Montag, 26. November 2018

Wir machen Staatsbesuch

Man könnte meinen, dass sich bei uns nun alles um den bevorstehenden Abschied dreht, doch dem ist nicht so, im Gegenteil: In der vergangenen Woche hatten wir wohl eines der Highlights unserer gesamten Zeit hier. Der deutsche Bundespräsident kam zum Staatsbesuch nach Botswana, und wir waren mittendrin statt nur dabei. Dieser Staatsbesuch war doch etwas größer als der Arbeitsbesuch des BMZ-Ministers Müller Ende August. Herr Steinmeier kam mit einer Delegation von ca. 60 Leuten, Walli organisierte die Kulturdelegation ganz allein, ich hatte die Wirtschaftsdelegation an der Backe (letzteres immerhin zusammen mit einem Kollegen aus der Botschaft). Der Hochzeitsanzug wurde aus dem Schrank geholt!
Mit den Mitarbeitern der deutschen Botschaft trafen wir uns letzten Mittwochmorgen um 8 Uhr am Hotel, in dem die Delegation später eincheckte, trafen letzte Absprachen, teilten die Busse ein, etc. Der Fahrer "meines" Busses erschien nicht nur zu spät, sondern auch in Unterhemd und Flipflops; ihn schickten wir erst einmal zum Umziehen. Dann ging es frühzeitig zum Flughafen - nein, nicht zu dem Teil für Normalsterbliche, den wir mittlerweile gut kennen, sondern zum VIP-Terminal daneben. In diesem warteten wir zwei Stunden, bis die Delegation aus Südafrika eingeflogen kam. Eigentlich besteht Gaborones VIP-Terminal nur aus einer Lounge mit schweren Sesseln bzw. Couchgarnituren. Während wir dort saßen, lief nach und nach die Prominenz auf: Einige Militärs in Ausgehuniform, später die botswanischen Minister, dann auch Teile des "diplomatischen Korps", sprich die Botschafter anderer Länder oder ihrer Stellvertreter. Schließlich entstiegen auch der botswanische Präsident Masisi und seine Frau einer Limousine. Wir fühlten uns jetzt schon wichtig.


Der Flieger der deutschen Flugbereitschaft, ein A340 (solche große Flugzeuge sieht man an unserem Flughafen sonst eigentlich nicht), landete gegen 11:45 Uhr, der rote Teppich wurde ausgerollt (bzw. die letzten Meter zur Treppe gerollt), wir hasteten zur hinteren Treppe, nahmen die Mitglieder "unserer" Delegationen in Empfang und führten sie zum Rand des Rollfelds.



In der Zwischenzeit starteten die militärischen Ehren: 21 Kanonenschüsse, das Abschreiten der Formation, eine Militärkapelle spielte die botswanische und die deutsche Nationalhymne. Wir schauten noch kurz zu, hasteten jedoch aufgrund des engen Zeitplans noch vor dem Auftritt der traditionellen Tanzgruppe zu den Bussen und stiegen ein (gemäß eines genauen Plans, wer in welchen Bus mit wem!), damit alle Wagen abfahrtsbereit sein würde, sobald die Präsidenten mit der Zeremonie fertig sein wären. Mit Blaulicht in langer Kolonne ging es durch die Stadt, überall stand der Verkehr still, bis wir durch waren. So schnell sind wir selten von einem Ort zum anderen gekommen!
Erster Programmpunkt war ein Staatsbankett, man macht so etwas ja nicht jeden Tag mit, insofern eine spannende Angelegenheit für uns: 330 Plätze an runden Tischen im größten Saal des Kongresszentrums Gaborones, in der Mitte die Präsidenten mit Ehefrauen. Nationalhymnen, Rede des botswanischen Vizepräsidenten (Präsident Masisi ließ sich wegen erkältungsbedingter Heiserkeit als Redner entschuldigen), Rede des deutschen Präsidenten (in exzellentem Englisch!), dann wurde das Essen serviert.


