Sonntag, 9. September 2018

Der Herr Minister fliegt ein

Für Arbeitsverweigerer im Auslandseinsatz gibt es kaum eine größere Drohung als "Der Minister kommt" (je nach Besuchsprogramm ungefähr gleichzusetzen mit "Die Bundeskanzlerin kommt" oder "Der Bundespräsident kommt").
Wenn mein Chef, der GIZ Landesdirektor, im Urlaub oder auf Dienstreise ist, dann darf ich ihn vertreten. Das fand ich bisher immer interessant, weil man so noch einmal Einblicke in andere Aufgaben bekommt - und bisher hielten sich die dringenden oder kritischen Anfragen in seiner Abwesenheit meist in Grenzen.
Während der Abwesenheit meines Chefs bin ich nicht nur Chef, sondern auch mein Chef. Doch als er im Juli in Urlaub war, kam es knüppeldick: absehbare Budgetkürzungen, kritische Abfragen, und schließlich: Der Minister kommt. Zunächst sollte ich es noch nicht groß weitertragen, dann kam die Anfrage, innerhalb von 48 Stunden Dokumente zu erstellen, der Druck ging los.
Glücklicherweise wird solch ein Ministerbesuch nicht von der GIZ koordiniert, für so etwas gibt es ja die deutsche Botschaft. Dort fand allerdings im Zeitraum Juni bis August ein Wechsel von drei der sechs Mitarbeiter/innen statt, wobei zu dem Zeitpunkt noch keine/r der neuen Mitarbeiter/innen eingereist war. Der deutsche Botschafter war zwar noch da, machte jedoch deutlich, dass er seinen Urlaub im August - während des Ministerbesuchs - durchaus anzutreten gedenke. Interessant, was man sich als Botschafter alles erlauben kann...
Glücklicherweise kam mein Chef kurze Zeit später aus dem Urlaub zurück und konnte wieder übernehmen. Mit den verbliebenen Mitarbeiter/innen an der Botschaft sowie dem Protokoll des Ministers wurde ein Ablaufplan ausgearbeitet, Besuchstermine angefragt und die Logistik ausgetüftelt. Projektfahrzeuge mit Fahrer wurden ausgewählt, um die Delegation des Ministers durch die Stadt zu kutschieren, ein Mitarbeiter als "Gepäckmeister" auserkoren, der sich am Flughafen um das Gepäck der Delegation kümmern sollte.
Für die Projekte kam - glücklicherweise? - keine weitere dringende Anfrage. Wir haben überhaupt sehr wenig vom Ministerbesuch mitbekommen: Ich habe ihn noch nicht einmal gesehen. Schade eigentlich. Obwohl, doch, live habe ich gesehen, facebook-live, denn die botswanische Regierung hat dort die ersten 25 Minuten des Besuchs von Herrn Müller bei Präsident Masisi live bei Facebook gestreamt. Auch eine Art von "open Government". Wann wir wohl mal ein Gespräch von Frau Merkel oder Herrn Steinmeier mit einem ausländischen Politiker live online verfolgen können? Oder wollen wir das vielleicht gar nicht?
Apropos mitbekommen: Wenn ich den Minister schon nicht gesehen habe, so haben wenigstens Walli und ihre Eltern das Flugzeug der Flugbereitschaft am Flughafen aufgesucht und ein Foto gemacht - für unsere Blogleser machen wir doch (fast) alles - und am Flughafen Gaborones fühlen sich Walli und ihre Eltern ja mittlerweile auch recht heimisch dank gewisser Koffersuchaktionen...


Es war der erste Besuch von Herrn Müller im südlichen Afrika überhaupt, von Botswana und seinem Präsidenten zeigte er sich sehr beeindruckt - man brauche in Deutschland solche Beispiele aus Afrika von Staaten mit funktionierender Demokratie, und gutem Wirtschaftswachstum. Auch der Besuch bei SADC verlief im Großen und Ganzen wohl zur Zufriedenheit des Ministers. Beim anschließenden Stopp in Kasane im Norden Botswanas ließ sich Herr Müller noch die Kooperation mehrerer Staaten im Naturschutz erklären - u.a. während einer Boots-Safari auf dem Chobe-Fluß und während einer Safari zu Land. Sicherlich eindrücklich! Frisches Geld brachte Herr Müller leider keines mit; wir wären ja schon dankbar, wenn die angekündigten Kürzungen nächstes Jahr etwas weniger stark ausfielen.

Mittwoch, 5. September 2018

Die unendliche Autoreparaturgeschichte - Teil 2

Hier eine kurze Zusammenfassung des ersten Teils der unendlichen Autoreparaturgeschichte: Der Volvo war unter den in der Vergangenheit zumindest halbwegs hilfreichen Händen unseres serbischen Mechanikers Goran von "größtenteils repariert" zur invaliden Klapperkiste mutiert. Unser Golf hatte nach zweieinhalb Monaten des Wartens und Nachhakens vom malawischen Mechaniker Gabriel zwar erfolgreich einen neuen Zahnriemen verpasst bekommen, dafür war jetzt jedoch ein Display kaputt. Gabriel holte das Auto also nochmal ab - bzw. schlug ich ihm einen Abholtermin vor, den er bestätigte; an dem Nachmittag, den wir vereinbart hatten, schrieb ich ihm nochmal, dass ich jetzt zu Hause sei, er antwortete nicht, nach vergeblichem Warten rief ich ihn schließlich an und wir vereinbarten einen neuen Termin ... egal, irgendwann war das Auto bei Gabriel.

