Sonntag, 18. März 2018

Aflateen, oder: Money, money, money

Nächsten Dienstag ist schon mein siebter "Aflateen"-Unterricht in diesem Jahr. Nach dem Auswahlverfahren im Januar konnten wir, die wir die Gespräche geführt hatten, uns doch schneller auf die neuen Kandidaten für das diesjährige "Leadership-Programm" festlegen, als ich es erwartet hatte. Die Jugendlichen / jungen Erwachsenen, die beim Baylor-Klinikum wegen HIV in Behandlung sind, waren eh gesetzt - schließlich finanziert Baylor das Programm mit. Als nächstes wählten wir die Kandidaten aus, bei denen wir Potential sahen und gleichzeitig die Notwendigkeit einer Förderung. Ein Mädchen, das ich interviewt hatte, ging zum Beispiel seit zwei Jahren nicht mehr zur Schule, hatte aber auch keinen Job. Die Familie war ganz zufrieden, dass sie sich im Haushalt nützlich machte und die kleineren Brüder versorgte, aber das reichte ihr nicht, und so verkaufte sie jeden Morgen selbstgeschmierte Sandwiches vor Bürogebäuden. Sie will gerne Köchin werden und irgendwann ein eigenes Restaurant / einen eigenen Catering-Service leiten. Für Leute wie sie ist das Programm wie gemacht - sie erhält bei uns hoffentlich Impulse, die ihr helfen werden, ihren Weg zu gehen.
Nicht jeder der Kandidaten hatte bereits Ansätze für eine Geschäftsidee, aber wir wählten auch diejenigen aus, die ohne das Programm vermutlich nur weiter zu Hause sitzen würden. Wohnten die Bewerber jedoch weiter weg und hatten sich noch keine Gedanken gemacht, wie sie die Teilnahme am Unterricht logistisch meistern würden, sagten wir ihnen ab. Genau wie denjenigen, die wortgewandt und zielstrebig waren und gerade auf ihren Studienbeginn warteten. Eigentlich wären sie die Kandidaten, die man in einem "Leadership-Programm" am ehesten vermuten würde, aber auf der anderen Seite werden sie ihren Weg vermutlich auch ohne unsere Hilfe gehen. Außerdem wäre die Gruppe enorm heterogen geworden, wenn wir diese Kandidaten mit den Baylor-Patienten gemischt hätte, die meistens aus den ärmeren und auch ungebildeteren Schichten kommen, früh die Schule abgebrochen haben und eigentlich schon jetzt kaum eine Perspektive für sich sehen.

Am Dienstag der ersten Februarwoche startete das "Leadership-Programm" für die 37 neuen Schüler. Montags ist kein Unterricht, und so begann die Hälfte der Schüler gleich bei mir in Aflateen, während die andere Hälfte im IT-Unterricht einen Einstufungstest machte. Nach der Pause wurde getauscht. Am Vortag hatte mich noch der Programmleiter informiert, dass eigentlich jedes Unterrichtsfach mit einem vorgegeben Einstufungstest begänne, nur für mein Fach sei dieser momentan unauffindbar. Ich bereitete also den Dienstag ganz normal vor, was auch gut war, denn der Test war und blieb verschwunden.

Mittlerweile hatten wir schon sechs Unterrichtseinheiten. Die Schüler, die in der ersten Stunde noch ganz ehrfürchtig, aufmerksam und brav zuhörten, zücken inzwischen wieder ihre Handys, wenn sie glauben, dass ich es nicht merke. Eine Neuerung ist, dass dieses Jahr vor jedem Unterrichtstag gebetet wird - während der Orientierungstage (die ich wegen unseres Kurzurlaubs in Kapstadt verpasst hatte) hatte wohl eine religiöse Schülerin darum gebeten und nun betet immer ein anderer Schüler vor dem Unterricht. Gebetet wird fast immer in Setswana. Vorletzte Woche hat eine Schülerin auch mal ein Lied angestimmt, in das alle einfielen. Auch wenn ich kein Wort verstand, war das auch für mich bewegend.
Mit etwas Druck konnte ich Thato, der den parallel laufenden IT-Unterricht macht, überzeugen, dass wir unsere Pause gleichzeitig machen sollten - ich fange schließlich mit denen an, die nach der Pause bei ihm sind und umgekehrt. Überdies scheinen mir die Pausenzeiten besser eingehalten zu werden, wenn sie einheitlich sind.
Nach ein paar Einführungsstunden ("Who am I?", "Knowing my rights", "Can and able - our different abilities") sind wir seit der vierten Stunde bei einem Thema angelangt, das langsam zum Kern des Unterrichts vorstößt: Geld. Vor zwei Wochen versuchten wir herauszufinden, wie wichtig Geld ist. In Gruppenarbeit sollten die Schüler je drei Dinge definieren, die für sie wichtiger und unwichtiger wären. Die lustigste Diskussion kam auf, als eine Gruppe Sex als unwichtiger als Geld definierte. Mehrere Schüler widersprachen, insbesondere mit Blick auf den Fortpflanzungsaspekt. Als ein Mädchen wutentbrannt rief, dass Sex fürs Überleben der Menschheit nicht nötig sei, schließlich wäre die heilige Jungfrau Maria auch ohne Geschlechtsverkehr schwanger geworden, griff ich schließlich ein und wies darauf hin, dass Maria ja nun aber doch seit mehr als 2000 Jahren das einzige bekannte Beispiel für jungfräuliche Geburt sei. Ein Glück, dass niemand an künstliche Befruchtung dachte, sonst wäre die Diskussion noch weiter ausgeufert.

Letzte Woche ging es um das Thema Geld sparen. Nachdem einige Schüler des letzten Kurses in ihren Abschlusspräsentationen verkündet hatten, ihr Aha-Erlebnis wäre die Erkenntnis gewesen, dass man mehr Geld für größere Ausgaben hätte, wenn man regelmäßig etwas zurücklegen würde, habe ich den Fokus auf die Aufstellung eines Sparplans gelegt, bevor wir nächste Woche mit "verantwortungsvollem Geldausgeben" fortfahren. Bei den Geldthemen ist mir die Aufmerksamkeit meiner Schüler sicher. Was sie aber mindestens genauso interessiert, sind die Gruppenfotos, die ich nach der allerersten Stunde von ihnen gemacht habe. Eigentlich habe ich sie für mich aufgenommen, sie auf Pappe geklebt und nach und nach die Namen zu den Gesichtern aufgeschrieben, in der Hoffnung, sie so irgendwann zu lernen. Wie auch letztes Jahr gibt es einige englische Namen, die ich mir gut merken kann: Precious, Queen und Primrose sind kein Problem und auch Sarah, Emmanuel und Allen hatte ich schnell im Kopf. Schwieriger ist es bei Boitumelo, Obakeng und Kgomotso - und mein deutscher Akzent macht es nicht besser. Die Schüler finden die Fotos allerdings viel interessanter als meine Versuche, ihre Namen zu lernen. Vor zwei Wochen sprach mich der erste an und bat um einen Abzug der Fotos. Ich sagte ihm, dass ich ja jedem einen Abzug mitbringen müsste, wenn ich ihm einen mitbrächte. Er widersprach, das wäre nicht nötig, ein Bild für ihn würde völlig reichen. Letzte Woche erkundigte ich mich dann, ob ich als Ostergeschenk für alle ein Foto ihres Kurses abziehen lassen soll - riesige Begeisterung. Manchmal kommen mir die Schüler doch jünger vor, als sie ihren Jahren und auch Erfahrungen nach sind. Mal schauen, was sie am Dienstag zum Thema Geldausgeben zu berichten haben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen