Freitag, 21. Oktober 2016

Gewitterzeit

Dieses Jahr hat die Regenzeit zur allgemeinen Freude ganz pünktlich begonnen. Nachdem sich der Himmel schon letzte Woche immer mal wieder zuzog und manchmal sogar eine Handvoll unmotivierter Tropfen fiel, kam diesen Dienstagabend der erste heftige Regenguss, gefolgt von einem Gewitter. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag regnete und gewitterte es erneut. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Philip und ich beide die Idee hatten, darüber den nächsten Blogbeitrag zu schreiben. Ein gestern geführter Dialog:
W: Ich könnte auch das Thema Weihnachtsdeko nehmen! Dann kannst Du über die Gewitter schreiben.
P: Nö, schreib Du ruhig darüber – wobei mir ein Rätsel ist, wie man über Gewitter schreiben will, wenn man sie immer verschläft …

Ich habe tatsächlich einen recht guten Schlaf und zumindest das zweite Gewitter daher mehr oder weniger ignoriert. Obwohl es schon schwer ist, allein den Regen zu verschlafen: Unser Haus hat ja ein ungedämmtes Wellblechdach, auch Vögel hört man ziemlich lautstark darauf rumhopsen – ein starker Regen macht ein Gespräch in normaler Lautstärke schwierig.

Trotz guten Schlafes hatte ich dann keinerlei Chancen, das dritte Gewitter zu verpassen, das diese Nacht über uns hereinbrach. Geweckt wurden wir ungefähr zeitgleich gegen halbfünf von einem nicht allzu nah grollenden Donner, aber einige Minuten später war das Unwetter offensichtlich über uns: Es blitzte ständig, donnerte immer wieder und Regen und Hagel trommelten auf unser Dach. Wir drehten eine Runde durchs Haus, um alle Stecker rauszuziehen und konnten dank der ständigen Blitze problemlos sehen, ohne das Licht einzuschalten. Der Regen peitschte über die (überdachte!) Terrasse. Ich habe mich den Naturgewalten selten so ausgesetzt gefühlt – und das in einem Haus! Es war das heftigste Gewitter, das ich je erlebt habe und das erste, das mir zeitweise wirklich Angst eingeflößt hat. Nach einer guten Viertelstunde zog es dann langsam weiter, Blitze, Donner und Regen ließen nach und der Hagel hörte auf.
Heute Morgen klingelte schon vor unserer ersten Schadensbegutachtung der Nachbar, in dessen Garten ein riesiger Baum umgestürzt war – der Baum, auf den mich gerade gestern unser Gärtner aufmerksam gemacht hatte, weil der wohl tot sei. Er ist auf den Pickup des Nachbarn gefallen und hat Teile des Zauns zwischen unseren Grundstücken eingerissen. Unser Elektrozaum ist erstmal hin. Im Garten lagen morgens noch Hagelkörner, was bei ungefähr 20 Grad Außentemperatur dreieinhalb Stunden später schon ein Phänomen ist. Außerdem runtergerissene Zweige, Blüten, Blätter, ein toter Vogel – es sah ein bisschen aus wie auf einem Schlachtfeld. Das ist also die Regenzeit!
Dass sie von heftigen Gewittern begleitet wird, hatten wir schon gehört. Nachdem sie in der letzten Saison erst im Januar begann und erst im März viel Regen brachte, sind alle glücklich, dass es nun offensichtlich wieder mehr Regen geben wird. Unsere Regentonnen sind nach den letzten drei Nächten gut gefüllt. Das Gleiche gilt für unseren Pool, von dem wir seit ein paar Wochen befürchten, dass er ein Leck hat. Ich habe diese Woche eigentlich eine Messreihe gestartet, wir wollten durch morgendliche und abendliche Messung des Wasserstandes rausfinden, wie viel Wasser in der täglichen Hitze verdunstet und ob das auch eine Erklärung sein könnte … die Messungen kann ich wohl erstmal vergessen.
Seit meiner Ankunft gab es erst drei richtige Regenfälle – Mitte Mai, Mitte Juni und Mitte Juli, und mindestens die letzteren zwei waren inmitten der Trockenzeit sehr untypisch. Wie sagte unser Gärtner gestern zufrieden? „All the plants and trees are looking so happy now!“ Das ist die meisten Gewitterfolgen wohl wert, inklusive Strom- und Internetausfälle (letztere an jedem der drei vergangenen Morgende für mehrere Stunden, sowohl zu Hause als auch bei Philip im Büro). Unser Nachbar mit seinem kaputten Pickup mag das verständlicherweise gerade anders sehen.