Und da blieb es auch. Es war ein Donnerstagmorgen, als Gabriel das Auto abholte. Der Deal war eigentlich, dass ich es bis Freitagmittag zurückbekommen sollte, aber das klappte nicht. Freitagnachmittag rief ich also an. Gabriel war sehr zuversichtlich, dass er das Display am Samstag zum Laufen bekommen würde und bot uns übergangsweise sein eigenes Auto als Ersatzwagen an. Am Wochenende kommen Philip und ich in der Regel ganz gut mit einem Auto aus, ich vereinbarte aber trotzdem mit ihm, dass wir bis Samstagnachmittag entweder unser Auto zurück- oder seines bekommen würden. Ich nahm an, das würde Anreize bei ihm setzen, die Reparatur zu erledigen. Na ja, ging so.
Am späten Samstagnachmittag fragte ich per WhatsApp nach. Gabriels Antwort: "There is a small part am waiting for I might get it by tomorrow." Das Ersatzauto würden wir sonst auf jeden Fall morgen bekommen, er müsste es nur noch sauber machen.

Am Sonntag (dem besagten tomorrow) tat sich dann halb-erwartungsgemäß gar nichts. Wir bekamen den Golf nicht zurück, kein Ersatzauto und auch keinen neuen Zwischenstand von Gabriel. Wer sich immer schon mal gefragt hat, was mich so richtig auf die Palme bringt - hier ist die Antwort: Unzuverlässigkeit und leere Versprechungen. Am Montag rief ich Gabriel an. Auf sein übliches "Hi, how are you?" brachte ich das obligatorische "I am fine, how are you?" nicht über die Lippen, sondern brummte etwas Undefinierbares in den Hörer, worauf Gabriel immerhin einlenkte: "I know you are not happy." Na immerhin. Gabriel schien dagegen guter Dinge. Zwar war das Display-Problem noch nicht gelöst, aber morgen wäre das Auto ganz sicher repariert! Und heute noch bekämen wir einen Ersatzwagen. Und den brachte er dann tatsächlich - sein eigenes Auto, einen weißen Mercedes.

Abends standen Philip und ich vor dem Wagen, den ich aufgrund meiner ersten Assoziation liebevoll "Zuhälterkarre" getauft hatte. Wir wollten ihn beide nicht fahren; aus unterschiedlichen Gründen. Mir war er zu groß und zu fremd, Philip mutmaßte, dass er wahrscheinlich nicht versichert war.
Am Dienstag wurde dann jedoch unser Volvo mal wieder von Goran abgeholt. Die von ihm bestellten Ersatzteile waren endlich angekommen, was auch höchste Zeit war - am Sonntag wollten wir bereits mit ihm (dem Volvo, nicht Goran) in den Urlaub fahren. Meine Eltern würden am Freitag ankommen und wir hatten eine einwöchige Reise in Botswana und Südafrika geplant. Zu viert und auf ungeteerten Pisten wollten wir doch gerne mit dem Volvo statt mit dem Golf fahren.

Nun waren also Volvo und Golf bei ihren jeweiligen Mechanikern - was uns blieb, war die Zuhälterkarre, mit der Philip dann aus Mangel an Alternativen am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr.


Er amüsierte sich noch über das - immerhin funktionierende - Display im weißen Mercedes; dieses meldete Probleme und empfahl einen Werkstattbesuch.


Natürlich erkannte auch ich eine gewisse Ironie darin, dass das Privatauto unseres Mechanikers sich nach einem Werkstattbesuch sehnte, allerdings waren mir sowohl das Lachen als auch das Vertrauen in Gabriels Fähigkeiten bereits völlig vergangen. Tatsächlich zeigte sich, dass der Mercedes Probleme hatte: Lief Philips Fahrt zur Arbeit noch ganz passabel, fiel auf dem Rückweg die Lenkung aus, das Auto ließ sich kaum noch um Kurven manövrieren. Nicht so richtig praktisch in der Gaboroner Rush Hour, er kam gerade so eben noch nach Hause. Am Donnerstag ließen wir das einzige Auto, das wir nach wie vor hatten, stehen. Philip nahm sich ein Taxi zur Arbeit, ich fuhr mit dem Fahrrad zu meinen serbischen Deutschlern-Mädels (nicht verwandt mit Goran). Meine allererste Fahrradtour in Gaborone! Fahrradfahrer sind in der botswanischen Hauptstadt generell eine Seltenheit, weiße Fahrradfahrer noch mehr. Jugendliche starrten mich an, Bauarbeiter winkten mir zu und die Maid, die für die Familie der serbischen Mädchen arbeitet, verliebte sich spontan in mein Fahrrad und bot an es mir abzukaufen. Und dann geschah auch noch ein Wunder: Gabriel rief an, der Golf sei repariert. Er würde ihn abends noch vorbeibringen. Und das tat er dann tatsächlich; nach einer Woche bekam ich das Auto endlich wieder. (Zum Vergleich: Das Auswechseln des Zahnriemens hatte nur dreieinhalb Tage gedauert.) Nachdem ich ihn im Laufe der vergangenen Tage mehrmals verflucht hatte (nicht den Golf, sondern Gabriel), war ich nun so glücklich, ihn zu sehen, dass ich übersprungshandlungsmäßig zu meinem eigenen Erstaunen tatsächlich behauptete, ihn bei zukünftigen Autoproblemen wieder konsultieren zu wollen. Leere Versprechungen kann ich offensichlich auch machen ...

