Hoch auf den Barren" mutmaßte, meinte ich, "Turne bis zur Urne" zumindest schon mal gehört zu haben. Er lautete dann allerdings "Frisch, fromm, fröhlich, frei". Heute konnten wir dann aber wieder beide einen Punkt landen. Neuer Morgen, neues Glück - und das Jahr ist ja noch jung ...

Freitag, 19. Januar 2018

Blick hinter die Fassade

Letztes Jahr habe ich angefangen, im Rahmen eines "Leadership Programmes" zu unterrichten. Angeboten wird es als Zusammenarbeit der NGO Stepping Stones International mit dem Gaboroner Baylor-Klinikum, das HIV-infizierte Kinder und Jugendliche behandelt. Ich bin im letzten Frühjahr eingestiegen und hatte auch hier schon einmal über meine Erfahrungen berichtet. Unterrichtet wurde bis Ende September, im Oktober hielten die Schüler noch Referate, im November machten sie eine Art Klassenfahrt und im Dezember war ich schließlich bei der Graduation-Feier, auf der der 2017er Jahrgang ausgezeichnet und verabschiedet wurde.



Im Februar startet nun die diesjährige Klasse und ich freue mich, diesmal ganz von Anfang an dabei zu sein und die Schüler ab Programmstart kennenzulernen. Tatsächlich habe ich diese Woche schon mit dem Kennenlernen begonnen - von Mittwoch bis Freitag liefen Bewerbungsgespräche. Für das 2018er Programm haben sich über 60 Jugendliche und junge Erwachsene beworben, es können aber nur ca. 35 aufgenommen werden. Um eine Auswahl treffen zu können, werden mit den Bewerbern Interviews geführt.

Und so verbrachte ich die letzten beiden Vormittage mit einem Stapel fünfseitiger Fragebögen im klimatisierten Computerraum der NGO und interviewte insgesamt zehn der Bewerber - neun junge Frauen und einen jungen Mann, denn es haben sich insgesamt viel mehr Mädchen als Jungs beworben. Alle bat ich, mir erst einmal etwas über sich zu erzählen, über ihre Hobbies und ihre Familien. Ich versuchte, ihrer Motivation auf den Grund gehen, erkundigte mich nach Herausforderungen, die sie in ihrem Leben bereits gemeistert hatten, nach Leistungen, die sie mit Stolz erfüllten, nach langfristigen Zielen, Stärken und Schwächen.

Die Voraussetzungen, um in das Programm aufgenommen zu werden, sind überschaubar: Die zukünftigen Teilnehmer sollen zwischen 16 und 25 Jahren alt sein. Sie sollen keine Schule mehr besuchen und keiner geregelten Arbeit nachgehen. Als höchsten Abschluss dürfen sie maximal Abi haben - das "Leadership Programme" soll jungen Menschen, die es sonst schwer haben, Perspektiven eröffnen.

Viele der Bewerber warteten gerade auf ihre "Form 5" Ergebnisse. "Form 5" ist die Klasse, die man besucht, bevor man Abitur macht. Die Endprüfungen der "Form 5" waren im November, die Ergebnisse sind im Februar zu erwarten. Die Abiturklasse beginnt aber erst im August oder später - bis dahin haben die Schüler quasi nichts zu tun. Leicht fassungslos befragte ich gestern meinen botswanischen Kollegen Thato nach dem Sinn dieser Zwangspause, er lachte und sagte mir, Botswana wäre eben crazy; zwischen Abi und Studenbeginn läge noch einmal ähnlich viel Zeit, in der die zukünftigen Studenten nur rumsäßen.

Zwei dieser zwangspausierenden Schülerinnen saßen mir in Bewerbungsgesprächen gegenüber und wollten gerne am "Leadership Programme" teilnehmen, um die Zeit sinnvoll zu überbrücken. Sie konnten sich gut ausdrücken, antworteten reflektiert und wirkten zielstrebig; die eine wollte später Geologie und/oder Forensik studieren. Sie berichteten mir von Erfolgen als Klassensprecherin und beim Sport, waren selbstbewusst und höflich.

