In den letzten zwei bis drei Wochen hat sich viel getan in unserem Nachbarland Simbabwe. Der erste Präsident des Landes wurde, sagen wir mal, dazu "bewegt" zurückzutreten, am Freitag wurde sein Nachfolger vereidigt.
Bisher sind wir noch nicht viel in Simbabwe gereist (außer zwei Tagesbesuchen in Victoria Falls (
erster Besuch,
zweiter Besuch)), haben daher wenig eigenen Eindruck von dem Land. Im "Human Development Index" der Vereinten Nationen belegt es Platz 154 von 188 untersuchten Ländern und zählt somit zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt (Botswana liegt in diesem Index übrigens auf Platz 108). Simbabwe ist ein bitterarmes Land - wo es doch eigentlich mal als die Kornkammer des südlichen Afrikas galt und das Bildungssystem früher als hervorragend angesehen wurde (und noch immer gut sein soll). Mehr als drei Millionen Simbabwer (von insgesamt 15 Millionen) sollen außerhalb des Landes leben, ein Großteil davon in Südafrika. Wir treffen solche Leute immer wieder, z.B.
ausgebeutete (weil ohne Genehmigung schwarz arbeitende) Taxifahrer in Johannesburg, unsere
Haushaltshilfe Patricia, zwei meiner Mitarbeiter im Team - und auch von den paar Bettlern, die uns bisher in Botswana begegnet sind, kamen die meisten aus Simbabwe.
Nicht nur die Welt, insbesondere das südliche Afrika hat also in den letzten Wochen auf Simbabwe geschaut.
Eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse, für diejenigen, die davon nur wenig mitbekommen haben: Der 93-jährige Präsident Robert Mugabe, seit 37 Jahren an der Macht, versuchte in den letzten Monaten wohl zunehmend, seine Nachfolge zu regeln. Die Anzeichen verdichteten sich, dass er seine ca. 53-jährige Ehefrau Grace (Spitznamen: "Gucci-Grace" oder "Dis-Grace") als Nachfolgerin aufbauen wollte. Um das zu erreichen, ging er gegen Widersacher in seiner eigenen Partei vor - zuletzt entließ er seinen langjährigen Weggefährten und Vizepräsidenten Mnangagwa (Spitzname: "Das Krokodil"). Dies war wohl der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Nach einer Reise Mnangagwas nach China (über die viel spekuliert wird - holte er sich die Erlaubnis zum Putsch?) setzte die Armee, ebenfalls unter Führung eines langjährigen Weggefährten Mugabes und Mnangagwas, den Präsidenten und seine Entourage fest und besetzte den staalichen Fernsehsender. Es wurde sorgsam vermieden, von einem Putsch zu sprechen, da ein solcher ja international nicht anerkannt wird, und Mugabe durfte ein paar Auftritte absolvieren. Als klar wurde, dass die Armee de facto die Macht im Staat übernommen hatte, wendeten Minister und Parteimitglieder sich zunehmend von Mugabe ab und die Bevölkerung wagte Protestmärsche. Mit einigem Druck wurde Mugabe schließlich dazu bewegt, "von sich aus" zurückzutreten; als neuer Präsident wurde am vergangenen Freitag Mnangagwa vereidigt. (Anekdote am Rande: Einen Tag nach der Militärintervention in Simbabwe verkündete der langjährige Diktator Ugandas wohl ein Sozialprogramm für die Ärmsten seines Landes, inkl. höherer Sozialtransfers, Wohnungsbau etc.)

