Ich ahnte schon ein wenig, was auf mich zukommen würde, als Philip damals meinem Verkäufer erklärte, er wolle unbedingt ein Auto mit Vierradantrieb. Obwohl hier viele Straßen in überraschend gutem Zustand (sprich geteert) sind, kommt man häufig an die besonders schönen Orte nur mit Vierradantrieb. Und dann gibt es noch die Strecken, die extra nur für Autos mit Vierradantrieb ausgelegt sind, die Philip offenbar einfach aus Lust nehmen will - ich bin da immer nur so halb euphorisch. Walli mutmaßt ab und an, dass ich mich heimlich in meine japanische Heimat zurückwünsche - und ganz ehrlich: Manchmal tue ich das auch. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es mich mal nach Botswana verschlägt, aber das ging Philip und Walli vermutlich ähnlich. Insofern passen wir dann doch wieder ganz gut zusammen.
In den letzten Monaten haben Walli und Philip mich quasi einem Dauerstresstest unterzogen.
Während unserer Fahrt nach Kapstadt (wo wir Philips Mutter trafen, siehe Gästeblog) machten wir bereits in zwei südafrikanischen Nationalparks Station, dem Mokala Nationalpark in der Nähe von Kimberley (jüngster Nationalpark Südafrikas) und dem Karoo Nationalpark. In letzterem gab es zwar einen schönen Bergpass zu fahren, der jedoch langweilig geteert war. Dafür gab es ansonsten ein paar herrliche Strecken für Autos mit Vierradantrieb - teils noch etwas schlammig. So bekam ich ein paar Schlammspritzer ab, die Farbe der Lackierung wechselte von blau zu braun. Was entstand, war Kunst, keine Frage! Hier das Ergebnis, auf das ich mächtig stolz bin:
Die neue Sonderlackierung durfte sich eine Weile halten, denn in Kapstadt und auf der Garden Route herrscht derzeit ja akute Wasserknappheit, da wollten die beiden auch keinen Spritzer für eine Autowäsche verschwenden.
Nachdem wir Philips Mutter 10 Tage später am Flughafen von Port Elizabeth abgesetzt hatten, fuhren wir weiter, und unsere nächste Nacht verbrachten wir im Mountain Zebra Nationalpark. Auch dort gab es wieder schöne Strecken, die nur mit Vierradantrieb zu befahren waren. Die beiden hatten schon gehört, dass sie eventuell aufgrund eines Regenfalls gesperrt werden sollten, also ergriffen sie noch schnell die Gelegenheit, bevor es zu spät war. Wir wurden belohnt mit einer tollen anspruchsvollen Strecke in kompletter Einsamkeit. Nur an einer Stelle ging es für mich nicht mehr weiter, denn es lagen zu viele größere Steine auf dem Weg, die ich nicht ohne weiteres bewältigen konnte - die Steigung war steil, die Steine fast treppenartig, aber lose. Umkehren war keine Option - der 4x4-Track war eine Einbahnstraße und wenden wäre eh nicht möglich gewesen. So mussten Philip und Walli auch mal aussteigen, so knapp vor der Dämmerung in einem Gebiet mit (nachtaktiven) Katzen ... warum soll auch immer nur ich den Löwen ausgesetzt sein? Mit dem Wegräumen von ein paar (schweren!) Steinen war es zum Glück getan, die Löwen waren wohl gerade nicht hungrig - und so konnte Walli sogar noch ein Foto von mir machen:
Der Bergpass in Lesotho, den wir als nächstes zu bewältigen hatten, war ordentlich steil. Langweiligerweise ist er seit Kurzem geteert. Nur ein paar gelegentliche Felsabbrüche lagen auf der Straße und mussten umfahren werden. Auf der Weiterfahrt, als wir die Passstraße nach unten fuhren, reichte meine Motorbremse nicht aus, so mussten auch meine "normalen" Bremsen daran glauben, bis sie glühten (kein angenehmer Geruch übrigens), das hat schon etwas weh getan. Nach ein paar Tagen Erholung für mich und Walli (sowie einem dienstlichen Workshop für Philip) in Johannesburg ging es dann zurück nach Botswana. Nicht lange vor der Grenze wollte ich allerdings bei höheren Geschwindigkeiten nicht mehr ganz so gut beschleunigen. Die Strecke, die wir da gerade fuhren, ist berüchtigt für Überfälle, daher beschloss ich, die beiden zunächst noch ein Stückchen weiter zu kutschieren. Nachdem Walli und Philip auf südafrikanischer Seite der Grenze bereits Stempel in die Pässe erhalten hatten, beschloss ich dann quasi am Schlagbaum doch mal, auszugehen und mich nicht mehr starten zu lassen. Der freundliche Grenzpolizist half den beiden, mich durch den Schlagbaum zu einem kleinen Parkplatz auf der anderen Seite zu schieben (und verzichtete, vermutlich aus Mitleid, auf jegliche Kontrolle). Walli schwankte zwischen nachträglicher Erleichterung, dass ich immerhin bis hierhin durchgehalten hatte und Fassungslosigkeit, dass ich gerade im Niemandsland zwischen Südafrika und Botswana schlappmachen musste. Philip öffnete derweil meinen Brustkorb, sprich meine Motorhaube, und ich war ganz beeindruckt, dass die zwei trotz ihres laienhaften Autowissens gleich entdeckten, warum es mir nicht gut ging: Durch die Ruckelei der Vierradstrecken hatte sich offenbar eine Spange gelöst, die zwei Enden eines Schlauchs zusammenhielt, die nun nicht mehr ineinander steckten. Das ließ sich glücklicherweise schnell reparieren und so brachte ich die beiden noch bis nach Hause - von 5.500 km Fahrt durch Südafrika musste ich mich nur ca. 50 Meter schieben lassen, eine ganz gute Quote, wie ich finde.