Dann waren da diejenigen, die die "Form 5"-Prüfung vor einem, zwei oder drei Jahren nicht bestanden hatten und seitdem nicht mehr in die Schule gingen. Einige von ihnen hatten hier und da schon etwas gearbeitet - als Verkäuferin in einem Handyladen oder an einem Straßenstand. Die meisten wohnten bei ihren Eltern, Müttern oder anderen Verwandten - eine bereits mit ihrer zweijährigen Tochter. Ein Mädchen erzählte mir, dass ihre Eltern immer wollten, dass sie zu Hause kocht und putzt, seit sie nicht mehr zur Schule geht. Sie würde auch sehr gerne kochen (und plane, später einmal Köchin zu werden), wollte aber trotzdem nicht nur zu Hause sein. Daher hatte sie eine eigene kleine Geschäftsidee verwirklicht: Unter der Woche stand sie jeden Morgen um 5 Uhr auf. Bis 7 Uhr schmierte sie dann belegte Brote (um die 24 Stück) und verkaufte sie bis 8:30 Uhr auf der Straße und in Büros. Sie ist die Kandidatin, die ich auf jeden Fall im Programm unterbringen will: Da ihre Bewerbungen keinen Erfolg hatten, hat sie eigeninitiativ etwas auf die Beine gestellt, was in alle Richtungen ausbaufähig ist - und was sie vielleicht tatsächlich ausbauen kann und wird, wenn wir ihr das richtige Wissen mitgeben.

Und dann sind da heute noch zwei Mädels gewesen, die die Prüfung nach "Form 3" nicht gepackt haben und seitdem nicht mehr zur Schule gehen. Das ist noch nicht mal mit dem Hauptschulabschluss vergleichbar, denn es ist kein Abschluss. Eine war erst 16 Jahre alt. Ihre Mutter hat Aids, einen Vater scheint es schon lange nicht mehr zu geben und ihre Oma ernährt die Familie als Schneiderin, mehr schlecht als recht. Das Mädchen hatte ewiglange Extensions, eine kunstvoll zerissenene Jeans, eine Bomberjacke und einen großen Lolli, den sie vor unserem Gespräch umständlich wieder in sein Papier wickelte. Sie redete ziemlich schnodderig und hatte keine Ahnung von unserem "Leadership Programme". Als ich mich nach dem Grund für ihre Bewerbung erkundigte, antwortete sie: "I'm tired of doing nothing". Mit einer Rückkehr an die Schule (für die man wohl den Test nachträglich bestehen muss) würde es nicht klappen, sie hätte mal an einem Straßenstand gejobbt, aber der war weit weg von zu Hause gewesen und sie wollte in der Nähe ihrer kranken Mutter sein. Nach ihrem Traumjob gefragt sagte sie, seit sie klein war, wollte sie am liebsten Ärtztin werden. Stolz mache sie, wenn sie ihrer Mutter und ihrem Bruder helfen könne. Wir unterhielten uns über ihre traurigen Lebensumstände, als seien sie das Normalste der Welt, was sie für sie ja auch tatsächlich waren. Ich brach erst zwei Stunden später beim Mittagessen mit Philip in Tränen aus. Es ist eine Sache, zu wissen, dass viele Kinder und Jugendliche in diesem Land mit HIV-positiven oder aidskranken Eltern aufwachsen (falls die Eltern überhaupt noch leben). Mit einem betroffenen Teenager darüber zu reden, ist eine ganz andere Hausnummer.

Wie unterschiedlich die Gespräche waren, die ich in den letzten beiden Tagen geführt habe, zeigt vielleicht die Frage nach den "Challenges" am besten. Meine Kandidatinnen sollten mir von einer Herausforderung in ihrem Leben und ihrem Umgang damit erzählen. Da war die 18-Jährige, die schon vorher betont hatte, dass sie Christin wäre. Sie sagte mir, als Christin stünde sie durch die christlichen Gebote immer wieder vor großen Herausforderungen, aber ihre Gemeinde würde ihr helfen. Eine 23-jährige erzählte mir, sie hätte sich eigentlich noch keinen Herausforderungen gegenüber gesehen. Eine andere junge Frau berichtete, wie schwierig es für ihre Familie gewesen ist, als der Vater sie verlassen hätte. Die nächste erzählte vom neuen Mann der Mutter, der kein Geld für die Schuluniform der Stieftochter ausgeben wollte.