Schon bei Asterix heißt es „Auf Regen folgt Sonnenschein“ und genau das ist heute Morgen wieder der Fall gewesen. Regenzeit hin oder her: „Schmuddelwetter“ gibt es hier eigentlich nicht. Auch an den letzten Tagen kam die Sonne immer wieder raus, wir sind zwar momentan von den über 30 Grad der letzten Woche weit entfernt, was aber ganz angenehm ist. Bekannte, die die letzte Regenzeit hier ebenfalls mitgemacht haben, haben uns schon Schauergeschichten erzählt: Wie es nach Gewittern wieder wahnsinnig heiß wurde, Klimaanlagen, Kühlschränke etc. aber stundenlang wegen Stromausfalls nicht funktionierten – manchmal wird wohl sogar das Wasser abgestellt. Unsere Nachbarin erzählte, dass alleine das ein Grund für eine Fitnessstudio-Anmeldung sei: In der letzten Saison sei sie da ab und an hingefahren, um zu duschen und sich ein bisschen im Klimatisierten aufhalten zu können – da es am anderen Ende der Stadt liegt, stehen die Chancen wohl nicht schlecht, dass Strom, Internet und Wasser dort funktionieren, wenn bei uns alles abgeschaltet ist.
Mal schauen, was die Regenzeit noch bringt! Während ich diesen Blogbeitrag fertigstelle, ist bereits das nächste Gewitter heraufgezogen ...

Sonntag, 16. Oktober 2016

Jungfräuliche Fitness

Das Leben ist hart: Morgens ins Auto einsteigen, beim Büro aussteigen, abends wieder ins Auto einsteigen, nach Hause fahren. Bei der Arbeit werde ich schon blöd angeschaut, weil ich meistens die Treppe statt dem Aufzug in den dritten Stock nehme. Ansonsten hält sich mein Bewegungsradius in Grenzen. Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren - bei einer Strecke von unter 2 km eigentlich kein Problem, wenn da nicht die Autofahrer wären, die Fahrradfahrer hier nicht gewöhnt sind. Spazierengehen ist hier kein weit verbreitetes Hobby, abends aus Sicherheitsgründen nicht, tagsüber nicht, weil es kaum Bürgersteige und schlicht keine geeigneten Strecken dafür gibt (Walli geht gelegentlich ins nahe Einkaufszentrum Game City und hat hier mal unseren Kiez vorgestellt).
Uns war also schon seit einiger Zeit klar, dass wir etwas für unsere Fitness tun müssen. Walli hat ja weiterhin Vorbehalte gegenüber dem Golf spielen. Auf den Kgale Hill sind wir mittlerweile schon drei bis viermal raufgelaufen, das Mountainbiking in Mokolodi haben wir bisher noch nicht wiederholt - doch mittlerweile ist es zu heiß geworden für solchen Sport im Freien.
Gefühlt blieben uns nicht viele Alternativen. Ein Fitnessstudio sollte her, und so hörten wir uns um. Die Empfehlung war eindeutig, eigentlich kam nur eines in Frage, "Virgin Active", ein südafrikanisches Franchise von Bransons Virgin-Gruppe - leider am anderen Ende der Stadt gelegen. Der erste Besichtigungstermin vor zwei Wochen schlug fehl, weil ich meine Passnummer nicht angeben wollte. Beim zweiten Besichtigungstermin (vor einer Woche) fand man das entsprechende Formular nicht, so durften wir dann auch ohne Angabe unserer Daten eintreten (es geht doch!). Wir meldeten uns gleich an. Walli war nun unter der Woche schon einmal dort; heute sind wir erstmals gemeinsam hingefahren. Meine Einweisung lief ungefähr so ab: "Ja, dort siehst Du die Kardio-Geräte, weißt ja, wie die funktionieren, stell' Dich einfach mal drauf für 20 Minuten." Das hätte ich auch ohne Einweisung geschafft, na ja. Wir sind nun also Mitglied und haben gute Vorsätze. Die Geräte sind recht neu, gerade sonntags ist offenbar nicht viel los, und ein beheiztes Schwimmbecken mit 20m Bahn gibt es auch. Bei der Verabschiedung wurde ich gleich gefragt, ob ich morgen wieder käme - so weit reichen meine guten Vorsätze dann doch nicht, aber immerhin haben wir jetzt eine Möglichkeit für etwas Bewegung...

