Im letzten Blogbeitrag, den meine Schwiegermutter Petra zu unserer gemeinsamen Südafrikareise verfasst hat, hat sie unsere Reiselektüren erwähnt. Sie und ich hatten für diesen Urlaub Bücher eingepackt, die sich mit Südafrika und seiner jüngeren Geschichte beschäftigten, insbesondere mit dem Ende der Apartheid und den Jahren danach. Sehr beeindruckt hat mich "Born a crime", ein Buch mit autobiographischen Anekdoten des südafrikanischen Comedians Trevor Noah. Ich habe es heute bereits auf meinem Buchblog "Romanregal" rezensiert, stelle die Besprechung aber auch hier online, weil sie an den letzten Blogbeitrag anknüpft: Südafrikas Gesellschaft auch nur ansatzweise zu verstehen, fiel uns (weißen) Touristen schwer; die Probleme sind offensichtlich und ihre Lösung scheint in weiter Ferne. Dieses Buch half mir, eine leise Ahnung davon zu bekommen, welche Nachwirkungen die Apartheid noch heute hat - und das war gerade als Kontrast zu unserer wunderschönen Reiseroute in diesem touristisch hochentwickelten Land sehr interessant.
Der deutsche Titel dieses grandiosen Buches ist „Farbenblind“. Warum, hat sich mir nicht erschlossen, denn die Gesellschaft, in die der Südafrikaner Trevor Noah 1984 hineingeboren wird, ist nicht „farbenblind“, sondern zutiefst farbenfixiert, was er von klein auf zu spüren bekommt. Trevor Noahs Hautfarbe belegt ab dem Tag seiner Geburt, dass gegen „Immorality Act No. 5“ der Apartheidsgesetze verstoßen wurde: Er ist farbig – obwohl er eine schwarze Mutter hat. Was nur bedeuten kann, dass sein Vater weiß ist, und dass er und Trevors Mutter den genannten Paragraphen missachtet haben, der Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben sexuelle Beziehungen untersagt und Verstöße mit bis zu fünf Jahren Gefängnis ahndet. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der Titel der englischen Ausgabe auf einen Blick: „Born a crime“. Was für ein Start ins Leben – ein Leben, in dem der weiße Vater in der Öffentlichkeit panisch die Flucht vor seinem „Daddy“ rufenden Kleinkind ergreift, die Mutter zum Spaziergang im Park gerne eine farbige Freundin mitnimmt und die schwarze Großmutter den Enkel in ihrer Hütte versteckt hält, wenn er sie in Soweto besucht. Trevor Noah ist mit einer besonderen Sensibilität in Bezug auf Hautfarben aufgewachsen – gezwungenermaßen. Er konnte sich die hier gemeinte „Farbenblindheit“ nicht leisten.
In seinen autobiographischen Rückblicken lässt er den Leser an seiner Kindheit und Jugend in Johannesburg teilhaben. Mit fantastischer Leichtigkeit schildert Noah, was es für ihn als farbiges Kind bedeutet hat, im Apartheids- und Postapartheids-gebeutelten Südafrika aufzuwachsen. Bereits auf den ersten Seiten schafft er es mühelos, auch seine ausländischen Leser in diese zutiefst rassistische Welt mitzunehmen und ihren Horizont zu erweitern.
Ich habe Trevor Noahs „Born a crime“ als Geschenk empfunden. Der Autor ist nur zwei Jahre jünger als ich. Er ist unter Bedingungen aufgewachsen, die mir kaum fremder sein könnten und schafft es trotzdem, seine damaligen Lebensumstände gleichsam unterhaltsam und nachvollziehbar zu schildern. Er nimmt seine Leser an die Hand und erklärt, worauf ein nicht-südafrikanischer Leser vermutlich nicht kommt: Wieso bleiben Menschen freiwillig in Townships wohnen? Wieso kam es vor, dass schwarze Mütter ihre Söhne „Hitler“ nannten? Wieso hatten Gebetskreise in Soweto die Hoffnung, dass Gott ein farbiges Kindes eher erhören würde als schwarze Frauen?
Trevor Noah musste von klein auf lernen, was es heißt, anders zu sein, wuchs er doch in einem Land auf, dass Menschen ausschließlich über ihre Hautfarbe und Stammesangehörigkeit definierte. Er lernte nach und nach, sich wie ein Chamäleon an seine Umgebung anzupassen – sein Schlüssel war dabei die Sprache, er beherrschte neben Englisch noch isiXhosa, isiZulu und andere und verblüffte damit, dass er sich so nicht in die Schublade sortieren ließ, in die der typische Farbige gesteckt wurde. Meine naive Vorstellung war ja, dass sich das Thema Hautfarbe mit dem Ende der Apartheid in Südafrika zu größeren Teilen erledigt hätte, doch diese wurde schnell ausgeräumt.
Eine Freundin, die das Buch auf Deutsch angelesen hat, äußerte sich mir gegenüber enttäuscht über die Einfachheit der Sprache. Bei meiner Lektüre auf Englisch ist mir nicht aufgefallen, dass Noahs Stil in irgendeiner Art und Weise schlicht wäre. Ich kenne die Übersetzung jedoch nicht und bin im Englischen sicher nicht so sprachsensibel wie im Deutschen. Es ist klar, dass Trevor Noah kein Literat ist – das ist nicht sein Metier. Der Südafrikaner ist ein höchst erfolgreicher Comedien, der seit 2015 als Nachfolger von Jon Stewart die Late-Night-Show „The Daily Show“ in den USA moderiert. Er ist Unterhalter und hat ein höchst unterhaltsames und trotzdem sehr reflektiertes Buch geschrieben – angesichts des Inhalts ist das in meinen Augen eine große Leistung.
„Born a crime“ vermittelt dem Leser eine leise Ahnung davon, was Apartheid für die Betroffenen wirklich bedeutet hat - und was in Südafrika bis heute im Argen liegt. Es verdeutlicht, warum "Farbenblindheit" bis heute ein frommer Traum ist und ist trotzdem nicht verbittert, sondern feiert das Leben. Ich kann es nur empfehlen.
Verlag: Spiegel & Grau
Seitenzahl: 304
Erscheinungsdatum: 19. September 2017 (Hardcover: 15. November 2016)
ISBN: 978-0525509028
Preis: aktuell 7,99 € (E-Book: 4,49 €)
Ist
am 6. März 2017 auf Deutsch beim Karl Blessing Verlag unter dem Titel
"Farbenblind" erschienen. Preis: 19,99 € (E-Book: 15,99 €).
Montag, 30. April 2018
Donnerstag, 26. April 2018
Gästeblog: Genussreisen in Südafrika
Aus der Reihe "Gästeblog statt Gästebuch" hier ein neuer Eintrag, verfasst von meiner Mutter:
Ein Gastbeitrag, obwohl ich nicht in Gaborone war? Ja doch! Philip und Walli waren trotzdem meine Gastgeber, meine Reisegastgeber. Oder in anderen Worten: Ich hatte ab Kapstadt pauschal gebucht. Wenn man individuell reisen und sich doch um nichts kümmern möchte, kann ich nur eine Reise mit den beiden empfehlen. Wünsche werden jederzeit berücksichtigt, die Quartiere sind sehr schön ausgesucht, mögliche Aktivitäten und das geeignete Lokal vor Ort schnell recherchiert, der Weg ist dank App und südafrikanischer SIM-Karte auch in unwegsamstem Gelände und auch bei Nacht (nur ausnahmsweise!) nie ein Problem.