In der nächsten Woche werden meine Kollegen und ich uns zusammensetzen und auswählen, wer in das diesjährige "Leadership Programme" aufgenommen wird. Nach diesen vielen unterschiedlichen Begegnungen kommt mir die Auswahl noch schwieriger vor als vorher. Ich habe junge Frauen getroffen, die vom Programm profitieren würden und andere, von denen das Programm profitieren würde. Und ich habe mit Mädchen gesprochen, bei denen ich mir nicht sicher bin, wie gut sie dem Unterricht überhaupt folgen könnten, die aber dringend irgendeine Perspektive im Leben brauchen. Einen Unterricht abzuhalten, von dem alle drei Gruppen profitieren würden, scheint fast unmöglich. Aber wem sollten wir absagen?

Dienstag, 16. Januar 2018

Zimmerpflanze zu verschenken

Es war meinen Kollegen und mir klar, dass wir nicht mehr ewig in unserem Bürogebäude bleiben würden können, da sich unsere Partnerorganisation SADC bereits um neue Räume für uns bemühte - das hatte ich ja schon einmal geschrieben. Seitdem hatte ich jedoch nichts mehr zu dem Thema gehört - bis eine Woche vor Weihnachten. Dann teilte uns SADC mit, dass die neuen Räumlichkeiten wohl ab März, vielleicht auch erst im April, zur Verfügung stünden. Soweit nichts gänzlich Neues. Direkt danach erfuhren wir jedoch, dass sich SADC nicht mit dem Vermieter der derzeitigen Immobilie über die Verlängerung des Mietvertrags einigen konnte - und dass der Vermieter der Auffassung war, wir wären daher illegal im Gebäude, weswegen er es ab 1.1. räumen lassen wollte. Eine Woche vor Weihnachten war so jedenfalls sichergestellt, dass wir nicht in irgendeine vorweihnachtliche Ruhe verfallen würden. Einige meiner Mitarbeiter waren bereits im Urlaub oder auf Dienstreise mit anschließendem Urlaub, etc. Immerhin ist hier quasi von Mitte Dezember bis Mitte Januar Ferien-Hochsaison: Sommerferien!

Als das Chaos am Größten war, flog ich in den Weihnachtsurlaub nach Deutschland. Am gleichen Tag wurde der Server im Büro abgebaut, der Internet-Anschluss gekappt - so war quasi sichergestellt, dass ich in den Weihnachtsferien nichts aus dem Büro oder vom Umzug hören würde ...

Pauschalisierend kann ich im Nachhinein nur sagen: In Afrika lässt sich vieles auch recht kurzfristig lösen. Das war dann auch hier der Fall. Nach unserer Rückkehr nach Gaborone erfuhr ich: Es hatte sich tatsächlich eine freie Immobilie finden lassen, in der wir überbrücken können, bis das endgültige Büro eingerichtet sein wird. Und es hat sich auch noch ein Umzugsunternehmen gefunden, das mit Vorlauf von einem Tag anfangen konnte, den Umzug durchzuführen. Das hat mich schon einigermaßen beeindruckt.
Glücklicherweise war ein Kollege aus einem ebenfalls betroffenen Nachbarprojekt nicht im Urlaub, so dass er sich von unserer Seite aus um die Koordination vor Ort kümmern konnte.


Mit einer Anfahrtskizze zum neuen Büro ausgerüstet suchte ich das Gebäude am ersten Tag nach meinem Urlaub auf. Anfang Januar waren noch nicht allzu viele Kollegen wieder vor Ort - so versuchten wir in kleiner Besetzung, das Chaos etwas zu lichten. Viele Kartons und Möbel waren in zwei Räumen gestapelt worden, die mussten erst einmal wieder leer geräumt werden mussten. Allein meine Schreibtischplatte erwies sich als so massiv, dass sie von vier Umzugshelfern getragen werden musste (wobei sie leider auch noch ein paar Schäden davontrug).
Inzwischen sind fast alle Kisten ausgepackt, die Büros eingerichtet und auch der Internetanschluss funktioniert wieder (wenn auch noch sehr, sehr langsam).

