Samstag, 23. September 2017

Wählen unter erschwerten Bedingungen

Auch nach eineinhalb Jahren Gaborone gibt es immer wieder "erste Male". Vor Kurzem war "das erste Mal im Ausland wählen" dran, was sich doch etwas komplizierter gestaltet, wenn man keinen Wohnsitz mehr in Deutschland hat - und dafür in einem Land lebt, in dem das Postsystem bestenfalls so lala funktioniert.

Als Auslandsdeutsche ohne deutsche Adresse mussten Philip und ich erst einmal einen Antrag auf Eintrag ins Wählerverzeichnis stellen, denn automatisch erhalten wir nun keine Wahlberechtigung mehr. Die Deutsche Botschaft Gaborone schickte die nötigen Informationen zum Wählen im Ausland bereits im April in einer Rundmail an hier lebende und beim Auswärtigen Amt registrierte Deutsche. Man konnte sie sich natürlich auch im Internet runterladen, aber zu diesem frühen Zeitpunkt hätten wir von alleine noch gar nicht unbedingt an die Bundestagswahl gedacht.

Sofern man noch nicht länger als 25 Jahre ununterbrochen im Ausland lebt, kann man sich wieder in das Wählerverzeichnis eintragen lassen. Der Antrag dazu beinhaltete allein ein zweiseitiges Merkblatt mit Erläuterungen und wir mussten alle Erklärungen "an Eides statt" abgeben. Eingereicht werden konnte er natürlich nicht per E-Mail, weswegen wir unsere Anträge dem nächsten von Philips Kollegen mitgaben, der auf Dienstreise nach Deutschland reiste. Und dann hieß es warten. Wir hätten uns die Briefwahlunterlagen direkt nach Gaborone schicken lassen können, allerdings ist ja mehr als fraglich, wann sie hier ankommen. Eine Kollegin von Philip hat es darauf ankommen lassen und ihre immerhin am 15.09. erhalten; wir ließen unsere zu meinen Eltern schicken, wo sie bereits am 17.08. eintrafen. Philips Chef, der Ende August in Deutschland war, brachte sie uns nach Botswana mit, und Philips Mutter konnten wir wiederum die ausgefüllten Briefwahlunterlagen nach Deutschland mitgeben. Es klappte zeitlich auch gerade noch so, dass sie die Unterlagen von Philips Kollegin mitnahm, denn nachdem diese erst neun Tage vor der Wahl hier ankamen, wäre eine Rücksendung mit der botswanischen Post utopisch gewesen. Als einziger Ausweg wäre DHL geblieben, aber das kostet dann halt gleich über 20,- € für so einen Brief ...


Ich hätte ja gedacht, dass die Deutsche Botschaft sich irgendwie engagiert, um Auslandsdeutschen das Wählen zu erleichtern - dass man zum Beispiel seine Wahlunterlagen bis zu einem Stichtag da abgeben kann und sie dann gesammelt nach Deutschland geschickt werden - aber dem ist nicht so, was ich etwas schade finde, denn so erfordert die Briefwahl schon einiges an Planung, die vermutlich nicht alle hier lebenden Wahlberechtigten mitmachen.
Man wird als Auslandsdeutscher übrigens - nach bewilligtem Antrag - in das Wahlregister seines letzten deutschen Wohnsitzes eingetragen. Philip und ich konnten damit wieder im gewohnten Frankfurter Wahlkreis wählen. Da kamen Heimatgefühle auf!

Wir sind also schon durch mit der Bundestagswahl und gespannt auf das Ergebnis. Worauf wir auf jeden Fall hoffen: Eine hohe Beteiligung! Dieser Tage wird ja der Kabarettist Hagen Rether viel zitiert: "Wählen ist wie Zähneputzen: Wenn Du's nicht machst, wird's braun." Oder wie eine Freundin mir sinngemäß schrieb: Zu unserer Demokratie gehört zwar auch, auf das Wahlrecht verzichten zu dürfen. Aber das Ergebnis der AfD wird stärker ausfallen, wenn die Wahlbeteiligung gering ist, denn die AfD schafft es, ihre Anhänger zu mobilisieren.
Deswegen kann ich die Empfehlung meiner Freundin nur wiederholen (und sende an dieser Stelle viele Grüße nach Wiesbaden!): Lieber wählen - es sei denn, Ihr habt die AfD ins Auge gefasst ;-)

