Dienstag, 7. März 2017

Ein bisschen Deutschland gleich nebenan

Von Mitte Februar bis Anfang März waren Philip und ich beide unterwegs - er in Deutschland auf Dienstreise, ich in Namibia bei einem Elefantenschutzprojekt. Bevor ich aber ins namibische Damaraland fuhr, wollte ich noch etwas Sightseeing machen und verbrachte zunächst zwei Tage in der Hauptstadt Windhoek, was mich immerhin etwas auf den Kulturschock vorbereitete, der mich danach in Swakopmund treffen sollte.

Namibia war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie. Es ist also über 100 Jahre her, dass das Land in südafrikanische Hände fiel, bevor es 1990 endlich unabhängig wurde. Um so erstaunter war ich über all die deutschen Spuren, die noch zu sehen sind. Mein Hostel lag unweit der Kreuzung zwischen "Triftstrasse" und "Voigtstrasse Nord", die deutsche Buchhandlung war ebenso fußläufig zu erreichen wie die "Luisen Apotheke", die sogar ein Fachwerkdach hatte. Laut Reiseführer ließ der deutsche Bürgermeister des Vororts Klein Windhoek das Haus 1913 errichten. Steile Dächer wie dies hier wurden in Deutschland gebaut, um zu verhindern, dass sich Schnee auf einem Dach sammeln und es schließlich eindrücken würde. In Windhoek war das allerdings klimatisch zu keiner Zeit zu befürchten und stellt so bis heute eine von vielen aus Deutschland importierten Kurositäten dar.


Auch sonst existieren in Windhoek deutsche und andere Spuren fröhlich nebeneinander her. Hinter dem alten Wahrzeichen Windhoeks, der 1910 fertiggestellten Christuskirche, prankt das neue, das Independence Memorial Museum. Ein Straßenverkäufer machte mich auf die Ähnlichkeit mit einer Kaffeemaschine aufmerksam, bevor er mir einen überteuerten Schlüsselanhänger mit meinem Namen drauf andrehte.


In der Christuskirche finden deutsche Gottesdienste statt. Lieder werden auf der Orgel aus Ludwigsburg begleitet, die Glocken sind aus Apolda und die bunten Fenster hat Kaiser Wilhelm II. gestiftet (gefertigt wurden sie in Nürnberg). Deutscher geht's nicht. Die Kaffeemaschine hat mich dagegen von innen mehr an die UdSSR denken lassen: Im Unabhängigkeitsmuseum gibt es vor allem Statuen und Bilder mit überlebensgroßen Heldenfiguren sowie ein paar Flaggen und Uniformen zu sehen. Auf erklärende Texte wurde dafür größtenteils verzichtet. Erbaut wurde das 2014 eröffnete Museum übrigens von einer nordkoreanischen Firma, ohne Einbeziehung der Öffentlichkeit, lokaler Künstler oder Firmen. Bis zum Museumsbau stand an der Stelle ein deutsches Reiterdenkmal, das einen Schutztruppler darstellte. Es wurde in den ziemlich ungepflegten Innenhof eines anderen Museums versetzt. Windhoek macht generell den Eindruck, als würden die Namibier mit den verschiedenen geschichtlichen Überbleibseln ziemlich unkompliziert umgehen.


Neben mehreren Shopping Malls gab es immerhin auch ein erkennbares Stadtzentrum und ansonsten größtenteils die gleichen Läden und Restaurentketten wie in Gaborone. Durch diese Mischung aus bekannten Geschäften und deutschen Einflüssen fühlte sich die Stadt für mich immerhin relativ schnell vertraut an. Und bereitete mich dennoch nicht auf die deutscheste aller namibischen Städte vor: Swakopmund.

In meinem Reiseführer stand, dass die Namibier Swakopmund gerne als das "südlichste Nordseebad der Welt" bezeichnen würden. Und genau das ist es: Ein Nordseebad im Antlantik. Eine Teilnehmerin des Elefantenschutzprojekts, die direkt in Walvis Bay (dem Swakopmunder Flughafen) gelandet war, fragte mich am ersten Abend fröhlich, ob es über all in Afrika so aussähe - ich bekam fast Schnappatmung. Breite Bürgersteige, deutsche Straßennamen, Zebrastreifen, vor denen die Autos sogar halten ... es war irritierend und durch und durch unafrikanisch. Es gab auch kaum Mauern mit Elektrozäunen, stattdessen standen ziemlich viele Einfamilienhäuschen rum, die besser nach Niedersachsen gepasst hätten. In einem Garten war die hamburgische Flagge gehisst, ansonsten standen auf den Häusern Namen wie "Sonneneck", "Hotel Zum Kaiser" und "Antonius Residenz". Mindestens in der Hälfte der Geschäfte, in denen ich war, wurde ich selbstverständlich auf deutsch angesprochen. Und im Café Anton, in dem ich ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte aß (man muss die Feste feiern, wie sie fallen) prangte ein großes Wandgemälde, das Kleve am Niederrhein sowie Königsberg zeigte. Warum auch immer.


Vor dem "Swakopmund Brauhaus" lief ein dicklicher Dackel herum und auf einer Litfasssäule wurde "Die Nacht des deutschen Schlagers" angekündigt, bei der unter anderem Heino und Patrick Lindner auftreten sollten. Ich glaube, wenn ich direkt von Deutschland nach Swakopmund geflogen wäre, hätte ich mich leicht veralbert gefühlt. So fand ich es ganz lustig, bestellte Sauerkraut zum Springbock-Steak und freute mich an all den Dingen, die ich in Gaborone vermisste (oder auch nicht). Und abgesehen von allem Deutschtum liegt Swakopmund wunderschön - sowohl in der Wüste als auch direkt am Meer. Die Stadt ist hübscher als Windhoek und auch touristisch lässt sich dort mehr machen. Mit Afrika hat sie aber halt nicht so wahnsinnig viel zu tun.

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