Freitag, 8. Juli 2016

Morgens, halbzehn in Botswana

Bevor ich nach Botswana kam, fand ich den Gedanken, dass wir Haus"angestellte", "-hilfen", wie auch immer haben würden, sehr seltsam. (Wie man merkt, tue ich mich auch nach wie vor mit dem Wording schwer.) Es kam mir irgendwie so kolonial vor. Es ist hier aber üblich, das wohlhabendere Menschen (zu denen wir als Ausländer per se gehören), Personal haben. Unsere Maid Brenda ist Mitte Mai zu unserem großen Entsetzen verstorben und wir haben bislang niemand Neues eingestellt. In einem zwei Personen-Haushalt ist eine Putzfrau nun auch nicht so unbedingt nötig, wobei wir uns trotzdem umhören. Ab und an klingeln auch junge Frauen und fragen, ob wir eine Maid bräuchten, aber uns wäre es lieber, jemanden auf Empfehlung einzustellen.

Unser Gärtner Sam kommt nach wie vor regelmäßig zweimal pro Woche. Nach meinem ersten Monat hier hatte ich schon geschrieben, dass er mir gar nicht so sehr als unser Angestellter vorkommt, weil wir ihm seltenst sagen, was er hier tun soll - er kennt den Garten ja schon viel länger und besser als wir. Seit einigen Wochen trägt außerdem die Käsebrot-Tradition dazu bei, dass sich alle kolonialen Gefühle bei mir gelegt haben. Ich habe "Jenseits von Afrika" nie ganz gesehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Meryl Streep ihren kenianischen Arbeitern regelmäßig Brote geschmiert hat ...

Nach meinen ersten zwei, drei Wochen stand Sam in der offenen Terrassentür und erzählte mir, dass er Diabetiker sei. Aus irgendwelchen Gründen hatte er an dem Morgen nicht gefrühstückt und fühlte sich nun gar nicht gut. Ob er einen Tee bekommen könnte und etwas zu essen. Ich war erschrocken und überlegte, was wir da hatten - was sollte ein Diabetiker denn in diesem Fall essen? Obst? Brot? Brot mit Käse? Letzteres sagte Sam zu und ich habe mich sehr beeilt, den gewünschten Roibuschtee aufzubrühen und ein Brot zu schmieren. Danach schrieb ich erstmal einer Freundin, die sich mit Diabetes auskannte und ließ mich informieren, was man Diabeteskranken bei Unterzuckerung am besten vorsetzt - ich war ziemlich ahnungslos.
Sam ging es nach dem Essen schon wieder besser. Als er das nächste Mal kam und ich ihm morgens hallo sagte, bot ich an, ihm wieder einen Tee zu machen, was er gerne annahm - so gegen halbzehn wäre super. Da es hier auf den Winter zuging, wiederholte ich das Angebot beim darauffolgenden Mal wieder. Tee gegen halbzehn war erneut sehr willkommen - aber ob er nicht auch ein Käsebrot bekommen könnte? Diesmal war es offensichtlich kein Notfall, da es bis halbzehn warten konnte. Aber es sprach natürlich nichts dagegen.

Tja und seitdem haben wir eine Tradition. Ich mache gegen halbzehn die Terassentüren auf, begrüße Sam, wir smalltalken über unser Befinden und das Wetter, ich biete ihm Tee an, er sagt zu und dann gehe ich in die Küche, brühe den Tee auf und schmiere außerdem Käsebrote. Wenn unser Gartentisch nicht schon in der Sonne stehen sollte, rückt er ihn dahin und ich decke ihn dann und räume ihn eine halbe Stunde später ab. Inzwischen plane ich Sam beim Brotbacken und Käsekauf automatisch ein. Einmal hatte ich vergessen, Brot zu backen und konnte ihm nur Knäckebrot anbieten, das hat er aber auch gegessen. Und so haben wir beide montags und donnerstags unsere kleine Tradition - morgens, halbzehn in Botswana.

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