Seit Anfang April helfe ich bei der NGO "Stepping Stones". Sie hat ihren Hauptsitz im ca. 40 km entfernten Mochudi, hier in Gaborone jedoch einen Ableger in den Räumen der amerikanischen Kinderklinik Baylor. Dort absolvieren mehrheitlich HIV-infizierte Jugendliche im Alter von 17 Jahren bis Anfang 20 ein ca. zehnmonatiges Programm, das sie auf ein erfolgreicheres Berufsleben vorbereiten soll. In erster Linie soll es ihnen wohl einen Vorsprung verschaffen, damit sie trotz der hohen Arbeitslosigkeit in Botswana einen Job finden.
Bei Baylor/Stepping Stones findet immer von dienstags bis freitags Unterricht statt, jeweils von 9 bis 12 Uhr. Ich helfe immer dienstags und mittwochs. Am Dienstag wird "Aflateen" unterrichtet, das ist ein speziell für Teenager entwickelter Wirtschaftsunterricht auf eher niedrigem Niveau. Ich weiß gar nicht genau, in welchem Land "Aflateen" entwickelt wurde, aber es wird inzwischen wohl in ca. 50 (Entwicklungs-?)Ländern gelehrt. Wir haben ein sehr ausgearbeitetes Programm vorliegen. Im Moment beschäftigen wir uns in Aflateen mit dem Umgang mit Geld, gucken uns an, wie ein Sparplan aussehen könnte, reden über Bankkonten (die hier auch viele Erwachsene nicht haben) und darüber, wie eine Kreditkarte funktioniert.
Der Unterricht am Mittwoch nennt sich "Leadership", wobei das inhaltlich nicht zu eng zu sehen ist. Es wird zwar immer so getan, als sollte der Unterricht bei Baylor/Stepping Stones die Jugendlichen auch auf eine Führungstätigkeit vorbereiten, aber bis dahin haben sie definitiv noch einen weiteren Weg vor sich als dieses zehnmonatige Programm mit ihnen gehen kann. Diese Woche haben wir in Leadership über Gender-Rollen und HIV gesprochen.
Ich bin über eine Bekannte zu Baylor/Stepping Stones gekommen. Sie ist eine deutsche Lehrerin und lehrt seit anderthalb Jahren diese beiden Fächer, wird Botswana im Juli jedoch verlassen. Im Moment unterstütze ich ihren Unterricht, ab Juli soll ich alleine übernehmen. Wobei wir meist nicht ganz alleine sind - es gibt auch immer wieder botswanische Studenten, die beim Unterricht mithelfen. Diese kommen und gehen allerdings sehr unzuverlässig - manchmal sind fünf von ihnen da, manchmal keiner.
Und die Schüler? Momentan sind es noch über 30, aber demnächst soll etwas ausgesiebt werden - wer mehr als 10% des Unterrichts unentschuldigt verpasst, darf nicht mehr kommen. Es dürften ungefähr gleich viele Mädchen und Jungs sein. Einige haben den niedrigsten Schulabschluss, andere könnten zumindest in Botswana studieren, das macht den Unterricht für uns nicht leicht. Mit einer weiteren Erschwernis hatte ich gar nicht gerechnet: Einige sprechen nur sehr schlecht Englisch. An botswanischen Schulen sollen die Lehrer zwar ab der ersten Klasse auf Englisch unterrichten, aber es halten sich anscheinend viele nicht daran - aus Bequemlichkeit, heißt es. Und auch Schüler, die besser Englisch sprechen, tun sich mit dem Schreiben teils erschreckend schwer.
Insgesamt ist das Ganze mühsamer, als ich mir das vorher vorgestellt hätte. Aber auf der anderen Seite auch spannend. Ich bekomme so noch einmal ein anderes Botswana mit. Im Unterricht versuchen wir, viel zu diskutieren - manchmal kommt gar nichts von den Schülern, aber häufig bekommt man auch interessante Perspektiven zu hören. Ab und an kommen sie mir noch recht kindlich vor und ich wundere mich über das Fehlen von Ironie und Sarkasmus, den deutsche Altersgenossen sicher das ein oder andere Mal an den Tag legen würden. So zum Beispiel vorletzten Mittwoch in "Leadership" - nachdem die Schüler gebrainstormt hatten, was Werte sind und welche Werte es so gibt, sollten sie sich ihre drei Lieblingswerte überlegen (oft genannt wurde so etwas wie "love", "peace" und "honesty"). Damit nicht genug - meine deutsche Kollegin hatte sich überlegt, dass sie sich eine Kette mit ihren drei Lieblingswerten basteln sollten. Ich hatte dafür die ganze Stunde lang im Hintergrund Herzen, Dreiecke und Kreise aus bunten Pappen ausgeschnitten sowie Schnüre abgemessen - ich kam mir vor wie eine Grundschulreferendarin. Und hätte man uns damals in der Oberstufe gebeten, Pappsymbole auf eine Schnur aufzufädeln, diese noch mit unseren Lieblingswerten zu beschriften und um den Hals zu hängen - ich hätte vermutlich am Geisteszustand des Lehrers gezweifelt. Aber hier kam die Aktion bei den Schülern sehr gut an. Ich muss noch viel lernen.
Laut meiner deutschen Kollegin kommen die Jugendlichen aus sehr unterschiedlichen Elternhäusern - einige aus gutsituierten, andere aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Handys haben sie natürlich trotzdem alle, aber dafür fehlt es oft an Kugelschreibern. Manchmal fahre ich mit mehr Fragen im Kopf nach Hause, als ich gekommen bin. Manchmal ist es frustrierend. Aber insgesamt denke ich, dass die meisten der Schüler irgendetwas aus dem Unterricht mitnehmen - und das ist ja erst einmal eine gute Sache.
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