Die deutsche Botschaft hatte mich gebeten, die den Bundespräsidenten begleitende dreiköpfige Kulturdelegation während ihres Gaborone-Besuchs zu betreuen und außerdem ein kurzes Nachmittagsprogramm für sie zusammenzustellen. Die Kulturdelegation bestand aus der deutsch-südafrikanischen Schauspielerin Thandi Sebe, dem Regisseur und Produzenten Sönke Wortmann und Thomas Krüger, dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung. Mein Ansprechpartner von der Botschaft bat mich, den Besuchern das Thapong Center for Visual Arts zu zeigen. Danach sollte noch ein Gespräch mit botswanischen Kulturschaffenden im anliegenden Café stattfinden. Ich besprach die Details mit dem tiefenentspannten Center-Koordinator und fragte den Theaterleiter Gaborones, eine Schauspielerin und zwei Filmproduzenten an. Nach einigem Hin und Her lagen mir dann irgendwann alle vier Zusagen vor. Am Montag, zwei Tage vor dem eigentlichen Event, reservierte ich im Café einen Tisch für die Diskussion und hatte danach noch einmal einen Termin beim Center-Koordinator, dem ich meinen finalen Ablaufplan vorlegen wollte (an meine ehemaligen Kollegen: Ich hatte quasi die fertige Checkliste dabei!). Meine Vorbereitungen waren abgeschlossen - dachte ich. Beim Center-Koordinator hatten sich allerdings just an diesem Morgen drei Damen vom Ministerium für Jugend, Sport und Kultur gemeldet, die dann plötzlich auch alle zu unserem Termin auftauchten. Sie waren im Vorfeld mehrmals von der deutschen Botschaft kontaktiert worden, in der Hoffnung, dass auch vom botswanischen Ministerium noch ein Gesprächspartner zur Diskussion kommen könnte. Da die Botschaft aber nie eine Antwort erhalten hatte, hatten mein Ansprechpartner und ich daraus geschlossen, das kein Interesse bestünde. Das Ministerium hatte jedoch still und heimlich weitere Gäste zu MEINER Diskussion eingeladen, die inzwischen auch alle zugesagt hatten - zehn Leute, allein sieben davon weitere Filmregisseure! (Wer hätte gedacht, dass es in Botswana so viele Filmregisseure gibt?) Drei Deutsche und vierzehn Botswaner - würde (in der einen dafür vorgesehen Stunde) überhaupt ein richtiges Gespräch zustande kommen können? Die Ministeriumsdamen waren zwar betrübt über den "communication breakdown" (ein schöner Euphemismus dafür, dass sie nie auf Mails reagiert hatten), hatten aber sonst keine größeren Bedenken, sie interessierten sich vielmehr für meine Person und Funktion, die ich - schon aus Ermangelung einer Arbeitserlaubnis - möglichst runterspielte. Die größten Bedenken meines Center-Koordinators waren, ob die deutsche Botschaft wohl auch für 20 Leute Kaffee und Kuchen sponsorn würde. Er und ich diskutierten während der folgenden 48 Stunden noch mehrmals telefonisch und per WhatsApp, ob das Gespräch mit so vielen Leuten überhaupt noch im Café stattfinden könnte. Ich war nicht glücklich. Mein Ansprechpartner bei der Botschaft übrigens auch nicht, aber trotz seiner Versuche von offizieller Seite ließen sich die Ministeriumsgäste nicht mehr ausladen.
Tja, und dann war der Mittwoch da. Wie Philip bereits beschrieben hat, fuhren wir in einer Minibus- und Limousinen-Kolonne zum Flughafen. Die Kulturdelegation hatte einen eigenen Bus mit Fahrer, in den ich sie nach Landung und Nationalhymnen schnellstmöglich lotste. Meine drei Gäste wirkten bereits auf den ersten Blick sehr nett und umgänglich und waren es auch, obwohl ich sie gleich nach ihrer Ankunft schon enttäuschen musste: So ziemlich ihre erste Frage galt dem WLAN, das es in unserem Delegationsbus aber nicht gab. Beim Staatsbankett war immerhin welches empfangbar, einer meiner Gäste hatte jedoch kein Tischkärtchen (wodurch wir seinen Platz erst einmal nicht fanden) und vergaß später seine Brille, die ich aber noch schnell holen konnte. Noch vor dem Nachtisch verließen die Präsidenten und damit auch wir das Staatsbankett, kamen jedoch trotzdem eine halbe Stunde zu spät zum Thapong Visual Arts Centre - der Zeitplan war einfach viel zu eng (und vor den Präsidenten hatte natürlich auch niemand den Saal zu verlassen). Und so waren wir zu spät, während alle Diskussionsteilnehmer tatsächlich pünktlich vor Ort waren - in den Tagen vor der Veranstaltung hatte ich stets befürchtet, dass es umgekehrt sein würde. Wir wurden herzlich begrüßt, durch die Ausstellung geführt und ich staunte, dass das Center viel geschäftsmäßiger und lebendiger wirkte als sonst - der mir sonst unbeeindruckte und tiefenentspannte erscheinende Korrdinator hatte kurz vor dem Event offensichtlich mehr Ehrgeiz entwickelt, als ich es während unserer Gespräche für möglich gehalten hätte.
