Dienstag, 3. Juli 2018

Im Archiv

Bereits letztes Jahr war ich von GIZ-Seite für einen Minijob engagiert worden: Im September 2017 habe ich den firmeninternen Mietspiegel für Gaborone aktualisiert und neu organisiert. Meine Version wird inzwischen sogar von der Deutschen Botschaft hier verwendet - ein schöner Erfolg. Und so reagierte ich ganz aufgeschlossen, als mir ein neuer Minijob angeboten wurde: Das Sortieren des hiesigen Firmenarchivs, das gleichzeitig zu großen Teilen für den Versand nach Deutschland vorbereitet werden soll.
Als ich zusagte, war ich noch mit den Vorbereitungen des Kunsthandwerksmarkts beschäftigt und ständig mit irgendwelchen Leuten in Kontakt, die Stände buchen wollten. Eine einsame Beschäftigung mit Akten - und ohne Menschen - kam mir damals ganz reizvoll vor. Ich habe außerdem die Bedingung gestellt, nicht im Archiv selbst arbeiten zu müssen - das sogenannte Archiv ist nämlich ein schlauchartiger Raum mit Schummerlicht in der Tiefgarage, der neben Akten u.a. mit kaputten Möbeln, leeren Tonerpatronen und verstaubter Weihnachtsdeko vollgerümpelt ist. Statt mich dorthin zu setzen, darf ich den Konferenzraum in Beschlag nehmen (sofern keine Meetings anberaumt sind) und zwei der GIZ-Fahrer tragen mir die Kartons mit den Akten nach Wunsch aus dem Archiv in den Konferenzraum und wieder zurück. Die Rezeptionistin ist gebeten worden, mir behilflich zu sein und druckt und schneidet die neuen Aktenlabel aus, die ich ihr maile. Es läuft alles ganz gut - nur leider langsamer als gedacht. Meine Aufgabe besteht darin, jeden einzelnen Ordner zu sichten und ihm ein neues Etikett zu verpassen, sofern das alte ungenügend ist. Die Akten sollen nämlich ins GIZ-Zentralarchiv nach Eschborn geschickt werden. Die Mitarbeiter des Zentralarchivs scheinen zum Teil ungute Erfahrungen mit ihren Auslandskollegen gemacht zu haben, sie haben unter anderem einen Imagefilm gedreht, in dem genaustens erklärt wird, welche "Do's and Don'ts" bei Aktenvorbereitung und -versand zu beachten sind. Und sie wollen vorab Fotos der Akten, die ihnen geschickt werden sollen. Unter anderem wird kontrolliert, dass das Land, aus dem die Akten kommen auf dem jeweiligen Ordnerlabel vermerkt ist. Wenn man bedenkt, in wie vielen Ländern die GIZ tätig ist, ist das auch sehr sinnvoll. Andererseits kann man auch nachvollziehen, dass die GIZ-Mitarbeiter in Botswana offensichtlich keinen Drang verspüren, "Botswana" auf ihre Ordner zu schreiben - ihnen ist ja klar, dass sie hier sind. Was das bedeutet: Bisher war auf genau sechs Ordnern das Land vermerkt. Auf den übrigen ca. 250 dagegen nicht. Daher muss ich so gut wie sämtliche Labels neu schreiben. Einige kann ich einfach abtippen und "Botswana" ergänzen, auf anderen fehlen aber noch mehr der erforderlichen Informationen. Einige Ordner müssen außerdem umsortiert werden, weil sie Informationen zu mehr als einem Projekt beinhalten. Kurz: Das Ganze ist zeitaufwändig.

Geplant war eigentlich, dass ich im Laufe des Junis um die fünf komplette Arbeitstage ins Archiv stecken würde und dann alles fertig wäre. Inzwischen bin ich bei bald neun Tagen (was in der Realität bedeutet, das ich ungefähr 18 halbe Tage da war), der Juni ist rum und versandfertig ist noch gar nichts. Mein Vertrag wurde daher kurzerhand bis Ende Juli verlängert. Außerdem machte man mir ein Angebot, das ich angesichts der Lage im Archiv nicht wirklich ablehnen konnte: Eine Schülerpraktikantin. Jasmine ist die Tochter eines Deutschen und einer Motswana. Sie ist in Gaborone aufgewachsen und wird ab September ein Freiwilliges Soziales Jahr in Deutschland beginnen. Ihr Vater hat den Wunsch, dass sie bis dahin mehr deutsch spricht und hatte kurzerhand die Idee, sie bei der GIZ unterzubringen, wo sich jemand dachte "Walli spricht deutsch und braucht Hilfe - win-win!". So sehr "win-win" ist es allerdings doch nicht, denn Jasmine versteht auf Deutsch vieles nicht und antwortet mir meist auf Englisch, und wenn ich sichergehen will, dass sie mich versteht, spreche ich auch englisch und so unterhalten wir uns nur selten auf Deutsch. Labels zu beschriften ist außerdem nicht ihre Stärke - sie scheint eine Rechtschreibschwäche zu haben. Vergangene Woche war ich trotzdem sehr froh, dass ich sie habe, denn da haben wir das Kellerarchiv systematisch auf den Kopf gestellt, um auch den letzten zu beschriftenden Ordner in den dunklen Ecken zu finden. Im Gegensatz zu mir hatte Jasmine an diesen Bergungsarbeiten sogar Spaß und zu zweit ging es wesentlich schneller. Das gemeinsame Sichten von verschimmelten Akten schweißt außerdem zusammen - wir haben Ordner gefunden, deren braun-schwarze Pilzkulturen es eventuell in den nächsten Imagefilm des Zentralarchivs schaffen könnten, Rubrik "Don't".


Auch im Umgang mit Kakerlaken ist Jasmine deutlich beherzter als ich und als sie mich von einer angeschimmelten Kiste zurückhielt und mich - auf Deutsch! - fragte "Bist Du sicher, dass Du es anfassen willst?" war ich fast gerührt. Nun sind wir bereits dabei, die Ordner fürs Zentralarchiv in Eschborn zu fotografieren. Da das Licht im Archiv nicht besonders gut ist, beleuchtet Jasmin die Ordner mit meiner Stirnlampe, während ich mit dem Handy Fotos mache. Außerdem schreiben wir Packlisten und hoffen, Ende dieser Woche fertigzuwerden.  Ich kann das allerdings noch nicht so recht glauben. Letzte Woche stolperten gleich mehrere GIZ-Mitarbeiter zu uns in den Konferenzraum und fragten, wann wir in ihre Abteilung kämen, sie hätten auch noch soooo viele Aktenordner. Diese sollen sie aber eigentlich selbst beschriften und für den Versand vorbereiten, ich bin nur für die Altlasten im Archiv zuständig. Und werde mit diesen hoffentlich fertig, bevor jemand auf die Idee kommt, noch heimlich etwas dazuzustellen ...

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