Unser Tisch war leider halb leer, was die Konversation etwas erschwerte. Im Hintergrund spielte eine botswanische Blaskappelle Stücke wie "An der blauen Donau" oder den "Radetzky-Marsch" (letzteren assoziiert Walli mit einer Bonduelle-Werbung von 1985, das war wohl musikalische Früherziehung!). Waren wir noch in Botswana? Nein, wir waren auf Staatsbesuch!
Nachmittags begleiteten wir unsere Delegationen zu ihren Terminen, abends trafen wir uns in im Mokolodi Game Reserve wieder. Dort wurden wir zum Konferenzzentrum World's View geshuttelt, wo uns eine Marimba-Band begrüßte. Es war der interne Delegationsabend, dem wir (jetzt als Delegationsmitglieder) beiwohnen durften. Die Stimmung war gut, Herr Steinmeier sprach mit meiner Wirtschaftsdelegation über eine Stunde lang, so dass die Delegationsmitglieder anschließend sehr glücklich waren.


Tag 2 begann wieder mit einem Termin der Wirtschaftsdelegation, dann fuhren wir zum Hauptprogramm mit Herrn Steinmeier, der ein Berufsbildungsprojekt einweihen sollte. Wir waren planmäßig etwas früher dort, und es zeigte sich, dass Delegationsbegleitung durchaus aus mehr besteht, als die Bespaßung der Delegationsmitglieder. In letzter Minute entdeckten wir z.B. noch diese deutsche Fahne, die etwas Korrektur bedurfte.


Von dort ging es wieder mit Blaulicht durch die Stadt zurück zum Flughafen: Salutschüsse, Nationalhymnen, die Delegationen Richtung Hintereingang des Flugzeugs bugsieren. Atem anhalten: Das Flugzeug hatte bereits in Südafrika Startprobleme, man hatte kurzfristig über die Landgrenze noch technisches Equipment geholt, Botschaftsmitarbeiter mussten noch morgens schnell zur Grenze eilen, um mit der Entzollung zu helfen. Und dann ging doch alles gut: Die Türen schlossen sich, die Maschine wurde startklar gemacht, fing langsam an zu rollen bis ans eine Ende der Startbahn, nahm lange Anlauf und entschwebte über dem Himmel von Gaborone. Wir blieben zurück, und hatten als Abschiedsgeschenk einen ordentlichen Sonnenbrand im Gesicht bekommen. 24 Stunden lagen hinter uns, intensiv waren sie, und wir dürften uns wichtig fühlen, waren wir doch nah "an der Macht" und mittendrin als Teil der Delegation des Staatsbesuchs. Spannend!


Freitag, 23. November 2018

Der Ausverkauf hat begonnen

Ausverkauf - was für ein passendes Blogthema für den Black Friday, der ja auch in Botswana ziemlich gehypt wird; wie schrieben bereits vor einem Jahr einen Beitrag dazu. Ich habe am heutigen Freitag keinen einzigen Cent ausgegeben, unser Ausverkauf fing dafür aber auch schon letztes Wochenende an. Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen, denn wir generieren gerade Einnahmen: Kaum stand der Anfang vom Ende fest, haben wir schon damit begonnen, unser Haus aufzulösen. Ziemlich verfrüht, könnte man meinen, schließlich werden wir noch gute drei Monate hier wohnen. Von einigen Möbeln haben wir uns trotzdem bereits getrennt. Vor eineinhalb Monaten ist ein neuer Kollege von Philip mit seiner Frau eingereist. Elke und Dieter haben die ersten Wochen in einem möblierten Appartment verbracht und ziehen jetzt in das Haus seines GIZ-Vorgängers ein. Sie wollten und konnten seine Möbel übernehmen, was für alle Beteiligten recht praktisch war: Sie reisen ohne Container ein, der Vorgänger ohne Container aus. Allerdings sind viele seiner Sachen - wie er auch angekündigt hatte - etwas oll, da er alleine lebte, hatte er sich außerdem eher spartanisch eingerichtet. Kurzum: Die beiden brauchen Möbel - wir dagegen wollen in absehbarer Zeit einige loswerden. Es wäre schön (und auch billiger), für unseren Rückumzug nach Deutschland nicht wieder einen großen, sondern diesmal nur einen kleinen Container zu benötigen. Außerdem werden Möbel durch einen Container-Transport nicht unbedingt besser, der Großteil unserer Einrichtung ist zudem von IKEA und - falls wir das wollen - in Deutschland problemlos wiederzubeschaffen.

