Philip und ich wollten gerne unsere Nachbarn kennenlernen. Außer Barbara, einer älteren Engländerin, die uns angesprochen hatte, als unser Container ankam und die schräg gegenüber wohnt, hatte Philip in der Deutschen Botschaft schon einmal kurz die Nachbarin von nebenan getroffen, Brigitte. Aber mehr hatte sich bisher nicht ergeben und da wir hier alle hinter Mauern mit großen Toren leben, war auch nicht abzusehen, dass sich das von alleine ändern würde. Also checkten wir den EM-Spielplan und entschieden uns, für Freitag, den 17.06., einzuladen, denn an dem Tag sollten weder Deutschland noch eine der englischen Mannschaften spielen und laut Barbara leben wir in einer deutsch-englischen Straße.
Letzten Sonntagmittag druckten wir fünf Einladungen aus, unterschrieben sie und gingen sie dann verteilen. Da es hier keine Briefkästen gibt (die Post wird ja in zentrale Postfächer verteilt) hatten wir zwei Möglichkeiten: Klingeln, um sie abzugeben oder sie unter den Toren durchzustecken. Wir entschieden uns für letzteres - nicht ahnend, dass es am späten Sonntagabend anfangen würde zu regnen und zu gewittern ... bis Montagmittag. (Was hier übrigens höchst ungewöhnlich ist: Die Regenzeit endet ja offiziell Ende April, laut unserem Gärtner Sam regnet es dann höchstens im Mai nochmal, aber niemals im Juni.)
Was ein Pech. Waren unsere Einladungen nun überhaupt angekommen? Oder weggeschwemmt worden bzw. bis zur Unleserlichkeit durchweicht? Wir hatten um Antwort gebeten, aber niemand meldete sich - noch nicht mal Barbara, der wir die Einladung persönlich übergeben hatten, da sie an den Zaun gekommen war, als sie uns gesehen hatte.
Es wurde Dienstag, Mittwoch, Donnerstagvormittag und wir betrachteten das Projekt "Nachbarn kennenlernen" schon so langsam als gescheitert. Dann rief immerhin Barbara an. Sie sagte zu und fragte, ob sie noch eine Freundin mitbringen dürfte, die am anderen Ende der Straße wohnte. Wir würden also immerhin zu viert sein.
Am Freitagvormittag kochte ich schon einmal eine Kürbissuppe für den Abend - für alle Fälle eine große Portion, die lässt sich ja auch gut einfrieren. Gegen Mittag meldete sich dann unverhofft noch unsere Nachbarin Brigitte mit einer Zusage. Kurz darauf rief außerdem der Nachbar von gegenüber und fragte, ob die Einladung noch aktuell wäre. Da ging ja doch noch was!
Ab 19 Uhr kamen unsere Gäste.Der Vorteil an späten Zusagen ist, dass niemand mehr absagt - im Gegenteil: Als fast alle mit dem Essen fertig waren, klingelte es und noch ein weiterer Nachbar kam vorbei. Wir waren eine sehr gemischte Gruppe: Barbara, die ältere englische Lady, erzählte, dass sie lange in Australien gelebt hatte; ihre Freundin Debbie (vermutlich Südafrikanerin und stolze Besitzerin von fünf oder sechs Hunden) betreibt hier eine Schwimmschule und berichtete von den bürokratischen Problemen, der botswanische Nachbar von gegenüber sprach über die Entwicklung seines Landes und Larry, der hinter uns wohnende Botswaner, erzählte von seinen Reisen durch die Nationalparks. Aber es gab auch vereinende Themen: den Brexit, die Tragödie um das Kleinkind, das in Florida von einem Alligator verschleppt wurde und das Einkaufsverhalten asiatischer Touristen. (Und ganz ehrlich: Wenn Afrikaner und Europäer gemeinsam an einem Tisch sitzen und sich über ihre Erfahrungen mit aisatischen Touristen austauschen - das ist schon lustig!)
Außerdem scheint es mit Nachbarn doch überall auf der Welt ähnlich zu sein: Selbst wenn man sich nicht sieht, man weiß trotzdem einiges voneinander. Das bekam vor allem der Nachbar von gegenüber zu spüren, der mehrmals darauf angesprochen wurde, so selten zu Hause zu sein - Debbie kannte bereits mehrere Leute, die sein Haus gerne kaufen würden ... seiner Meinung nach war er allerdings schon öfters daheim und bekam daraufhin detailliert dargelegt, wann bei ihm welches Licht brennen würde und wann nicht ... zu Barbaras und Debbies Vermutungen, dass er eine Freundin hätte, bei der er wohl die meiste Zeit sei, wollte er sich merkwürdigerweise dann nicht mehr äußern.
Die Runde brach irgenwann nach 22 Uhr auf - dafür, dass der Großteil nur kurz vorbeischauen wollte, waren wir sehr zufrieden!
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