Vor zwei Wochen nahmen mich Philip und Walli nun auf ihren nächsten Kurztrip mit, diesmal innerhalb Botswanas. Das erste größere Ziel war der Nxai Pan Nationalpark - Salzpfannen der Makgadikgadi, die wir an anderer Stelle schon einmal 2016 besucht hatten bzw. letztes Jahr auf Kubu Island. Am Nationalparkeingang schauten die Wächter noch etwas mitleidig auf mich und fragten, ob ich wirklich Vierradantrieb hätte (Beleidigung!), was die beiden guten Gewissens bejahen konnten. So fuhren wir also in den Park hinein - kamen allerdings nicht weit. 10 Meter hinter dem Parkeingang hielt unser "Begleitfahrzeug" vor uns an, um seinen Vierradantrieb zuzuschalten. Unser Begleitfahrzeug war das Auto von Ruth und Thomas, ein Landcruiser Prado. Es durfte immer vorfahren und die Strecke zuerst inspizieren, weil es angeblich besser überall durchkommt. Zugegebenermaßen ist der olle Prado etwas höher als ich, aber meinen Vierradantrieb muss man zum Beispiel gar nicht dazuschalten, der ist immer schon drin! Hier hatte Thomas es erst vergessen und stoppte dann leider an einer sandigen Stelle. Und als er dann weiterfuhr, musste ich passen. Ich konnte nicht mehr weiterfahren, steckte im Sand fest - und das 10 Meter vom Tor entfernt. Das fing ja gut an ... es war mir etwas peinlich. Aufgrund der minimalen Distanz zum Gate war sämtliches am Tor stationiertes Nationalparkpersonal schnell bei uns und half, Luft aus meinen Reifen abzulassen, worauf wir weiterfahren konnten. Der Nationalpark ging ab dort allerdings erst richtig los: Uns standen noch 40 km Piste bis zum Campingplatz bevor, teils wieder ordentlich sandig, ansonsten mit vielen Bodenschwellen - nicht unbedingt einfach, mich da durch zu manövrieren. Wir kamen gut an und fuhren auch die nächsten eineinhalb Tage noch gut durch den Park, teils etwas holprig, aber immer ohne stecken zu bleiben.
Eines der Highlights in diesem Park sind uralte Baobab-Bäume, die direkt an einer großen Salzpfanne stehen. Da die Salzpfanne bei Regen geflutet wird und es noch Anfang der Trockenzeit war, konnten wir nicht sicher sein, dass die Pfanne bereits ganz trocken war, so fuhren wir nur an deren Rand entlang und nicht den Weg mittendurch (von dem war uns tatsächlich abgeraten worden).
Wenn Philip und Walli dann doch mal ausstiegen (z.B. am Campingplatz), knackte die unter ihren Schuhen zerbröselnden Salzkruste - ein faszinierendes Geräusch.
Weiter ging's einen Tag später, in den Moremi Nationalpark. Der liegt im Herzen des Okavango Deltas. Philip und Walli waren ja bereits mehrfach im Delta (jüngster Bericht, ein Gästeblog, hier), aber mich hatten sie noch nie mitgenommen und so freuten wir uns alle drei auf diese neue Erfahrung.
