Letztes Jahr habe ich angefangen, im Rahmen eines "Leadership Programmes" zu unterrichten. Angeboten wird es als Zusammenarbeit der NGO Stepping Stones International mit dem Gaboroner Baylor-Klinikum, das HIV-infizierte Kinder und Jugendliche behandelt. Ich bin im letzten Frühjahr eingestiegen und hatte auch hier schon einmal über meine Erfahrungen berichtet. Unterrichtet wurde bis Ende September, im Oktober hielten die Schüler noch Referate, im November machten sie eine Art Klassenfahrt und im Dezember war ich schließlich bei der Graduation-Feier, auf der der 2017er Jahrgang ausgezeichnet und verabschiedet wurde.
Im Februar startet nun die diesjährige Klasse und ich freue mich, diesmal ganz von Anfang an dabei zu sein und die Schüler ab Programmstart kennenzulernen. Tatsächlich habe ich diese Woche schon mit dem Kennenlernen begonnen - von Mittwoch bis Freitag liefen Bewerbungsgespräche. Für das 2018er Programm haben sich über 60 Jugendliche und junge Erwachsene beworben, es können aber nur ca. 35 aufgenommen werden. Um eine Auswahl treffen zu können, werden mit den Bewerbern Interviews geführt.
Und so verbrachte ich die letzten beiden Vormittage mit einem Stapel fünfseitiger Fragebögen im klimatisierten Computerraum der NGO und interviewte insgesamt zehn der Bewerber - neun junge Frauen und einen jungen Mann, denn es haben sich insgesamt viel mehr Mädchen als Jungs beworben. Alle bat ich, mir erst einmal etwas über sich zu erzählen, über ihre Hobbies und ihre Familien. Ich versuchte, ihrer Motivation auf den Grund gehen, erkundigte mich nach Herausforderungen, die sie in ihrem Leben bereits gemeistert hatten, nach Leistungen, die sie mit Stolz erfüllten, nach langfristigen Zielen, Stärken und Schwächen.
Die Voraussetzungen, um in das Programm aufgenommen zu werden, sind überschaubar: Die zukünftigen Teilnehmer sollen zwischen 16 und 25 Jahren alt sein. Sie sollen keine Schule mehr besuchen und keiner geregelten Arbeit nachgehen. Als höchsten Abschluss dürfen sie maximal Abi haben - das "Leadership Programme" soll jungen Menschen, die es sonst schwer haben, Perspektiven eröffnen.
Viele der Bewerber warteten gerade auf ihre "Form 5" Ergebnisse. "Form 5" ist die Klasse, die man besucht, bevor man Abitur macht. Die Endprüfungen der "Form 5" waren im November, die Ergebnisse sind im Februar zu erwarten. Die Abiturklasse beginnt aber erst im August oder später - bis dahin haben die Schüler quasi nichts zu tun. Leicht fassungslos befragte ich gestern meinen botswanischen Kollegen Thato nach dem Sinn dieser Zwangspause, er lachte und sagte mir, Botswana wäre eben crazy; zwischen Abi und Studenbeginn läge noch einmal ähnlich viel Zeit, in der die zukünftigen Studenten nur rumsäßen.
Zwei dieser zwangspausierenden Schülerinnen saßen mir in Bewerbungsgesprächen gegenüber und wollten gerne am "Leadership Programme" teilnehmen, um die Zeit sinnvoll zu überbrücken. Sie konnten sich gut ausdrücken, antworteten reflektiert und wirkten zielstrebig; die eine wollte später Geologie und/oder Forensik studieren. Sie berichteten mir von Erfolgen als Klassensprecherin und beim Sport, waren selbstbewusst und höflich.
Dann waren da diejenigen, die die "Form 5"-Prüfung vor einem, zwei oder drei Jahren nicht bestanden hatten und seitdem nicht mehr in die Schule gingen. Einige von ihnen hatten hier und da schon etwas gearbeitet - als Verkäuferin in einem Handyladen oder an einem Straßenstand. Die meisten wohnten bei ihren Eltern, Müttern oder anderen Verwandten - eine bereits mit ihrer zweijährigen Tochter. Ein Mädchen erzählte mir, dass ihre Eltern immer wollten, dass sie zu Hause kocht und putzt, seit sie nicht mehr zur Schule geht. Sie würde auch sehr gerne kochen (und plane, später einmal Köchin zu werden), wollte aber trotzdem nicht nur zu Hause sein. Daher hatte sie eine eigene kleine Geschäftsidee verwirklicht: Unter der Woche stand sie jeden Morgen um 5 Uhr auf. Bis 7 Uhr schmierte sie dann belegte Brote (um die 24 Stück) und verkaufte sie bis 8:30 Uhr auf der Straße und in Büros. Sie ist die Kandidatin, die ich auf jeden Fall im Programm unterbringen will: Da ihre Bewerbungen keinen Erfolg hatten, hat sie eigeninitiativ etwas auf die Beine gestellt, was in alle Richtungen ausbaufähig ist - und was sie vielleicht tatsächlich ausbauen kann und wird, wenn wir ihr das richtige Wissen mitgeben.
