Donnerstag, 9. März 2017

Mauerbau

Wenn mir im Februar 2016 jemand prophezeit hätte, dass ich ein Jahr später in der staubigen Wüste Namibias Steine schleppen, Zement anrühren und eine Mauer bauen würde, hätte ich mich vermutlich gefragt, was in meinem Leben innerhalb eines Jahres wohl so schief gehen könnte. Aber im Januar 2017 buchte ich dann tatsächlich einen zweiwöchigen Freiwilligendienst bei der NGO EHRA (Elephant-Human Relations Aid) in Namibia und zahlte sogar noch Geld dafür. Sachen gibt's ...

EHRA existiert seit über 10 Jahren und hat sich den Schutz der Wüstenelefanten im namibischen Damaraland zur Aufgabe gemacht. Diese waren in den 1980er Jahren aus der Region verschwunden - durch Wilderei, Jagd und Vertreibung. Ende der 1990er Jahre wanderte dann die erste Elefantenherde zurück in die Region, weitere folgten. Die Jagd auf Elefanten war inzwischen verboten. Die Farmer im namibischen Damaraland waren allerdings nicht erfreut über das Wiederauftauchen der Elefanten und ihre Vermehrung. Sie fürchteten zum einen um ihr Leben, zum anderen um ihre Wasserspeicher: Wasser ist in diesem trockenen Landstrich ein rares Gut, Flüsse die meiste Zeit ausgetrocknet. Auch die Elefanten ziehen auf der Suche nach Wasser durch die Wüste, und wenn sie einen Wassertank, eine Pumpe o.ä. finden und das Wasser wittern, versuchen sie, daran zu kommen - aufgrund ihrer Größe und Stärke oft erfolgreich.

Wie der Name schon sagt, versucht EHRA, die Mensch-Elefanten-Beziehungen zu verbessern. Zum einen durch das Anlegen und Pflegen künstlicher Wasserlöcher, Aufklärung über Elefanten, Engagement in Schulen - zum anderen durch konkreten Schutz der Wasserreserven der Farmer. Das bedeutet: Wenn ein Farmer eine stabile neue Mauer um seinen Wassertank o.ä. braucht, kann er sich bei EHRA melden. Und dann wird ihm im Rahmen des Freiwilligendienstes von ehrenamtlichen Helfern eine Mauer gebaut.

Als Freiwilliger meldet man sich bei EHRA für mindestens zwei Wochen an. In der erste Woche ist dann immer die sogenannte "Building-Week". Montags fuhren wir erst einmal gemeinsam von Sakwopmund gute vier Stunden ins Damaraland, die meiste Zeit auf breiten Staubstraßen. Nach einer Nacht im EHRA-Basiscamp ging es am Dienstag dann in einer zweieinhalbstündigen Fahrt zu der Farm, auf der vorherige Freiwilligengruppen bereits mit dem Bau einer Rundmauer um einen Wasseranschluss begonnen hatten - wir sollten das Ganze nun zuende führen. Am Dienstag begannen wir noch nicht mit dem eigentlichen Bau, sondern schlugen unser Zeltcamp auf.


Dann karrten wir im Anhänger des Safari-Autos noch mehrere Schubkarren-Ladungen Sand neben die Mauer und sammelten außerdem Steine in der Wüste, die für den Bau geeignet erschienen. Unter ihnen lagen ab und an kleine Schlangen oder auch Skorpione, beim Aufheben war daher Vorsicht geboten. Zementsäcke hatten wir bereits mitgebracht, wie auch das Werkzeug: Schubkarren, Spaten, Maurerkellen. Also wurden am Mittwochmorgen die Arbeitshandschuhe angezogen und dann ging es los: In den vier Schubkarren wurde fast nonstop Zement angemixt. Man nehme 6 Spaten Wüstensand, 3 Spaten Zement, mische das Ganze in einer Schubkarre gut durch, füge dann nach und nach ein bis eineinhalb Eimer Wasser zu, bis man einen dunkelgrauen Brei in der gewünschten Konsistenz hat. Dann wurde die Schubkarre über Sand und Stein zu der Stelle der Mauer gebracht, an der gerade gespachtelt wurde.


Die Aufsicht darüber, welcher Stein wohin kam, hatte Mattias, ein Herero, der bereits seit drei Jahren für EHRA arbeitet und seitdem alle Mauern mitgebaut hat. Er schickte uns auch los, wenn ihm die verbliebenen Steine als ungeeignet erschienen und neue herangekarrt werden mussten - die besten Steine waren groß, eher flach und möglichst eben.Vermutlich weil er bereits unzählige Freiwillige angeleitet hatte, strapazierte Mattias sein Namensgedächtnis nicht groß: Von uns 10 Freiwilligen sprach er nur Lotta aus Schweden mit ihrem richtigen Namen an, sie war allerdings auch bereits vier Wochen bei EHRA. Für den Rest von uns dachte er sich größtenteils Namen aus, wenn er uns ansprechen wollte: Fabian aus der Schweiz war Sebastian, Steven aus Wales war Jeffrey und ich wurde kurzerhand Kling-Kling getauft. Als Mattias ein paar Tage später mitbekam, dass mich jemand mit Walli ansprach, war er sehr erstaunt - er hatte bereits vergessen, dass Kling-Kling gar nicht mein richtiger Name war ...

Wir schafften es bis Donnerstagabend tatsächlich, die Mauer zuende zu bauen. Mitbeflügelt hatte uns die Aussicht, dann schon am Freitagmorgen unsere Zelte abbrechen zu können und so schneller unter eine Dusche zu kommen - fließend Wasser hatten wir nur unmittelbar an der Baustelle, aber im Camp keine Dusche o.ä. Trotz exzessivem Feuchttücher-Einsatz sahen wir nach den Tagen ganz schön verstaubt aus. Verschmutzt kletterten wir aber noch für ein Abschiedsfoto auf das schon am meisten getrocknete Stück der inzwischen ca. 1,80m hohen Mauer.


Stolz waren wir. Auch als die drei Farmarbeiter, die beim Bau mitgeholfen hatten, zu ihrer kurzen, aber offensichtlich von Herzen kommenden Dankesrede ansetzten: "Guys, thank you!" Sie sprachen sonst kein Englisch. Als nächstes werden sie einen Wassertank innerhalb der Mauer installieren. Er wird dann u.a. die Trinkrinne speisen, aus der die Ziegen und Kühe auf der Farm trinken.

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