Ein Freund von uns beschrieb mich neulich als Wunderwaffe. Einer der Gründe dafür war mein neuester Minijob für die GIZ: Nachdem ich innerhalb der letzten eineinhalb Jahre den unternehmensinternen Mietspiegel aktualisiert und das Firmenarchiv geordnet habe, übersetze ich gerade ein für die Öffentlichkeitsarbeit bestimmtes, mehrseitiges Dokument vom Englischen ins Deutsche. Wie die übrigen Aufgaben fällt es unter die Kategorie "einer muss es machen, aber niemand hat Zeit" und wie so oft, wenn ich gefragt werde, habe ich einfach mal ja gesagt. Deutsch beherrsche ich schließlich ziemlich gut.
Im Zuge der Übersetzung habe ich einiges gelernt - vor allem, mich in Demut zu üben. Ich habe mal mit einer Halbfranzösin zusammengewohnt, die freiberuflich als Übersetzerin arbeitete. Das Online-Wörterbuch Leo war dabei ihr ständiger Begleiter, was ich als Laie insgeheim nicht so recht verstand: Sie war zweisprachig aufgewachsen, ihr Deutsch war annähernd perfekt - und ihr Französisch vermutlich noch besser, das konnte ich nur nicht so gut beurteilen. Wieso musste sie nur so viel nachschlagen? Zehn Jahre später leiste ich innerlich Abbitte, ich habe nämlich in den letzten Tagen auch dauernd alles nachgeschlagen, obwohl mir die meisten Wörter bekannt waren. Aber dann machte ihre mir geläufige Bedeutung im jeweiligen Syntax / Kontext etc. plötzlich keinen rechten Sinn mehr und dann begann die große Recherche ...
Als ersten Übersetzungsauftrag gleich einen Fachtext anzunehmen, war allerdings auch ziemlich ambitioniert. Einige unternehmensinterne Begrifflichkeiten sind mir schlicht unbekannt. Zum Glück konnte ich abends immer einen Fachmann konsultieren: Philip las meine Übersetzung gegen, brachte die Fachbegriffe unter, die ich eher umschrieben hatte und glättete sprachlich. Tatsächlich begann er irgendwann, auch noch den englischen Originaltext weiterzuverbessern. Und ich bekam mehr und mehr den Eindruck, dass niemand mehr ernsthaft glaube könnte, dass ich die Übersetzung ganz allein gemacht hätte - das jetzige Ergebnis trägt die klare Handschrift eines GIZ-Insiders, ich hätte es niemals so anfertigen können. Gestern fühlte ich mich unvermittelt an ein Erlebnis aus meiner Grundschulzeit erinnert: Im Fach "Textil" (das hieß meiner Erinnerung nach damals wirklich so) lernten wir häkeln und häkelten schließlich eine Raupe - bzw. vermutlich eher ein Rechteck, was dann zusammengenäht, ausgestopft und mit Knopfaugen versehen wurde. Ich war keine besonders begabte Häklerin und ziemlich langsam, aber die meisten von uns häkelten langsam und so hatten wir die Aufgabe, die Raupe zu Hause fertigzustellen. Ich erinnere mich noch, wie meine Klassenlehrerin, die ich sehr gerne mochte, die fertigen Raupen in der Schule begutachtete. Sie guckte mir in die Augen und fragte mich, ob mir meine Mutter sehr viel geholfen hätte und in dem Moment schaute ich mir die Raupe erstmals genauer an und musste objektiv anerkennen, dass der Unterschied zwischen meinen paar schiefen Maschen und den vielen gleichmäßigen meiner Mutter schon ziemlich offensichtlich war. Ich kann mich nicht erinnern, dass das irgendwelche Konsequenzen gehabt hätte, aber gemerkt habe ich mir das Ganze dennoch. Und so fiel es mir wieder ein, als Philip meine Übersetzung verbesserte. Ich nehme an, seine Kollegin, für die ich die Übersetzung vornehme, wird kein Problem damit haben, dass ich Hilfe hatte, im Gegenteil. Dennoch bleibt ein etwas unbefriedigendes Gefühl zurück. Merke: Häkeln und Übersetzen ist beides schwieriger, als man vielleicht auf den ersten Blick glaubt!
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