Kapstadt und die Garden Route:
Kapstadt war zumindest für mich als Kapstadt-Neuling gleich zu Beginn der Höhepunkt schlechthin. Tafelberg bei Sonnenschein und tollem Licht, die Fahrt an der Atlantikküste entlang bis zu den Pinguinen, denen man aus nächster Nähe beim Brüten zusehen kann, das neue Museum an der Waterfront, das architektonisch großartig ist, etc. Aber es gab auch in den folgenden Tagen täglich einen Höhepunkt - oft ganz unerwarteter Art. Das wine and food pairing in Franschhoek an der südafrikanischen Weinstraße, die beeindruckende Tropfsteinhöhle in Oudtshoorn, der Swartbergpass in der Klein Karoo (mit Philips sichtlichem Vergnügen am Pass- und Pistenfahren), der Sandstrand in den Buchten des Indischen Ozeans, als wir dann bei George auf die eigentliche Garden Route stießen, der Moment, als am sogenannten Dolphin Viewpoint bei Wilderness wirklich gerade eine Schule Delphine vorbeizog, das kleine „normannische“ Kirchlein mit der großen Ausstrahlung in Belvidere, das einen kurz nach England zu beamen schien, die netten Gespräche mit den Gastgeber/innen in unseren Quartieren, die durchweg schön und manchmal (auf den Farmen ) mit viel Liebe zu Stil und Detail gestaltet waren, die Wanderung zur Hängebrücke im Tsitsikamma-Teil des Nationalparks und nicht zuletzt am letzten Tag die Elefanten mit den vielen Jungtieren im Addo Elephant Park, die sich mit großer Gelassenheit aus allernächster Nähe betrachten ließen … und wieder „etc.“
Ein Regentag bei zehn Reisetagen ist auch ein sehr fairer Deal des Wettergottes. Nachdem die Nachosterwoche vorbei war, begann hier die Nachsaison mit sehr angenehmen Temperaturen von 20 bis maximal 30 Grad, abends fing es an merklich kühler zu werden.
Nur dieses Land zu verstehen, ist uns sicherlich nicht gelungen. Wir haben uns auf einer „weißen“ Reiseroute bewegt. Unsere diversen Reiselektüren haben den Blick geöffnet für ganz andere Perspektiven. Aber ob und wie das Land funktioniert, funktionieren kann und auf dem geschichtlichen Hintergrund funktionieren wird, haben wir immer wieder diskutiert, uns einer Antwort jedoch kaum angenähert.
Ein ganz, ganz großes Dankeschön an meine Reisegastgeber, dass sie mir diese Reise ermöglicht haben. Es hat gut getan und es war eine schöne Erfahrung, dass unser Reiserhythmus so gut zusammengepasst hat.
Ein Gastbeitrag, obwohl ich nicht in Gaborone war? Ja doch! Philip und Walli waren trotzdem meine Gastgeber, meine Reisegastgeber. Oder in anderen Worten: Ich hatte ab Kapstadt pauschal gebucht. Wenn man individuell reisen und sich doch um nichts kümmern möchte, kann ich nur eine Reise mit den beiden empfehlen. Wünsche werden jederzeit berücksichtigt, die Quartiere sind sehr schön ausgesucht, mögliche Aktivitäten und das geeignete Lokal vor Ort schnell recherchiert, der Weg ist dank App und südafrikanischer SIM-Karte auch in unwegsamstem Gelände und auch bei Nacht (nur ausnahmsweise!) nie ein Problem.
Kapstadt und die Garden Route:
Kapstadt war zumindest für mich als Kapstadt-Neuling gleich zu Beginn der Höhepunkt schlechthin. Tafelberg bei Sonnenschein und tollem Licht, die Fahrt an der Atlantikküste entlang bis zu den Pinguinen, denen man aus nächster Nähe beim Brüten zusehen kann, das neue Museum an der Waterfront, das architektonisch großartig ist, etc. Aber es gab auch in den folgenden Tagen täglich einen Höhepunkt - oft ganz unerwarteter Art. Das wine and food pairing in Franschhoek an der südafrikanischen Weinstraße, die beeindruckende Tropfsteinhöhle in Oudtshoorn, der Swartbergpass in der Klein Karoo (mit Philips sichtlichem Vergnügen am Pass- und Pistenfahren), der Sandstrand in den Buchten des Indischen Ozeans, als wir dann bei George auf die eigentliche Garden Route stießen, der Moment, als am sogenannten Dolphin Viewpoint bei Wilderness wirklich gerade eine Schule Delphine vorbeizog, das kleine „normannische“ Kirchlein mit der großen Ausstrahlung in Belvidere, das einen kurz nach England zu beamen schien, die netten Gespräche mit den Gastgeber/innen in unseren Quartieren, die durchweg schön und manchmal (auf den Farmen ) mit viel Liebe zu Stil und Detail gestaltet waren, die Wanderung zur Hängebrücke im Tsitsikamma-Teil des Nationalparks und nicht zuletzt am letzten Tag die Elefanten mit den vielen Jungtieren im Addo Elephant Park, die sich mit großer Gelassenheit aus allernächster Nähe betrachten ließen … und wieder „etc.“
Ein Regentag bei zehn Reisetagen ist auch ein sehr fairer Deal des Wettergottes. Nachdem die Nachosterwoche vorbei war, begann hier die Nachsaison mit sehr angenehmen Temperaturen von 20 bis maximal 30 Grad, abends fing es an merklich kühler zu werden.
Nur dieses Land zu verstehen, ist uns sicherlich nicht gelungen. Wir haben uns auf einer „weißen“ Reiseroute bewegt. Unsere diversen Reiselektüren haben den Blick geöffnet für ganz andere Perspektiven. Aber ob und wie das Land funktioniert, funktionieren kann und auf dem geschichtlichen Hintergrund funktionieren wird, haben wir immer wieder diskutiert, uns einer Antwort jedoch kaum angenähert.
Ein ganz, ganz großes Dankeschön an meine Reisegastgeber, dass sie mir diese Reise ermöglicht haben. Es hat gut getan und es war eine schöne Erfahrung, dass unser Reiserhythmus so gut zusammengepasst hat.
Montag, 23. April 2018
Der zweite Jahrestag - Vol. 2
Sechs Wochen nach Philip war gestern auch ich dran: Zweijähriges in Gaborone! Kommt es mir länger vor? Oder kürzer? Ich erinnere mich noch genau, wie mich meine Kollegen vor zwei Jahren im Büro und am Frankfurter Flughafen verabschiedeten. Die Einfindungsschwierigkeiten, die vor allem ich anfangs hatte, kommen mir allerdings inzwischen fast unwirklich vor.
Nachdem es bis ungefähr Ende 2016 dauerte, bis auch ich das Gefühl hatte, in Gaborone angekommen zu sein, waren Philip und ich ab 2017 ziemlich oft im Aufbruch. Es war vor allem mein Reisejahr. Philip und ich waren viel zusammen auf Achse, ich aber auch öfters alleine - viel Zeit für Reisen ist quasi DER Vorteil meines "Sabbaticals".
Tatsächlich haben wir seit letztem Jahr den Ruf weg, ständig zu verreisen und "Madelungs sind schon wieder unterwegs" ist anscheinend kein seltenes Gesprächsthema in der hiesigen deutschen Community. ("Wir haben ein bisschen über Euch gelästert, weil Ihr schon wieder wegfahrt. Aber nur ganz leicht!") Tatsächlich dürfte ich in unserem Freundes- und Bekanntenkreis die MaP (Mitausreisende Partnerin) sein, die momentan am meisten im südlichen Afrika rumkommt. Meine hiesigen MaP-Freundinnen haben alle unterschiedliche Modelle für sich gefunden: Es gibt die, die in der Regel alle zwei bis sechs Wochen mal für ein bis drei Wochen nach Deutschland fliegt. Es gibt die, die zweimal pro Jahr drei Monate am Stück in der Heimat verbringt. Es gibt die, die hier bleibt und keine größeren Reiseambitionen hat. Und es gibt mich.
Ich habe allerdings den Eindruck, dass wir 2018 bislang noch nicht ganz so viel reisen (den allerdings - abgesehen von Philip - sonst wohl niemand teilt - ist der Ruf erst ruiniert, reist es sich ganz ungeniert. Tatsächlich waren wir nun auch gerade wieder fast drei Wochen unterwegs, daher auch die Funkstille hier.). Solotouren ohne Philip habe ich dieses Jahr noch gar nicht unternommen. Mein Terminplan in Gaborone ist innerhalb der letzten zwölf Monate deutlich voller geworden. Nicht, dass er auch nur im Entferntesten mit einer 40-Stunden-Woche vergleichbar wäre, aber mir wird nicht langweilig. Wobei Langeweile hier von Anfang an kein Problem war. Schon die Organisation des täglichen Lebens nimmt mehr Zeit in Anspruch als in Deutschland, auch wenn sie in einigen anderen afrikanischen Ländern noch wesentlich aufwändiger wäre.