Am Freitag konnten Philip und ich meine Eltern dann immerhin mit dem Golf statt mit dem Taxi vom Flughafen abholen. Und am Freitagabend geschah das zweite Wunder: Wir bekamen den Volvo repariert und auf Herz und Nieren getestet zurück! Wobei Goran gleich bekannte, dass er ihn nach dem Urlaub gerne nochmal holen würde - er hatte vergessen, irgendein Teil einzubauen, das würde auf die Fahrtüchtigkeit jedoch keinerlei Einfluss haben. (Kurzer Spoiler: Während unseres Urlaubs stellten wir noch ein paar weitere "Kinkerlitzchen" fest ... Warum klackert die Radaufhängung links so? Ist das neu oder war das schon? Warum ist das vordere Licht auf einmal so verstellt, dass es nur noch den einen Meter vor dem Auto ausleuchtet? Warum leuchten weiterhin zwei Warnleuchten am Armaturenbrett, die doch schon längst abgeschaltet bzw. deren Probleme behoben sein sollten?)
Dennoch: Wir standen so immerhin 36 Stunden vor Urlaubsbeginn tatsächlich wieder mit zwei Autos da - zwischenzeitlich hatten weder Philip noch ich das zu hoffen gewagt und schon überlegt, Freunde zu fragen, ob die uns einen ihrer Wagen leihen würden. Was uns dagegen fehlte, waren die Koffer meiner Eltern. Aber das war ja bereits eine andere Geschichte ...

Montag, 3. September 2018

Die unendliche Autoreparaturgeschichte - Teil 1

Dass wir unseren Volvo-Schluckspecht nicht unbedingt schonen, dürfte in vergangenen Blogbeiträgen bereits deutlich geworden sein. Er hat sich immer noch nicht komplett von unserem Roadtrip ins Okavango Delta erholt. Zwar war er danach in der Reparatur (gebrochene Feder hinten, neue extra-starke Safari-Stoßdämpfer, neuer Auspuff, etc.), ist aber immer noch nicht vollständig wiederhergestellt. Zunächst merkte Philip, dass die Lenkung einen unguten Rechtsdrall hatte, auch ein quietschendes Geräusch beim um die Kurve fahren machte uns nicht glücklich. Der serbische Mechaniker unseres Vertrauens, Goran, bekam das Auto also wieder. Und behielt es fast eine Woche. Ein verlängertes Wochenende, das wir in Südafrika verbringen wollten, rückte derweil näher. Als Philip Goran an Mittwochabend mit der Frage anschrieb, ob wir mit dem Auto am Samstag einen Kurztrip antreten könnten, lautete die so knappe wie eindeutige Antwort: "No." Nach einem klärenden Telefonat schlug Goran vor, das Auto für unseren Wochenendausflug wieder zusammenzubauen, fahrtüchtig sei es ja und er müsste eh noch auf eine Ersatzteillieferung aus Südafrika warten, bevor er es weiter reparieren könnte. Und so bekamen wir es am Freitag wieder - allerdings nicht in dem Zustand, in dem wir es abgegeben hatten. Rechtsdrall und Pfeifen waren nun die geringste Probleme, mehr beunruhigte uns das Klappern und Zittern, vor allem bei Bremsvorgängen. Kurz: Das Auto schien für längere Fahrten unbrauchbar. Aber wir haben ja noch ein anderes.

Unser Golf (den wir liebevoll "das kleine Auto" nennen) ist ein Stadtauto, das noch nie irgendwelche Zicken gemacht hat. Anfang Mai hatte ich es zur Jahresinspektion gegeben - nicht bei Goran, sondern bei einem malawischen Mechaniker namens Gabriel, der uns ebenfalls empfohlen worden war. Es schien mir eine Art Risikoverteilung zu sein, den Golf zu jemand anderem zu geben und mein Ersteindruck von Gabriel war super: Wir vereinbarten einen Termin, er holte das Auto morgens ab und brachte es abends zurück. Der Preis war vernünftig und das Auto immerhin zu 80% okay, wie Gabriel mir mitteilte. Eine Sache war ihm allerdings aufgefallen: Der Zahnriemen hätte bereits bei 75.000 km gewechselt werden sollen, inzwischen hatte er schon über 100.000 km auf dem Buckel. Und feine Risse. Er müsste ersetzt werden, denn wenn ein Zahnriemen reißen würde, würde ein meist irreparabler Motorschaden entstehen. Ich fragte Gabriel nach den Kosten, die er mir spontan nicht nennen konnte, er wollte sich aber erkundigen und mir einen Kostenvoranschlag schicken, um dann das Ersatzteil zu bestellen. Inzwischen könnte ich ruhig noch einige Wochen kurze Strecken mit dem Auto zurücklegen.

Ende Mai fragte ich das erste Mal nach. Gabriel versicherte mir per WhatsApp, den Zahnriemen zu bestellen und mich über die Kosten zu informieren. Ein paar Tage später bat er mich um die Fahrzeugnummer, um auch das richtige Teil zu ordern. Dann passierte - nichts. Ende Juni fragte ich wieder nach. Die Antwort lautete, dass der Zahnriemen nächsten Dienstag geliefert werden würde. Dann hörte ich wieder - nichts. Und das war so ungefähr der Zeitpunkt, an dem wir feststellten, dass wir mit dem Golf nach Südafrika fahren müssten, weil der Volvo ein Sicherheitsrisiko war.