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Flugbuchungen und Geldgeschäfte

Philip und ich wollen über Weihnachten nach Deutschland fliegen - getrennt hin und zusammen zurück; ich werde eine Woche länger im Lande sein und schon am 10.12. landen. Letztes Wochenende machten wir uns deswegen mal an die Flugbuchungen. Recherchen im Vorfeld hatten ergeben, dass Ethiopian Airlines generell günstiger ist als Lufthansa. Man fliegt nicht über Johannesburg sondern über Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba, der Flug dorthin dauert fünfeinhalb Stunden und von Addis nach Frankfurt sind es dann noch einmal siebeneinhalb. So weit, so gut.

Im Vorfeld dachten wir, dass die Vergleiche zwischen verschiedenen Flugbuchungsportalen / Anbietern die meiste Zeit in Anspruch nehmen würden. Nachdem wir uns für eine Buchung direkt bei Ethiopian Airlines entschieden hatten, wollten wir eigentlich nur noch "mal eben schnell" buchen. Erstaunlicherweise war es dann aber der Bezahlvorgang, der am längsten dauerte. Als Philip seinen Flug buchte, gab es zunächst ein Problem mit seiner Mastercard: Im Zuge des Bezahlverfahrens wurde eine SMS an seine deutsche Handynummer geschickt, die nach Botswana allerdings so lange brauchte, dass er den Bezahlvorgang bereits abgebrochen hatte, als sie ankam - mit dem Resultat, dass die Karte gesperrt wurde. VISA-Karten wurden von Ethiopian Airlines aus technischen Gründen generell nicht akzeptiert - wir konnten es kaum glauben, bekamen die Fehlermeldung aber immer wieder. Philip rief schließlich seine Bank an, die schaltete seine Mastercard wieder frei und er konnte seinen Flug buchen. Ich dagegen besitze nur eine VISA-Karte. Philips Mastercard konnten wir für meinen Flug nicht nutzen, da der Fliegende entweder Karteninhaber sein oder mit dem Karteninhaber zusammen reisen muss. Ich rief meine Bank an, die aber nur bestätigte, dass mit meiner VISA-Karte alles okay sei - das Problem lag bei Ethiopian Airlines. Da es aber nach 24 Stunden immer noch nicht behoben war, buchte ich schließlich mit der Zahlungsoption "Pay at agent". Ethiopian Airlines hat hier ein Büro in einer Shoppingmall, da sollte ich den Flug zeitnah bezahlen. Zum Glück rief ich vorab an - in erster Linie, um die Öffnungszeiten zu erfahren, aber ich fragte auch, ob ich mit Kreditkarte zahlen könnte, woraufhin man mir mitteilte, dass sie gar kein Lesegerät hätten. Die Möglichkeiten wären Bargeld oder Überweisung - sie könnten mir gerne ihre Kontoverbindung mailen. Ich überlegte ein Weilchen, was mir vertrauenswürdiger vorkam: Mit ziemlich viel Bargeld in Gaborone unterwegs zu sein oder das Geld an Ethiopian Airlines Gaborone zu überweisen und zu hoffen, dass dann alles klappt. Schließlich wählte ich Variante 1.

Zum Monatsende hin sind immer sehr, sehr lange Schlangen vor den Gaboroner Geldautomaten - man sieht dann locker 20 Leute da stehen, obwohl es alleine rund um Game City sicher an die 10 Automaten gibt. Das Maximum, das man abheben kann, sind 8.000,- Pula (ca. 670,- €) - aber das längst nicht bei allen Banken und manchmal ist wohl auch einfach nicht genug Geld im Automaten oder er spuckt aus anderen Gründen einfach weniger aus. Philip und ich hoben das Geld daher im Vorfeld zusammen ab - nicht, dass ich in der Mall mit dem Ethiopian Airlines Büro an den dortigen Geldautomaten scheitern würde.
Mein Flug kostete 8039,- Pula. Der größte Geldschein hier ist der 200 Pula-Schein - ich war also mit einem richtigen Geldbündel unterwegs. Im Ethiopian Airlines Büro rief man mir nach der Begrüßung ("How are you?") fast als erstes zu, dass man aber kein Kreditkartenlesegerät hatte und dann - nachdem ich das Bargeld zückte - dass es ebenfalls kein Wechselgeld gäbe. Damit hatte ich schon halb gerechnet und das Geld daher einigermaßen passend dabei - für den 1 Pula Trinkgeld (8 Cent) bedankte sich die Mitarbeiterin dann dafür gleich dreimal bei mir ("You know, 1 Pula can make a difference!") Ich war auch beruhigt, weil mir das Büro ansonsten ganz professionell erschien und ich nicht nur eine Quittung erhielt, sondern auch gleich mein ausgedrucktes Flugticket bekam.
Und die Moral von der Geschicht? Internetbuchungen sind nicht immer zeitsparender ...