Donnerstag, 21. September 2017

Elektroschock

Botswana hat es in den letzten Tagen wieder einmal selbst in deutsche Medien geschafft - leider mit einer traurigen Nachricht.
Elefanten waren auf dem Weg zu einer leckenden Wasserpipeline. Gegen Ende der Trockenzeit (seit Ostern hat es hier nicht mehr geregnet) nimmt man natürlich alles Wasser, was man finden kann. Auf dem Weg zur Wasserpipeline war allerdings ein Strommast im Weg, den die Elefanten dann anscheinend kurzerhand umgelegt haben. Die Stromleitung führte aber noch Strom; Ingenieure der staatlichen Stromfirma bemerkten Spannungsschwankungen auf der Leitung und schickten ein Team zur Kontrolle los. Am Ort des Geschehens angekommen, entdeckten sie neun tote Elefanten, die durch den Stromschlag ums Leben kamen.
Eine traurige Geschichte - und ein trauriger Anblick, als die botswanische Regierung gestern auf ihrer Facebookseite ein Bild von der toten Elefantenherde postete. Wir hoffen, dass sich so ein Unglück nicht wiederholt.

Samstag, 16. September 2017

Gastbeitrag: Schwieger-/Mutter zu Besuch oder Reisen de luxe

Aus der Reihe "Gästeblog statt Gästebuch" hier ein neuer Eintrag:

Zwischen Botsuana, “der Diamant im Süden Afrikas”, und Botsuana, “ein gescheitertes Projekt”, kann man im Vorfeld alles lesen, aber ich bin einfach nur hierher gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie Philip und Walli leben, und um mit ihnen das Highlight von Botsuana zu genießen, das sie für mich ausgesucht haben.

Und da fing der Luxus im Vorfeld schon an. Das botsuanische Reisebüro hat drei Lodges vorgeschlagen und Philip und Walli kennen inzwischen „das Delta“ gut genug, um eine Auswahl treffen zu können. Aber soweit bin ich noch gar nicht, sondern sitze im Flughafenbus in Johannesburg, um zu der Maschine nach Gaborone gebracht zu werden. Als ich hochblicke, sitzt mein Sohn neben mir! Von der folgenden Szene habe ich vor allem die amüsieren Gesichter des Publikums im Kopf.  Die von nun an verwöhnte Reisende muss also noch nicht einmal den (allerdings ziemlich käse- und brotbeschwerten) Koffer vom Band heben.

Sie darf als nächstes und für die nächsten 10 Tage staunen über die Großzügigkeit von Haus und Gastfreundschaft. Der Geburtstagsgutschein für High Tea im Victoria Falls Hotel, der im März nicht eingelöst werden konnte, kommt gleich am zweiten Abend zum Einsatz, als wir zum Sonnenuntergang im 28. Stock des höchsten Gebäudes von Gaborone zu Abend essen (ja doch, Gaborone hat zwei richtige Hochhäuser).

Dass ein Ausflug in eine Lodge im Okavango Delta Verwöhnprogramm pur ist, ahnt man, aber wenn dann auch noch das Glück dazu kommt! Die Seba Lodge liegt besonders schön an einer Lagune und zum Mittagsprogramm gehört die Beobachtung von Elefanten, Nilpferden, Büffeln, Impalas, Kudus und einer Affenfamilie, die so über die „Hütte“ tobt, dass man nicht ganz sicher ist, ob sie standhält. Womit man aber nicht rechnen kann, ist, dass man bei den morgendlichen und abendlichen game drives einen Geparden, zwei Leopardinnen (eine davon mit zwei Jungen), zwei Löwinnen ebenfalls mit Jungen, eine riesige Büffelherde und und und … sieht. Ein wunderbar ruhiger und entspannter (naja, von der Bequemlichkeit des Sitzes abgesehen) Abschluss war die Fahrt im Einbaum, dem Mokoro. Nein, man muss auch hier nicht etwa selber staken, aber bedarf das der Erwähnung? Allerdings erwähnenswert sind die Flüge von Maun ins Delta mit ganz winzigen Maschinen mit dem Blick auf die großartige Landschaft.