Seit April letzten Jahres unterrichte ich einmal die Woche bei Baylor. Seit Dezember lese ich den Kindern von Freunden einmal pro Woche vor, soweit sie mich lassen (manchmal müssen auch erst alle 30 Kuscheltiere gefüttert und schlafen gelegt werden). Ab diesem Monat wird noch einmal die Woche Deutschnachhilfe für zwei serbische Mädchen dazukommen. Zusätzlich helfe ich einer Bekannten bei der Organisation eines Arts & Crafts-Markets im Mai. Nachdem ich letztes Jahr den unternehmensinternen Mietspiegel für die GIZ in Botswana aktualisiert habe, habe ich einen weiteren kleinen Auftrag erhalten und werde mich in der nächsten Zeit um die Sortierung des Archivs kümmern. Es tut sich was - je mehr Leute ich kenne, desto mehr passiert. Eigentlich nicht verwunderlich, aber für mich war es dennoch eine Lernerfahrung: Gut Ding will Weile haben. Und alles steht und fällt damit, dass man Leute kennt und kennenlernt, sich vertraut macht - das braucht einfach seine Zeit. "Slowly, but surely", wie es hier heißt. Inzwischen fühlen wir uns hier heimisch, wobei uns natürlich immer bewusst bleibt, dass der Aufenthalt hier zeitlich begrenzt sein wird. Heute traf ich mich mit einer Serbin, die seit 20 Jahren in Gaborone lebt - das könnte ich mir nun doch nicht vorstellen. Über einiges, was mich im Alltag stört, kann ich großzügiger hinwegsehen, eben weil ich sicher bin, dass ich mich nicht noch mehrere Jahre lang damit herumschlagen werden muss. Auf Dauer keinen richtigen Job zu haben, könnte ich mir auch nicht vorstellen, aber momentan ist die Situation für mich okay, weil ich das Gefühl habe, die Zeit hier zu nutzen. Gleichzeitig hilft dieses Bewusstsein der Endlichkeit, sehr im Jetzt zu leben, nichts lange aufzuschieben und die Zeit hier zu genießen - zum Beispiel reisend, lesend, bloggend.
Als wir Weihnachten in Deutschland waren, fragte uns meine Schwiegermutter, ob es uns wohl schwerfallen wird, Gaborone irgendwann wieder zu verlassen. Ich musste an den Spruch denken, den mir eine ehemalige Kollegin vor zwei Jahren zum Abschied mitgegeben hat: "Wer nach Frankfurt kommt, weint zweimal: Wenn er kommt und wenn er geht." Frankfurt und Gaborone lassen sich absolut nicht vergleichen - könnte trotzdem sein, dass es auf beide Städte zutrifft. Ich denke schon, dass ich hier irgendwann mit einem lachenden und einem weinenden Auge wieder aufbrechen werde. Nach zwei Jahren ist das doch keine schlechte Bilanz, oder?
Nachdem es bis ungefähr Ende 2016 dauerte, bis auch ich das Gefühl hatte, in Gaborone angekommen zu sein, waren Philip und ich ab 2017 ziemlich oft im Aufbruch. Es war vor allem mein Reisejahr. Philip und ich waren viel zusammen auf Achse, ich aber auch öfters alleine - viel Zeit für Reisen ist quasi DER Vorteil meines "Sabbaticals".
Tatsächlich haben wir seit letztem Jahr den Ruf weg, ständig zu verreisen und "Madelungs sind schon wieder unterwegs" ist anscheinend kein seltenes Gesprächsthema in der hiesigen deutschen Community. ("Wir haben ein bisschen über Euch gelästert, weil Ihr schon wieder wegfahrt. Aber nur ganz leicht!") Tatsächlich dürfte ich in unserem Freundes- und Bekanntenkreis die MaP (Mitausreisende Partnerin) sein, die momentan am meisten im südlichen Afrika rumkommt. Meine hiesigen MaP-Freundinnen haben alle unterschiedliche Modelle für sich gefunden: Es gibt die, die in der Regel alle zwei bis sechs Wochen mal für ein bis drei Wochen nach Deutschland fliegt. Es gibt die, die zweimal pro Jahr drei Monate am Stück in der Heimat verbringt. Es gibt die, die hier bleibt und keine größeren Reiseambitionen hat. Und es gibt mich.
Ich habe allerdings den Eindruck, dass wir 2018 bislang noch nicht ganz so viel reisen (den allerdings - abgesehen von Philip - sonst wohl niemand teilt - ist der Ruf erst ruiniert, reist es sich ganz ungeniert. Tatsächlich waren wir nun auch gerade wieder fast drei Wochen unterwegs, daher auch die Funkstille hier.). Solotouren ohne Philip habe ich dieses Jahr noch gar nicht unternommen. Mein Terminplan in Gaborone ist innerhalb der letzten zwölf Monate deutlich voller geworden. Nicht, dass er auch nur im Entferntesten mit einer 40-Stunden-Woche vergleichbar wäre, aber mir wird nicht langweilig. Wobei Langeweile hier von Anfang an kein Problem war. Schon die Organisation des täglichen Lebens nimmt mehr Zeit in Anspruch als in Deutschland, auch wenn sie in einigen anderen afrikanischen Ländern noch wesentlich aufwändiger wäre.
Seit April letzten Jahres unterrichte ich einmal die Woche bei Baylor. Seit Dezember lese ich den Kindern von Freunden einmal pro Woche vor, soweit sie mich lassen (manchmal müssen auch erst alle 30 Kuscheltiere gefüttert und schlafen gelegt werden). Ab diesem Monat wird noch einmal die Woche Deutschnachhilfe für zwei serbische Mädchen dazukommen. Zusätzlich helfe ich einer Bekannten bei der Organisation eines Arts & Crafts-Markets im Mai. Nachdem ich letztes Jahr den unternehmensinternen Mietspiegel für die GIZ in Botswana aktualisiert habe, habe ich einen weiteren kleinen Auftrag erhalten und werde mich in der nächsten Zeit um die Sortierung des Archivs kümmern. Es tut sich was - je mehr Leute ich kenne, desto mehr passiert. Eigentlich nicht verwunderlich, aber für mich war es dennoch eine Lernerfahrung: Gut Ding will Weile haben. Und alles steht und fällt damit, dass man Leute kennt und kennenlernt, sich vertraut macht - das braucht einfach seine Zeit. "Slowly, but surely", wie es hier heißt. Inzwischen fühlen wir uns hier heimisch, wobei uns natürlich immer bewusst bleibt, dass der Aufenthalt hier zeitlich begrenzt sein wird. Heute traf ich mich mit einer Serbin, die seit 20 Jahren in Gaborone lebt - das könnte ich mir nun doch nicht vorstellen. Über einiges, was mich im Alltag stört, kann ich großzügiger hinwegsehen, eben weil ich sicher bin, dass ich mich nicht noch mehrere Jahre lang damit herumschlagen werden muss. Auf Dauer keinen richtigen Job zu haben, könnte ich mir auch nicht vorstellen, aber momentan ist die Situation für mich okay, weil ich das Gefühl habe, die Zeit hier zu nutzen. Gleichzeitig hilft dieses Bewusstsein der Endlichkeit, sehr im Jetzt zu leben, nichts lange aufzuschieben und die Zeit hier zu genießen - zum Beispiel reisend, lesend, bloggend.
Als wir Weihnachten in Deutschland waren, fragte uns meine Schwiegermutter, ob es uns wohl schwerfallen wird, Gaborone irgendwann wieder zu verlassen. Ich musste an den Spruch denken, den mir eine ehemalige Kollegin vor zwei Jahren zum Abschied mitgegeben hat: "Wer nach Frankfurt kommt, weint zweimal: Wenn er kommt und wenn er geht." Frankfurt und Gaborone lassen sich absolut nicht vergleichen - könnte trotzdem sein, dass es auf beide Städte zutrifft. Ich denke schon, dass ich hier irgendwann mit einem lachenden und einem weinenden Auge wieder aufbrechen werde. Nach zwei Jahren ist das doch keine schlechte Bilanz, oder?
Freitag, 23. März 2018
Grundbesitz in Botswana
Nein, wir haben nicht beschlossen, Ländereien zu erwerben. Allgemein ist der Hausbau für Ausländer hier wohl nicht ohne; während ihres Urlaubs in Botswana las meine Schwiegermutter den Erlebnisbericht einer verbitterten Deutschen, die hier anscheinend von sämtlichen Behörden und Handwerkern über den Tisch gezogen wurde (allerdings wohl auch etwas blauäugig an diese Unternehmung herangegangen war).
Wenn man aber Motswana ist, gestaltet sich das Unternehmen Grundbesitz ganz anders. Unser Gärtner Sam eröffnete mir am vergangenen Montagmorgen, dass er es in den nächsten Jahren angehen wird. Er hat nämlich ein Grundstück von der Regierung bekommen, drei Jahre, nachdem er sich darauf beworben hat. Sam ist darüber sehr glücklich: Er sagte mir, er würde langsam alt werden, wäre aber jetzt noch in der Lage, das Grundstück zu erschließen und selbst zu bauen. Na super, jetzt fühlte ich mich auch alt. Sam ist übrigens 42.