Auch das Café war bestens vorbereitet und exklusiv für uns geöffnet. Ich stellte fest, dass wir jetzt sogar 25 statt 20 Leute waren, ergab mich meinem Schicksal, zahlte im Vorfeld und gab auch noch stattliche 200 Pula Trinkgeld (ca. 16,- €) - eine lohnende Investition: Die Cafémitarbeiter waren wahnsinnig aufmerksam und sehr bemüht, alles zu meiner Zufriedenheit zu regeln. Wie auch mein Center-Koordinator, der mir vorschlug, dass er einen Moderator aussuchen könnte, der seine Sache - vom traditionellen Anfangsgebet bis hin zum Schlusswort - ganz großartig machte. Die drei Damen vom Ministerium waren nicht anwesend. Sie hatten zwar Kollegen geschickt, diese hielten sich jedoch angenehmerweise im Hintergrund, nachdem sie mich begrüßt hatten.
Wie schon beim Staatsbankett hatten sich Teile meiner Delegation auch hier erstmal das WLAN-Passwort von mir besorgen lassen, aber ihre Handynutzung mussten sie nun doch reduzieren, denn jetzt waren alle 22 Augenpaare auf die drei gerichtet. Nachdem Thandi Sebe als quasi-einheimische Schwester sehr lieb begrüßt wurde (obwohl sie noch nie in ihrem Leben in Botswana gewesen war), gingen die Fragen zu deutscher Filmförderung, Finanzierung etc. los. Es war weniger Dialog als mehr ein Hilfeersuchen an die deutschen Gäste, aber die kamen so immerhin mal richtig mit Land und Leuten in Kontakt und ließen sich zu meiner Begeisterung und Erleichterung auch komplett auf die Diskussion ein.
Da sie kaum zu Atem kamen, versorgte ich die drei nach pantomimischer Rücksprache mit Kaffee und Kuchen, schaute schließlich, ob unser Bus bereit stand, gab dem Center-Koordinator ein Zeichen, sprach ein paar Dankesworte, empfahl, auf Kosten der Botschaft das Kuchenbüffet weiter zu genießen, wurde von den botswanischen Diskussionsteilnehmern gebeten, für den nächsten Kulturdelegationsbesuch doch besser zwei Tage als nur eineinhalb Stunden einzuplanen ... und dann verschwanden wir schon wieder. Diesmal ging es zum Hotel, wo meine Delegationsmitglieder eincheckten und ich einmal tief durchatmete und realisierte: Es hatte alles geklappt!
Meine Kulturdelegation und ich blieben auch während des restlichen Staatsbesuchs noch zusammen, es gab jedoch kein weiteres Extraprogramm. An diesem Nachmittag brausten wir noch mit der gesamten Kolonne, Polizei und Blaulicht durch die Gaboroner Rush Hour (wobei unser Minibus der letzte war, der - mit ca. 90 Sachen innerstädtisch - noch mit der restlichen Kolonne mithielt; Wi1 und Wi2 - die Busse der Wirtschaftsdelegation, in einem davon saß Philip - hängten wir gnadenlos ab). Die am Delegationsabend in Mokolodi spielende Marimba-Band begeisterte einen meiner Gäste so sehr, dass ich den Bandleader ansprach und für den nächsten Morgen noch zwei CDs ins Hotel organisieren konnte. Ich bekam zwei Kino-Freikarten, die ich hoffentlich bei unserem Weihnachtsurlaub in Deutschland noch einlösen kann und auch sonst lief alles prima. Einen kleinen Nervenkitzel gab es noch, als der Shuttle für Thandi Sebe nicht wie erwartet bereitstand - sie flog nicht mit der Regierungsmaschine nach Berlin, sondern zwei Stunden später zurück nach Südafrika - aber auch das ließ sich noch so schnell lösen, dass ich in letzter Sekunde zu meiner verbleibenden Delegation in den Bus hüpfen konnte, bevor es zum Flughafen ging. 24 Stunden, die extrem schnell vorbeigingen - am Abend danach war ich um 20 Uhr im Bett. Aber im Nachhinein kann ich sagen: Dieses Erlebnis war jeglichen Stress im Vorfeld wert. Wie cool, dass ich dabei sein dürfte!




