Hier ist der Möbelkauf dagegen gar nicht so einfach. Natürlich gibt es Möbelgeschäfte, aber das meiste dürfte importiert sein und ist nicht zuletzt dadurch teuer. Billigmöbel wie von IKEA sucht man hier vergebens (wenn man sich nicht etwas von den Paletten-Schreinern am Straßenrand schreinern lässt, deren Möglichkeiten jedoch begrenzt sind), zudem sind die Möbel, die man hier zu kaufen kriegt, vom Stil eher wuchtig. Und so sind unsere Möbel hier attraktiver, als sie es in Deutschland wären und wir kriegen tatsächlich noch Geld für Sachen, die wir in Frankfurt vermutlich nur noch zum Sperrmüll stellen könnten. Zum Beispiel für die alte Korbsessel-Garnitur, die mir meine Eltern vor über 20 Jahren für mein Jugendzimmer gekauft haben. Oder für das alte Badezimmerregal, das ich von ihnen geerbt habe. Philips Nachttischlampe haben wir ebenso verkauft wie einen Satz Handtücher, den wir nicht nutzen. Und auch der praktische weiße Klapptisch, den ich meiner lieben Kollegin Sarah vor fast 10 Jahren abkaufte, wird in Botswana bleiben. Von all diesen Sachen haben wir uns am Sonntag bereits getrennt - sie waren hier nicht in ständiger Benutzung, Elke und Dieter können sie daher gerade besser brauchen als wir. Und so wurden Teile unseres Hausstandes schon durch Gaborone gefahren, teils sogar auf dem Autodach.


Was außerdem seit dem letzten Besuch meiner Eltern nicht mehr in Benutzung war: Unser Gästezimmer mit dem Bett, das Philip in seiner ersten Woche in Gaborone im März 2016 kaufte. Wir schliefen darin, bis unser Container ankam und hatten danach den Luxus, unseren Gästen statt einer Schlafcouch ein richtiges Bett anbieten zu können. Für ein Gästebett werden wir aber in Frankfurt nicht mehr ausreichend Platz haben, da wird es wohl wieder eine Schlafcouch werden - und auch jetzt haben wir hier noch eine stehen, falls also doch noch kurzentschlossener Besuch vorbeikäme, könnten wir auch den noch unterbringen. Und so beschlossen wir, unser Gätsezimmer schon mal aufzulösen - was weg ist, ist weg. Abends wurde also schon die zweite Ladung mit einem etwas größeren Auto abgeholt.

  

Unser Gästezimmer wirkt jetzt ziemlich verwaist - neben Bett und Regal haben wir auch gleich die Vorhänge weggegeben, denn was sollen diese noch in einem leeren Zimmer?


Trotz all dieser guten Argumente sieht das fast leere Gästezimmer nun doch etwas traurig aus und ganz kalt gelassen hat uns der Anfang von unserem Ausverkauf auch nicht. Aber fortgesetzt wird er erst Mitte/Ende Februar. Elke und Dieter haben schon weitere unserer Möbel reserviert, die wir aber noch so lange wie möglich behalten werden - unter anderem unser Bett. Was ich sehr lieb fand: Die beiden haben uns bereits jetzt angeboten, die allerletzten Tage bei ihnen zu wohnen, wenn unser Container schon weg sein wird und unser Haus leer. Und vermutlich werden wir uns bei ihnen auch gleich halbwegs heimisch fühlen, einen Großteil der Möbel kennen wir dann schließlich ziemlich gut.

Dienstag, 20. November 2018

Der Anfang vom Ende - oder vom Anfang?

Schon Anfang des Jahres hatte ich meinen Chef informiert, dass wir mittelfristig wieder nach Deutschland zurückgehen wollten. Er schrieb daraufhin meine Stelle neu aus, noch bevor ich überhaupt eine Bewerbung abgeschickt hatte.
Eine erste Bewerbung von mir war nicht erfolgreich, dann kamen lange Zeit keine passenden GIZ-Stellenausschreibungen in Deutschland. Ein Nachfolger für mich wurde gefunden und eingestellt - anders als in der Stellenausschreibung angegeben, hat er nun nicht zum 1.11. begonnen, sondern wird erst am 1.5. hier starten. Im September/Oktober wurden dann auch mal wieder ein paar für mich interessante Stellen ausgeschrieben und mit einer davon hat es jetzt geklappt. Zum 1.03.2019 soll es für mich wieder in Eschborn losgehen. Ich werde dann in einer Stabsstelle nahe am Vorstand zu unternehmenspolitischen und Grundsatzfragen arbeiten. Das wird mit Sicherheit eine ganz andere Arbeit als hier in Botswana, und ich freue mich darauf.
Und wir freuen uns darauf, wieder zurückzukehren, in der Nähe von Freunden und Familie zu sein und das Leben in Deutschland zu genießen! Einige Annehmlichkeiten haben wir hier schon vermisst - was nicht bedeutet, dass wir Botswana nicht vermissen werden.