Wir hatten schon einmal gehört, dass Botswana kostenlose Grundstücke an seine Bürger vergibt. Diese müssen sich dafür bewerben und bekommen dann ein Stückchen Land zugewiesen. Sam steht wohl bereits seit 12 Jahren auf einer Warteliste für die Grundstücksvergabe in und um Gaborone. Vor drei Jahren hat er einen weiteren Antrag gestellt und in diesem alle möglichen Dörfer genannt, in denen er sich ein Leben vorstellen könnte. Und in einem dieser Dörfer, unweit von Mahalapye, hat er nun ein Grundstück zugewiesen bekommen. Es ist ungefähr 35x40 m groß - früher waren die Grundstücke, die die Regierung vergab, wohl um einiges größer, aber das hat sich in den letzten Jahren geändert. Sam sagt, das läge an der hohen Nachfrage, aber Philip und mir war auch schon einmal erzählt worden, dass viele Botswaner größere Grundstücke nicht wirklich nutzen, weil sie zum Leben doch nur kleine Hütten bauen, und dass daher inzwischen keine größeren Grundstücke mehr vergeben werden würden.
Was passiert nun? Sam überlegt, über Ostern zu seinem Grundstück zu fahren. Als erstes möchte er die darauf wachsenden Büsche entfernen und es dann einzäunen. Im Laufe der nächsten Monate will er außerdem eine Art Schuppen bauen, in dem man anfangs auch mal übernachten kann. Und dann soll nach und nach ein Häuschen gebaut werden. Zaun und Schuppen sind das Minimum, das ein von der Regierung vergebenes Grundstück aufweisen muss; spätestens nach drei Jahren müssen sie installiert sein. Sonst nimmt die Regierung dem Besitzer das Grundstück wieder weg und vergibt es anderweitig.
Ansonsten ist das Grundstück aber tatsächlich ein Geschenk, das dem Beschenkten komplett gehört. Ich fragte ungläubig nach, ob Sam wirklich keinerlei Geld dafür zahlen müsse. Er sagte mir, für ein Grundstück in Gaborone müsse man eventuell 20, 30 Pula pro Monat zahlen (was dann wohl auch mehr als ein symbolischer Betrag zu sehen ist - es handelt sich um ca. 1,80-2,60 €). Aber für ein Grundstück auf einem der Dörfer des Landes würden keinerlei Gebühren anfallen. Stromleitungen gibt es in Sams Dorf, außerdem eine Wasserpumpe.
Ich versuchte, mich online über das Landvergabesystem in Botswana schlau zu machen. Wenn man aus Deutschland kommt, erscheint es einem doch recht kurios, dass die Batswana Grundstücke vom Staat geschenkt bekommen! Ich fand eine Kolumne von 2014 aus der botswanischen Zeitung "The Patriot on Sunday", die mir quasi direkt darauf antwortete: "Land allocation is no favour". Der Autor des Artikels beschreibt den Besitz von Land als elementares Menschenrecht, das in der Verantwortung des Staates liegt. Gleichzeitig beklagt er, dass in Botswana einiges schief laufen würde: Es könne gut und gern 20 Jahre dauern, bis man ein Stück Land in Gaborone bekäme. Das Prinzip der Landvergabe wäre schwer zu verstehen und den Bürgern des Landes würden ihre Grundrechte nirgends wirklich vermittelt - eigentlich müsste die Schule die botswanischen Kindern zu mündigen Bürgern erziehen, aber das würde nicht passieren. Auch mir hat meine Google Recherche das Prinzip der Landvergabe nicht wirklich nähergebracht. Es wird anscheinend zwischen "State Land" und "Tribal Land" unterschieden, je nach Bewerbung muss sich an unterschiedliche Stellen gewandt werden. Grundvoraussetzungen für die Bewerbungen sind ein botswanischer Personalausweis ("Omang") und dass der Bewerber mindestens 18 ist. Nach welchem Prinzip Land vergeben wird, scheint undurchsichtig zu sein, es hängt wohl doch öfters vom Wohlwollen der vergebenden Behörde ab ...
Aber wie dem auch sei, Sam hat sein Stück Land bekommen. Wir sind gespannt, was er in der nächsten Zeit daraus macht!
Wenn man aber Motswana ist, gestaltet sich das Unternehmen Grundbesitz ganz anders. Unser Gärtner Sam eröffnete mir am vergangenen Montagmorgen, dass er es in den nächsten Jahren angehen wird. Er hat nämlich ein Grundstück von der Regierung bekommen, drei Jahre, nachdem er sich darauf beworben hat. Sam ist darüber sehr glücklich: Er sagte mir, er würde langsam alt werden, wäre aber jetzt noch in der Lage, das Grundstück zu erschließen und selbst zu bauen. Na super, jetzt fühlte ich mich auch alt. Sam ist übrigens 42.
Wir hatten schon einmal gehört, dass Botswana kostenlose Grundstücke an seine Bürger vergibt. Diese müssen sich dafür bewerben und bekommen dann ein Stückchen Land zugewiesen. Sam steht wohl bereits seit 12 Jahren auf einer Warteliste für die Grundstücksvergabe in und um Gaborone. Vor drei Jahren hat er einen weiteren Antrag gestellt und in diesem alle möglichen Dörfer genannt, in denen er sich ein Leben vorstellen könnte. Und in einem dieser Dörfer, unweit von Mahalapye, hat er nun ein Grundstück zugewiesen bekommen. Es ist ungefähr 35x40 m groß - früher waren die Grundstücke, die die Regierung vergab, wohl um einiges größer, aber das hat sich in den letzten Jahren geändert. Sam sagt, das läge an der hohen Nachfrage, aber Philip und mir war auch schon einmal erzählt worden, dass viele Botswaner größere Grundstücke nicht wirklich nutzen, weil sie zum Leben doch nur kleine Hütten bauen, und dass daher inzwischen keine größeren Grundstücke mehr vergeben werden würden.
Was passiert nun? Sam überlegt, über Ostern zu seinem Grundstück zu fahren. Als erstes möchte er die darauf wachsenden Büsche entfernen und es dann einzäunen. Im Laufe der nächsten Monate will er außerdem eine Art Schuppen bauen, in dem man anfangs auch mal übernachten kann. Und dann soll nach und nach ein Häuschen gebaut werden. Zaun und Schuppen sind das Minimum, das ein von der Regierung vergebenes Grundstück aufweisen muss; spätestens nach drei Jahren müssen sie installiert sein. Sonst nimmt die Regierung dem Besitzer das Grundstück wieder weg und vergibt es anderweitig.
Ansonsten ist das Grundstück aber tatsächlich ein Geschenk, das dem Beschenkten komplett gehört. Ich fragte ungläubig nach, ob Sam wirklich keinerlei Geld dafür zahlen müsse. Er sagte mir, für ein Grundstück in Gaborone müsse man eventuell 20, 30 Pula pro Monat zahlen (was dann wohl auch mehr als ein symbolischer Betrag zu sehen ist - es handelt sich um ca. 1,80-2,60 €). Aber für ein Grundstück auf einem der Dörfer des Landes würden keinerlei Gebühren anfallen. Stromleitungen gibt es in Sams Dorf, außerdem eine Wasserpumpe.
Ich versuchte, mich online über das Landvergabesystem in Botswana schlau zu machen. Wenn man aus Deutschland kommt, erscheint es einem doch recht kurios, dass die Batswana Grundstücke vom Staat geschenkt bekommen! Ich fand eine Kolumne von 2014 aus der botswanischen Zeitung "The Patriot on Sunday", die mir quasi direkt darauf antwortete: "Land allocation is no favour". Der Autor des Artikels beschreibt den Besitz von Land als elementares Menschenrecht, das in der Verantwortung des Staates liegt. Gleichzeitig beklagt er, dass in Botswana einiges schief laufen würde: Es könne gut und gern 20 Jahre dauern, bis man ein Stück Land in Gaborone bekäme. Das Prinzip der Landvergabe wäre schwer zu verstehen und den Bürgern des Landes würden ihre Grundrechte nirgends wirklich vermittelt - eigentlich müsste die Schule die botswanischen Kindern zu mündigen Bürgern erziehen, aber das würde nicht passieren. Auch mir hat meine Google Recherche das Prinzip der Landvergabe nicht wirklich nähergebracht. Es wird anscheinend zwischen "State Land" und "Tribal Land" unterschieden, je nach Bewerbung muss sich an unterschiedliche Stellen gewandt werden. Grundvoraussetzungen für die Bewerbungen sind ein botswanischer Personalausweis ("Omang") und dass der Bewerber mindestens 18 ist. Nach welchem Prinzip Land vergeben wird, scheint undurchsichtig zu sein, es hängt wohl doch öfters vom Wohlwollen der vergebenden Behörde ab ...
