Botswanische Autos müssen eine kreisförmige Lizenz hinter der Windschutzscheibe kleben haben. Diese ist immer ein Jahr gültig und muss dann verlängert werden. Für unseren Golf brauchten wir ab Oktober eine neue. Philip entschied sich, die online Verlängerung auszuprobieren, die über die Botswana Post lief. Er scherzte noch, denn unsere Erfahrungen mit der hiesigen Post sind ja eher bescheiden. Allerdings hatten wir bislang auch nur versucht, Briefmarken zu kaufen und Briefe zu verschicken - vielleicht würden sich die Botswana Post ja in Bezug auf andere Dinge als kompetenter erweisen ...
Philip bezahlte das Geld für die neue Jahreslizenz (196 Pula, ca. 16 €) online per Kreditkarte, als wir in Windhoek waren. Nach unserer Rückkehr hofften wir, sie vorzufinden. Waren dann aber beide nicht wirklich überrascht, dass dem nicht so war.
Inzwischen war es schon Oktober. Und am 4. Oktober bin ich dann mit dem Golf in die Innenstadt gefahren, wie ich es öfters tue. Philip fragte noch, ob ich nicht lieber das große Auto mit gültiger Lizenz nehmen wollte, aber ganz ehrlich: Ich war in Gaborone bislang vielleicht zweimal kontrolliert worden. Was sollte schon passieren?
Es war ein typischer Fall von Murphy's Law: Kurz vor meinem Ziel kam ich in eine Straßensperre, in der die Lizenz jedes einzelnen Autos kontrolliert wurde - so eine innerstädtische Kontrolle hatte ich noch nie erlebt. Na ja, und dann ging alles seinen Gang: Ich musste aussteigen, meinen Autoschlüssel abgeben und wurde dann von einem Polizisten in meinem eigenen Auto zur Polizeistation im Stadtteil Broadhurst gefahren. Immerhin war der Polizist recht freundlich. Was eventuell auch daran lag, dass er nebenbei versuchte, Geld für sein Mittagessen von mir zu erschnorren. War das schon ein Bestechungsversuch - wollte er bestochen werden und wie sollte ich reagieren? Allerdings war klar, dass er nur derjenige war, der mich beim zuständigen Revier abliefern sollte - ihm Geld für ein Mittagessen zu geben, hätte mich wohl kaum weitergebracht. Ich wollte allerdings auch nicht ablehnen und ihn verärgern. Außerdem wollte er nur 20 Pula, umgerechnet ca. 1,65 € ... aber ich hatte doch gerade andere Sorgen. Also sagte ich, ich würde erstmal abwarten, welche Strafe ich zahlen müsste - mal schauen, ob ich dann noch Geld übrig hätte. Das sah er dann sogar ein.
Beim Polizeirevier in Broadhurst wurde ich in ein Büro mit ca. acht Polizisten geführt; alle saßen um zwei Tische herum und unterhielten sich angeregt. Mir wurde der einzige freie Stuhl angeboten, ich schilderte dem offensichtlich ranghöchsten Polizisten unsere online Lizenzbestellung, auf die mit Unverständnis reagiert wurde (warum man so etwas denn online bestellen würde?) und sollte mich dann zu einer Polizistin setzen, die handschriftlich ein Protokoll aufnahm. Von Germany hatte sie noch nie etwas gehört und konnte mit der beglaubigten Kopie meines Dienstpasses nur wenig anfangen. (Wir tragen hier standardmäßig eine von der Deutschen Botschaft beglaubigte Passkopie mit uns herum - diese reicht, um sich auszuweisen, und sollten wir doch mal beklaut werden, ist nicht gleich der Originalpass weg.) Das Gespräch war für uns beide mühsam, darüber hinaus schrieb sie sehr langsam. Mich hatten sie vor einen alten Computer gesetzt, der plötzlich ansprang. Auf der geöffneten youtube-Seite erklangen Lobpreislieder. Ich fühlte mich wie im falschen Film, und dann kam auch noch der Polizist, der mich gefahren hatte, ein letztes Mal vorbei, erinnerte mich an sein Mittagessen und schrieb sich meine Telefonnummer auf. Einziger Lichtblick war, dass Philip irgendwann zurückrief und mir dann seine Unterlagen zur Onlinebestelltung der Lizenz mailte. [Einschub Philip: Wenn man aus einer Besprechung kommt und auf seinem auf lautlos gestellten Handy zwölf entgangene Anrufe seiner Frau sieht, weiß man, was man als nächstes zu tun hat: zurückrufen.]