Sonntag, 9. Oktober 2016

Phantasialand oder Oktoberfest-Ersatz

Am vergangenen Sonntag, dem vorletzten Tag des Oktoberfests in München, wollten wir mal wieder einen Ausflug machen. Wenn man auf die Kartenansicht unseres Blogs schaut, dann stellt man fest, dass wir bisher hauptsächlich Richtung Osten gefahren sind; also wollten wir diesmal die westliche Umgebung erkunden.
Näher als von uns vermutet liegt dort z.B. das "Lion Park Resort": der einzige Vergnügungspark Botswanas! Eine Mischung aus kleinem, in die Jahre gekommenen Phantasialand und einem Schwimmbad. Mit Wasserrutschen, einem Wellenbad, das ungefähr alle halbe Stunde für fünf bis zehn Minuten angeschaltet wird - und Fahrgeschäften wie im Phantasialand oder auf dem Oktoberfest. Die Fahrgeschäfte waren nicht mehr die allerjüngsten, wohl vor vielen Jahren mal aus Europa oder anderswo her importiert: Eine Achterbahn, ein Kettenkarussell, kleinere Karusselle, ein Riesenrad. Um das Gelände herum fuhr gelegentlich eine Eisenbahn. Ähnlich leer wie dem Vernehmen nach auf dem diesjährigen Oktoberfest war es auch: Die Fahrgeschäfte wurden jeweils angeschmissen, wenn jemand kam, um damit zu fahren, eine Wartezeit gab es somit nicht. So ging von dem Park eher ein etwas morbider Charme aus: Man stelle sich einen Vergnügungspark vor, wie er vielleicht Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland ausgesehen haben mag, teilweise etwas konserviert, teilweise etwas angerostet, und sehr leer. Auch mal ganz interessant. Verblüfft hat uns allerdings, dass uns ein paar Tage nach unserem Besuch jemand erzählte, dass das Lion Park Resort erst letztes Jahr renoviert wurde - wie sah es bloß vorher aus?


Für uns stellte sich die Frage: Trauen wir uns auf eine Achterbahn mit Looping oder in ein Kettenkarussell, obwohl die Geräte ziemlich alt aussehen und hier wohl kaum ein TÜV deren Sicherheit überprüft? Im Endeffekt haben wir uns (allein) aufs Riesenrad getraut und sind eine Runde mit der Eisenbahn gefahren. Immerhin, vom Riesenrad aus hatten wir eine nette Aussicht auf das Gelände und die Umgebung.



Die Löwen, die dem Park seinen Namen geben, werden wohl tatsächlich in Käfigen ausgestellt. Wir haben sie uns nicht angeschaut - nicht nur, weil man dafür zusätzliches Eintrittsgeld hätte zahlen müssen; die Bedingungen, unter denen sie hier gehalten werden, sollen nicht die besten sein - und wir hatten ja schon das Privileg, hier in Botswana welche in freier Wildbahn  zu sehen.

Freitag, 7. Oktober 2016

Der Tag der Deutschen Einheit

Ich war dieses Jahr das erste Mal überhaupt auf einer Festveranstaltung anlässlich des Tages der Deutschen Einheit. Der deutsche Botschafter hatte in ein Gaboroner Hotel eingeladen - Philip kannte solche Empfänge bereits aus Ghana. Auf der Einladungskarte mit goldgeprägtem Bundesadler war von "Lounge Suit/National Dress" die Rede, also schmissen wir uns in Schale und fanden uns am 4.10. (es war quasi eine Nachfeier) um 19 Uhr in dem genannten Kongresshotel ein.