Schon die Anfahrt war nicht ganz einfach: Walli kam mit dem miesen Zustand der geteerten Landstraße zwar klar, konnte aber dem Nervenkitzel, ob meine Tankfüllung noch nach Maun reichen würde, wenig abgewinnen. Wir hatten zwar zwei volle Ersatzkanister in meinem Kofferraum dabei, aber die waren recht zugebaut und wir fuhren an diesem Tag auch ein bisschen im Wettlauf mit der Zeit - das Ziel war, erst in Maun zu tanken. Als Walli entdeckte, dass die elektronische Anzeige von "[Tankfüllung reicht noch für] 20 km" direkt auf "--- km" sprang, wurde sie etwas nervös. 25 km später waren wir zwar in Maun, aber da kam erstmal keine Tankstelle! Philip versuchte zu beschreiben, dass ich vermutlich einfach ausrollen würde, wenn nichts mehr ging, Walli hatte aber irgendwie keine Lust, mich im Mauner Stadtverkehr ausrollen zu lassen. Unter Aufbietung all meiner Ressourcen schaffte ich es, die beiden ohne ausrollen zur Tankstelle zu bringen, wo Walli dann erstmal ein Eis brauchte - und ich 73l Benzin! Danach durfte Philip wieder ans Steuer.
Ca. 30 km hinter Maun endete die Teerstraße. Es folgte eine ungeteerte Piste für ca. 30 weitere km, die halbwegs ok war, aber so staubte, dass mir der Prado quasi ständig die Sicht raubte, wenn wir nicht genügend Abstand hielten. Die letzten 30 km bis zum Nationalparkeingang gaben mir dann einen Vorgeschmack auf die Straßen im Park selbst: Staubig, mit Schlaglöchern und Schwellen - und nur noch deutlich langsamer zu befahren. Walli stellte irgendwann klar, dass sie es weder mochte, wenn die Sachen im Kofferraum hochhüpften noch wenn sie selbst hochhüpfte, was Philip und ich zwar einsahen, aber es ließ sich leider nicht verhindern. Am Nationalparkeingang wurde der Angeber-Prado wie immer wohlwollend und ich wie immer kritisch beäugt und meine Insassen wurden erneut gefragt, ob ich denn auch Vierradantrieb hätte. Ganz ehrlich: Ohne Vierradantrieb wäre ich vermutlich gar nicht bis zum Nationalparkeingang gekommen. Diesmal blieb ich immerhin nicht 10 Meter hinter dem Eingang liegen, was unseren Abgang etwas würdevoller machte.
Es waren immer noch 46 km bis zur Campsite, für die ich zwischen zweieinhalb und drei Stunden benötigte. Ich fuhr gegen die Dunkelheit an und schaffte es, was uns alle sehr erleichterte, denn schon bei Helligkeit waren die Wege schwer befahrbar. Zwischendurch ließ Philip wegen des Sandes noch etwas Luft aus den Reifen ab, ansonsten wurde ich durch tiefere und weniger tiefe Löcher manövriert. Dabei setzte ich mehrmals auf, und mein Auspuff klang zunehmend lauter. Es hatte schon in der Nxai Pan angefangen, dass ich plötzlich lauter röhrte, und es wurde leider schlimmer. Nicht die beste Ausgangssituation für Tierbeobachtungen, aber ich konnte es nicht ändern.
Auf dem Weg zu unserem Camp und auch am nächsten Tag passierten wir ein paar schöne Brücken. Diese bestanden im wesentlich aus ein paar quergelegten Balken. Walli erbarmte sich freundlicherweise, auszusteigen und ein Foto von mir für diesen Blog zu machen. Da sie nicht gefressen wurde, können wir das Foto auch guten Gewissens veröffentlichen (für den anderen Fall, dass ein Löwe gekommen wäre, hätte Philip immerhin seine Kamera griffbereit gehabt).
Der Campingplatz, den die beiden gebucht hatten, hieß übrigens "Third Bridge Campsite", weil er eben an der dritten Brücke ab Nationalparkeingang liegt. Glücklicherweise liegt diese Brücke erst hinter der Campsite, so dass wir sie an dem Abend nicht mehr passieren mussten. Denn diese "Brücke" liegt ... unter Wasser. Am nächsten Morgen war es dann so weit: Zunächst beobachteten Philip und Walli ein paar andere Autos (die definitiv höher gebaut waren als ich), dann diskutierten sie mit Ruth und Thomas ein wenig über die Streckenauswahl des Tages. Ruth und Walli waren klar gegen die Fahrt durchs Wasser, Thomas dagegen befragte einen Angestellten des Campingplatzes, ob er denke, dass ich das mitmachen würde. Dieser Angestellte hatte sehr viel Vertrauen in mich, was mir ja schmeichelte, er meinte außerdem, sie hätten im Camp ein ähnliches Fahrzeug, mit dem sie auch regelmäßig durch das Wasser führen. Für Thomas war die Sache damit entschieden, und die anderen drei fügten sich mehr oder weniger überzeugt. Ich weiß auch nicht, was Philip da für Komplexe hat; wenn sein Chef sagt "fahr", dann fährt er ohne Rücksicht auf Verluste ... Aber immerhin haben Thomas und Philip mir beide zugetraut, dass ich es schaffe. Walli hat still mit mir mitgelitten.
