Gibt es eigentlich noch „Die Gewissensfrage“ im Süddeutsche Zeitung Magazin? Seit wir im Ausland leben, kriege ich es leider nur noch äußerst selten in die Hand. Die Rubrik „Die Gewissensfrage“ habe ich immer gerne gelesen: Dr. Dr. Rainer Erlinger beantwortet dort Fragen nach dem moralisch richtigen Verhalten in bestimmten Situationen. Ich musste schon mehrmals feststellen, dass die moralische Lösung eines Problems nicht immer die ist, die mir am Gerechtesten, Praktikabelsten und Realistischsten erschien, aber das macht das Ganze ja nur interessanter.
Philip und ich haben gestern auch über eine Frage diskutiert. Um die Moral unseres Handelns ging es uns dabei weniger, dennoch überlegte ich, was eigentlich moralisch richtig wäre, nachdem wir uns so uneinig waren. Aber der Reihe nach.
Ich habe Philip gestern zum Flughafen gebracht, er flog auf Dienstreise nach Deutschland. Als ich nach Hause kam, funktionierte unser WLAN nicht. Das kam in letzter Zeit leider häufiger vor und löste sich meist von selbst, aber diesmal beschlich mich eine dunkle Vorahnung, die vermutlich damit zusammenhing, dass bei einer früheren Dienstreise von Philip mal der Strom ausfiel und ich einen halben Tag brauchte, um zu realisieren, dass es kein allgemeines Problem war, das sich von selbst lösen würde … wie dem auch sei: Nach meinen Erfahrungen schien es im Bereich des Möglichen, dass alles zusammenbrach, sobald Philip weg war. Murphy’s Law oder so. Ich beschloss, nicht abzuwarten, sondern unseren Internetprovider anzurufen. Dieser teilte mir dann mit, dass man uns vom Netz genommen hätte wegen nicht gezahlter Rechnungen. Huch!
Ich kenne dieses Land inzwischen ganz gut und Philip – der sich um die Bezahlung unseres Internetanschlusses kümmert – kenne ich natürlich noch um einiges besser. Also wurde ich ungehalten, rief, dass das ja wohl nicht wahr sein könne, dass es keinerlei Vorwarnung gegeben hätte und dass der einzig denkbare Grund, dass mein Mann die Rechnung nicht bezahlt hätte, der sein könnte, dass er gar keine erhalten hätte.
Der mit Botswana nicht vertraute Leser mag sich jetzt wundern, wie ich letzteres aus dem Stehgreif einfach mal behaupten konnte, aber wie gesagt: Das liegt daran, dass ich inzwischen über eine gewisse Erfahrung verfüge. Ich fahre zum Beispiel jeden Monat einmal ins Büro der Sicherheitsfirma, die für unser Alarmsystem zuständig ist. In der Regel mache ich das, nachdem sie Philip eine Rechnung gemailt haben und bezahle diese dann vor Ort. Die Rechnung kommt meistens, aber nicht immer. Mailen sie uns keine Rechnung, fahre ich hin und biete an, die monatlichen Kosten zu zahlen, wenn sie mir im Gegenzug die Rechnung ausdrucken. Das klappt ganz gut.
Einmal im Monat wird hier der Wasserzähler abgelesen. Die Water Utilities Corporation schafft es jedoch bekannterweise generell nicht, Rechnungen an ihre Kunden zu versenden. Für den Kunden ergeben sich daher zwei Möglichkeiten: Entweder man fährt immer mal wieder in deren Büro vorbei und erkundigt sich, was man denn bezahlen könnte, oder man bekommt irgendwann die Nachricht, dass einem das Wasser abgestellt wird, weil man nie vorbeigekommen ist, um zu bezahlen.
Dass unser Internetprovider uns gar keine Rechnung geschickt hatte, lag also im Bereich des Wahrscheinlichen. Der Mitarbeiter, der mit mir sprach, schien das genauso zu sehen (wobei es ihn nicht weiter bekümmerte). Er wies einen Kollegen an, die ausstehenden Rechnungen an Philip zu mailen.
Dass dieser Kollege Philip kommentarlos Rechnungen schicken wollte, dabei aber vergaß, diese anzuhängen, spielt eigentlich keine Rolle, verstärkte den Eindruck kompletter Inkompetenz jedoch noch. Das Problem blieb allerdings: Kein Internet. Ich kontaktierte Philip, der sich dann von seinem Zwischenstopp in Johannesburg meldete. Es stellte sich heraus, dass wir normalerweise alle drei Monate eine Rechnung von unserem Internetprovider bekommen, die letzte jedoch im Januar erhalten hatten.
Philip wurde ziemlich sauer. So sauer, dass er mir vorschlug, die Rechnungen Rechnungen sein zu lassen und den Provider zu wechseln. Dass unser Provider mal vergisst, uns eine Rechnung zu senden – okay. Dass sie uns dann aber das Netz abdrehen, ohne irgendeine Zahlungserinnerung/Vorwarnung – nicht akzeptabel.