Inzwischen machte ich mir doch langsam Sorgen, dass der Zahnriemen reißen könnte. Und stellte fest, dass Autoprobleme googeln ähnlich empfehlenswert ist wie die Online-Recherche nach Krankheitssymptomen: Man kann sich damit bestens verrückt machen. Es gibt diverse deutschsprachige Autoforen in denen Leute die feinen Risse in ihren Zahnriemen beschreiben, die Antworten von anderen Autofahrern sind stets die gleichen: "Mit dem Wagen würde ich maximal noch bis zur nächsten Werkstatt fahren!" In Botswana brachten mich derartige Tipps aber nicht weiter - Werkstätte gibt es zwar auch hier in Hülle und Fülle, aber die haben höchstens die allergängigsten Ersatzteile da. Alles andere muss in Südafrika bestellt werden, und das kann dauern, wie wir bereits aus leidvoller Erfahrung von Goran wussten. Also beschlossen wir, dass der Zahnriemen schon noch durchhalten würde und hatten auch Glück: Unser kleines Stadtauto fuhr uns einwandfrei durch Südafrika. Und als wir wieder in Gaborone waren und ich Gabriel anrief, war der Zahnriemen tatsächlich da! Wir vereinbarten einen Termin für die Reparatur, das Auto war dreieinhalb Tage in der Werkstatt, dann bekam ich es wieder. Mein Glück, dass diese Sache geklärt war, währte leider nur kurz. Dass mein Auto extrem blumig nach Politur roch und ich einen Bierdeckel in der Seitentasche fand, konnte ich noch tolerieren, aber dass ein Display über dem Lenkrad nicht mehr funktionierte, war dann doch blöd. Dieses Display zeigt normalererweise verschiedene Informationen an: z.B. den Spritverbrauch, die Außentemperatur, in welchem Gang das Auto gerade fährt etc. Fahren lässt es sich auch ohne diese Informationen prima, aber dennoch: Bis zum Austausch des Zahnriemens hatte das Display funktioniert, nun funktionierte es nicht mehr. Ich informierte Gabriel darüber und wir vereinbarten, dass er das Auto noch einmal abholen würde. Fortsetzung folgt.

Freitag, 31. August 2018

Gästeblog: Wenn einer eine Reise tut ...

Nach einer unter anderem reisebedingten Blogpause präsentieren wir erfreut einen neuen Eintrag in unserer Rubrik "Gästeblog statt Gästebuch". In diesem beweist mein Vater, dass nicht nur das Leben und Reisen im südlichen Afrika viel Stoff für Anekdoten bietet - schon das Hinkommen kann es in sich haben ...


Reisefieber, der Nachbar und Hausbeschließer fährt die Reisenden mit Gepäck zum Bahnhof, die Regionalbahn auf die Minute pünktlich, der Regionalexpress schwächelt etwas, bleibt aber im Fünf-Minuten-Fenster. Köln, Boarding-Time des Zuges ist 17.53 Uhr, wir haben viel Zeit, noch volle Wasserflaschen, vier Wochen Hitzeperiode (30-38 Grad Celsius) gehen zu Ende, von Nordwest soll Kühlung kommen - und die kommt mit Starkregen, Hagel und Sturmböen: "Der ICE aus Berlin fällt aus, ein Baum liegt auf der Oberleitung und den Gleisen, der ICE aus Hamburg wird mit 40 Minuten Verspätung erwartet."
17.40 Uhr läuft ein total überfüllter ICE ein, der über Frankfurt weiterfährt: "Ja, den können sie nehmen, wenn sie noch Platz finden, die Platzkarten sind dann aber verfallen. Ihr ICE kommt, wird aber ein paar Minuten Verspätung haben."
Kaum war der ICE gestartet, wurde unser Zug angezeigt, mit einer kleinen "60" auf weißem Grund, der Lautsprecher erläutete "voraussichtlich 60 Minuten Verspätung"!
Er kam, sah etwas schmutzig und durchfeuchtet aus, die reservierten Plätze waren frei! Start mit 63 Minuten Verspätung, der Lokführer gab sich alle Mühe und holte drei Minuten auf. Halt in Frankfurt, Flughafenbahnhof, 19.49 Uhr - 1:31 Stunde vor Boardingtime.
Die Lufthansa hatte geschrieben: Gepäck bis 45 Minuten vor Abflug ihres Anschlussfluges im Fernbahnhof Frankfurt im AIRail-Terminal abzugeben. Dieser war schnell gefunden, sechs Schalter, alle besetzt, kaum Betrieb - aber eine Xantippe, uniformiert, deutlich übergewichtig, verteidigte mit erhobenen Händen den Eingang: "Wir haben geschlossen. Gehen Sie zur Halle A." Da half kein Argument.
Halle A gab es nicht im Schilderwald, wohl aber das Terminal 1A und das könnte gemeint sein. Dorthin im Geschwindeschritt mit Koffern und Rucksäcken. Von oben, beim Einschweben auf der Rolltreppe ergab sich folgendes Bild der Schalterhalle: Rechts vier Schalter besetzt für erste Klasse und Business-Klasse, kaum Betrieb, gelangweiltes Personal. Links vier Schalter besetzt, davor etwa 100m Schlangen von Koffernbesitzern, in der Mitte ein Gewusel von Kofferträgern vor vielen unbesetzten Schaltern und zwei Angestellte, die versuchten, die Fragen von jeweils einer Traube von Menschen zu beantworten.
Die unbesetzten Schalter waren SB-Schalter: Ein Herr vor uns drückte sein Handy auf ein bestimmtes Fenster, der Apparat spuckte das Kofferklebeband aus, auf Knopfdruck noch einen Beleg, der Koffer verschwand, fertig. Dieser nette Herr zeigte sein Können auch zwei Damen vor uns. Und, learning by watching: Koffer auf die Waage, QR-Code auf das Fenster im Automaten, Kofferklebeband am Koffer befestigt, Beleg entnommen, fertig - nach 30 Sekunden war auch der zweite Koffer auf dem Weg.
Sicherheitskontrolle, zur Boarding-Time am Gate, geschafft.