Da war bereits ordentlich was los - ich hatte mir das Ganze so ähnlich wie das von der Botschaft organisierte EM-Gucken vorgestellt, nur ohne Fußball und schicker angezogen, aber es waren auch viel mehr Leute da. Am Eingang des Saals begrüßten der Botschafter und seine Frau die eintreffenden Gäste, dann gruppierte man sich um Stehtische, Kellner nahmen Getränkewünsche auf und gingen mit Tabletts voller Häppchen umher. Es waren natürlich auch botswanische Gäste anwesend, außerdem unter anderem der türkische und der amerikanische Botschafter. Einige Frauen hatten sich tatsächlich für den "National Dress" entschieden (wenn man ein Dirndl so nennen kann). Es gab viel zu gucken!
Schließlich ging der Botschafter ans Rednerpult und hielt eine Begrüßungsrede, in der er natürlich auch nochmal den 50. Geburtstag Botswanas hervorhob. Er wies außerdem auf eine kleine Ausstellung am Rande des Raums hin: Hier waren Poster von Originaldokumenten der Botschaft angefertigt worden - frühe offizielle deutsch-botswanische Briefwechsel. So schrieb zum Beispiel der erste Botschaftsvertreter im Jahr 1975 nach Bonn, er habe ein zweites Hotelzimmer angemietet - bis dahin hatte er die Botschaft aus dem Zimmer heraus geführt, das er und seine Frau auch bewohnten. Büroräume gäbe es in Gaborone keine, es wäre aber nicht mehr tragbar gewesen, Besucher im eigenen Hotelzimmer zu empfangen, da diese sich oftmals nicht an die offiziellen Zeiten hielten und auch gerne schon mal morgens kämen. Ich stellte mir kurz vor, Philip würde seinen Job aus unserem Schlafzimmer heraus erledigen. Die Ehefrau dieses ersten deutschen Botschaftsvertreters hat offensichtlich einiges mitgemacht.

Schön war auch ein Brief aus Bonn nach Botswana, aus dem hervorging, dass Walter Ulbricht Sir Seretse Khama wohl zur Unabhängigkeit des Landes 1966 gratuliert hatte und man in Bonn gehört hatte, dass Ulbricht eine herzliche Antwort auf seinen Brief erhalten hätte. Der Brief schloss mit der Nachfrage, ob das stimme? Und machte deutlich, dass die DDR nicht als Staat zu akzeptieren sei.
Auch die Antwort hing aus: Ja, man hätte den Brief bekommen und sich bedankt, aber nicht außergewöhnlich herzlich. Generell hätte Sir Seretse Khama viele Glückwunschschreiben aus aller Welt bekommen und es sei eine Frage der in Botswana geschätzen Höflichkeit, sich bei allen Gratulanten freundlich zu bedanken.

Der Botschafter zitierte einige dieser Zeitzeugnisse und übergab dann das Wort an einen Vertreter der botswanischen Regierung. Nach seinem Grußwort wurde die botswanische Nationalhymne gespielt, dann sprach noch der Afrikabeauftragte der Bundeskanzlerin und zum Abschluss gab's noch die deutsche Nationalhymne. Dann war das Buffet eröffnet. Wir trafen unsere Nachbarin von der Botschaft, unseren deutsch-schwedisch-botswanischen Vermieter, der uns seine Mutter vorstellte und einige von Philips GIZ-Kollegen. Der Empfang war offiziell nur bis 21 Uhr angesetzt, aber es war bereits kurz nach halb elf, als wir uns auf den Heimweg machten. Die botswanische Feier zum Tag der Deutschen Einheit war ein voller Erfolg -  und auf jeden Fall weitaus harmonischer und friedlicher, als das am Vortag in Dresden der Fall gewesen war ...

Mittwoch, 5. Oktober 2016

A United Kingdom

50 Jahre Botswana lässt sich auch Hollywood nicht entgehen - es ist sicher kein Zufall, dass gerade in diesem Jahr der Film "A United Kingdom" in die Kinos kommt. Er handelt von einer wahren Geschichte, die ich bisher vor allem aus dem DuMont-Reiseführer kannte. Schon beim ersten Lesen hatte ich mich darüber gewundert, dass die Filmindustrie offensichtlich noch nicht zugeschlagen hatte.