Von der ersten "Überquerung" der "Brücke" haben wir leider kein Bild. Nur so viel: Das Wasser schlug über meiner Motorhaube zusammen und spritzte bis hoch an die Windschutzscheibe. Ich habe den Verdacht, dass nicht nur ich mich in diesem Moment nach Japan wünschte, sondern auch Walli. Auf der Rückfahrt später am Tag dachten Philip und Walli daran, ein Foto zu machen - Walli ging fremd und fuhr mit Ruth und Thomas durchs Wasser, so konnte sie Philip und mich beim Nachkommen knipsen. Leider fuhr Philip diesmal etwas geschickter über die "Brücke", so dass ich nicht ganz so tief eintauchen musste und das Foto nicht ganz so spektakulär wurde:
Der Moremi Nationalpark war landschaftlich toll. Wir fuhren überwiegend auf den großen und mittleren Pisten, die ganz kleinen blieben mir erspart. Mit zwei Autos, Sandmatten (falls man mal so stecken bleibt, dass auch Luftablassen nicht hilft), Satellitentelefon und mittlerweile doch etwas Vierraderfahrung fühlten wir uns recht gut für die Wildnis ausgerüstet. Außer uns sahen wir allerdings viele Touristen, die alleine mit nur einem Mietwagen unterwegs waren. Das stellten wir uns doch als ein etwas arg großes Wagnis in diesem rauhen Gelände vor.
Nach ein paar schönen Tierbeobachtungen schafften wir es wieder zurück zum Eingang des Nationalparks. Von dort an ging es - via einer Übernachtung im Khama Rhino Sanctuary, ohne Auspuff recht laut, erstmals ohne Nashörner gesehen zu haben und langweilig auf Pisten, die zweiradantriebgeeignet sind - sowie dem neuen Monument am Wendekreis des Steinbocks - zurück nach Gaborone, nach 2.500 km quer durch Botswana).
Ich war sehr stolz, als wir wieder gut in Gaborone angekommen waren. Man mag es mir nicht immer von außen ansehen, aber ich musste mich hinter dem Prado durchaus nicht verstecken! Dass ich etwas gelitten hatte, ist eine andere Geschichte.
Nach unserer Rückkehr ist Philip mich zunächst noch ein paar Tage mit all meinen Blessuren durch die Stadt spazieren gefahren - man will ja zeigen, was man alles erlebt hat... Und wie drückte sich ein Kollege so freundlich aus: Er fände es ja toll, dass Philip und Walli mich so als Gebrauchsgegenstand sähen und so runterfahren würden. Selber runtergefahren, sage ich da nur ... Walli brachte meinen kleinen Bruder, den VW Golf, kurz nach unserer Rückkehr in die Waschanlage und wurde da gleich angesprochen, dass man mich schon lange nicht mehr gesehen hätte. Mit röhrendem Auspuff fuhr sie mich einen Tag später vor und mein Lieblingsautowäscher schwankte zwischen Wiedersehensfreude und Bestürzung, mich so zu sehen.
Aber der Termin bei meinem Hausarzt Goran war bereits vereinbart, und der hat mich diesmal eine ganze Woche lang in seiner Praxis behalten: Neben meinem Auspuff musste auch noch eine gebrochene Plastikverkleidung unterhalb der Stoßstange, die Stoßdämpfer hinten sowie eine gebrochene Feder ersetzt werden. Selbst die aus meinem Bauch herunterhängenden Stromkabel hatten das Baden auf der Brücke im Okavango-Delta gut überstanden (abgesehen davon, dass sie eben zu weit herunterhingen). Ich bin anscheinend ein nicht so gängiger Autotyp in Botswana, daher ist die Ersatzteilsuche nicht ganz einfach und nicht ganz günstig. So ein gewöhnlicher Prado mag einfacher zu händeln sein, aber wie gesagt - was der kann, kann ich schon lange!





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