Im Prinzip sah ich das genauso, wollte aber nicht den Anbieter wechseln, sondern am nächsten Morgen ins Büro unseres Providers fahren und die ausstehende Rechnung bezahlen, damit wir unverzüglich wieder funktionierendes WLAN hätten. Philip lehnte prinzipiell ab, diesem Unternehmen weiterhin Geld in den Rachen zu werfen, ich fand es im Großen und Ganzen jedoch gar nicht viel inkompetenter als andere Dienstleister, mit denen wir uns ja ebenfalls regelmäßig rumschlagen. Wie bereits erwähnt, frage ich bei der Sicherheitsfirma ja auch freundlich nach, wenn mal wieder keine Rechnung kommt, weil wir gerne mit der Hoffnung leben, dass Hilfe käme, falls wir mal den Emergency-Button drücken sollten … und erinnert sich noch jemand an die Polizei in Broadhurst, die eine Geldstrafe von mir wollte, mich aber dann nicht vor Ort bezahlen ließ, weil es auf der ganzen Station keinen Quittungsblock gab? Und an die inkompetenteste Einrichtung von allen, die Botswana Post?
Philip argumentierte, dass unsere Sicherheitsfirma eh ein Saftladen sei (was stimmt) und dass man von einem Internetanbieter mehr erwarten könne als von den genannten staatlichen, konkurrenzlosen Einrichtungen. Ich muss vielleicht zusätzlich noch erwähnen, dass Philip bisher auch beruflich unter der Inkompetenz unseres Providers litt (jetzt wechselt die GIZ allerdings gerade den Provider) und seine Verbitterung daher offensichtlich größer war als meine. Ich hätte ja auch gerne einen kompetenten Internetprovider gehabt, war aber durchaus bereit, meine Erwartungen nach unten zu korrigieren. Philip wollte der Firma ihr unprofessionelles Gebaren nicht durchgehen lassen. Ich wollte WLAN.
Was hätte Dr. Dr. Rainer Erlinger wohl zu diesem Konflikt gesagt? Philip wollte quasi ein Zeichen setzen, die Zeche prellen und Konsequenzen ziehen, ich wollte eine möglichst schnelle Beilegung des Konfliktes und wählte daher den Weg des geringsten Widerstandes. Ein Providerwechsel – nein danke. Wie viele internetlose Tage würde das wohl bedeuten?
Also fuhr ich heute in das Büro unseres Providers. Wo man mich mit nicht gezahlten Rechnungen überraschte, die zum Teil zwei Jahre alt waren. Wo ich länger rumdiskutierte, wie so etwas passieren könnte und das geduldig erklärt bekam. Und erkannte, dass das Vorgehen in den Augen der Mitarbeiter durchaus Sinn machte und „normal“ war. Unser Internetanbieter hat ein System. Ein grottiges System, aber eines, nachdem er im Rahmen seiner (beschränkten) Möglichkeiten mehr oder weniger gewissenhaft vorgeht. Den Mitarbeitern ist bekannt, dass das System fehleranfällig ist. Sie nehmen das aber als gegeben hin. Ich bekam eine Entschuldigung, die aber vermutlich vor allem meiner Hartnäckigkeit geschuldet war und der Tatsache, dass man mich dann irgendwann doch gerne wieder loswerden wollte. Und zahlte fast die komplette ausstehende Summe (wir reden hier von 330,- € - WLAN ist in diesem Land ein Luxusgut). Unser Internet wurde noch freigeschaltet, während ich in diesem Büro stand.
Diese Geschichte könnte hier enden. Sollte hier enden. Tut sie aber leider nicht. Nachdem ich zu Hause war, hatte ich maximal 20 Minuten Internet. Dann war es weg. Und ich rief unseren Provider an, der mir versicherte, dass sie uns nicht schon wieder vom Netz genommen hätten, es gäbe ein generelles technisches Problem. Das sei bald gelöst. Bereits bei meinem nächsten Anruf (eine halbe Stunde später) war von einem Stromausfall die Rede. Bis 18 Uhr hätte man das aber im Griff. Als ich 18:15 Uhr wieder anrief, gestand mir schließlich eine Mitarbeiterin, dass das Problem erst morgen früh gelöst werden könne. Unser Internetprovider hat seine Technik in irgendeinem Gebäude im Gaborone International Commerce Park. Und dort ist ihm der Strom ausgegangen. Heißt: Irgendein Depp hat vergessen, den pre-paid Strom nachzukaufen. Heute Abend ist das Gebäude aber bereits geschlossen und es besteht keine Möglichkeit mehr, den Stromzähler aufzuladen. Deswegen muss das bis morgen warten.
Ich fasse zusammen: Ich wähnte mich insgeheim moralisch auf der richtigen Seite, habe mich von einer Firma, die der Botswana Post gerade den Rang des inkompetentesten Unternehmens unter der Sonne abläuft, quasi Weihnachtsgans-mäßig ausnehmen lassen und stehe nach wie vor ohne Internet da. (Dieser Blogbeitrag wird mit mobilen Daten hochgeladen.) Läuft bei mir. Mein Interesse an moralischen Antworten von Dr. Dr. Erlinger ist spätestens jetzt auf null gesunken und meine Schwiegermutter hat mir gerade per WhatsApp den Rat gegeben, zum Alkohol zu greifen, was, wenn ich den Verlauf der letzten Stunden so überdenke, vermutlich die beste Idee des Tages ist. Prost!
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