Sonntag, 11. Februar 2018

Unterricht unter erschwerten Bedingungen: das botswanische Schulsystem

Spätestens, seit ich vor ein paar Wochen Bewerbungsgespräche für das Leadership-Programm von Baylor und Stepping Stones geführt habe, beschäftigt mich die Frage, wie das Schulsystem hier eigentlich funktioniert. Mir saßen junge Erwachsene gegenüber, die die Prüfung nach "Form 3" nicht bestanden hatten, und welche, die auf ihr Zeugnis nach der "Form 5" warteten und dann studieren wollten. Im letzten Jahr hatte ich außerdem Schüler im Unterricht, die kaum Englisch sprachen (obwohl der Unterricht hier ab der ersten Klasse auf Englisch stattfinden soll) und solche, die sich mündlich gut schlugen, aber kaum schreiben konnten. Von Kopfrechnen (addieren!) ganz zu schweigen. Wie passt das alles zusammen?

Zunächst befragte ich meinen botswanischen Kollegen Thato, was die ganzen "Form"-Bezeichnungen denn bedeuteten. Das ließ sich schnell klären. Das botswanische Schulsystem besteht aus drei Schultypen:
  • Primary School: umfasst die Klassen "Standard 1 bis 7". Quasi sieben Jahre Grundschule.
  • Junior Secondary School: umfasst die Klassen "Form 1 bis 3" - drei Jahre Mittelschule.
  • Senior Secondary School: umfasst die Klassen "Form 4 und 5".
Nach bestandener Form 5-Abschlussprüfung haben die Schüler ihre Hochschulreife. Wenn sie mindestens 36 Punkte haben, erhalten sie außerdem eine Art Bafög vom Staat. Bafög, das in den letzten Jahrzehnten vergessen wurde, zurückzufordern, wie mir mal jemand erzählt hat ...

So weit, so gut. Ich recherchierte dann noch etwas im Internet. Und stolperte über eine Information, die ich fast nicht glauben konnte: In Botswana gibt es anscheinend keine Schulpflicht. Dennoch absolvieren die meisten Kinder mindestens die Primary School, deren Besuch kostenlos ist. Für die Secondary Schools wurden 2005 Gebühren eingeführt. Und auch vorher müssen Eltern nicht nur Stifte, Hefte und ggfs. Bücher bezahlen: An botswanischen Schulen wird nach britischem Vorbild Schuluniform getragen. Diese sieht recht adrett aus, kostet aber natürlich ...

Wie sieht es nun mit der Qualität des Unterrichts aus? Vor drei Wochen kaufte ich mir spontan "The Botswana Gazette", nachdem ich deren reißerische Titelseite sah. Zur Erinnerung: Anfang Januar wurde überliefert, dass US-Präsident Trump in einer Besprechung afrikanische Länder generell als "Shithole countries" beschimpft hätte. Wir hatten hier darüber berichtet, dass dieses Zitat auch in Botswana viel diskutiert wurde ...


In dem mit "A shithole education!" überschriebenem Artikel fand ich dann plausible Begründungen für die Bildungsdefizite einiger Schüler: Klassengrößen von durchschnittlich 60 Schülern in den jeweils ersten Klassen der Primary and Junior Secondary School. Und auch die anderen Klassen sind völlig überfüllt: Schon 2014 sorgte sich das hiesige Bildungsministerium, weil durchschnittlich 45 bis 50 Schüler in einer Klasse saßen, was zu schlechteren Resultaten führte. Es wurden Gegenmaßnahmen angekündigt, wobei es offensichtlich bei der Ankündigung blieb: Die durchschnittliche Klassengröße liegt inzwischen bei 50 bis 60 Schülern. Die botswanische Bevölkerung wächst, aber das Schulsystem wächst nicht mit. Und das stellt sowohl Lehrer als auch Schüler vor ernste Probleme: Die Lehrer haben kaum Chancen, die Namen ihrer Schüler zu lernen, geschweige denn, dem Einzelnen Hilfestellung zu leisten. Die Aufmerksamkeit aller Schüler zu bekommen, ist kaum möglich und schwächere Schüler bleiben oft auf der Strecke, weil sie sich prima durchmogeln können, ohne je aufzufallen. Lehrer leiden vermehrt unter Burnout bzw suchen sich lieber andere Jobs, die weniger anstrengend sind. Darüber hinaus sind die Klassenräume für die Klassengrößen viel zu klein; zum Teil wird daher in Bibliotheken, Foyers oder auch im Freien unterrichtet. Tatsächlich gab es wohl bereits 2016 26 Schulklassen, die permanent im Freien unterrichtet wurden - allein in Gaborone, der Hauptstadt.
2016/17 wurden von der Regierung 440,35 Millionen Pula bereitgestellt (das sind ca. 40 Millionen Euro), um neue Klassenräume zu bauen - das Geld hätte wohl für 1.466 Klassenräume reichen sollen. Eine enorme Anzahl. Allerdings wurde über die Hälfte des Geldes dann doch fachfremd eingesetzt, um Ausrüstung für Anti-Wilderer-Einheiten zu kaufen. Wie es dazu kommen konnte, erklärte die Botswana Gazette nicht, wohl aber, dass die Anti-Wilderer-Einheiten bereits vom Ministerium für Umwelt und Tourismus unterstützt werden. Der Artikel kam zu dem Schluss, dass Bildung in Botswana anscheinend keine Priorität hat - an den staatlichen Schulen. In Gaborone gibt es auch einige Privatschulen, auf die die Expat-Kinder wie auch die botswanischen Kinder aus wohlhabenderen Familien gehen. Dort scheint die Klassengröße bei maximal 20 Schülern zu liegen und auch die Ausstattung der Schulen ist viel besser.

Ein letzter Punkt, auf den ich während meiner Recherchen stieß und der vermutlich auch nicht unterschätzt werden sollte: Als Botswana 1966 unabhängig wurde, besuchten lediglich 8% der Jugendlichen überhaupt eine Sekundarschule. In den 1980er Jahren gabe es dann eine große Alphabetisierungskampagne, nachdem der Staat vor allem durch die Diamantenminen zu Geld gekommen war. Schulbildung ist also noch ein recht junges Gut in diesem Land, viele Schüler werden ältere Verwandte haben, die maximal die Primary School absolviert haben. Vielleicht ist also auch die Notwendigkeit einer höheren Schulbildung noch nicht so im allgemeinen Bewusstsein verankert, wie wir das aus Europa kennen. Bleibt zu hoffen, dass die botswanische Regierung es schafft, die Lernbedingungen an den staatlichen Schulen in den Griff zu bekommen.

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