Seit ca. zwei Wochen habe ich die Zusage für die neue Stelle, seit knapp einer Woche kenne ich das geplante Umsetzungsdatum. Auch wenn wir es selbst angestrebt haben, um diese Zeit wieder in Deutschland sesshaft zu werden, so macht es doch einen Unterschied, jetzt tatsächlich ein konkretes Datum zu kennen. Es fühlt sich nun an wie der Anfang vom Ende. Oder eben von einem neuen Anfang für uns in Deutschland.
Wir hatten uns über die letzten Monate bewusst entschieden, dass wir hier nicht wie "auf Abruf" leben wollten und daher nicht zu viel an die Rückkehr gedacht. Mit dem konkreten Datum fällt uns das nun jedoch zunehmend schwerer.
Dass bereits (sehr liebenswerte!) Geier über uns kreisen, haben wir recht schnell gemerkt: Neu eingereiste Kollegen waren letztes Wochenende schon zur Möbel-Besichtigung bei uns ... sollten wir das Gästebett eigentlich behalten, will noch jemand zu Besuch kommen? (Anmerkung Walli: zu spät ...)
Es beginnt nun die letzte Phase unseres Aufenthalts in Botswana, es hat sich bereits etwas Nostalgie eingeschlichen, bei dem ein oder anderen Erlebnis stellen wir uns schon die Frage, ob das nun schon das letzte Mal sein wird.
Gleichzeitig ist es schön, hier jetzt schreiben zu können: Bis bald!

Samstag, 17. November 2018

Von Elands und Giraffen und Teetassen und Hubschraubern

Letzten Montag erhielt ich morgens eine Einladung für eine Ausstellungseröffnung am gleichen Abend. Man muss hier spontan sein, wenn man an einem der eher seltenen kulturellen Events teilnehmen möchte! Glücklicherweise hatten wir noch nichts vor und so fanden wir uns gegen 18:00 Uhr am nach wie vor geschlossenen Nationalmuseum ein, genauer gesagt an der dortigen - geöffneten - Gallerie. Wir hatten vor gut eineinhalb Jahren schon einmal eine Ausstellungseröffnung besucht, dies war nun also unsere zweite. Diesmal gab es "San-Art" zu sehen, also Kunstwerke, die von Buschleuten aus der Kalahari erstellt wurden. Wir hatten ja schon das ein oder andere Mal Felsmalereien der San gesehen, z.B. bei einem Ausflug in der Nähe von Gaborone; und bei unserem Aufenthalt im Central Kalahari Game Reserve Ende September hatten wir einen "Bush Walk" mit San gemacht, so dass wir nun einen guten Bezug zur Thematik hatten.


Die ausgestellten Werke wurden von San aus einer Gemeinde am Rande der Kalahari erstellt, gefördert durch eine lokale Stiftung. Am spektakulärsten waren sicherlich die grell-bunten Gemälde auf Leinwand, teils großformatig, die z.B. Antilopen, Giraffen, aber eben auch Hubschrauber oder Teetassen zeigten. Darüber hinaus gab es auch zahlreiche Linoleum-Drucke.


Wichtig war für uns sicherlich der Hinweis aus dem Ausstellungsprospekt, dass ein Bild von einer Antilope in der Regel nicht nur ein Bild von einer Antilope ist, sondern die abgebildete Figur meist eine tiefgründigere Bedeutung hat, z.B. mit einem Ereignis verknüpft wird. Oder dass manche Tiere eben in der Mystik der San eine festgelegte Bedeutung haben.


Auch ohne nun für jedes Symbol eine tiefere Erklärung zu haben, half uns diese Information doch im Verständnis der Gemälde und Linoleum-Drucke. Denn wenn man so manches Gemälde sonst anschaute, war es zwar schön bunt, aber manchmal fragte man sich doch, ob es in diesem Stil nicht auch ein Kind ähnlich hätte malen können.