Ich habe Glück gehabt: Mein Büro hat Tageslicht, d.h. ein Fenster in Richtung eines Garagengebäudes. Es ist - das war zu erwarten - deutlich kleiner als mein früheres Büro, die großen Möbel aus letzterem sind allerdings die gleichen geblieben. Daher passte auch meine Zimmerpflanze, die ich von meiner Vorgängerin übernommen hatte, leider nicht mehr in den neuen Raum. Ich schenkte sie einer Mitarbeiterin, die künftig ein (größeres) Büro ohne Tageslicht hat - mal schauen, ob sie das überlebt (die Pflanze, nicht die Mitarbeiterin!).

Statt weniger als 2 km Distanz von zu Hause zum alten Büro habe ich nun mehr als 8 km Fahrtstrecke über stauanfällige Straßen. Ich trauere dem alten Bürogebäude daher schon etwas hinterher. Walli hat mich aber netterweise auch im neuen Büro schon einmal besucht - sie hat auch die Bilder dieses Eintrags gemacht.



Es ist ja voraussichtlich nur eine Übergangslösung. Mal schauen, was uns dann anschließend erwartet.

Samstag, 13. Januar 2018

Waterhole statt shithole!

Oft haben wir das Gefühl, dass die Batswana nicht immer die Schnellsten sind. Umso positiver überrascht war ich daher, als ich gestern einen Facebook-Post der botswanischen Regierung sah (die ja auf Facebook sehr aktiv ist, ich berichtete bereits an dieser Stelle davon). Er trug den Titel "Botswana condemns remarks made by President Trump" und bezog sich auf eine Äußerung Trumps, die während der letzten Tage auch durch die deutschen Medien ging: Der US-Präsident soll im Rahmen einer Besprechung gefragt haben, wieso die USA so viele Migranten aus Drecksloch-Staaten wie Haiti oder afrikanischen Ländern aufnehmen würden. Trump hat inzwischen getwittert, dass er diesen Ausdruck (auf Englisch wird er mit "shithole countries" zitiert) so nicht verwendet hätte. Ein Dementi des Weißen Hauses gibt es allerdings bislang nicht.

Kein Wunder also, dass man sich in Botswana angegriffen fühlt und direkt am nächsten Tag eine Presseerklärung veröffentlichte. In der Mitteilung steht unter anderem, dass die botswanische Regierung den hiesigen US-Botschafter einbestellt hat und gerne von der US-Regierung erfahren möchte, ob Botswana denn vom amerikanischen Präsidenten auch als "shithole country" gesehen werde. Es wird darauf hingewiesen, dass botswanische Bürger in den USA leben bzw. eventuell Reisen dorthin planen und dass ebenso immer wieder US-Bürger in Botswana willkommen geheißen werden. Eine Delegation des US-Kongresses wird wohl für Ende Januar erwartet, gerade vor diesem Hintergrund wären die Äußerungen "highly irresponsible, reprehensible and racist" - höchst verantwortungslos, verdammenswert und rassistisch.



Das nenne ich mal eine schnelle Reaktion mit deutlichen Worten! Sogar Spiegel Online berichtete darüber. Über eine amerikanische Antwort auf die Pressemitteilung ist mir nichts bekannt. Und auch für die botswanische Regierung ist die Affäre offensichtlich noch unvergessen. Zumindest lässt sich ihr Posting des heutigen Abends so interpretieren: "Botswana is a waterhole country!" Dazu ein paar Bilder, einige habe ich mir erlaubt zu kopieren. Waterhole statt shithole - die botswanischen Follower feiern das Posting ihrer Regierung. Und ich klicke jetzt auch mal "gefällt mir".




Montag, 8. Januar 2018

Rückflug-Routinen

Unser Heimaturlaub ist mal wieder wie im Flug vergangen. Und wie immer stand genau das an seinem Ende: Ein Flug. Unsere Rückflüge nach Gaborone sind generell eine nervenaufreibende Angelegenheit. Nach all den vorangegangenen Abschieden und letzten Erledigungen kommen wir in der Regel schon leicht bis mittelmäßig gestresst am Flughafen an - und da beginnt dann das immer gleiche Programm, das sich für mich wie ein Hindernislauf anfühlt. Da nützt es auch nichts, einen Flugstreber an seiner Seite zu haben ...

