Gerade habe ich die Begriffe "deutsch" und "Pünktlichkeit" zusammen gegoogelt, um zu erfahren, warum wir Deutschen eigentlich generell als pünktlich gelten. Eine Antwort habe ich nicht gefunden, dafür aber erfrischende Volksmund-Weisheiten wie "Fünf Minuten vor der Zeit ist des Deutschen Pünktlichkeit". Und den Hinweis, dass natürlich längst nicht alle Deutschen immer pünktlich wären. Sich aber 85 % irgendwie dafür halten würden, zumindest würden diese von sich behaupten, Termine sehr ernst zu nehmen. Da erkenne ich mich doch spontan wieder.
Für Botswana habe ich keine ähnliche Statistik gefunden. Trotzdem glaube ich, dass sie hier anders aussähe. Vor ein paar Wochen haben zwei andere Volunteers und ich bei Baylor Bewerbungsgespräche mit den Schülern geübt, die Situation sollte möglichst authentisch sein. Auch im südlichen Afrika gehört die Frage nach Stärken und Schwächen zum Standard. Und bei Schwächen sagten mehrere Schüler, sie hätten Probleme mit Timekeeping - Pünktlichkeit als Stärke erwähnte dagegen niemand.
Pünktlichkeit ist allerdings auch nicht die Stärke meiner Schüler. Ich unterrichte dienstags zwei Gruppen, eine direkt ab 9 Uhr und eine nach der Pause. Wobei ich in der Regel um 9:10 Uhr anfange und die Schüler in der Regel bis 9:30 Uhr eintrudeln. Da die meisten jedoch mit den öffentlichen Minibussen zur NGO kommen und diese anscheinend nicht nur im Straßenverkehr unberechenbar sind, bin ich da relativ relaxt.
Anders sieht es nach der Pause aus, spätestens bis zur Pause sind nämlich alle Schüler da. Die zweite Unterrichtseinheit beginnt um 10:45 Uhr und eigentlich könnten sie da ja alle pünktlich sein. Eigentlich. Letzte Woche bat ich um 10:50 Uhr die einzigen beiden Schüler, die es bis dahin in den Klassenraum geschafft hatten, die anderen zu holen. Mit dem Erfolg, dass sie auch nicht wiederkamen und ich sie nach weiteren 10 Minuten selbst suchen ging. Danach hielt ich eine Art improvisierte Motivations- und Mahnrede, in der ich auf die Freiwilligkeit des Unterrichtsangebots und den Wert für die Schüler hinwies. Ich war gar nicht schlecht! (Fand ich.) Und auf Autorität reagieren auch immer alle wunschgemäß (erwähnte ich, dass es in den staatlichen Schulen dieses Landes noch die Prügelstrafe gibt?). Meine Klasse nickte verständig und versprach hoch und heilig, es käme nie wieder vor.
Leider haben meine Schüler nur ein sehr kurzes Kurzzeitgedächtnis und so stand ich diese Woche um 10:45 Uhr wieder alleine im Klassenraum. Möglicherweise sollte ich statt "deutsch" und "Pünklichkeit" doch lieber "Motivations- und Mahnreden" im Internet googeln. Der erste Schüler, der eintrudelte, warf mir immerhin mitfühlende Blicke zu und bot an, den anderen Bescheid zu geben (was ich ablehnte - besser ein Schüler als keiner im Klassenraum). Na ja, irgendwann waren sie dann doch da. Die meisten hatten immerhin ein schlechtes Gewissen, entschuldigten sich und legten die Hände aneinander wie auf Dürers bekanntem Bild. "Sorry, we are late." "Yeah, and your are even later than last week! How is this possible?" "I am sorry, we don't have any excuse." Tja. Immerhin hatte ich so ein schönes Beispiel, um ihnen später das Verb "to prioritise" zu erklären, das sie nicht kannten. "Es ist 10:45 Uhr. Ihr könnt jetzt in den Klassenraum gehen, etwas zu essen kaufen, etwas trinken oder die Toiletten aufsuchen. Wo liegen Eure Prioritäten?" Und daraufhin meldete sich immerhin die, die als allerletzte gekommen war, sah mich ernst an und sagte, ihre Priorität wäre, sofort das Klassenzimmer aufzusuchen. Ach ja.
Aber genug von meinen Schülern. Heute wurde ein offiziellerer Termin bei mir gecancelt, der mir gestern noch für 11 Uhr initiativ angeboten worden war. Für dieses - nun nicht stattfindende - Treffen, was mehrere Stunden hätte dauern sollen, hatte ich drei andere Verabredungen verschieben müssen. Immerhin war ich so zu Hause, als unser Vermieter anrief. Er wollte vorbeikommen und sich eine halbe Stunde später nochmal melden. Es wurden zwei.
Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Unsere Maid Patricia war heute da. Ich erzählte ihr, dass ich um halbzwei in die Stadt fahren würde und sie plante, sich ein Stück von mir mitnehmen zu lassen. Um 12:40 Uhr sah ich, wie sie sich die Schuhe schnürte und erwähnte, dass sie ja jetzt doch vor mir das Haus verließe. Darauf sah sie irritiert auf und frage, ob ich wirklich erst um exakt halbzwei das Haus verlassen würde? Pünktlichkeit ist ja ganz schön, aber 50 Minuten zu früh wollte ich dann doch nicht aufbrechen. Sie musste dann eben zu Fuß gehen.
Ich traf heute einen Kollegen von Philip, der mir sagte, er habe in Afrika gelernt, Gelegenheiten zu nutzen, wenn sie sich bieten. Wenn jemand zu Dir kommt und Du eigentlich keine Zeit hast, schaufel sie Dir frei - wer weiß, wann das wieder was wird. Frei nach diesem Motto sollte ich vielleicht auch die Zeit nutzen, wenn meine Schüler da sind. Und die würden noch nicht mal meckern, wenn ich die Stunde überziehen würde. Aber ich mag das nicht, ich mache pünktlich Schluss. Typisch deutsch halt.
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