SADC, die Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrikas, die mein Projekt zu Fragen der Wirtschaftsintegration berät, hat in diesem Konflikt natürlich auch eine Rolle gespielt (außerhalb des thematischen Gebiets meines Projekts). Mugabe war einer der Gründungspräsidenten von SADC (und wohl der einzige Präsident, der seit Gründung von SADC noch im Amt war), er genoss auch aufgrund seines Alters eine hohe Anerkennung. Mugabe galt durchaus als einflussreich sowohl in SADC als auch auf Ebene der Afrikanischen Union (AU). In den SADC-Gipfelerklärungen klangen bis zuletzt Erklärungen zu den "imperialistischen Kolonisatoren" durch, die wohl auf ihn zurückzuführen waren. Die botswanische Außenministerin, die sich dieses Jahr um den Kommissionsvorsitz der AU bewarb und unterlag, sei, so heißt es, auch daran gescheitert, dass der botswanische Präsident als offener Kritiker Mugabes auftritt. Es versprach daher, interessant zu werden, wie sich SADC angesichts der Militärintervention positionieren würde. In der Phase des Militäraufmarschs reagierte SADC zunächst mit Appellen, dass Simbabwes Verfassung respektiert werden müsse, ebenso wie SADC- und AU-Verträge, die natürlich einen Putsch nicht zulassen. Es war wohl das, was gesagt werden musste. Sicherheits-Organe SADCs trafen sich, zu einer Reise einer SADC-Delegation nach Simbabwe kam es jedoch nicht mehr; bis dahin war schon klar, dass SADC Mugabe auch dazu bewegen wollte, zurückzutreten. In den sozialen Medien wurde SADC von Beginn an nicht viel zugetraut ("Wo warst Du, SADC, als die Leute in Simbabwe unter Mugabe verhungerten?") - aber das sind dann eben auch die sozialen Medien.
Noch ein Einschub zum (demokratisch gewählten) botswanischen Präsidenten Ian Khama: Der plant, nächstes Jahr vor Ablauf seiner zweiten Amtszeit zurückzutreten; es hieß bislang, dies solle auch ein Zeichen an Mugabe sein, dass man als Präsident nicht ewig im Amt bleiben müsse. Kein Wunder, dass Mugabe nicht gut auf Khama zu sprechen ist ... Einen Tag vor dem tatsächlichen Rücktritt Mugabes veröffentlichte der botswanische Präsident einen offenen Brief, in dem er Mugabe zum Rücktritt aufforderte. Und siehe da, nur einen Tag später trat Mugabe zurück - ein Zufall? Ich glaube nicht, dass sich Mugabe von Khama beeinflussen ließ, aber in den sozialen Medien wird dem botswanischen Präsidenten trotzdem gratuliert.
Zwei meiner Mitarbeiter kommen aus Simbabwe, für sie waren die Ereignisse natürlich von besonderer Bedeutung. Ihre Familien leben teilweise noch in Simbabwes Hauptstadt Harare und Umgebung. Es war für sie klar, dass Mugabe "weg muss", weil mit ihm eine wirtschaftliche und soziale Erneuerung des Landes nicht vorstellbar war. Ein Putsch durch die Armee war für sie jedoch kein wirklich adäquates Mittel; die Ängste überwogen zeitweise, weil man sich ja nicht sicher sein konnte, welche Ziele die Armee wirklich verfolgte. Der gerade abgesetzte Vizepräsident Mnangagwe, der sehr schnell als möglicher Nachfolger genannt wurde, hatte sich in den letzten Jahrzehnten als Mugabes Mann fürs Grobe, d.h. für "Säuberungen" etc., einen Namen gemacht - und ob Simbabwe mit ihm wirklich einer besseren Zukunft entgegenblickt, bezweifeln meine Mitarbeiter. Andererseits: Alles wird besser sein als Mugabe.
Der frisch vereidigte Mnangagwe hat mittlerweile in seiner Antrittsrede deutlich gemacht, dass er die umstrittenen Landreformen der frühen 2000er Jahre nicht rückgängig machen will - aber dass er diejenigen, die ihr Land aufgeben mussten, zu entschädigen plant. Er will einen Dialog mit der internationalen Gemeinschaft aufnehmen, Investitionen ins Land holen. Und die ohnehin für nächstes Jahr geplanten Wahlen sollen wohl stattfinden. Sind es einfach nur die Sätze, die ein abgesetzter Vizepräsident, der vom Militär unterstützt ins Präsidentenamt eines bitterarmen Landes gehoben wird, sagen muss - oder meint er es ernst? Das werden die nächsten Wochen zeigen. Viele Menschen in Simbabwe scheinen jedoch erst einmal hoffnungsvoll zu sein.