Alles was Gaborone zu bieten hat, packt Walli dann in ein Zweitagesprogramm. Die Sammlung mag nicht ganz überzeugend klingen: kleinere, größere, ältere, modernere Einkaufsmalls (Gaborone ist die Stadt mit der höchsten Dichten von Malls pro Einwohner in Afrika), zwei Denkmäler (das des Staatsgründers Seretse Khama sehr sympathisch-menschlich, des der drei Chiefs aus Nordkorea stammend und entsprechend), Nationalmuseum (geschlossen), eine Töpferei und eine Weberei, jeweils schon ländlich gelegen, ein Gartencenter mit einem sehr hübschen Café, aber mir vermittelt sich der Eindruck, dass Philip und Walli hier gut leben können und das auch tun.

Nach dem Delta noch eine Safari – muss das nicht zu einer Enttäuschung führen, wenn man noch dazu selber hinfahren (immerhin 4 Stunden), selber durchfahren, selber grillen muss? Nach der Rückkehr kann ich nur sagen: Muss es nicht! Wir waren im Khama Rhino Sanctuary bei Serowe und konnten die geschützten Tiere aus allernächster Nähe beobachten. Die schönste Szene haben wir kurz vor Sonnenuntergang erlebt, als an einem Tümpel ein großes Treffen verschiedener Tiere stattfand. Man trank, rangelte ein wenig, suhlte sich im Schlamm und trottete wieder davon – und kümmerte sich gar nicht um die beobachtenden Menschen.

Tagesausklang: Lagerfeuer und Grillen (köstliches botswanisches Rindfleisch) unter dem Kreuz des Südens und einem Sternenhimmel, wie man ihn nur fernab jeder Stadt sehen kann.

Es gäbe noch so vieles zu berichten: vom stolzen Mutterherz, wenn ich Philips Büro mit Blick über die Stadt gezeigt bekomme (dass das Gebäude etwas baufällig sein soll, sehe ich gar nicht), vom Spaß an Wallis selbstverständlichem Navigieren durch Gaborone und ihren umwerfenden Kenntnissen über die Fauna des Landes … ich kann nur sagen,  dass es eine Freude ist zu sehen, wie die beiden sich in ihrem afrikanischen Leben zurecht gefunden und eingerichtet haben.

Mittwoch, 6. September 2017

Typisch deutsch

Gerade habe ich die Begriffe "deutsch" und "Pünktlichkeit" zusammen gegoogelt, um zu erfahren, warum wir Deutschen eigentlich generell als pünktlich gelten. Eine Antwort habe ich nicht gefunden, dafür aber erfrischende Volksmund-Weisheiten wie "Fünf Minuten vor der Zeit ist des Deutschen Pünktlichkeit". Und den Hinweis, dass natürlich längst nicht alle Deutschen immer pünktlich wären. Sich aber 85 % irgendwie dafür halten würden, zumindest würden diese von sich behaupten, Termine sehr ernst zu nehmen. Da erkenne ich mich doch spontan wieder.