Der zuständige Polizist, der mir die online Lizenzbestellung bislang nicht wirklich abgenommen hatte, schickte mich daraufhin zur nächsten Post, um die Sache zu klären - mein Autoschlüssel, Führerschein und Passkopie wurden allerdings einbehalten. Die Postfiliale war nur gute fünf Minuten entfernt, ein weiterer Mitarbeiter der Behörde zeigte mir den Weg. Nachdem ich erst einmal 20 Minuten Schlange stand, schilderte ich mein Anliegen. Die Dame hinterm Schalter wollte mich zu einer anderen Post in die Innenstadt schicken, auf der Main Mall, mit dem Auto zehn bis 15 Minuten entfernt. Ich machte die Dringlichkeit des Ganzen deutlich, worauf sie sich gute zehn Minuten zum Telefonieren zurückzog. Das Ergebnis: Ich müsste wirklich zur Post auf der Main Mall. Aber immerhin schrieb sie mir noch den Namen einer Person auf, die dort mein Ansprechpartner wäre.
Ich ging erst einmal wieder bei der Polizei vorbei, um diesen Zwischenstand mitzuteilen. Der wortführende Polizist ließ mich ziehen. Ich bat ihn um meine Passkopie, falls ich mich auf der Post ausweisen müsse - er gab sie mir, wies mich aber an, auf jeden Fall wiederzukommen. Sah er tatsächlich Fluchtgefahr? Wegen einer fehlenden Lizenz? Hätte ich die Stadt verlassen wollen, hätte ich ihn vermutlich nicht um die Passkopie gebeten, sondern wäre nach Hause gefahren, wo das Original lag ... das nur am Rande, ich habe es ihm natürlich nicht auseinandergesetzt. Etwas fassungslos, ansatzweise auch ein kleines bisschen amüsiert und vor allem langsam fertig mit den Nerven forderte ich nun doch mal moralische Unterstützung in Form von Philip an, der daraufhin versprach, zur Post auf der Main Mall zu kommen. Dann suchte ich mir ein Taxi.
In Broadhurst lief außer mir niemand Weißes rum, was immerhin den Vorteil hatte, dass schon der erste Taxifahrer bei meinem Anblick spontan beschloss, den Kunden, auf den er eigentlich wartete, zu versetzen - ich war die lohnendere Fahrt und der Preis, den er mir nannte, immerhin nicht unverschämt.
Inzwischen wurde Philip von meinem Ansprechpartner bei der Main Mall-Post angerufen, der anscheinend von der Post in Broadhurst aufgescheut worden war. Er wartete dann tatsächlich auch mit der Lizenz auf Philip, als ich eintraf. Da die Registrierung auf Philip lief und ihm offensichtlich nicht erzählt worden war, dass nicht Philip selbst, sondern dessen Frau in Broadhurst auf der Post gewesen war, wollte er mir die Unterlagen nicht aushändigen, sondern lieber auf Philip warten. Unter anderen Umständen hätte ich das ziemlich albern gefunden, so überwog die positive Überraschung, dass wir die Lizenz jetzt wirklich bekommen würden. Ich verkürzte mir die Wartezeit, in dem ich dem Postmenschen mitteilte, dass uns die Polizei für verrückt hielt, weil wir versucht hätten, die Lizenz online bei der botswanischen Post zu verlängern ... etwas lahm antwortete er, es sei eigentlich ein gutes System, aber bei fünf Prozent der Kunden sei ihnen nicht angezeigt worden, dass diese bezahlt hätten und dann wären die Lizenzen nicht ausgestellt worden. Ach so. Was sollte ich dazu noch sagen? Neben Postzustellung, -beförderung, Auskünften zur Portohöhe und Briefmarkenverkauf gehört offensichtlich auch der Onlinehandel nicht zu den Stärken der Botswana Post.