"A United Kindom" erzählt die Liebesgeschichte zwischen Botswanas erstem Präsidenten Seretse Khama und seiner englischen Frau Ruth. Die beiden lernten sich lange vor Botswanas Unabhängigkeit kennen, als er 1947 in Oxford studierte. Ein Jahr später heirateten sie, was schnell zu einer wahren Staatsaffäre wurde: Seretse Khama war der legitime Thronfolger der Bamangwato (einer botswanischen Ethnie) - diese hatten sich natürlich eher eine Ehefrau aus dem eigenen Volk für ihr künftiges Oberhaupt vorgestellt. In Südafrika dagegen begann 1948 die Hochphase der Apartheid, in der der bereits lange existierende Rassismus durch eine Fülle neuer Gesetze weiter vorangetrieben wurde. Sogenannte Mischehen waren hier verboten. Zudem forderte Südafrika ein Mitspracherecht für die benachbarten englischen Protektorate und konnte eine Ehe zwischen einem dortigen König und einer Weißen natürlich nicht akzeptieren, weswegen das Land unter anderem Druck auf England ausübte. Auch dort war man also not amused.
Wie Seretse und Ruth Khama mit der Ablehnung von allen Seiten umgingen und sich dem Druck nicht beugten ist das Thema von "A United Kingdom". Hier der Trailer zum Film:


Vor drei Wochen feierte er bei den Toronto International Film Festivals 2016 Premiere, der Kinostart in Großbritannien ist am 25.11. Einen deutschen Termin habe ich noch nicht herausfinden können, nehme aber an, dass der Film auch in Deutschland laufen wird, weil er hochkarätig besetzt ist und die Premiere wohl bei Kritikern und Publikum insgesamt recht gut ankam.

Hier in Botswana sieht man dem Kinostart natürlich gespannt entgegen, der bereits 1980 verstorbene Sir Seretse Khama hat schließlich die Unabhängigkeit Botswanas mit möglich gemacht und das Land als erster botswanischer Präsident weise regiert und auf einen guten Weg gebracht. Die Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner Frau gehört so quasi zur Gründungsgeschichte der unabhängigen Republik Botswana. In den sozialen Netzwerken werden allerdings auch Stimmen laut, die bemängeln, dass in dem Film kaum Botswaner mitspielen würden und hier auch nur ein kleiner Teil gedreht worden wäre - der aber immerhin in Serowe, von wo Seretse Khama tatsächlich stammte. Schön fand ich auch den Kommentar einer Botswanerin, sie hätte es viel besser gefunden, wenn die Hauptrollen von Denzel Washington und Jodie Foster gespielt worden wären - beides auf jeden Fall hervorragende Schauspieler, aber da Jodie Foster inzwischen fast Mitte 50 und Denzel Washington schon Anfang 60 ist, wäre es vielleicht doch etwas seltsam gewesen, wenn sie die jungen Liebenden verkörpert hätten ...

Richtig hoch gekocht sind die Emotionen, als im Zuge der Unabhängigkeitsfeiern schon eine Preview des Films in einem Gaboroner Kino stattfand. Das Kino verkündete auf facebook, dass es auch einige Karten im freien Verkauf gäbe und die zahlenden Gäste ebenfalls Zugang zur VIP-Lounge hätten. Für Einzelpersonen sollte der Spaß 1.500 BWP kosten, für Paare 2.500 BWP - umgerechnet sind das 127,- € und 212,- €. Das ist schon in Deutschland viel Geld, in Botswana stellt es für viele aber einen nicht unbeträchtlichen Teil des monatlichen Einkommens dar. Dementsprechend brach ein richtiger Shitstorm auf der facebookseite des Kinos aus, die Leute machten sich lustig, wiesen daraufhin, dass das ein Film für die Botswaner sein sollte und nicht nur für reiche Leute bzw. "Europeans only". Der Kinobetreiber ergänzte irgendwann verschüchtert, dass die Erlöse an die Lady Ruth Khama Stiftung gehen würden, aber geholfen hat ihm das auch nicht mehr.
Inzwischen ist die Premiere über die Bühne gegangen - wie viele Leute da waren, lässt sich den Fotos nicht entnehmen, aber wer das Geld ausgegeben hat, hatte immerhin die Gelegenheit, Botswanas Präsidenten Ian Khama live zu sehen. Das (selbstverständlich demokratisch gewählte) Staatsoberhaupt ist übrigens ein Sohn von Seretse und Ruth Khama. Das Hollywood Happy-End gab's also auch im wahren Leben - auf gleich mehreren Ebenen.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Botswana, wir schicken Dir den Edi

Liebes Botswana,

bisher sind wir ja ganz gut miteinander ausgekommen. Doch in letzter Zeit schaffst Du es leider ein wenig, mich in den Wahnsinn zu treiben. Ich gratuliere Dir natürlich ganz herzlich zu Deinem 50. Geburtstag. Doch ich bitte Dich auch, Dir zu überlegen, wo Du von hier aus hinwillst: Willst Du strikt Regeln sinnlos befolgen, Deine Bürokratie immer weiter ausbauen und als Selbstzweck begreifen, oder willst Du Deinen Bürgern und Gästen dienen und ihr Leben einfach und angenehm gestalten?