Für Botswana habe ich keine ähnliche Statistik gefunden. Trotzdem glaube ich, dass sie hier anders aussähe. Vor ein paar Wochen haben zwei andere Volunteers und ich bei Baylor Bewerbungsgespräche mit den Schülern geübt, die Situation sollte möglichst authentisch sein. Auch im südlichen Afrika gehört die Frage nach Stärken und Schwächen zum Standard. Und bei Schwächen sagten mehrere Schüler, sie hätten Probleme mit Timekeeping - Pünktlichkeit als Stärke erwähnte dagegen niemand.
Pünktlichkeit ist allerdings auch nicht die Stärke meiner Schüler. Ich unterrichte dienstags zwei Gruppen, eine direkt ab 9 Uhr und eine nach der Pause. Wobei ich in der Regel um 9:10 Uhr anfange und die Schüler in der Regel bis 9:30 Uhr eintrudeln. Da die meisten jedoch mit den öffentlichen Minibussen zur NGO kommen und diese anscheinend nicht nur im Straßenverkehr unberechenbar sind, bin ich da relativ relaxt.
Anders sieht es nach der Pause aus, spätestens bis zur Pause sind nämlich alle Schüler da. Die zweite Unterrichtseinheit beginnt um 10:45 Uhr und eigentlich könnten sie da ja alle pünktlich sein. Eigentlich. Letzte Woche bat ich um 10:50 Uhr die einzigen beiden Schüler, die es bis dahin in den Klassenraum geschafft  hatten, die anderen zu holen. Mit dem Erfolg, dass sie auch nicht wiederkamen und ich sie nach weiteren 10 Minuten selbst suchen ging. Danach hielt ich eine Art improvisierte Motivations- und Mahnrede, in der ich auf die Freiwilligkeit des Unterrichtsangebots und den Wert für die Schüler hinwies. Ich war gar nicht schlecht! (Fand ich.) Und auf Autorität reagieren auch immer alle wunschgemäß (erwähnte ich, dass es in den staatlichen Schulen dieses Landes noch die Prügelstrafe gibt?). Meine Klasse nickte verständig und versprach hoch und heilig, es käme nie wieder vor.

Leider haben meine Schüler nur ein sehr kurzes Kurzzeitgedächtnis und so stand ich diese Woche um 10:45 Uhr wieder alleine im Klassenraum. Möglicherweise sollte ich statt "deutsch" und "Pünklichkeit" doch lieber "Motivations- und Mahnreden" im Internet googeln. Der erste Schüler, der eintrudelte, warf mir immerhin mitfühlende Blicke zu und bot an, den anderen Bescheid zu geben (was ich ablehnte - besser ein Schüler als keiner im Klassenraum). Na ja, irgendwann waren sie dann doch da. Die meisten hatten immerhin ein schlechtes Gewissen, entschuldigten sich und legten die Hände aneinander wie auf Dürers bekanntem Bild. "Sorry, we are late." "Yeah, and your are even later than last week! How is this possible?" "I am sorry, we don't have any excuse." Tja. Immerhin hatte ich so ein schönes Beispiel, um ihnen später das Verb "to prioritise" zu erklären, das sie nicht kannten. "Es ist 10:45 Uhr. Ihr könnt jetzt in den Klassenraum gehen, etwas zu essen kaufen, etwas trinken oder die Toiletten aufsuchen. Wo liegen Eure Prioritäten?" Und daraufhin meldete sich immerhin die, die als allerletzte gekommen war, sah mich ernst an und sagte, ihre Priorität wäre, sofort das Klassenzimmer aufzusuchen. Ach ja.

Aber genug von meinen Schülern. Heute wurde ein offiziellerer Termin bei mir gecancelt, der mir gestern noch für 11 Uhr initiativ angeboten worden war. Für dieses - nun nicht stattfindende - Treffen, was mehrere Stunden hätte dauern sollen, hatte ich drei andere Verabredungen verschieben müssen. Immerhin war ich so zu Hause, als unser Vermieter anrief. Er wollte vorbeikommen und sich eine halbe Stunde später nochmal melden. Es wurden zwei.
Doch es gibt auch Gegenbeispiele. Unsere Maid Patricia war heute da. Ich erzählte ihr, dass ich um halbzwei in die Stadt fahren würde und sie plante, sich ein Stück von mir mitnehmen zu lassen. Um 12:40 Uhr sah ich, wie sie sich die Schuhe schnürte und erwähnte, dass sie ja jetzt doch vor mir das Haus verließe. Darauf sah sie irritiert auf und frage, ob ich wirklich erst um exakt halbzwei das Haus verlassen würde? Pünktlichkeit ist ja ganz schön, aber 50 Minuten zu früh wollte ich dann doch nicht aufbrechen. Sie musste dann eben zu Fuß gehen.

