Mittwoch, 9. Mai 2018

Arts & Crafts

Vor ungefähr einem Jahr lernte ich eine Namensvetterin kennen, die ebenfalls aus Deutschland kommt. Sie hat bereits in verschiedenen afrikanischen Ländern gearbeitet, unter anderem in Botswana, wo es ihr sehr gefallen hat - so gut, dass sie beschlossen hat, ihren Ruhestand hier zu verbringen. Wally engagiert sich ehrenamtlich im einzigen Tierheim des Landes und erzählte mir, dass es bis 2014 einen jährlich stattfindenden Kunsthandwerksmarkt in Gaborone gegeben hätte, dessen Erlöse dorthin geflossen seien. Danach hätte das Event nicht mehr stattgefunden, weil der frühere Veranstaltungsort nicht mehr zur Verfügung gestanden hätte. Sie wollte es nun aber wiederbeleben und nachdem ich doch lange als Veranstaltungsmanagerin gearbeitet hätte, könnte ich doch vielleicht helfen ...
Getreu meines Mottos hier in Botswana, das sich mit "Why not?" zusammenfassen lässt, sagte ich zu. Besagter Kunsthandwerksmarkt findet nun nächste Woche Samstag statt, als Fundraising-Veranstaltung für das Tierheim und auf dem Gelände einer in Botswana neuen NGO, die sich damit erstmals der hiesigen Öffentlichkeit präsentiert. Nichtsdestotrotz liegt die Organisation des Ganzen vor allem bei Wally und mir, weswegen wir schon öfters mit "Hello Wallis" begrüßt wurden. Ich wurde auch schon gefragt, ob Walli ein besonders häufiger deutscher Vorname sei. Wir vermitteln einen völlig falschen Eindruck.

Auf dem Kunsthandwerksmarkt wird es neben verschiedenen Musik-, Tanz- und Theateraufführungen auch jede Menge Stände geben. Die angebotenen Produkte sollen in Botswana hergestellt worden sein bzw. "made and sold by the people in Botswana" wie es in unserem Einladungsbrief heißt. Vor zwei Wochen besuchten Wally und ich mal wieder den hier regelmäßig stattfindenden Farmer's Market und versuchten dort, eine Verkäuferin von Lederwaren für unseren Markt zu gewinnen. Nach einigen vagen Bermerkungen erzählte sie schließlich, sie käme ursprünglich aus Simbabwe und hielt das aufgrund unserer Einladung für ein Ausschlusskriterium. Wir wollen aber keine Ausländer ausschließen, sondern nur ausländische Produkte (in Botswana wird ja generell wahnsinnig viel aus Südafrika verkauft, das soll auf unserem Markt anders sein und ist damit auch eins seiner Alleinstellungsmerkmale). Als wir ihr sagten, es käme nur darauf an, dass sie ihre Taschen in Botswana produziere und ich hinzufügte, wir seien ja selbst Ausländer, drückte die Frau kurz meinen Arm. Ich kann es schwer beschreiben, aber irgendwie bedeutete es ihr etwas, dass ich sie und uns so gleichgesetzt hatte, und das rührte wiederum mich.