Aber wie dem auch sei, Sam hat sein Stück Land bekommen. Wir sind gespannt, was er in der nächsten Zeit daraus macht!
Sonntag, 18. März 2018
Aflateen, oder: Money, money, money
Nächsten Dienstag ist schon mein siebter "Aflateen"-Unterricht in diesem Jahr. Nach dem Auswahlverfahren im Januar konnten wir, die wir die Gespräche geführt hatten, uns doch schneller auf die neuen Kandidaten für das diesjährige "Leadership-Programm" festlegen, als ich es erwartet hatte. Die Jugendlichen / jungen Erwachsenen, die beim Baylor-Klinikum wegen HIV in Behandlung sind, waren eh gesetzt - schließlich finanziert Baylor das Programm mit. Als nächstes wählten wir die Kandidaten aus, bei denen wir Potential sahen und gleichzeitig die Notwendigkeit einer Förderung. Ein Mädchen, das ich interviewt hatte, ging zum Beispiel seit zwei Jahren nicht mehr zur Schule, hatte aber auch keinen Job. Die Familie war ganz zufrieden, dass sie sich im Haushalt nützlich machte und die kleineren Brüder versorgte, aber das reichte ihr nicht, und so verkaufte sie jeden Morgen selbstgeschmierte Sandwiches vor Bürogebäuden. Sie will gerne Köchin werden und irgendwann ein eigenes Restaurant / einen eigenen Catering-Service leiten. Für Leute wie sie ist das Programm wie gemacht - sie erhält bei uns hoffentlich Impulse, die ihr helfen werden, ihren Weg zu gehen.
Nicht jeder der Kandidaten hatte bereits Ansätze für eine Geschäftsidee, aber wir wählten auch diejenigen aus, die ohne das Programm vermutlich nur weiter zu Hause sitzen würden. Wohnten die Bewerber jedoch weiter weg und hatten sich noch keine Gedanken gemacht, wie sie die Teilnahme am Unterricht logistisch meistern würden, sagten wir ihnen ab. Genau wie denjenigen, die wortgewandt und zielstrebig waren und gerade auf ihren Studienbeginn warteten. Eigentlich wären sie die Kandidaten, die man in einem "Leadership-Programm" am ehesten vermuten würde, aber auf der anderen Seite werden sie ihren Weg vermutlich auch ohne unsere Hilfe gehen. Außerdem wäre die Gruppe enorm heterogen geworden, wenn wir diese Kandidaten mit den Baylor-Patienten gemischt hätte, die meistens aus den ärmeren und auch ungebildeteren Schichten kommen, früh die Schule abgebrochen haben und eigentlich schon jetzt kaum eine Perspektive für sich sehen.
Am Dienstag der ersten Februarwoche startete das "Leadership-Programm" für die 37 neuen Schüler. Montags ist kein Unterricht, und so begann die Hälfte der Schüler gleich bei mir in Aflateen, während die andere Hälfte im IT-Unterricht einen Einstufungstest machte. Nach der Pause wurde getauscht. Am Vortag hatte mich noch der Programmleiter informiert, dass eigentlich jedes Unterrichtsfach mit einem vorgegeben Einstufungstest begänne, nur für mein Fach sei dieser momentan unauffindbar. Ich bereitete also den Dienstag ganz normal vor, was auch gut war, denn der Test war und blieb verschwunden.
Mittlerweile hatten wir schon sechs Unterrichtseinheiten. Die Schüler, die in der ersten Stunde noch ganz ehrfürchtig, aufmerksam und brav zuhörten, zücken inzwischen wieder ihre Handys, wenn sie glauben, dass ich es nicht merke. Eine Neuerung ist, dass dieses Jahr vor jedem Unterrichtstag gebetet wird - während der Orientierungstage (die ich wegen unseres Kurzurlaubs in Kapstadt verpasst hatte) hatte wohl eine religiöse Schülerin darum gebeten und nun betet immer ein anderer Schüler vor dem Unterricht. Gebetet wird fast immer in Setswana. Vorletzte Woche hat eine Schülerin auch mal ein Lied angestimmt, in das alle einfielen. Auch wenn ich kein Wort verstand, war das auch für mich bewegend.
Mit etwas Druck konnte ich Thato, der den parallel laufenden IT-Unterricht macht, überzeugen, dass wir unsere Pause gleichzeitig machen sollten - ich fange schließlich mit denen an, die nach der Pause bei ihm sind und umgekehrt. Überdies scheinen mir die Pausenzeiten besser eingehalten zu werden, wenn sie einheitlich sind.
Nach ein paar Einführungsstunden ("Who am I?", "Knowing my rights", "Can and able - our different abilities") sind wir seit der vierten Stunde bei einem Thema angelangt, das langsam zum Kern des Unterrichts vorstößt: Geld. Vor zwei Wochen versuchten wir herauszufinden, wie wichtig Geld ist. In Gruppenarbeit sollten die Schüler je drei Dinge definieren, die für sie wichtiger und unwichtiger wären. Die lustigste Diskussion kam auf, als eine Gruppe Sex als unwichtiger als Geld definierte. Mehrere Schüler widersprachen, insbesondere mit Blick auf den Fortpflanzungsaspekt. Als ein Mädchen wutentbrannt rief, dass Sex fürs Überleben der Menschheit nicht nötig sei, schließlich wäre die heilige Jungfrau Maria auch ohne Geschlechtsverkehr schwanger geworden, griff ich schließlich ein und wies darauf hin, dass Maria ja nun aber doch seit mehr als 2000 Jahren das einzige bekannte Beispiel für jungfräuliche Geburt sei. Ein Glück, dass niemand an künstliche Befruchtung dachte, sonst wäre die Diskussion noch weiter ausgeufert.
Letzte Woche ging es um das Thema Geld sparen. Nachdem einige Schüler des letzten Kurses in ihren Abschlusspräsentationen verkündet hatten, ihr Aha-Erlebnis wäre die Erkenntnis gewesen, dass man mehr Geld für größere Ausgaben hätte, wenn man regelmäßig etwas zurücklegen würde, habe ich den Fokus auf die Aufstellung eines Sparplans gelegt, bevor wir nächste Woche mit "verantwortungsvollem Geldausgeben" fortfahren. Bei den Geldthemen ist mir die Aufmerksamkeit meiner Schüler sicher. Was sie aber mindestens genauso interessiert, sind die Gruppenfotos, die ich nach der allerersten Stunde von ihnen gemacht habe. Eigentlich habe ich sie für mich aufgenommen, sie auf Pappe geklebt und nach und nach die Namen zu den Gesichtern aufgeschrieben, in der Hoffnung, sie so irgendwann zu lernen. Wie auch letztes Jahr gibt es einige englische Namen, die ich mir gut merken kann: Precious, Queen und Primrose sind kein Problem und auch Sarah, Emmanuel und Allen hatte ich schnell im Kopf. Schwieriger ist es bei Boitumelo, Obakeng und Kgomotso - und mein deutscher Akzent macht es nicht besser. Die Schüler finden die Fotos allerdings viel interessanter als meine Versuche, ihre Namen zu lernen. Vor zwei Wochen sprach mich der erste an und bat um einen Abzug der Fotos. Ich sagte ihm, dass ich ja jedem einen Abzug mitbringen müsste, wenn ich ihm einen mitbrächte. Er widersprach, das wäre nicht nötig, ein Bild für ihn würde völlig reichen. Letzte Woche erkundigte ich mich dann, ob ich als Ostergeschenk für alle ein Foto ihres Kurses abziehen lassen soll - riesige Begeisterung. Manchmal kommen mir die Schüler doch jünger vor, als sie ihren Jahren und auch Erfahrungen nach sind. Mal schauen, was sie am Dienstag zum Thema Geldausgeben zu berichten haben.