Ich traf heute einen Kollegen von Philip, der mir sagte, er habe in Afrika gelernt, Gelegenheiten zu nutzen, wenn sie sich bieten. Wenn jemand zu Dir kommt und Du eigentlich keine Zeit hast, schaufel sie Dir frei - wer weiß, wann das wieder was wird. Frei nach diesem Motto sollte ich vielleicht auch die Zeit nutzen, wenn meine Schüler da sind. Und die würden noch nicht mal meckern, wenn ich die Stunde überziehen würde. Aber ich mag das nicht, ich mache pünktlich Schluss. Typisch deutsch halt.

Montag, 4. September 2017

Dithubaruba!

Bevor wir nach Botswana gegangen sind, soll es ja Leute in unserem Bekanntenkreis gegeben haben, die davon ausgingen, dass die Menschen hier halbnackt im Kreis tanzen. Wir haben darüber gelächelt, ahnten wir doch, dass es nicht so sein würde. Immerhin hat es nun tatsächlich eineinhalb Jahre gedauert, bis wir halbnackte Leute im Kreis tanzen haben sehen. Und das kam so:

Am vorletzten Wochenende nahmen wir ja an einer Wanderung bei Molepolole teil; die Einnahmen aus den Startgeldern wurden für die Organisation des Dithubaruba-Festivals gespendet, das an diesem Samstag stattfand. Das Dithubaruba-Festival ist ein Kulturfestival für die Bevölkerung, bei dem Chöre und Tanzgruppen auftreten. Es soll die botswanische Kultur unterstützen und wurde nicht für ausländische Touristen ins Leben gerufen; so waren außer uns fast keine anderen Weißen da. Das Festival, das 2007 erstmals stattfand, will die Traditionen verschiedener Ethnien aus dem Distrikt um Molepolole darstellen und auf diesem Weg die "Völkerverständigung" bzw. das gegenseitige Verständnis der Botswaner für einander erhöhen.
Wie es hier nun einmal ist, fiel es uns erst nicht leicht, den Ort des Festivals zu finden. Wir wussten, dass er südöstlich von Molepolole liegen sollte (ca. 40 km nördlich von Gaborone), an einer Stelle, wo einst ein wichtiger Häuptling der Bakwena, eines der größten Stämme in Botswana, eine Siedlung gegründet hatte. "Dithubaruba", der Name des Festivals, ist nach dem Hügel benannt, der sich hinter diesem Ort erhebt.
Nachdem wir vergeblich irgendeine Ausschilderung suchend durch das sehr langgezogene Molepolole gefahren waren, hielten wir an einem SPAR-Supermarkt, in dem wir uns den Weg beschreiben ließen und gleich auch noch die Eintrittskarten kauften. Dank der Beschreibung fanden wir den Ort des Geschehens: Am Eingangstor des Areals wurden unsere Eintrittskarten eingesammelt und wir bekamen ein Bändchen ans Handgelenk - da kam gleich Festival-Feeling auf.
Der eigentliche Festivalplatz bestand aus zwei VIP-Zelten und zwei größeren Tribünen, die zusammen einen ungefähr quadratischen und staubigen Platz einrahmten. Daneben war noch eine traditionelle botswanische Rundhütte und eine Kgotla, ein traditioneller Versammlungsort aufgebaut, im Umkreis außerdem einige Zelte für Verpflegung und Souvenirs.
Als wir ankamen, spielte gerade ein Alleinunterhalter auf dem Platz, einzelne Leute tanzten zur Musik. Wir schauten uns erst einmal in Ruhe um und setzten uns schließlich auf ein Mäuerchen. Es machte Spaß, die Festivalbesucher zu beobachten: Einige gehörten ganz klar zu Gruppen, die noch auftreten würden und hatten eine einheitliche Tracht oder gar traditionelle Kleidung an. Der Großteil der nicht zu den Akteuren gehörenden Besucher hatte sich jedoch ebenfalls schick gemacht, sei es mit einem farbenfrohen Kleid, Kopfschmuck oder traditionelle Kleidung.