- Erster Bibbermoment: Check-In. Wie schwer sind unsere Koffer diesmal? Denn schwer sind sie immer, wenn wir Deutschland wieder verlassen ... vor einem halben Jahr hat uns South African Airways zusammen 8 kg Übergepäck durchgehen lassen, was sehr, sehr nett war, aber man kann sich ja kaum darauf verlassen, ein zweites Mal so viel Glück zu haben. Zusätzlich zittere ich immer noch, dass mein Handgepäck gewogen werden könnte. Mein Rucksack sieht harmlos aus, enthält aber in der Regel meinen Laptop sowie das ein oder andere Buch und wiegt ungefähr soviel wie die gut zweijährige Tochter einer Freundin, was letztere mir im Dezember ungläubig staunend attestierte. Und ja, ich packe wirklich nur das Nötigste rein!

- Zweiter Bibbermoment: Zoll. Wir lassen uns unsere Koffer nach dem Check-In immer wiedergeben und gehen als nächstes zum Zoll. Da wir im Ausland leben, können wir uns einen Teil der Mehrwertsteuer für unsere Einkäufe erstatten lassen. Dafür muss der Zoll bestätigen, dass wir diese Einkäufe auch tatsächlich ausführen. Wir legen also unsere Kaufbelege vor und müssen dann gegebenenfalls unsere Koffer öffnen, um die Einkäufe vorzuzeigen. Wie genau der einzelne Zollbeamte das handhabt, ist unterschiedlich. Aber es ist in jedem Fall kein schönes Gefühl, den vollgepackten Koffer eventuell noch mal öffnen zu müssen ... zumal wir die Neuware niemals gesammelt nach ganz oben packen. Siehe unten, ebenfalls bei "Zoll" ...

- Dritter Bibbermoment: Gepäckaufgabe. Neben dem Zoll können wir unsere ja bereits eingecheckten Koffer dann abgeben. In der Regel steht einfach ein leerer Gepäckwagen rum, auf dem man seine Sachen dann stehen lassen soll. Ich finde es meist wenig vertrauenserweckend, meinen Koffer unbeaufsichtigt zurückzulassen und war diesmal positiv überrascht: An Terminal 2 des Frankfurter Flughafens wird der Koffer von jemandem entgegen genommen, der ihn gleich auf ein extra Gepäckförderband stellt. Ein Bibbermoment weniger ...

Flug und Umsteigen gestalten sich in der Regel problemlos und auch diesmal mit Air Namibia über Windhoek gab es keinerlei Schwierigkeiten. Weitere Bibbermomente folgten deswegen erst wieder bei der Ankunft in Gaborone.

- Vierter Bibbermoment: Immigration. Bei der Passkontrolle weisen wir uns als Einwohner Botswanas aus. Allerdings ist unsere Aufenthaltsgenehmigung im Dezember abgelaufen und die neue noch in Arbeit. Philip kann den Herrn am Schalter erfreulich schnell davon überzeugen, uns trotzdem ins Land zu lassen: Schließlich dürfen sich auch deutsche Touristen bis zu 90 Tagen im Jahr ohne Visum etc. in Botswana aufhalten. Klingt nach einem guten Argument, aber dennoch: Das hätte auch kompliziert werden können, da wir ja nicht als Touristen einreisten ...

- Fünfter Bibbermoment: Gepäckband. Sind die Koffer da? Nachdem Philips Koffer erst zur Halbzeit seines Heimaturlaubs bei ihm ankam, sind wir da nun noch zusätzlich sensibilisiert.