Nicht jeder der Kandidaten hatte bereits Ansätze für eine Geschäftsidee, aber wir wählten auch diejenigen aus, die ohne das Programm vermutlich nur weiter zu Hause sitzen würden. Wohnten die Bewerber jedoch weiter weg und hatten sich noch keine Gedanken gemacht, wie sie die Teilnahme am Unterricht logistisch meistern würden, sagten wir ihnen ab. Genau wie denjenigen, die wortgewandt und zielstrebig waren und gerade auf ihren Studienbeginn warteten. Eigentlich wären sie die Kandidaten, die man in einem "Leadership-Programm" am ehesten vermuten würde, aber auf der anderen Seite werden sie ihren Weg vermutlich auch ohne unsere Hilfe gehen. Außerdem wäre die Gruppe enorm heterogen geworden, wenn wir diese Kandidaten mit den Baylor-Patienten gemischt hätte, die meistens aus den ärmeren und auch ungebildeteren Schichten kommen, früh die Schule abgebrochen haben und eigentlich schon jetzt kaum eine Perspektive für sich sehen.
Am Dienstag der ersten Februarwoche startete das "Leadership-Programm" für die 37 neuen Schüler. Montags ist kein Unterricht, und so begann die Hälfte der Schüler gleich bei mir in Aflateen, während die andere Hälfte im IT-Unterricht einen Einstufungstest machte. Nach der Pause wurde getauscht. Am Vortag hatte mich noch der Programmleiter informiert, dass eigentlich jedes Unterrichtsfach mit einem vorgegeben Einstufungstest begänne, nur für mein Fach sei dieser momentan unauffindbar. Ich bereitete also den Dienstag ganz normal vor, was auch gut war, denn der Test war und blieb verschwunden.
Mittlerweile hatten wir schon sechs Unterrichtseinheiten. Die Schüler, die in der ersten Stunde noch ganz ehrfürchtig, aufmerksam und brav zuhörten, zücken inzwischen wieder ihre Handys, wenn sie glauben, dass ich es nicht merke. Eine Neuerung ist, dass dieses Jahr vor jedem Unterrichtstag gebetet wird - während der Orientierungstage (die ich wegen unseres Kurzurlaubs in Kapstadt verpasst hatte) hatte wohl eine religiöse Schülerin darum gebeten und nun betet immer ein anderer Schüler vor dem Unterricht. Gebetet wird fast immer in Setswana. Vorletzte Woche hat eine Schülerin auch mal ein Lied angestimmt, in das alle einfielen. Auch wenn ich kein Wort verstand, war das auch für mich bewegend.
Mit etwas Druck konnte ich Thato, der den parallel laufenden IT-Unterricht macht, überzeugen, dass wir unsere Pause gleichzeitig machen sollten - ich fange schließlich mit denen an, die nach der Pause bei ihm sind und umgekehrt. Überdies scheinen mir die Pausenzeiten besser eingehalten zu werden, wenn sie einheitlich sind.
Nach ein paar Einführungsstunden ("Who am I?", "Knowing my rights", "Can and able - our different abilities") sind wir seit der vierten Stunde bei einem Thema angelangt, das langsam zum Kern des Unterrichts vorstößt: Geld. Vor zwei Wochen versuchten wir herauszufinden, wie wichtig Geld ist. In Gruppenarbeit sollten die Schüler je drei Dinge definieren, die für sie wichtiger und unwichtiger wären. Die lustigste Diskussion kam auf, als eine Gruppe Sex als unwichtiger als Geld definierte. Mehrere Schüler widersprachen, insbesondere mit Blick auf den Fortpflanzungsaspekt. Als ein Mädchen wutentbrannt rief, dass Sex fürs Überleben der Menschheit nicht nötig sei, schließlich wäre die heilige Jungfrau Maria auch ohne Geschlechtsverkehr schwanger geworden, griff ich schließlich ein und wies darauf hin, dass Maria ja nun aber doch seit mehr als 2000 Jahren das einzige bekannte Beispiel für jungfräuliche Geburt sei. Ein Glück, dass niemand an künstliche Befruchtung dachte, sonst wäre die Diskussion noch weiter ausgeufert.
Letzte Woche ging es um das Thema Geld sparen. Nachdem einige Schüler des letzten Kurses in ihren Abschlusspräsentationen verkündet hatten, ihr Aha-Erlebnis wäre die Erkenntnis gewesen, dass man mehr Geld für größere Ausgaben hätte, wenn man regelmäßig etwas zurücklegen würde, habe ich den Fokus auf die Aufstellung eines Sparplans gelegt, bevor wir nächste Woche mit "verantwortungsvollem Geldausgeben" fortfahren. Bei den Geldthemen ist mir die Aufmerksamkeit meiner Schüler sicher. Was sie aber mindestens genauso interessiert, sind die Gruppenfotos, die ich nach der allerersten Stunde von ihnen gemacht habe. Eigentlich habe ich sie für mich aufgenommen, sie auf Pappe geklebt und nach und nach die Namen zu den Gesichtern aufgeschrieben, in der Hoffnung, sie so irgendwann zu lernen. Wie auch letztes Jahr gibt es einige englische Namen, die ich mir gut merken kann: Precious, Queen und Primrose sind kein Problem und auch Sarah, Emmanuel und Allen hatte ich schnell im Kopf. Schwieriger ist es bei Boitumelo, Obakeng und Kgomotso - und mein deutscher Akzent macht es nicht besser. Die Schüler finden die Fotos allerdings viel interessanter als meine Versuche, ihre Namen zu lernen. Vor zwei Wochen sprach mich der erste an und bat um einen Abzug der Fotos. Ich sagte ihm, dass ich ja jedem einen Abzug mitbringen müsste, wenn ich ihm einen mitbrächte. Er widersprach, das wäre nicht nötig, ein Bild für ihn würde völlig reichen. Letzte Woche erkundigte ich mich dann, ob ich als Ostergeschenk für alle ein Foto ihres Kurses abziehen lassen soll - riesige Begeisterung. Manchmal kommen mir die Schüler doch jünger vor, als sie ihren Jahren und auch Erfahrungen nach sind. Mal schauen, was sie am Dienstag zum Thema Geldausgeben zu berichten haben.
Dienstag, 13. März 2018
Zweijähriges
Es ist kaum zu glauben: Nun bin ich schon zwei Jahre hier in Gaborone (hatte ich nicht gerade erst über mein einjähriges Jubiläum geschrieben?). Da kann ich wohl nicht mehr sagen, dass ich hier noch ein Frischling bin.
Hat mich die Zeit verändert? Bestimmt. Veränderungen an sich selbst entdeckt man ja eher seltener - daher müssten eigentlich andere diese Frage beantworten. Wie ich das sehe: Ich bin sicherlich noch einmal aufmerksamer für interkulturelle Begebenheiten geworden, verstehe besser, was mir jemand sagen will, wenn er/sie eigentlich nichts sagt (indirekte Kommunikation ist nicht nur in Asien wichtig, auch hier sind wir Deutschen eigentlich per se viel zu direkt, siehe auch "How are you?"). Im Job habe ich viel gelernt, mit Höhen und Tiefen, Führung und Finanzen, Projektmanagement und Aufbau von Partnerbeziehungen - hat mich das auch verändert? Ich glaube, dass ich mich weiterhin im Spiegel anschauen kann und mich wiedererkenne, mich nicht allzu sehr verbogen habe. Eine eher unerwartete Veränderung: Mein deutsches Sprachgefühl ist vielleicht noch einmal ein wenig feiner geworden (diesem Blog und Wallis häufig streng-präzisem Lektorat sei Dank!).
Habe ich denn umgekehrt Gaborone oder SADC verändert? Das wäre wohl etwas groß gedacht. Schade eigentlich. Dass es mit einer Veränderung der Autofahrer durch uns hier bisher nicht geklappt hat, habe ich ja kürzlich schon geschrieben. Ich würde gerne sagen, dass ich durch mein Handeln zumindest einigen botswanischen Mitarbeiter/innen im Büro ein Vorbild gewesen bin. Doch da sollte ich wohl eher vorsichtig sein: Mir wird zwar effizientes Handeln bescheinigt, doch vielleicht gibt es hier auch einfach interkulturelle Grenzen, sprich ein gewisses gegenseitiges Unverständnis über den (nicht-)Einsatz im Job. Mit dem von mir geleiteten Projekt haben wir bisher unsere Ziele weitgehend erreicht - und damit haben wir dann eben doch etwas bewirkt. Und, worüber ich mich besonders freue: Einer meiner "assoziierten Mitarbeiter" (gibt es das? Nicht direkte Führung durch mich, aber Teil des Teams), der schon seit 2013 im Projekt mitarbeitet, hat mir bereits mehrfach bescheinigt, dass die Stimmung im Team derzeit so gut sei wie er sie noch nie zuvor erlebt hat.