Johannesburg, im Transitbereich zur Schalterhalle für Transitflüge, ein Lufthansa-Schalter war nicht vorhanden, aber einer von Air Botswana. Eine reizende Dame prüfte die Unterlagen, stellte Boardingpässe aus, prüfte die Kofferbelege unterstützt von ihrem Computer und verkündete okay, die Koffer gehen nach Gaborone.

In Gaborones Flughafen kreiste das Kofferkarussell mit nur noch wenig Gepäckstücken, die Gesichter von zehn Wartenden wurden länger, routiniert begann das Personal mit dem Ausfüllen von Gepäcksuchmeldungen und beruhigenden Formeln: Keine Sorge, die Koffer kommen bestimmt mit dem nächsten Flugzeug, wir rufen sie an!
Die nicht restlos begeisterte Wiedersehensfreude hielt an. Nach dem Freitagnachmittagflug ein erfolgloser Anruf vom Flughafen, nach dem 21 Uhr-Flug nahm keiner mehr ab.
Samstag, nach dem Frühstück zum Flughafen - 18 km entfernt - Wir trinken im Flughafenrestaurant einen Kaffee, Brigitte wird in Begleitung einer Flughafenangestellten eingecheckt: Einlass im Abflugterminal, Sicherheitskontrolle, Passkontrolle, Gang über das Rollfeld zum Ankunftsterminal, Passkontrolle, Besichtigung der nicht abgeholten Koffer, Ausgang - erfolglos. Ein kompetenter Beamter ruft in Johannesburg an, stellt fest, dass das Gepäck dort ist, bekommt die Auskunft "kommt mit der nächsten Maschine". Jetzt muss es klappen, wir fahren zum Mittagessen in die Stadt. Um 15 Uhr wieder am Flughafen. Die Nachmittagsmaschine ist da, wir trinken wiederum Kaffee, während Brigitte (steht auf der Verlustmeldung oben!) die zweite Runde zwischen Abflug- und Ankunftsterminal startet und nach 25 Minuten erfolglos erscheint, einzige Änderung: Die uniformierte Begleitperson musste bei der Sicherheitskontrolle die Schuhe ausziehen! Nun telefoniert eine ranghöhere Flughafenangestellte mit Johannesburg, lässt uns mithören und wird sehr deutlich. Aus Johannesburg tönt es jawohl, der dortige Mitarbeiter wird dafür sorgen, dass die Gepäckstücke in der nächsten Maschine sind, nach 20 Uhr sollen wir telefonisch über den Erfolg dieser Maßnahme informiert werden.
Wir fahren zum Abendessen in die nächstgelegene Mall, der Anruf bleibt aus und wir sind um 21 Uhr wieder am Flughafen; Kaffee erübrigt sich, da das Restaurant schon geschlossen ist, Brigitte beginnt in Begleitung die dritte Runde am Abflugterminal - nur noch für sie geöffnet. Wir warten, mustern jeden Reisenden, jeden Koffer, und warten ... Da, gegen 21.30 Uhr öffnet sich der Ankunftsterminal noch einmal, es erscheint ein Gepäckwagen, darauf ein großer Koffer mit grünem Gurtband, dahinter der zweite Koffer, dann strahlend Brigitte - alles sinkt sich freudig in die Arme, der Urlaub kann beginnen.

Donnerstag, 9. August 2018

Man lernt nie aus


Seit drei Wochen läuft mein dritter Baylor-Kurs. Wie immer stehe ich Dienstagvormittag vor insgesamt 36 Schülern; die eine Hälfte von ihnen unterrichte ich vor der Pause, die andere danach. Mein Fach ist nach wie vor Aflateen, eine Art grundlegender Wirtschaftsunterricht. Dieser Kurs ist recht gut angelaufen, was ich anfangs gar nicht zu hoffen wagte. Ich war bei fast einem Drittel der Bewerbunsggespräche dabei, um die Teilnehmer auszuwählen. Vor dem letzten Kurs hatte ich ebenfalls schon Gespräche geführt - sinnvollerweise nur mit den Kandidaten, die gleich angaben, dass sie mit Englisch keine Schwierigkeiten haben würden. Für diesen Kurs interviewte ich einige Bewerber ebenfalls allein, andere jedoch mit meinem Kollegen Thato zusammen. Thato ist Botswaner und festangestellt bei Baylor. Der Unterschied in unserer Gesprächsführung war von Anfang an offensichtlich: Während ich gegenüber den größtenteils (von der Situation an sich, aber auch meiner Hautfarbe) eingeschüchterten Bewerbern eine Geduld und Freundlichkeit an den Tag lege, die mich teilweise selbst erstaunte, wurde der sonst so höfliche Thato deutlicher. In meinen Einzelgesprächen formulierte ich meine Fragen so oft um, bis endlich eine Antwort kam. Thato kam dagegen schnell und ungeduldig zum Punkt. Mehrere unserer Fragen bezogen sich auf die berufliche Zukunft unserer 17- bis 24-jährigen Bewerber. Die meisten äußerten daraufhin, dass sie mal selbstständig arbeiten wollten - aber in welchem Bereich, wussten die wenigsten von ihnen. Fragte Thato nach, war die Antwort öfters: "anything". Daraufhin schnaubte er in der Regel leicht verächtlich: "anything? Like cutting grass?" Tatsächlich sieht man in und außerhalb von Gaborone ab und an Menschen am Wegesrand, die mit Sicheln das hohe Gras abschneiden - kein schöner Job bei der Hitze, die hier meist herrscht. Ich habe mal gehört, dass Arbeitslose in Botswana Unterstützung vom Staat erhalten, dafür aber einmal im Monat einer "community work" nachkommen müssen - wie Gras schneiden oder Müll sammeln. Gras schneiden wollte dementsprechend keiner unserer Bewerber, meist verneinten sie es mit einem schüchternen Lachen.