Und dann sind da heute noch zwei Mädels gewesen, die die Prüfung nach "Form 3" nicht gepackt haben und seitdem nicht mehr zur Schule gehen. Das ist noch nicht mal mit dem Hauptschulabschluss vergleichbar, denn es ist kein Abschluss. Eine war erst 16 Jahre alt. Ihre Mutter hat Aids, einen Vater scheint es schon lange nicht mehr zu geben und ihre Oma ernährt die Familie als Schneiderin, mehr schlecht als recht. Das Mädchen hatte ewiglange Extensions, eine kunstvoll zerissenene Jeans, eine Bomberjacke und einen großen Lolli, den sie vor unserem Gespräch umständlich wieder in sein Papier wickelte. Sie redete ziemlich schnodderig und hatte keine Ahnung von unserem "Leadership Programme". Als ich mich nach dem Grund für ihre Bewerbung erkundigte, antwortete sie: "I'm tired of doing nothing". Mit einer Rückkehr an die Schule (für die man wohl den Test nachträglich bestehen muss) würde es nicht klappen, sie hätte mal an einem Straßenstand gejobbt, aber der war weit weg von zu Hause gewesen und sie wollte in der Nähe ihrer kranken Mutter sein. Nach ihrem Traumjob gefragt sagte sie, seit sie klein war, wollte sie am liebsten Ärtztin werden. Stolz mache sie, wenn sie ihrer Mutter und ihrem Bruder helfen könne. Wir unterhielten uns über ihre traurigen Lebensumstände, als seien sie das Normalste der Welt, was sie für sie ja auch tatsächlich waren. Ich brach erst zwei Stunden später beim Mittagessen mit Philip in Tränen aus. Es ist eine Sache, zu wissen, dass viele Kinder und Jugendliche in diesem Land mit HIV-positiven oder aidskranken Eltern aufwachsen (falls die Eltern überhaupt noch leben). Mit einem betroffenen Teenager darüber zu reden, ist eine ganz andere Hausnummer.
Wie unterschiedlich die Gespräche waren, die ich in den letzten beiden Tagen geführt habe, zeigt vielleicht die Frage nach den "Challenges" am besten. Meine Kandidatinnen sollten mir von einer Herausforderung in ihrem Leben und ihrem Umgang damit erzählen. Da war die 18-Jährige, die schon vorher betont hatte, dass sie Christin wäre. Sie sagte mir, als Christin stünde sie durch die christlichen Gebote immer wieder vor großen Herausforderungen, aber ihre Gemeinde würde ihr helfen. Eine 23-jährige erzählte mir, sie hätte sich eigentlich noch keinen Herausforderungen gegenüber gesehen. Eine andere junge Frau berichtete, wie schwierig es für ihre Familie gewesen ist, als der Vater sie verlassen hätte. Die nächste erzählte vom neuen Mann der Mutter, der kein Geld für die Schuluniform der Stieftochter ausgeben wollte.
In der nächsten Woche werden meine Kollegen und ich uns zusammensetzen und auswählen, wer in das diesjährige "Leadership Programme" aufgenommen wird. Nach diesen vielen unterschiedlichen Begegnungen kommt mir die Auswahl noch schwieriger vor als vorher. Ich habe junge Frauen getroffen, die vom Programm profitieren würden und andere, von denen das Programm profitieren würde. Und ich habe mit Mädchen gesprochen, bei denen ich mir nicht sicher bin, wie gut sie dem Unterricht überhaupt folgen könnten, die aber dringend irgendeine Perspektive im Leben brauchen. Einen Unterricht abzuhalten, von dem alle drei Gruppen profitieren würden, scheint fast unmöglich. Aber wem sollten wir absagen?


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