Eine ganze Weile passierte nicht allzu viel, was uns Zeit gab, eine Kleinigkeit zu essen (Hähnchen und irgendein spinatähnliches Gemüse - mit den Fingern!) und die Leute zu beobachten. Dann ging es schließlich los: Verschiedene Tanzgruppen und Chöre traten nacheinander auf, performten auf dem Platz und hatten Spaß. Häufig waren es auch sowohl Tanzgruppen als auch Chöre, d.h. wir fragten uns, ob sie mehr tanzten oder mehr sangen.
Und da gab es dann auch die oben erwähnte Gruppe, die "halbnackt" tanzte:





Eine andere Gruppe beeindruckte uns jedoch mindestens ebenso sehr: Tänzer aus einer Provinz in Südafrika, die an Botswana grenzt, sie führten eine Polka vor, weil das der Tanz ihrer Region ist.


Es machte den Gruppen ganz offensichtlich Spaß, ihre Künste zu zeigen, manche traten auch mehrfach auf. Immer wieder ertönte der Name des Festivals als Jubelruf: "Dithubaruba!"
Gelegentlich gab es Pausen, in denen nur Musik gespielt wurde und einzelne Festivalbesucher auf dem Platz tanzten. Und dann wurde auch Walli aufgefordert - so wurde sie zum Star des Tages!


Wir kamen uns allerdings eh schon fast wie Promis vor. Da außer uns nur noch drei andere Weiße vor Ort waren, fielen wir auf und bemerkten mehrmals, dass wir fotografiert oder sogar gefilmt wurden. Zum Teil legten uns Leute ohne Ankündigung ihren Arm um die Schulter, riefen "Selfie, please!" und schon wurde eine Handykamera auf uns gerichtet.

Der Tanz, auf den wohl alle Besucher warteten, kam am späten Nachmittag. Als die ersten Töne erklangen, sprang ein Großteil der Festivalbesucher auf und tanzte mit - alle kannten ihn, denn es war der lokale Tanz von Molepolole.


Gegen 17:30 Uhr machten wir uns ein wenig schweren Herzens auf den Heimweg. Das Festival würde noch bis in die Nacht dauern, doch wir wollten bis Einbruch der Dunkelheit wieder in der Nähe Gaborones sein. Es wird hier derzeit gegen 18:15 Uhr dunkel - und anschließend ist es aus Verkehrssicherheitsgründen nicht wirklich ratsam, über Land zu fahren.
Das Dithubaruba-Festival war für uns das bisher größte kulturelle Highlight in Botswana. Wir waren sehr froh, an diesem Samstag dabeigewesen zu sein!

Donnerstag, 31. August 2017

Mein Büro

In den letzten beiden Wochen hat mich eine Sache dienstlich intensiv beschäftigt - nämlich mein Büro. Das Gebäude, in dem wir untergebracht sind, hat unsere Partnerorganisation SADC für uns angemietet. Vor ein paar Monaten hatten wir bereits erfahren, dass SADC den Mietvertrag gekündigt hat - zu Ende August. Lange hörten wir nichts mehr, in den letzten beiden Wochen gab es dann plötzlich einige Neuigkeiten. Langer Rede kurzer Sinn: Wir ziehen (noch) nicht um, es dauert alles noch etwas.
Das finde ich erst einmal gar nicht sooo schlimm. Mein Büro liegt keine 2 km von unserem Häuschen entfernt, und es ist klar, dass ein künftiges Büro weiter weg liegen wird. Viele Kollegen würden allerdings lieber früher als später aus dem Gebäude ausziehen. In einem Büro tropft Regen (wenn er denn mal fällt) auf einen Schreibtisch, ein anderes Büro hatte nach dem ersten Erdbeben (seitdem gab es noch mindestens zwei weitere) plötzlich teilweise kein Dach mehr.
Mein Büro ist, wie ich finde, das schönste Büro des ganzen Gebäudes: Im obersten (3.) Stock an einer Ecke mit schöner Aussicht über die Stadt gelegen, dazu recht geräumig - ich bin jetzt Chef, ich darf das.