In einem anderen Punkt war Thato erstaunlich nachgiebig mit den Kandidaten. Einige sprachen kein Englisch - also wirklich maximal einzelne Worte, es reichte noch nicht mal für vollständige Sätze. Das war dann der Punkt, an dem ich den Raum verließ um mit anderen, englischsprechenden Kandidaten wieder Einzelgespräche zu führen. Es stellte sich allerdings heraus, dass die paar Leute, die kaum Englisch sprachen, in der Regel auch Probleme mit Lesen und Schreiben hatten. Das ist kein Wunder, ich hatte schon einmal beschrieben, dass die Lehre an den hiesigen staatlichen Schulen zumindest teilweise unter sehr schwierigen Bedingungen stattfindet. Unterrichtssprache ist ab der ersten Klasse Englisch. Lernt ein Schüler das nicht richtig, weil die Klassen total überfüllt sind und der Lehrer keine Chance hat, sich um den Einzelnen zu kümmern, gibt es auch zu Hause keinerlei Förderung für das Kind - dann ist es kein Wunder, dass es auch in seiner Muttersprache kaum lesen und schreiben lernt.
Wie immer gab es auch Bewerber, die nicht nur fantastisch englisch sprachen, sondern auch sonst sehr engagiert wirkten. Thatayaone zum Beispiel plant ebenfalls, selbstständiger Unternehmer zu werden, ihm ist allerdings im Gegensatz zu fast allen anderen bewusst, dass das direkt nach Abschluss des "Leadership-Programmes" im Dezember eher unrealistisch ist und so will er die Selbstständigkeit in fünf bis 10 Jahren erreichen und sich bis dahin stetig weiterbilden. Leider weiß ich schon nicht mehr genau, in welchem Bereich er arbeiten will - Infrastruktur? Recycling? - aber er hat ein konkretes Ziel und sich dazu schon viele Gedanken gemacht. Als Hobby gab er "research" an: Er vergleicht gerne Nachrichten auf unterschiedlichen Kanälen, um sich einen besseren Eindruck von ihrer Ojektivität zu machen. Dem Großteil meiner sonstigen Schüler sind Nachrichten völlig egal.
Ein anderer Bewerber plant eine Karriere als Feuerwehrmann, kann aber erst nächstes Jahr bei der Feuerwehr anfangen und überbrückt so lange bei uns. Es gab also wieder Leute, die ich mir durchaus im "Leadership-Programme" vorstellen konnte. Bei anderen Bewerbern tat ich mich schwer.

Um so irritierter war ich, dass Thato schließlich verkündete, wir würden alle Bewerber aufnehmen. Für den letzten Kurs hatten wir über 50 Gespräche geführt und schließlich 35 Teilnehmer ausgewählt. Diesmal waren fast genauso viele Bewerbungen eingegangen - gut 50, aber zu Gesprächen waren nur 38 Bewerber erschienen. Thato hatte die restlichen Bewerber telefonisch nicht erreicht. Ich zweifele ehrlich gesagt daran, ob er es bei jedem mehr als einmal probiert hat und fand dieses Auswahlkriterium - wer ans Telefon geht, ist letztlich dabei - doch etwas schwach. Apropos schwach: Genauso ist mein Setswana nach wie vor, ich kann meine Small Talk-Vokabeln an einer Hand abzählen. Meiner indischen Kollegin Pushpa, die am Mittwoch und Donnerstag unterrichtet, geht es ähnlich. Der Unterricht bei Baylor soll also nicht nur von NGO-Seite auf Englisch stattfinden, er muss es zwangsläufig. Wie könnten wir Teilnehmer unterrichten, die der Sprache nicht mächtig sind? Thato sah das Argument ein, zumindest tat er so. Ein paar Tage später teilte er uns per WhatsApp mit, dass doch alle Bewerber teilnehmen sollten - für viele sei es die einzige Chance. Ob man es als "Chance" bezeichnen kann, in einem Unterricht zu sitzen, dessen Sprache man nicht versteht, sei dahingestellt - ich stellte es mir eher frustrierend vor. Aber im Gegensatz zu Pushpa und mir ist Thato nicht ehrenamtlich bei Baylor, sondern festangestellt und seit diesem Jahr auch noch Leiter des "Leadership-Programmes". Er trifft die Entscheidungen.