Auch abseits des Jobs haben wir uns recht gut eingelebt. Walli muss sich quasi schon Termine blocken, um noch Zeit zum Lesen zu finden (ihr Belletristik-Blog Romanregal.de erhält aber weiterhin regelmäßig Updates!) - und gerade im letzten Jahr konnten wir Botswana, Namibia und kleine Teile Südafrikas ein wenig erkunden. Diese Wochenendausflüge bis hin zu längeren Urlauben waren teils wirklich fantastisch; an die oft langen Autofahrten haben wir uns schon fast gewöhnt (11,5 Std. nach Windhoek? Geht doch an einem Tag.).
Unsere Freundschaften hier gestalten sich anders als wir es aus Deutschland kennen, einige waren auch für uns unerwartet. Wer hätte zu Beginn unserer Zeit in Gaborone schon gedacht, dass ich hier mittlerweile mehrfach mit meinem knapp 20 Jahre älteren Chef campen gehen würde (ok, zu Beginn unserer Zeit hier war es auch noch ein anderer Chef)? Wir haben jedenfalls bereits viele Ideen für weitere Ausflüge im Kopf - und mit unserem Dachzelt werden diese hoffentlich auch finanzier- und realisierbar (während ich diesen Blogeintrag schreibe stellt Walli bereits die nächste Route zusammen).
Zwei Jahre ist es also her, dass ich in Gaborone angekommen bin, und es ist viel passiert - sowohl hier wie auch in Deutschland. Es fühlt sich manchmal an, als ob ich schon viel länger in Botswana wäre. Auch hier habe ich gerade unter der Woche so etwas wie einen "Alltag" - er erscheint mir häufig wenig spektakulär und wenig erzählenswert. Erst in Gesprächen mit Freunden und Bekannten, stellen wir gelegentlich fest, dass manches, was wir hier mittlerweile als "normal" empfinden, vielleicht doch erzählenswert ist. Und dann ist mein erster Gedanke natürlich, wie daraus ein Blogeintrag werden kann... Bis zum nächsten Eintrag also!
Hat mich die Zeit verändert? Bestimmt. Veränderungen an sich selbst entdeckt man ja eher seltener - daher müssten eigentlich andere diese Frage beantworten. Wie ich das sehe: Ich bin sicherlich noch einmal aufmerksamer für interkulturelle Begebenheiten geworden, verstehe besser, was mir jemand sagen will, wenn er/sie eigentlich nichts sagt (indirekte Kommunikation ist nicht nur in Asien wichtig, auch hier sind wir Deutschen eigentlich per se viel zu direkt, siehe auch "How are you?"). Im Job habe ich viel gelernt, mit Höhen und Tiefen, Führung und Finanzen, Projektmanagement und Aufbau von Partnerbeziehungen - hat mich das auch verändert? Ich glaube, dass ich mich weiterhin im Spiegel anschauen kann und mich wiedererkenne, mich nicht allzu sehr verbogen habe. Eine eher unerwartete Veränderung: Mein deutsches Sprachgefühl ist vielleicht noch einmal ein wenig feiner geworden (diesem Blog und Wallis häufig streng-präzisem Lektorat sei Dank!).
Habe ich denn umgekehrt Gaborone oder SADC verändert? Das wäre wohl etwas groß gedacht. Schade eigentlich. Dass es mit einer Veränderung der Autofahrer durch uns hier bisher nicht geklappt hat, habe ich ja kürzlich schon geschrieben. Ich würde gerne sagen, dass ich durch mein Handeln zumindest einigen botswanischen Mitarbeiter/innen im Büro ein Vorbild gewesen bin. Doch da sollte ich wohl eher vorsichtig sein: Mir wird zwar effizientes Handeln bescheinigt, doch vielleicht gibt es hier auch einfach interkulturelle Grenzen, sprich ein gewisses gegenseitiges Unverständnis über den (nicht-)Einsatz im Job. Mit dem von mir geleiteten Projekt haben wir bisher unsere Ziele weitgehend erreicht - und damit haben wir dann eben doch etwas bewirkt. Und, worüber ich mich besonders freue: Einer meiner "assoziierten Mitarbeiter" (gibt es das? Nicht direkte Führung durch mich, aber Teil des Teams), der schon seit 2013 im Projekt mitarbeitet, hat mir bereits mehrfach bescheinigt, dass die Stimmung im Team derzeit so gut sei wie er sie noch nie zuvor erlebt hat.
Auch abseits des Jobs haben wir uns recht gut eingelebt. Walli muss sich quasi schon Termine blocken, um noch Zeit zum Lesen zu finden (ihr Belletristik-Blog Romanregal.de erhält aber weiterhin regelmäßig Updates!) - und gerade im letzten Jahr konnten wir Botswana, Namibia und kleine Teile Südafrikas ein wenig erkunden. Diese Wochenendausflüge bis hin zu längeren Urlauben waren teils wirklich fantastisch; an die oft langen Autofahrten haben wir uns schon fast gewöhnt (11,5 Std. nach Windhoek? Geht doch an einem Tag.).
Unsere Freundschaften hier gestalten sich anders als wir es aus Deutschland kennen, einige waren auch für uns unerwartet. Wer hätte zu Beginn unserer Zeit in Gaborone schon gedacht, dass ich hier mittlerweile mehrfach mit meinem knapp 20 Jahre älteren Chef campen gehen würde (ok, zu Beginn unserer Zeit hier war es auch noch ein anderer Chef)? Wir haben jedenfalls bereits viele Ideen für weitere Ausflüge im Kopf - und mit unserem Dachzelt werden diese hoffentlich auch finanzier- und realisierbar (während ich diesen Blogeintrag schreibe stellt Walli bereits die nächste Route zusammen).
Zwei Jahre ist es also her, dass ich in Gaborone angekommen bin, und es ist viel passiert - sowohl hier wie auch in Deutschland. Es fühlt sich manchmal an, als ob ich schon viel länger in Botswana wäre. Auch hier habe ich gerade unter der Woche so etwas wie einen "Alltag" - er erscheint mir häufig wenig spektakulär und wenig erzählenswert. Erst in Gesprächen mit Freunden und Bekannten, stellen wir gelegentlich fest, dass manches, was wir hier mittlerweile als "normal" empfinden, vielleicht doch erzählenswert ist. Und dann ist mein erster Gedanke natürlich, wie daraus ein Blogeintrag werden kann... Bis zum nächsten Eintrag also!
Freitag, 2. März 2018
On parle français
Seit Oktober besuche ich einen Französischkurs. Zugegebenermaßen nicht das naheliegendste Hobby im südlichen Afrika, aber hier in Gaborone regelt ja ab und an auch einfach das Angebot die Nachfrage - und das Angebot gibt es immerhin! In Form der Alliance Française, meines Wissens nach dem einzigen Kulturinstitut überhaupt in Gaborone.
Angebot hin oder her, von alleine wäre ich vermutlich dennoch nicht auf die Idee gekommen, hier einen Französischkurs zu besuchen. Da sehr viele Batswana vorzüglich Englisch sprechen, aber in der Regel keinerlei Französisch, bietet sich das auch einfach nicht an. Aber dann rief mich im letzten August ein Bekannter an, der offenbar schon seit zwei Jahren mit der Alliançe Française in Verhandlungen stand und nun endlich die Chance sah, einen Vormittags stattfindenden Französischkurs ins Leben zu rufen - wenn er denn noch vier Mitstreiter fände. Was sollte ich dazu sagen - außer zu? Ich war Nummer zwei. Mein Bekannter hat zwei kleine Kinder (daher kann er nur einen Vormittagskurs wahrnehmen) und kannte über diese noch eine bolivianische Mutter, die sich ebenfalls breitschlagen ließ. Ich akquirierte noch meine Freundin Ruth. Und so waren wir eine sehr bunte Mischung: Thomas, der vor ein paar Jahren mal ein Dreivierteljahr intensiv Französisch gelernt hat, ich mit inzwischen doch ziemlich lange zurückliegendem Französisch-LK und einem auf deutsch stattfindenden Auslandssemester an der Université de Dijon, Luz, die nach eigenen Angaben schon fünf erfolglose Anläufe, die Sprache zu lernen, hinter sich hat, und Ruth, die Französisch in der Schule hatte und es vor ein paar Jahren nochmal aufgefrischt hat, als ihre eigenen Kinder sich damit rumgeplagt haben. Wir waren uns im Niveau zwar nicht komplett ähnlich, hatten aber alle gewisse, eingestaubte Vorkenntnisse. Bis auf die Fünfte im Bunde, die uns die Alliance Française organisierte: Fe, eine Amerikanerin, eine absolute Französisch-Beginnerin, die fürchtet, dass ihr Mann in nicht allzuferner Zukunft ins französischsprachige Westafrika versetzt wird.