Wir waren dennoch begeistert, bei dieser Ausstellungseröffnung dabei sein zu können. Die Schweizer Botschaft in Südafrika (die auch für Botswana zuständig ist,) hatte die Ausstellung wohl durch Sponsoring erheblich unterstützt. Toll war, dass mehrere der Künstler anwesend waren. Sie stellten sich nacheinander vor und ihre Sprache mit Klick-Lauten wurde dankenswerter Weise auf Englisch übersetzt.


Letztlich waren wir so mitgerissen von der Stimmung, dass wir uns sogar hinreißen ließen, ein Bild zu kaufen. Nein, ein Foto zeigen wir hier im Blog nicht - das Bild könnt Ihr ja vielleicht demnächst mal bei einem Besuch bei uns in Deutschland anschauen.

Mittwoch, 7. November 2018

Von Wunderwaffen, Übersetzungen und einer Häkelraupe

Ein Freund von uns beschrieb mich neulich als Wunderwaffe. Einer der Gründe dafür war mein neuester Minijob für die GIZ: Nachdem ich innerhalb der letzten eineinhalb Jahre den unternehmensinternen Mietspiegel aktualisiert und das Firmenarchiv geordnet habe, übersetze ich gerade ein für die Öffentlichkeitsarbeit bestimmtes, mehrseitiges Dokument vom Englischen ins Deutsche. Wie die übrigen Aufgaben fällt es unter die Kategorie "einer muss es machen, aber niemand hat Zeit" und wie so oft, wenn ich gefragt werde, habe ich einfach mal ja gesagt. Deutsch beherrsche ich schließlich ziemlich gut.

Im Zuge der Übersetzung habe ich einiges gelernt - vor allem, mich in Demut zu üben. Ich habe mal mit einer Halbfranzösin zusammengewohnt, die freiberuflich als Übersetzerin arbeitete. Das Online-Wörterbuch Leo war dabei ihr ständiger Begleiter, was ich als Laie insgeheim nicht so recht verstand: Sie war zweisprachig aufgewachsen, ihr Deutsch war annähernd perfekt - und ihr Französisch vermutlich noch besser, das konnte ich nur nicht so gut beurteilen. Wieso musste sie nur so viel nachschlagen? Zehn Jahre später leiste ich innerlich Abbitte, ich habe nämlich in den letzten Tagen auch dauernd alles nachgeschlagen, obwohl mir die meisten Wörter bekannt waren. Aber dann machte ihre mir geläufige Bedeutung im jeweiligen Syntax / Kontext etc. plötzlich keinen rechten Sinn mehr und dann begann die große Recherche ...

Als ersten Übersetzungsauftrag gleich einen Fachtext anzunehmen, war allerdings auch ziemlich ambitioniert. Einige unternehmensinterne Begrifflichkeiten sind mir schlicht unbekannt. Zum Glück konnte ich abends immer einen Fachmann konsultieren: Philip las meine Übersetzung gegen, brachte die Fachbegriffe unter, die ich eher umschrieben hatte und glättete sprachlich. Tatsächlich begann er irgendwann, auch noch den englischen Originaltext weiterzuverbessern. Und ich bekam mehr und mehr den Eindruck, dass niemand mehr ernsthaft glaube könnte, dass ich die Übersetzung ganz allein gemacht hätte - das jetzige Ergebnis trägt die klare Handschrift eines GIZ-Insiders, ich hätte es niemals so anfertigen können. Gestern fühlte ich mich unvermittelt an ein Erlebnis aus meiner Grundschulzeit erinnert: Im Fach "Textil" (das hieß meiner Erinnerung nach damals wirklich so) lernten wir häkeln und häkelten schließlich eine Raupe - bzw. vermutlich eher ein Rechteck, was dann zusammengenäht, ausgestopft und mit Knopfaugen versehen wurde. Ich war keine besonders begabte Häklerin und ziemlich langsam, aber die meisten von uns häkelten langsam und so hatten wir die Aufgabe, die Raupe zu Hause fertigzustellen. Ich erinnere mich noch, wie meine Klassenlehrerin, die ich sehr gerne mochte, die fertigen Raupen in der Schule begutachtete. Sie guckte mir in die Augen und fragte mich, ob mir meine Mutter sehr viel geholfen hätte und in dem Moment schaute ich mir die Raupe erstmals genauer an und musste objektiv anerkennen, dass der Unterschied zwischen meinen paar schiefen Maschen und den vielen gleichmäßigen meiner Mutter schon ziemlich offensichtlich war. Ich kann mich nicht erinnern, dass das irgendwelche Konsequenzen gehabt hätte, aber gemerkt habe ich mir das Ganze dennoch. Und so fiel es mir wieder ein, als Philip meine Übersetzung verbesserte. Ich nehme an, seine Kollegin, für die ich die Übersetzung vornehme, wird kein Problem damit haben, dass ich Hilfe hatte, im Gegenteil. Dennoch bleibt ein etwas unbefriedigendes Gefühl zurück. Merke: Häkeln und Übersetzen ist beides schwieriger, als man vielleicht auf den ersten Blick glaubt!