Dem Unterricht sah ich dann mit gemischten Gefühlen entgegen. Wie würde so eine heterogene Klasse funktionieren? Jetzt, nach drei Wochen, kann ich sagen: Genauso wie die vorherigen Kurse. Vermutlich saßen auch da viele Leute drin, die mir nicht immer folgen konnten. Mir war bewusst, dass einige sich nicht beteiligten, aber ich schob das in der Vergangenheit auf ihre Schüchternheit, Verständnisprobleme meines deutschen Akzents o.ä. Durch die gemeinsam mit Thato geführten Bewerbungsgespräche ist mir jetzt noch bewusster, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, die meine Schüler mitbringen. Gestern brauchte ich für eine Diskussionsrunde einen "writer" am Flipchart und einen "leader" zur Moderation - früher hätte ich zwei Leute ausgewählt, inzwischen lege ich mich selbst als "writer" fest um niemanden bloßzustellen, der nur unzureichend schreiben kann. Für Diskussionsrunden haben meine Schüler und ich die generelle Vereinbarung, dass Argumente auch mal auf Setswana ausgetauscht werden können, wenn sie mir danach jemand auf Englisch zusammenfasst. Das klappt erstaunlich gut und ist der mündlichen Beteiligung sehr zuträglich. Ich hoffe also, dass Thato Recht hat und so jeder Teilnehmer für sich Erkenntnisse aus dem Unterricht ziehen kann. Es ist ein ewiges Dazulernen - für mich, die Lehrerin.

Sonntag, 5. August 2018

So we say good-bye-bye-bye-bye-bye ...

Nein, wir verlassen Botswana noch nicht - das hätten wir unseren lieben Bloglesern doch nicht verschwiegen! Trotzdem verabschieden wir uns momentan ganz schön oft - von Freunden und guten Bekannten, die ausreisen. Ein ständiger Wechsel gehört zum Expat-Leben dazu, jeder weiß das. Die Frage "Und wie lange seid Ihr schon hier?" gehört zu jedem neuen Kennenlernen, die Frage "Und wie lange bleibt Ihr noch?" stellt man sich hier gegenseitig immer mal wieder. Die Mitarbeiter der Deutschen Botschaft wissen in der Regel schon bei der Einreise, in welchem Monat welchen Jahres sie das Land final verlassen werden, bei der GIZ ist man nicht so festgelegt. Und so versuchen wir alle irgendwie, den Überblick zu behalten - mit wem kann man wann noch rechnen?

Dass wir uns von anderen Expats gelegentlich verabschieden müssen, ist also nichts Neues. Aber dieses Jahr sind mehrere Leute dabei, denen wir freundschaftlich verbunden waren, mit denen wir schon mal in den Urlaub gefahren sind (z.B. in den Kgalagadi Transfrontier Park), unsere Nachbarin und auch eins meiner Deutschlernkinder. Der erste Abschied, der ein größerer Verlust für uns war, war im Februar, dann war ein paar Monate Ruhe, doch in den letzten Wochen ging es Schlag auf Schlag. Wir haben geholfen Möbel auseinanderzuschrauben, Geschenke besorgt und waren auf drei Abschiedspartys, um Leute zu verabschieden, die irgendwie alle Teil unseres hiesigen Lebens geworden waren und nun nach Bonn, Eschborn und Genf veschwinden. Wie stark wir in Kontakt bleiben und wie sehr wir doch eher Zweckgemeinschaften fernab der Heimat gebildet haben, wird sich zeigen. Doch in jedem Fall stimmt es etwas wehmütig, feste Größen unseres botswanischen Lebens zu verlieren.

Und wann wird es nun bei uns soweit sein? Das wissen wir noch nicht. Eine Freundin sagte mir gestern am Telefon: "Ich bin froh um jeden Monat, den Du länger bleibst!" Das ist natürlich auch schön zu hören. Wir Hierbleibenden werden vielleicht etwas enger zusammenrücken, um die entstandenen Lücken zu füllen. Und, auch das gehört zum Expat-Leben: Für fast jeden, der geht, kommt jemand Neues. Und auch unter den Neuankömmlingen sind hoffentlich nette Leute.

Mittwoch, 1. August 2018

Deutsch für alle Altersklassen

Letztes Jahr habe ich begonnen, den inzwischen 3- und 5-jährigen Töchtern von Freunden ungefähr einmal pro Woche vorzulesen. Also, Vorlesen war geplant, damit die Kleinen mehr Deutsch hören und auch sprechen, denn im Kindergarten mit Nachmittagsbetreuung sowie von der auch als Nanny fungierenden Haushaltshilfe hören sie nunmal nur Englisch. Es stellte sich jedoch schnell raus, dass die Kinder zwar per se nichts dagegen haben, vorgelesen zu bekommen, andere Aktivitäten aber noch spannender finden. So mussten zum Beispiel schon mal alle ca. 50 (!) Puppen und Kuscheltiere gefüttert und schlafen gelegt werden, bevor ich lesen dürfte. Oder wir haben lieber gepuzzelt. Ich habe ein gewisses Talent für das Kasperletheaterspiel bei mir festgestellt und mein Publikum begeistert - meistens. Nur als eine von mir ausgedachte Geschichte eine unerwartete Wendung nahm - nicht der ja grundsätzlich böse Räuber hatte den Kuchen der Großmutter gestohlen, sondern der zufällig des Weges gekommene Löwe - war mein Publikum unzufrieden und forderte, der Räuber müsse trotzdem eingesperrt werden, einfach, weil er doch der Räuber sei. Ich arbeite noch an der Aufbrechung von Stereotypen.