Auch in meinem Büro hat es Erdbebenschäden gegeben, sichtbar an der linken Wand. Es fällt fast nicht auf, finde ich. Ich mag gar nicht daran denken, dass in dem Gebäude, das SADC gerade für uns ausgeguckt hat, Großraumbüros mit 30-40 Arbeitsplätzen geplant sind, der Großteil davon ohne Tageslicht.
Von meinem jetzigen Büro aus sieht man in die eine Richtung bis zum Gaborone Dam, ...


...in der anderen Richtung über das Shoppingcenter Game City hinweg bis zum Central Business District.


Nein, ich spiele nicht aktiv auf Zeit - aber ich bin auch dankbar, wenn sich der Umzug noch etwas hinzieht!

Montag, 28. August 2017

Wandertag

"Nur wo Du zu Fuß warst, bist Du auch wirklich gewesen." Da wir hier in Botswana aber viel weniger zu Fuß unterwegs sind, als das in Deutschland der Fall wäre, freuen wir uns über jede Gelegenheit, die sich so bietet. Neulich fragte mich zum Beispiel ein Bekannter, ob ich Lust hätte, mit ihm über den Golfplatz zu spazieren, während er eine Runde spielt. Nachdem er mir versicherte, das wären 5 km im Grünen und Tiere gäbe es sogar auch zu sehen, war ich überzeugt. Allerdings war der Golfplatz dann wegen eines Turniers geschlossen und am Ende saßen wir auf seiner Terrasse. Es ist hier nicht so einfach, spazieren zu gehen!

Letzte Woche erreichte uns eine E-Mail, in der der "YCARE HISTORICAL WALKATHON" beworben wurde. Eine Kollegin von Philip hatte sie uns weitergeleitet und auch schon einmal von den YCARE-Wanderungen berichtet. Der Verein organisiert einmal im Jahr eine dreitägige geführte Wanderung durch die Magkadigkadi Pans. Einmal im Monat findet zur Vorbereitung auf dieses Event ein "Pre-Walk" in der weiteren Umgebung von Gaborone statt, so auch diesen Samstag. Die Kollegin wollte teilnehmen und fragte, ob wir auch Lust hätten. Wie gesagt gilt es hier, Gelegenheiten zu nutzen, und so ließen wir uns nicht von der angegebenen Streckenlänge von 24 km abschrecken, sondern sagten einfach zu.
Schon da war mir klar, dass ich diese Zusage zumindest kurz bereuen würde, und dem war dann auch so, am Samstagmorgen um 4:30 Uhr. Da klingelte nämlich der Wecker. Um 5:20 Uhr waren wir mit Philips Kollegin verabredet, um 6 Uhr sollten wir am Ausgangspunkt der Wanderung in Molepolole sein und um 6:30 Uhr würde die Gruppe dort starten. Auch im Winter gilt es hier, die Mittagshitze so gut wie möglich zu vermeiden, aber um 5 Uhr seine Wanderschuhe anzuziehen, macht trotzdem keinen Spaß. Immerhin ist der Straßenverkehr um diese Zeit überschaubar und so kamen wir kurz nach 6 Uhr in Molepolole an. Dort trugen wir uns auf eine Liste ein, bezahlten 30 Pula Anmeldegebühr pro Person (ca. 2,60 €) für einen guten Zweck, machten ein kurzes Aufwärmprogramm und wanderten schließlich um 6:40 Uhr los. Es wurde gerade erst hell.


Bei der Begrüßung war angekündigt worden, dass uns ein Polizeiauto begleiten würde, bis wir den Ort verlassen hätten. Und tatsächlich fuhr ein mit vier Polizisten besetzer Wagen mit einem kleinen Blaulicht vor unserer ungefähr 40 Leute umfassenden Gruppe, im Schritttempo. Mir erschien das etwas übertrieben, denn wir befanden uns bereits am Rande von Molepolole auf breiten Staubstraßen; selbst wenn da mal ein Auto kam, fuhr es nicht schnell und kam locker an uns vorbei. Aber gut.
Molepolole zieht sich, aber schließlich erreichten wir den Ortsausgang, blieben dann jedoch weiterhin auf der Straße - insgesamt siebeneinhalb Kilometer. Dann gab es eine erste Pause, es wurden Wasserflaschen an die Teilnehmer verteilt und Ankündigungen gemacht. Zuerst wurde darauf hingewiesen, die eben ausgeteilten Plastikwasserflaschen bitte nicht in die Gegend zu schmeißen - in einer Intensität, die annehmen ließ, dass das sonst tatsächlich ein Problem war.