Donnerstag, 25. Oktober 2018

Niedrig im Hohen

Im August letzten Jahres erfuhren wir, dass unsere Partnerorganisation SADC unser Projektbüro umziehen wollte. Ich mochte mein altes Büro eigentlich, das zwar in einem baufälligen Gebäude lag, dafür jedoch riesig war und einen tollen Blick hatte.
Als ich von dem geplanten Umzug erfuhr, vertrat ich gerade meinen Chef, den Landesdirektor und bekam daher mit, dass Großraumbüros mit mehr als 40 Arbeitsplätzen geplant wurden. Da wurde ich dann doch recht deutlich, denn unsere eher konzeptionelle Arbeit stellte ich mir in einer solchen Arbeitsumgebung schwierig vor. (In Deutschland plant man in der GIZ dagegen "neue Arbeitswelten", in der man nicht mehr seinen festen Arbeitsplatz hat - das hat allerdings auch etwas andere Voraussetzungen als ein Großraumbüro in Botswana ...).
Zunächst ging es dann ganz knapp vor Weihnachten letzten Jahres in ein Übergangsbüro. Wir erfuhren von dem Umzug immerhin eine Woche vorher, im neuen Büro gab's dann erst einmal Chaos. Wir sollten dort nur drei Monate bleiben. Drei Monate vergingen, wir hatten nichts gehört. Dann hieß es, im Juni sollte der Umzug passieren. Im Juni war von Juli die Rede. Und dann schließlich September. Zunächst erste Septemberwoche, dann zweite Septemberwoche. In der letzten Septemberwoche wurde uns mitgeteilt, dass SADC mit dem Vermieter verhandelt hätte, dass wir noch eine Woche länger in unserer Übergangsbleibe residieren dürften. Dann hörten wir wieder nichts zum Umzug. Dienstags in der fraglichen Woche kamen Umzugsfirmen vorbei, um die zu transportierenden Möbel etc. anzuschauen und zu taxieren. Donnerstags gegen 10:30 Uhr, wir saßen gerade in einer Besprechung, zeigte mir ein Kollege eine Mail, die jemand aus seinem Team gegen 9:30 Uhr erhalten hatte: Um 10:00 kämen die Möbelspeditionen um den Umzug durchzuführen. Das sorgte wohl auf den Fluren unserer drei betroffenen Projekte für etwas Hektik... Nachmittags ließen sich die Möbelpacker dann mal sehen, packten aber zunächst andere Büros, einen Stock höher.
Freitags ging es dann auch für uns los - nach gut neun Monaten, die wir nun doch in unserem Übergangsbüro gewesen waren. Ausgeladen wurde am neuen Büro von den Sub-Sub-Subunternehmern (ja, wir haben gezählt!) direkt an der Bordsteinkante, denn für mehr wurden sie nicht bezahlt. Auch Samstag und Sonntag ging der Umzug noch weiter, dann jedoch ohne meine Beteiligung und wohl nicht mehr mit ganz so vielen Subs, dafür Lieferung direkt in die Büros.


Nun sind wir also in unserem neuen - und hoffentlich endgültigen! -  Projektbüro: Mitten im "Central Business District", in den "itowers", dem höchsten Gebäude der Stadt. Mit der Aussicht hat es leider nicht ganz so geklappt - wir sind im Erdgeschoss, direkt über unserem Büro liegt ein Chinarestaurant (immerhin mit Mittagstisch).