Ich verpasste gleich die erste Stunde und saß stattdessen längere Zeit auf einem botswanischen Polizeirevier - kein guter Start, aber auch kein schlechtes Omen. Der Kurs begann ganz vielversprechend. Unsere erste Französischlehrerin Amina war Französin, kam geradewegs von einer französischen Uni und hatte nur rudimentäre Englischkenntnisse. Aber ansonsten redete sie sehr gern, das Ganze war mehr eine Art Konversationskurs, was ich gar nicht schlecht fand. Jeder erzählte, so gut er konnte und irgendwie konnten wir uns alle einigermaßen verständlich machen. Bei Fe ging es natürlich nicht ganz so gut, aber wir halfen zusammen und sie beklagte sich nicht.
Anfang Dezember nahm unser Kurs dann eine unerwartete Wendung: Von einem auf den anderen Mittwoch war unsere Lehrerin nicht mehr da. Sie hatte es in Gaborone nicht mehr ausgehalten und war nach Frankreich zurückgekehrt - kaum vorstellbar angesichts ihres immer so sonnig erscheinenden Gemüts. Seitdem wechseln sich zwei Batswana mit unserem Unterricht ab: Monique, die auch beim Bildungsministerium arbeitet, und Thebo, die in Frankreich studiert hat und deren französischer Lebensgefährte in Lyon lebt. Beide sprechen sehr gut Französisch, gehen aber meist mehr oder weniger streng nach Buch vor. Und das Buch langweilt uns - außer Fe vielleicht. Zwei Stunden lang übten wir die Zahlen bis 100 bis zum Erbrechen. Ich gebe zu, dass ich mich auch nicht mehr an jede sprachliche Feinheit erinnern konnte, aber inzwischen könnte Philip mich nachts aufwecken und ich könnte ihm im Halbschlaf sagen, dass 99 quatre-vingt-dix-neuf heißt. Was ich allerdings eventuell vor dem Kurs sogar auch hingekriegt hätte.
Aber trotzdem macht mir der Französischkurs Spaß. Es ist nett, meine Mitstreiter einmal die Woche zu treffen, wir tauschen uns über alles Mögliche aus und dadurch, dass die neuen Lehrerinnen beide Batswana sind, hat das ganze inzwischen auch noch eine landeskundliche Komponente. Thebo zum Beispiel ging einmal dazwischen, als wir MAPs (MitAusreisende Partner, die wir ja alle sind) uns während der Pause darüber ausließen, dass es für uns schwierig bis unmöglich wäre, in Botswana eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Sie stellte klar, dass sie in Frankreich auch nicht arbeiten darf und auch nur alle paar Monate überhaupt zu ihrem französischen Freund fliegen kann. Tja, da ist wohl was dran. Woanders ist es auch nicht anders - stimmt ja.
Und so fällt mein Französischkurs wohl vor allem in die Kategorie "Völkerverständigung". Ich habe ihn liebgewonnen, auch wenn ich wohl keinen Folgekurs besuchen werde.
Angebot hin oder her, von alleine wäre ich vermutlich dennoch nicht auf die Idee gekommen, hier einen Französischkurs zu besuchen. Da sehr viele Batswana vorzüglich Englisch sprechen, aber in der Regel keinerlei Französisch, bietet sich das auch einfach nicht an. Aber dann rief mich im letzten August ein Bekannter an, der offenbar schon seit zwei Jahren mit der Alliançe Française in Verhandlungen stand und nun endlich die Chance sah, einen Vormittags stattfindenden Französischkurs ins Leben zu rufen - wenn er denn noch vier Mitstreiter fände. Was sollte ich dazu sagen - außer zu? Ich war Nummer zwei. Mein Bekannter hat zwei kleine Kinder (daher kann er nur einen Vormittagskurs wahrnehmen) und kannte über diese noch eine bolivianische Mutter, die sich ebenfalls breitschlagen ließ. Ich akquirierte noch meine Freundin Ruth. Und so waren wir eine sehr bunte Mischung: Thomas, der vor ein paar Jahren mal ein Dreivierteljahr intensiv Französisch gelernt hat, ich mit inzwischen doch ziemlich lange zurückliegendem Französisch-LK und einem auf deutsch stattfindenden Auslandssemester an der Université de Dijon, Luz, die nach eigenen Angaben schon fünf erfolglose Anläufe, die Sprache zu lernen, hinter sich hat, und Ruth, die Französisch in der Schule hatte und es vor ein paar Jahren nochmal aufgefrischt hat, als ihre eigenen Kinder sich damit rumgeplagt haben. Wir waren uns im Niveau zwar nicht komplett ähnlich, hatten aber alle gewisse, eingestaubte Vorkenntnisse. Bis auf die Fünfte im Bunde, die uns die Alliance Française organisierte: Fe, eine Amerikanerin, eine absolute Französisch-Beginnerin, die fürchtet, dass ihr Mann in nicht allzuferner Zukunft ins französischsprachige Westafrika versetzt wird.
Ich verpasste gleich die erste Stunde und saß stattdessen längere Zeit auf einem botswanischen Polizeirevier - kein guter Start, aber auch kein schlechtes Omen. Der Kurs begann ganz vielversprechend. Unsere erste Französischlehrerin Amina war Französin, kam geradewegs von einer französischen Uni und hatte nur rudimentäre Englischkenntnisse. Aber ansonsten redete sie sehr gern, das Ganze war mehr eine Art Konversationskurs, was ich gar nicht schlecht fand. Jeder erzählte, so gut er konnte und irgendwie konnten wir uns alle einigermaßen verständlich machen. Bei Fe ging es natürlich nicht ganz so gut, aber wir halfen zusammen und sie beklagte sich nicht.
Anfang Dezember nahm unser Kurs dann eine unerwartete Wendung: Von einem auf den anderen Mittwoch war unsere Lehrerin nicht mehr da. Sie hatte es in Gaborone nicht mehr ausgehalten und war nach Frankreich zurückgekehrt - kaum vorstellbar angesichts ihres immer so sonnig erscheinenden Gemüts. Seitdem wechseln sich zwei Batswana mit unserem Unterricht ab: Monique, die auch beim Bildungsministerium arbeitet, und Thebo, die in Frankreich studiert hat und deren französischer Lebensgefährte in Lyon lebt. Beide sprechen sehr gut Französisch, gehen aber meist mehr oder weniger streng nach Buch vor. Und das Buch langweilt uns - außer Fe vielleicht. Zwei Stunden lang übten wir die Zahlen bis 100 bis zum Erbrechen. Ich gebe zu, dass ich mich auch nicht mehr an jede sprachliche Feinheit erinnern konnte, aber inzwischen könnte Philip mich nachts aufwecken und ich könnte ihm im Halbschlaf sagen, dass 99 quatre-vingt-dix-neuf heißt. Was ich allerdings eventuell vor dem Kurs sogar auch hingekriegt hätte.
Aber trotzdem macht mir der Französischkurs Spaß. Es ist nett, meine Mitstreiter einmal die Woche zu treffen, wir tauschen uns über alles Mögliche aus und dadurch, dass die neuen Lehrerinnen beide Batswana sind, hat das ganze inzwischen auch noch eine landeskundliche Komponente. Thebo zum Beispiel ging einmal dazwischen, als wir MAPs (MitAusreisende Partner, die wir ja alle sind) uns während der Pause darüber ausließen, dass es für uns schwierig bis unmöglich wäre, in Botswana eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen. Sie stellte klar, dass sie in Frankreich auch nicht arbeiten darf und auch nur alle paar Monate überhaupt zu ihrem französischen Freund fliegen kann. Tja, da ist wohl was dran. Woanders ist es auch nicht anders - stimmt ja.
Und so fällt mein Französischkurs wohl vor allem in die Kategorie "Völkerverständigung". Ich habe ihn liebgewonnen, auch wenn ich wohl keinen Folgekurs besuchen werde.
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