Ich war dieses Jahr das erste Mal überhaupt auf einer Festveranstaltung
anlässlich des Tages der Deutschen Einheit. Der deutsche Botschafter
hatte in ein Gaboroner Hotel eingeladen - Philip kannte solche Empfänge
bereits aus Ghana. Auf der Einladungskarte mit goldgeprägtem Bundesadler
war von "Lounge Suit/National Dress" die Rede, also schmissen wir uns
in Schale und fanden uns am 4.10. (es war quasi eine Nachfeier) um
19 Uhr in dem genannten Kongresshotel ein.
Da war bereits ordentlich was los - ich hatte mir das Ganze so ähnlich wie das von der Botschaft organisierte EM-Gucken vorgestellt, nur ohne Fußball und schicker angezogen, aber es waren auch viel mehr Leute da. Am Eingang des Saals begrüßten der Botschafter und seine Frau die eintreffenden Gäste, dann gruppierte man sich um Stehtische, Kellner nahmen Getränkewünsche auf und gingen mit Tabletts voller Häppchen umher. Es waren natürlich auch botswanische Gäste anwesend, außerdem unter anderem der türkische und der amerikanische Botschafter. Einige Frauen hatten sich tatsächlich für den "National Dress" entschieden (wenn man ein Dirndl so nennen kann). Es gab viel zu gucken!
Schließlich ging der Botschafter ans Rednerpult und hielt eine Begrüßungsrede, in der er natürlich auch nochmal den 50. Geburtstag Botswanas hervorhob. Er wies außerdem auf eine kleine Ausstellung am Rande des Raums hin: Hier waren Poster von Originaldokumenten der Botschaft angefertigt worden - frühe offizielle deutsch-botswanische Briefwechsel. So schrieb zum Beispiel der erste Botschaftsvertreter im Jahr 1975 nach Bonn, er habe ein zweites Hotelzimmer angemietet - bis dahin hatte er die Botschaft aus dem Zimmer heraus geführt, das er und seine Frau auch bewohnten. Büroräume gäbe es in Gaborone keine, es wäre aber nicht mehr tragbar gewesen, Besucher im eigenen Hotelzimmer zu empfangen, da diese sich oftmals nicht an die offiziellen Zeiten hielten und auch gerne schon mal morgens kämen. Ich stellte mir kurz vor, Philip würde seinen Job aus unserem Schlafzimmer heraus erledigen. Die Ehefrau dieses ersten deutschen Botschaftsvertreters hat offensichtlich einiges mitgemacht.
Schön war auch ein Brief aus Bonn nach Botswana, aus dem hervorging, dass Walter Ulbricht Sir Seretse Khama wohl zur Unabhängigkeit des Landes 1966 gratuliert hatte und man in Bonn gehört hatte, dass Ulbricht eine herzliche Antwort auf seinen Brief erhalten hätte. Der Brief schloss mit der Nachfrage, ob das stimme? Und machte deutlich, dass die DDR nicht als Staat zu akzeptieren sei.
Auch die Antwort hing aus: Ja, man hätte den Brief bekommen und sich bedankt, aber nicht außergewöhnlich herzlich. Generell hätte Sir Seretse Khama viele Glückwunschschreiben aus aller Welt bekommen und es sei eine Frage der in Botswana geschätzen Höflichkeit, sich bei allen Gratulanten freundlich zu bedanken.
Der Botschafter zitierte einige dieser Zeitzeugnisse und übergab dann das Wort an einen Vertreter der botswanischen Regierung. Nach seinem Grußwort wurde die botswanische Nationalhymne gespielt, dann sprach noch der Afrikabeauftragte der Bundeskanzlerin und zum Abschluss gab's noch die deutsche Nationalhymne. Dann war das Buffet eröffnet. Wir trafen unsere Nachbarin von der Botschaft, unseren deutsch-schwedisch-botswanischen Vermieter, der uns seine Mutter vorstellte und einige von Philips GIZ-Kollegen. Der Empfang war offiziell nur bis 21 Uhr angesetzt, aber es war bereits kurz nach halb elf, als wir uns auf den Heimweg machten. Die botswanische Feier zum Tag der Deutschen Einheit war ein voller Erfolg - und auf jeden Fall weitaus harmonischer und friedlicher, als das am Vortag in Dresden der Fall gewesen war ...
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