Es ist ein Erstbezug, wir haben neue Möbel bekommen, und sind in Laufdistanz (!) zu unserer Partnerorganisation SADC sowie zum GIZ-Landesbüro. Und die meisten unserer Büros haben sogar Tageslicht. Wir haben auch nicht - wie anfangs "angedroht" - riesige Großraumbüros erhalten, sondern sind zu zweit in Büros, bzw. alleine. Als Chef war ein Einzelbüro für mich vorgesehen, den Rest meines Teams habe ich nach Konsultationen zugeteilt. Am Tag des Einzugs sagten mir allerdings meine beiden simbabwischen Mitarbeiter, dass ich mein Einzelbüro nicht behalten könne - es sei schlicht zu klein für einen Chef. Als Chef bräuchte ich ein größeres Büro, und zwar ein Eckbüro. Ich wollte mich ja nicht über meine Bürogröße oder -lage definieren, musste dann aber feststellen, dass ich im Vergleich zu den anderen beiden Projektleitern wirklich ein winziges Büro hatte. Also verteilte ich die Räume wieder neu: Ich bekam ein Eckzimmer, das für zwei Personen ausgelegt war, wir trugen einen Schreibtisch wieder heraus. So ist mein Büro nun kulturell angepasster.


Jetzt haben wir also unser schönes neues Büro, auf das wir so lange gewartet haben. Das Internet umzustellen hat "nur" eine Woche gedauert, es ist ist allerdings etwas sehr langsam, Festnetztelefon haben die meisten von uns nach zweieinhalb Wochen wieder erhalten - jetzt fehlt eigentlich (fast) nur noch, dass die Klimaanlage funktioniert. Im beginnenden Sommer (manche sagen, der Oktober könne der heißeste Monat des Jahres sein) ist es insbesondere in jenen Büros, die nachmittags direkte Sonnenstrahlen abbekommen, doch sehr warm. Auch das wird sich hoffentlich lösen lassen, die Wetten stehen gerade darauf, dass es bis Weihnachten erledigt sein könnte. Die Arbeit geht weiter!

Freitag, 19. Oktober 2018

Ungewohnte Klänge

Ein klassisches Konzert in Gaborone zu besuchen - das ist nur alle Jubeljahre möglich. Olga, die Mutter meiner serbischen Deutschschülerinnen, die inzwischen ebenfalls Deutschunterricht bei mir nimmt, ist Pianistin und erzählte mir wehmütig, dass sie früher in Serbien fast jeden Abend ein Konzert besucht hat (wenn sie nicht selbst auftrat). Und so war sie es auch, die mir Ende September ein Programmheft WhatsAppte, mit den Terminen der Konzerte, die das Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz im Oktober im südlichen Afrika geben würde - unter anderem in Gaborone! Philip hatte auch schon davon gehört - generell sprach sich der geplante Auftritt vor allem in der deutschen Community natürlich schnell rum. Und so saßen am 6.10. insgesamt vermutlich mehr Deutsche als Botswaner im Maitisong Theatre, der Schulaula der Maruapula Schule, die für Auftritte aller Art genutzt wird.

Die Bühne war fast zu klein für das Landesjugendorchester mit 65 Musikanten, die Zuschauerreihen aber nur locker gefüllt, wobei es eine für hiesige Verhältnisse trotzdem recht gut besuchte Veranstaltung war. Wie immer gab es freie Platzwahl und wir erwischten mühelos gute Plätze in den vorderen Reihen, von denen wir einen grandiosen Blick hatten. Und grandios war dann auch das Konzert, vor allem zu Beginn hatte ich Gänsehaut. Nach der Begrüßung wurden wir gebeten, für die Nationalhymne Botswanas aufzustehen - und dann wurde diese vom Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz gespielt, während die Gaborone Youth Singers, ein über dreißigstimmiger Chor, dazu sangen. Im Anschluss erklang dann die deutsche Hymne, die der botswanische Chor, von dem sicherlich niemand deutsch spricht, tatsächlich auswendig gelernt hatte. Dieses botswanisch-deutsche Zusammenspiel fand ich sehr bewegend, es war etwas ganz Einzigartiges. Der Chor, der nur für die beiden Hymnen gekommen war, verließ anschließend die Bühne und das eigentliche Konzert begann. Hofmeyr, Rachmaninov, Beethoven - ich bin eigentlich eine Klassik-Banausin, aber dieses Konzert war ein besonderes Erlebnis. Das Orchester spielte wunderschön, wir saßen so nah, dass wir den jungen Musikerinnen und Musikern quasi auf die Finger schauen konnten und es waren für Botswana einfach sehr ungewohnte Klänge.




Ein großartiger Abend!