Generell hat das an der Marktorganisaton bisher den größten Spaß gemacht: Mit Leuten in Kontakt zu kommen, bei denen man sich sonst maximal nach dem Preis ihrer Waren erkundigt hätte. Zum Teil ist das in Kontakt kommen aber auch etwas mühsam. Wally und ich haben einige Marktleute von den Farmer's Markets angesprochen, aber unser Kunsthandwerksmarkt soll ja nicht nur ein müder Abklatsch davon sein. Es existierte noch eine alte Liste mit Kontaktdaten von Leuten, die an den früheren Kunsthandwerksmarkten teilgenommen haben. Diese haben wir angeschrieben bzw. angerufen. Einige Emailadressen fehlten, andere waren falsch und längst nicht jeder Botswaner hat überhaupt eine. Manche der Angerufenen baten mich, ihnen alle Infos per WhatsApp zu schicken. Andere hatten kein WhatsApp-fähiges Handy, gaben mir aber die Telefonnummern von Verwandten, die WhatsApp hatten und denen ich Nachrichten an sie schicken könnte. Bei einigen blieb nur SMS. Gerade letzte Woche sprach ich nochmal mit einer Künstlerin, die ich im Februar kennengelernt hatte. Im März hatte ich sie dann wegen des Marktes angerufen, sie hatte mir die WhatsApp-Nummer ihrer Tante gegeben, die Nachricht an diese war jedoch nie übermittelt worden ... wie dem auch sei, ich wollte Puni, die sich selbst als "Recyclist" bezeichnet, wirklich gerne dabei haben und erzählte ihr vor ein paar Tagen noch einmal alle bisher feststehenden Details zum Markt am Telefon. Sie war Feuer und Flamme; auch, als ich anbot, ihr die Eckdaten nochmal per SMS zu schicken, was ich dann auch gleich tat. Um so verwunderter war ich, als diese Woche die Absage kam: Sie würde es nicht schaffen, beim Markt dabei zu sein, da sie in dieser Zeit ein Baby erwarten würde. Zweifellos ein guter Grund für eine Absage, dennoch kam das für mich sehr überraschend, nachdem sie bis letzte Woche doch noch hatte teilnehmen wollen. Dass sie in einer guten Woche ein Kind erwartet, muss da doch eigentlich bereits absehbar gewesen sein ...
Aber es ist scheinbar auch etwas Kulturelles, dass man sich in jedem Fall höflich-interessiert bis begeistert gibt, wenn eine Idee an einen herangetragen wird. Bei meinen Akquisegesprächen war ich angenehm überrascht, wie freundlich die meisten auf mich unbekannte Anruferin reagierten. Die Kehrseite der Medaille: Nur weil jemand euphorisch die Marktidee lobt und sein Interesse bekundet, bedeutet das noch nicht, dass er wirklich dabei sein will. Es kann auch gut sein, dass er sich nie wieder meldet. Schon gar nicht um abzusagen.

Eine weitere Erfahrung: Langfristige Planung scheint hier unüblich. Nicht nur ein Ansprechpartner zeigte sich im März verwirrt, dass wir ihn jetzt schon kontaktierten, obwohl das Event erst zwei Monate später stattfinden sollte. Als ich Mitte April ein Marktplakat bei einer teilnehmenden Töpferei vorbeibrachte und dem Töpfer gleich auch noch auf einem Lageplan zeigte, wo wir seinen Stand positionieren wollten, meinte er hingerissen, das Ganze würde den Eindruck vermitteln, das Event sei übermorgen. Dieses Gespräch macht mir inzwischen Hoffnung, denn gefühlt ist der Markt jetzt langsam wirklich übermorgen und es gibt noch viel, viel zu tun. Nicht zuletzt auf dem Gelände, auf dem er stattfindet. Die Startschwierigkeiten der hochmotivierten NGO-Mitarbeiter darzulegen, würde hier viel zu weit führen, daher in aller Kürze: Als im Januar die Entscheidung fiel, den Markt auf ihrem Grundstück zu veranstalten, gab es dort viel Brachland, ein paar leere Gebäude, die zum Teil baufällig waren und jede Menge Pläne.


Wir sahen das Potential - und sehen es noch immer, quasi unverändert. Aus der hier gezeigten Perspektive hat sich seit Februar eigentlich gar nichts getan - außer, dass inzwischen stellenweise hohes Gras gewachsen ist, was irgendjemand noch mähen muss, bevor der Markt dort stattfinden kann (worüber sich alle Beteiligten einig sind - darüber, wer mäht und wer das bezahlt, herrscht dagegen leider Uneinigkeit). Dass längst nicht so viel passiert ist wie angedacht, liegt nicht an der Arbeit der NGO, sondern vor allem an den botswanischen Bürokratie-Mühlen, die sehr langsam mahlen. Auf diesem Foto sieht man sowohl die meisten Standplätze als auch die Außenbühne - Standplätze am Rand vor den Gebäuden, die Bühne als Freifläche in der Mitte. Ich habe heute Leute über das Gelände geführt, die auf dem Markt Kunst ausstellen wollen bzw. Chor-, Tanz- und Theaterauftritte planen. Enthusiastisch unsere Pläne darzulegen, während einem "Wie Sie sehen, sehen Sie nichts" im Kopf herumgeht, ist gar nicht so einfach.

Noch ist viel zu tun und zumindest bei uns Wallis wächst die Nervosität. Gefühlt gibt es viele Unwägbarkeiten und ich habe noch nie an einer Veranstaltung mitgeplant, bei der ich so viele Faktoren nicht beeinflussen konnte. Vor allem werde ich das blöde Gefühl nicht los, dass wir irgendwelche landestypischen Risiken aus Unwissenheit komplett vernachlässigen. Andererseits sind fünf Stunden Kunsthandwerksmarkt hoffentlich ein so kurzer Zeitraum, dass da gar nicht so viel schiefgehen kann. Oder doch? Ich werde in zwei Wochen berichten ...

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