Die zweite Ankündigung war, dass wir nun einen "Summit" besteigen würde. Für den Hügel zu unserer Rechten war das ein großes Wort. Es wurde eindrücklich gewarnt, vorsichtig zu klettern und auf lose Steine aufzupassen. Tatsächlich mussten wir über größere und kleine Felsen kraxeln, ein Weg war nicht erkennbar. Es war gut machbar, aber nicht jeder Teilnehmer der Wanderung trug geeignetes Schuhwerk, daher taten sich einige doch etwas schwerer. Den Aufstieg machten wir im Gänsemarsch und so langsam, dass ich ganz gegen meine Gewohnheit überhaupt nicht außer Atem kam.


Oben erzählte uns einer der Guides dann etwas über die Geschichte der Gegend und zeigte uns später noch die Überbleibsel von alten Mauern. Für Ausländer wie uns war es nicht einfach, ihm zu folgen, da er mehr Wissen zu Orts- und Stammesnamen voraussetzte, als wir besaßen. Aber der Großteil unserer Gruppe bestand aus Batwswana und an diese richten sich die Wanderungen auch, wie später erläutert wurde: Ihnen soll mehr Wissen über ihr Land und seine Geschichte vermittelt werden, damit sie historische Stätten schützen und ihre Bedeutung an nachfolgende Generationen weitergeben können. Die Wanderung sollte außerdem dazu dienen, dass sie sich ihr Land wandernd zueigen machten - ein schöner Gedanke.
Am Fuße des Hügels besuchten wir noch den Gedenkstein der German Hermannsburg Mission. Die Lutherische Kirche siedelte diese im Jahr 1857 dort an, sie war die zweite christliche Institution im ganzen Land.


Danach machten wir uns auf den Rückweg, wobei ein Teil unserer Gruppe der Meinung war, dass sie sich jetzt erst einmal genug von ihrem Land zueigen gemacht hätten. Sie stiegen ins Polizeiauto, das am Fuße des Hügels gewartet hatte - die Polizisten hatten uns tatsächlich den ganzen Weg begleitet und waren sogar mit uns auf den Hügel geklettert. Nun ließen sie so viele Leute wie möglich auf der Ladefläche Platz nehmen und fuhren dann wieder im Schritttempo vor uns her. Wir bissen die Zähne zusammen und wanderten, waren dann aber doch ganz froh, dass die Strecke statt der angekündigten 24 km nur knappe 18 km betrug. Am Ende versammelten sich alle noch einmal, dehnten ihre Muskeln und es wurden noch einmal kürzere Reden gehalten. Schließlich bekam der Bürgermeister, der uns begleitet und ebenfalls über die geschichtlichen Ereignisse referiert hatte, unser "Startgeld" als Spende für ein am nächsten Wochenende stattfindendes kulturelles Festival überreicht. Er machte noch einen fröhlichen Witz, dass er es als Taschengeld nehmen würde, nachdem er keine Quittung unterschrieben hätte. Nach einem letzten Gruppenfoto machten wir uns müde, aber zufrieden auf den Heimweg nach Gaborone. Auch wir hatten uns wieder ein neues Stückchen Botswana laufend zueigen gemacht.


Weiß übrigens jemand, von wem das Eingangszitat ist? "Nur wo Du zu Fuß warst, bist Du auch wirklich gewesen." An die oder den erste/n, der mir die richtige Lösung schreibt, schicke ich eine Postkarte aus Botswana. (Erst wollte ich versprechen, dass derjenige eine Postkarte aus Botswana erhält, aber das liegt nicht in meiner Hand ... wobei bislang alle Postkarten angekommen sind. Irgendwann.) Raten gilt, googeln nicht :-) Noch ein Tipp: Der Autor hätte am Tag der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags (28.08.) Geburtstag gehabt ...