Samstag, 29. Oktober 2016

Sonntagsfahrerin

Ich bin eine Sonntagsfahrerin. Nachdem ich allerdings gerade bei Wikipedia las, dass sich diese durch übermäßig langsame Fahrweise auszeichnen, meist einen Hut tragen und einen Wackeldackel oder eine umhäkelte Klopapierrolle auf der hinteren Hutablage haben, möchte ich klarstellen, dass keine dieser Eigenschaften auf mich zutrifft! Aber wenn ich Auto fahre, ist es meistens Sonntag. Manchmal auch Samstag. Unter der Woche fahre ich selten. Wenn man bedenkt, dass ich ca. 15 Jahre lang überhaupt nicht gefahren hin, ist das aber trotzdem eine riesige Steigerung.

Zur Sonntags- bzw. Wochenendfahrerin bin ich hier aus verschiedenen Gründen geworden. Hauptgrund: Wir sind hier in einem Land ohne öffentlichen Nahverkehr gelandet. Und das schmerzt, ich war immer ein großer Fan von Bus und Bahn. Zwar gibt es Minibusse, die an festen Plätzen (meist in der Nähe von Einkaufszentren) in festgelegte Richtungen abfahren, sobald sie voll sind, diese sind aber oft überfüllt, folgen keinem Fahrplan und werden fast nur von Einheimischen benutzt - kurz: Meine Lust, da einzusteigen, hält sich in Grenzen. "Deluxe Cabs", die Taxen unseres Vertrauens, sind zwar günstig, aber umständlich: Meist rufe ich in der Zentrale an, die nach meiner Adresse und Mobilnummer fragt und standardmäßig ein Taxi in 20 Minuten verspricht. Nach fünf bis 20 Minuten meldet sich dann ein mal mehr, mal weniger verständlich Englisch sprechender Taxifahrer und will nochmal wissen, wo ich denn überhaupt bin. Da Straßennamen hier zwar existent, aber irgendwie trotzdem komplett egal sind, beschreibe ich ihm dann den Weg und dann hängt es von seinen Orts- und Englischkenntnissen ab, wann und wie er mich findet. Ich hatte schon blitzschnelle Taxifahrer und lustige Unterhaltungen, aber manchmal nervt das Ganze auch nur.
Egal ob Einkaufen, Ausflüge oder Reisen: In Botswana macht man (als Weißer) alles mit dem eigenen Auto. Und so hatte Philip ja auch schon vor meiner Ankunft ein Auto für uns gekauft, mit dem er täglich zur Arbeit fährt. Und ich habe langsam angefangen, mich hinters Steuer zu setzen - zuerst im Gaborone Game Reserve, wo man bei 20-30 km/h rumkurvt, in zwei Stunden maximal drei andere Autos sieht und die Tiere dankenswerterweise so groß sind, dass man sie nicht aus Versehen über den Haufen fährt. Als nächstes habe ich Landstraße geübt - im Tuli-Block, wo man eh das Gefühl hat, am Ende der Welt zu sein und zwischen Nata und Gweta, wo es 100 km ohne Ampel, Stoppschilder o.ä. geradeaus geht. Das klappte alles ganz gut. Auf die Straßen in Gaborone fühlte ich mich dennoch nicht so recht vorbereitet, denn hier ist man dem ausgeliefert, was auf vielen anderen Straßen dieses Landes eher sporadisch vorkommt: Verkehr!

Dann ergab sich die Möglichkeit, ein zweites Auto zu kaufen. Nach Philips Erfahrungen mit hiesigen Gebrauchtwagenhändlern hatten wir beschlossen, zuzuschlagen, wenn uns mal eins aus vertrauenswürdigerer Quelle angeboten wird. Philips Chef ist im September mit seiner Familie zurück nach Deutschland gegangen und hatte rumgemailt, dass er den Zweitwagen gerne verkaufen würde: einen 13 Jahre alten VW Golf. Wir bekundeten Interesse, guckten uns das Auto an, machten eine Probefahrt, schlugen zu - alles innerhalb von vier Tagen, und das war gut, wir waren nämlich nicht die einzigen Interessenten. Und dann waren wir plötzlich Besitzer von zwei Autos. Und es war klar, dass das eigentlich nur Sinn macht, wenn ich eins davon fahre.

Ich habe den Golf eigentlich auch schnell lieb gewonnen. Er ist ja ein ganzes Stück kleiner und ich komme daher besser mit ihm klar als mit dem großen Schluckspecht. Und so fuhr ich mal probeweise zum Einkaufen. Und nach Mokolodi. Und irgendwann dann auch zum Fitnessstudio ans andere Ende der Stadt. Und bei unserer Suche nach Möbelgeschäften saß ich auch mal am Steuer. Allerdings fahre ich im Moment nur, wenn Philip als moralische Unterstützung dabei ist und das ist der Hauptgrund, dass ich eine Samstags- und Sonntagsfahrerin bin. Aber auch dann fahre ich nicht immer. Ich meide Dunkelheit, Gewitter, unbekannte Strecken und Rush Hours. Und manchmal habe ich auch schlichtweg keine Lust und lasse mich dann nicht immer überreden. Ich mag die vielen zweispurigen Kreisverkehre hier nicht und die Kreuzungen, bei denen die Autos in der Reihenfolge Vorfahrt haben, in der sie an der Kreuzung angekommen sind, sind mir einfach nur suspekt. Aber hey: Ich fahre.


Anmerkung zum Foto: Philip hat mich dazu genötigt. Und ja, ich sitze auf dem Fahrersitz - der ist in Botswana halt auf der rechten Seite. Linksverkehr!

1 Kommentar:

  1. Eine Szene, Mitte März 2017: Es ist Sonntag, wir wollen noch schnell mit dem Auto zum Supermarkt fahren. Walli drückt mir die Autoschlüssel in die Hand: "Du fährst, ich bin schließlich keine Sonntagsfahrerin mehr, ich fahre jetzt jeden Tag und gut!". Ich freue mich.

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