Nach ein paar Minuten kam Philip, wir erhielten das Dokument und fuhren dann zusammen zurück zur Broadhurster Polizei, wo wir dem diensthabenden Polizisten die Lizenz präsentierten. Darauf kam es zu meiner Lieblingsszene: Er fragte Philip, ob Philip die jetzt schnell besorgt hätte, nachdem ich "arrested" worden wäre, oder ob er sie wirklich schon vorher bestellt hätte. Arrested - wer hätte gedacht, dass ich mal verhaftet werden würde ... Philip konnte einen Zahlungsbeleg vom 23.09. vorweisen. Daraufhin wurde meine Strafe verringert - es waren nun nicht mehr 500 Pula fällig, die Strafe für Fahren ohne gültige Lizenz, sondern nur noch 200 Pula für das Vergehen, die Lizenz nicht dabei gehabt zu haben. Eigentlich war nun also alles geklärt. Es gab nur noch ein letztes verbleibendes Problem: Auf der Polizeistation in Broadhurst hatte man keinen Quittungsblock. Wir mussten daher zur Polizeistation an der Main Mall (die übrigens drei Gehminuten von der Main Mall-Post entfernt ist, von der wir gerade kamen). Eine Polizistin begleitete uns. Immerhin dürften wir nun wieder mit dem Golf fahren.
Nachdem ich 200 Pula gezahlt hatte, brachten wir die Polizistin wieder nach Broadhurst zurück (wobei sie uns einen Umweg fahren ließ - sie wollte nur mal zwei Minuten zu Hause bei ihren Kindern nach dem Rechten schauen). Zwischendurch fragte sie noch, ob wir das Auto verkaufen wollten, sie sei auf der Suche nach einem billigen Wagen.
Zum Abschied schärfte sie mir ein, die neue Plakette sofort an die Windschutzscheibe zu kleben - selbst, wenn sie vorne im Auto lag, würde das so nicht gelten, ich könnte sofort wieder für das gleiche Vergehen verhaftet werden. Ich hatte nun allerdings keine Schere bei mir, um die runde Plakette aus dem DIN A4-Dokument auszuschneiden, von Tesafilm ganz zu schweigen ... also fragte ich sie, ob ich nochmal ins Büro kommen sollte. Sie sagte mir, sie hätten da auch keine Schere. Aber an meinem nächsten Ziel sollte ich mich unbedingt um das Aufkleben der Plakette kümmern. Habe ich dann auch gemacht.
Dieses ganze Hin und Her hat dreieinhalb Stunden gekostet - und mich jede Menge Nerven. Die Meinungen zu meinem Erlebnis, das sich in der deutschen Community faszinierend schnell rumgesprochen hat, sind geteilt. Volker, ein schon fast 20 Jahre hier lebender deutscher Elektriker, tröstete mich damit, dass ihm schon einmal genau das Gleiche passiert sei. Thomas, ein Bekannter, befand, dass das Ganze nach einem typischen Botswana-Erlebnis klang. Philips Chef stellte fest, dass seine Plakette auch abgelaufen war und kümmerte sich direkt am nächsten Tag um eine neue. Meine Freundin Ruth vermutete Schikane, weil ich weiß bin. So nervig das Ganze für mich war, war aber immerhin niemand unfreundlich zu mir - schikaniert fühlte ich mich eigentlich nicht. Ich teile daher Philips Einschätzung: Vermutlich wollten alle ganz besonders korrekt sein, weil ich weiß bin. Unsere simbabwische Haushaltshilfe Patricia meint, ich hätte den Polizeibeamten
einfach 50 Pula geben sollen, dann wäre die Sache vergessen gewesen - so
würde das zumindest laufen, wenn sie ohne Aufenthaltserlaubnis
geschnappt werden würde o.ä. Philip und ich nehmen allerdings an, dass das bei mir nicht ganz so gut funktioniert hätte. Aber wer weiß?
Mittlerweile liegt dieser Vorfall über eine Woche zurück. Und ist das Ganze nun erledigt? Fast; irgendwo läuft noch ein Polizist rum, der gerne 20 Pula für ein Mittagessen von mir hätte. Mal schauen, ob der sich nochmal meldet. Vielleicht schmiere ich ihm dann ein Käsebrot ...
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