- Sechster Bibbermoment: Schon wieder Zoll. Der botswanische Zoll interessiert sich - im Gegensatz zum deutschen - in der Regel für den Inhalt unserer Koffer. Er fahndet nach Neuware. Übersteigt diese einen gewissen Wert, wird darauf Zoll erhoben - wobei der Zoll den Wert schätzt, wenn man keine Quittungen vorweisen kann. Wir haben schon erlebt, wie der Koffer eines Inders systematisch auseinandergenommen wurde. Unter anderem wurden Kleidung und Schuhsohlen gründlich auf Gebrauchsspuren untersucht. Was das angeht, machen wir uns keine großen Sorgen, haben aber nach Deutschlandbesuchen meist Bücher, DVDs und auch ein paar Lebensmittel im Gepäck und nach unseren bisherigen Erfahrungen den Eindruck, dass der Zoll eher willkürlich reagiert. Die Käsestücke in unseren Koffern, die wir anfangs am problematischsten einschätzten, hat er dafür schon einmal ignoriert. Aber man weiß ja nie, an wen man gerät ...
Meine Hoffnung, am Zoll durchzukommen ohne zu zahlen, mag nach fehlendem Unrechtsbewusstsein klingen. Und tatsächlich habe ich an dieser Stelle keins. Wir führen vor allem die Neuwaren ein, die wir in Botswana nicht bekommen, und wenn ich beispielsweise auf mir geschenkte deutschsprachige Bücher Zoll zahlen müsste, fände ich das äußerst unfair. Aber wir haben wieder Glück und werden einfach durchgewunken.

Auch wenn die Rückreise erfreulich problemlos verlief, gestalten sich die Hinflüge nach Deutschland in jeder Hinsicht entspannter. Unsere Koffer sind in der Regel nicht so schwer, dass wir uns Sorgen machen, in Deutschland werden wir als Bundesbürger freundlich begrüßt, ohne Formulare ausfüllen und Aufenthaltsgenehmigungen vorzeigen zu müssen und unsere paar botswanischen Mitbringsel interessieren den deutschen Zoll nicht.
Trotz aller Bibbermomente hat die Ankunft in Gaborone aber auch ihre schönen Seiten: Wenn sich die botswanischen Flughafenmitarbeiter freuen, von uns Ausländern auf Setswana mit "Dumela Ra" begrüßt zu werden, fühlt sich das gleich nach nach-Hause-Kommen an.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Safari-Sandalen?

Unser Deutschland-Aufenthalt neigt sich schon wieder dem Ende zu. Zwei bzw. drei Wochen sind seit unserer Ankunft vergangen, nun steht der Rückflug an. Wir sind dankbar für die Zeit in Deutschland, es war sehr schön, zumindest einige von Euch wiedersehen zu können, deutsches Essen zu genießen, etc. 
Allerdings müssen wir auch vermelden, dass wir an der ein oder anderen Stelle einen kleinen Kulturschock hatten. Wer hätte das gedacht - fremd im eigenen Land? Man denkt ja immer, man wüsste alles über Deutschland. Und dann: Der Versand eines am Frankfurter Flughafen gestrandeten Koffers dauert eine gute Woche (das hätte ich doch vorurteilsbeladen eher in Afrika erwartet?). 
Interessant aber auch, dass Afrika in Deutschland gerade in Mode zu sein scheint. Walli wünschte sich u.a. neue Hausschuhe von Birkenstock zu Weihnachten. Weil wir ohnehin fast in der Nähe waren, fuhren wir im Outlet in Bad Honnef vorbei - und waren erst einmal beeindruckt von der dort gebotenen Auswahl. Besonders auffällig präsentiert wurden Sandalen mit Zebrafell-Optik und -Haptik, ebenso mit Leopardenfell-Imitat ...



Etwas verstörend fanden wir das ja schon - ist das die neue Mode in Deutschland? Und sollte Walli solche Schuhe vielleicht eher auf Safari als zu Hause anziehen? Wie würden wohl unsere botswanischen Landsleute auf die Treter reagieren, wo doch die Jagd dort generell verboten ist? (Anmerkung Walli: Wir werden es nie erfahren, ich habe mich stattdessen für schwarze Lack-Birkenstocks entschieden.)

An unserem letzten Tag in Deutschland in der Frankfurter Filiale von Kaufhof (last-Minute Konsumrausch!) sah ich dann auch noch eine Handtasche in Zebrafell-Optik und -Haptik (und nein, diese war nicht von Birkenstock).


Es gibt also nicht nur Skurriles in Afrika, sondern auch in Deutschland ...