Im Frühjahr sprach mich dann eine weitere GIZ-Kollegin von Philip an, die sich für ihre siebenjährige Tochter ebenfalls etwas mehr Deutsch im Alltag wünschte. Außerdem mache ich mit dem Mädchen leichte Erstklässleraufgaben - einfache Kinderkreuzworträtsel, Silben verbinden, Tiernamen schreiben etc. Weil sie dieses Jahr in die zweite Klasse in Deutschland eingeschult wird, haben wir im Juni auch angefangen, Schreibschrift zu lernen, die wird an hiesigen internationalen Schulen nämlich gar nicht gelehrt. Und so haben wir uns schon mit Reihen von kleinen "e"s und großen "L"s und "M"s sehr abgemüht, meine Schülerin beim Schreiben und ich beim sie-bei-der-Stange-Halten. Sie dürfte meinen alten Lamy-Füller benutzen und ich war der nebendran sitzende Motivationscoach: "Erst das Bögelchen ... andere Richtung, andere Richtung ... und geeeerade runter! Und noch ein Bögelchen - rauf, runter!" - so klang das. Ich stellte irgendwann fest, dass sie das alles ganz gut hinkriegen würde, wenn sie sich nur konzentrierte und sie antwortete etwas trübsinnig: "Das ist immer das Problem." Zur Auflockerung lesen wir auch ab und an, springen Trampolin oder spielen Verstecken oder Gesellschaftsspiels. Heute werden wir uns das vorerst letzte Mal sehen, denn morgen reisen ihre Mutter und sie nach Deutschland aus. Sie wird mir fehlen, denn obwohl wir uns erst seit wenigen Monaten treffen, ist sie mir sehr ans Herz gewachsen. Wann immer wir uns außerhalb unserer gemeinsamen Nachmittage sahen - auf Geburtstagsfeiern oder anderen Veranstaltungen - lief sie ab und an einfach so zu mir, umarmte mich kurz wortlos und rannte dann wieder zu den anderen Kindern zurück. Wie hätte ich dieses Kind nicht liebgewinnen können?

Die dritten Mädchen, mit denen ich regelmäßig zu tun habe, sind dagegen in keinster Weise anhänglich. Sie sind auch schon älter, 10 und 13, die Töchter einer serbischen Familie. Ihre Mutter hatte einen deutschen Großvater und will die deutschen Wurzeln am Leben erhalten. Die Mädchen - serbische Pässe, in Botswana aufgewachsen, perfekt englischsprechend und in der Schule französischlernend - sehen dafür keinen Grund und sind dementsprechend ziemlich unmotiviert, die Kleinere erscheint mir außerdem hyperaktiv. Ich habe sie vom Mann einer Botschaftsmitarbeiterin als Deutschschülerinnen übernommen, schon im April. Er und seine Familie sind vor zwei Wochen aus Deutschland ausgereist und ich hatte damals den Eindruck, dass er einfach schon sehr früh damit begonnen hat, hier alle Zelte abzubrechen. Mittlerweile habe ich ihn im Verdacht, dass er die Mädels einfach loswerden wollte. Aber vielleicht tue ich ihm da auch Unrecht.
Meine größten Herausforderungen bei diesen Hausbesuchen sind die ständigen Streitereien zwischen den beiden, inklusive hauen, an den Haaren ziehen und sich beleidigen. Die Kleinere weint auch manchmal. Beide versuchen regelmäßig, mich auf ihre jeweilige Seite zu ziehen und ich stelle genauso regelmäßig klar, dass mich nicht die Bohne interessiert, wer angefangen hat und dass ich jetzt gerne mit unregelmäßigen deutschen Verben fortfahren würde. Ab und an gucken wir uns auch youtube-Videos aus Harry Potter-Filmen auf deutsch an, sie sind nämlich beide große Fans und dass ich für sie den Online-Test gemacht habe, in welches Hogwarts-Haus mich der Sprechende Hut stecken würde, hat mich in ihrem Ansehen doch steigen lassen. Aber manchmal zicken wir uns auch gegenseitig an, was pädagogisch sicher nicht wertvoll ist, aber 90 Minuten Ruhe und Gelassenheit sind von meiner Seite aus einfach nicht immer realisierbar, zumal die kleinen Biester inzwischen durchaus wissen, wie sie mich irritieren können. Die Ältere ist immerhin ein Sprachtalent; auch mit geringem Lerneinsatz kriegt sie die meisten Übungen gut hin. Und die Jüngere (deren Aufmerksamkeitsspanne mit der eines Eichhörnchens vergleichbar ist) bringt mich doch manchmal zum Lachen: Vor zwei Wochen hat sie sich aus grüner Knete lange Fingernägel geformt und dann eine ziemlich gelungene Performance als Rita Kimmkorn aus Harry Potter hingelegt.

Als Gegengewicht zu den beiden werde ich ab nächster Woche noch eine hochmotivierte, aber dafür schon etwas ältere Schülerin unterrichten: Ihre Mutter hat mich gefragt, ob sie ebenfalls bei mir Deutsch lernen könnte, nur eine Stunde pro Woche. Darauf freue ich mich, wobei das auch eine Herausforderung werden könnte - ich weiß jetzt schon, dass sie als einzige meiner Schülerinnen Rückfragen zur Grammatik stellen wird. Während des Studiums hätte ich ergänzend zu meinem Germanistik-Nebenfach noch "Deutsch als Fremdsprache" belegen können und habe mich damals dagegen entschieden - wenn ich mich recht erinnere, weil ich mir nicht vorstellen konnte, diese Qualifikation irgendwann mal zu brauchen. Tja, you never know ...