Letzte Woche zum Beispiel hast Du es beinahe geschafft, mich zum Explodieren zu bringen. Ich hatte einen Behördengang zu erledigen und bin so privilegiert, dass ich, statt selbst zu der Behörde zu fahren, einen Fahrer schicken konnte. Ich wusste, dass Du u.a. eine beglaubigte Kopie meines Passes sowie die eines Kollegen brauchtest, die hatte mein Fahrer auch dabei. Leider war die eine Beglaubigung jedoch etwas älter als ein Jahr, die andere war von April – und Deine Regeln sehen vor, dass solche Beglaubigungen nicht älter als drei Monate sein dürfen. Die Pässe, beide noch mehrere Jahre gültig, hätten ja ungültig geworden sein können. Die deutsche Botschaft hier ist so nett, solche Beglaubigungen sogar kostenlos innerhalb von ein bis zwei Tagen auszustellen. Als mein Fahrer das nächste Mal nach stundenlangem Anstehen in Deiner Behörde an der Reihe war, wurde die Beglaubigung wieder nicht akzeptiert, denn das Datum war maschinell aufgedruckt und nicht im Stempel/Siegel der Botschaft per Hand notiert. Das entspräche nicht Deinem Gesetz und könne nicht akzeptiert werden. Bitte überleg' Dir doch, ob hier nicht ein wenig Pragmatismus für alle Seiten praktisch wäre. Die Mitarbeiter der deutschen Botschaft stutzten zwar, als ich ihnen von Deinem Theater erzählte, trugen jedoch das Datum noch handschriftlich im Stempel nach. Ich hoffe, Du wirst das nun akzeptieren.

Und da wir schon dabei sind: Ich empfehle Dir, liebes Land Botswana, auch ein wenig mehr Datenschutz. Oberstes Prinzip des Datenschutzes ist die Datensparsamkeit. Überall muss ich hier neben meinem Namen auch meine Telefonnummer sowie meine Passnummer angeben. Zum Beispiel, als ich mit dem Auto in die Waschanlage fahren wollte. Wofür brauchst Du diese Daten und was machst Du damit?
Heute wollten wir uns ein Fitnessstudio anschauen – wohl gemerkt anschauen, nicht uns dort anmelden. Zuvor sollten wir noch Namen, Passnummer, Geburtsdatum und Telefonnummer angeben. Außerdem sollten wir angeben, wer in einem Notfall kontaktiert werden sollte. Und das alles nur, um einmal hinter die Schranke zu gelangen und sich umzuschauen und ein Verkaufsgespräch zu führen – von Probetraining war da noch keine Rede. Ein Mann neben uns, der sich ebenfalls wunderte und die Notfall-Kontaktperson nicht angab, wurde dann noch einmal gefragt, wer im Falle eines Notfalls anzurufen sei. Seine Antwort: „The Hospital“ fanden die Angestellten des Fitnessstudios irgendwie nicht so lustig wie wir. Wir haben uns im Endeffekt dagegen entschlossen, uns das Fitnessstudio näher anzuschauen (super Ausrede, das mit der Datensparsamkeit!).

Liebes Botswana, ich möchte Dir abschließend ein Angebot machen: Wir haben da in Deutschland jemanden, der sehr viel Erfahrung mit Bürokratieabbau bei der EU hat, der dort eine Kommission zum Bürokratieabbau geleitet hat und Empfehlungen ausgesprochen hat – vielleicht kann der Dir ja auch ein wenig helfen? In Deutschland könnten wir Herrn Stoiber sicher ein paar Jahre entbehren. Sag einfach kurz Bescheid, und ich organisiere ihn Dir.

Wir schaffen das schon noch, liebes Botswana, dass wir uns aneinander gewöhnen – aber bis dahin wäre ich Dir doch sehr dankbar, wenn Du Deine Bürokratie etwas reduzieren könntest und nicht ganz so viele Daten von mir erheben wollen würdest.

Viele Grüße
Dein Philip